{"id":9899,"date":"2012-08-11T00:01:15","date_gmt":"2012-08-10T23:01:15","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=9899"},"modified":"2012-08-11T14:35:47","modified_gmt":"2012-08-11T13:35:47","slug":"billige-ezb-liquiditat-licht-und-schatten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=9899","title":{"rendered":"Billige EZB-Liquidit\u00e4t: Licht und Schatten"},"content":{"rendered":"<p>Das Direktoriumsmitglied der EZB Benoit Coeure beklagte sich dieser Tage, dass die den Banken \u00fcber EZB-Refinanzierungen billig zur Verf\u00fcgung gestellte Liquidit\u00e4t nicht \u00fcber entsprechende Kredite bei Unternehmen und Haushalten ankommt. Eine entsprechende Entlastung der Wirtschaft w\u00fcrde erst die volle Bedeutung der eingeleiteten Zentralbankma\u00dfnahmen erkennen lassen.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Nun sollte man bei derartigen Aussagen generell vorsichtig sein, denn die Kompression von Ursachen und Wirkungen in wenige S\u00e4tze f\u00fchrt regelm\u00e4\u00dfig zu Unsch\u00e4rfen, bei denen man interviewten Mandatstr\u00e4gern durchaus einigen Interpretations-Rabatt einr\u00e4umen kann. Trotzdem sind die oben skizzierten Aussagen Coeures es wert, kritisch reflektiert zu werden.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst einmal geht es um die Frage, ob vorliegend die Verf\u00fcgbarkeit von Krediten an sich ein Problem darstellt (Kreditklemme) oder ob sich Kredite nur zu im Verh\u00e4ltnis zur wirtschaftlichen Situation \u00fcberh\u00f6hten Zinsen erlangen lassen, also neuhochdeutsch ein \u201emispricing\u201c am Kreditmarkt vorliegt. Zumindest hierzulande sind beide potenziellen Probleme aktuell nicht in gr\u00f6\u00dferem Umfang gegeben, was Coeur auch allgemein als Folge schwacher Kreditnachfrage einger\u00e4umt hat. Ihm muss also vorschweben, dass bei einem Anziehen der Nachfrage Banken Kredite zu niedrigen Zinsen ausreichen sollen. Es bleibt abzuwarten, ob dies geschieht, und es ist fraglich, ob damit nicht die n\u00e4chste Krise eingel\u00e4utet wird. Um dies zu zeigen, ist es zun\u00e4chst wichtig, die beiden genannten Aspekte des vorgeblichen Kreditproblems zu trennen.<\/p>\n<p>Hinsichtlich des reinen Verf\u00fcgbarkeitsaspekts muss zun\u00e4chst festgehalten werden, dass dort, wo es bei Banken \u00fcberhaupt zu Engp\u00e4ssen kommt, diese durch die erh\u00f6hten Anforderungen an die Eigenkapitalunterlegung bedingt sind. Nun war es zwar grunds\u00e4tzlich richtig, die vor der Finanzkrise bestehenden Eigenkapitalanforderungen zu erh\u00f6hen. Das Problem war und ist nur, dass Kreditrisiken dabei zu stark und Handelsrisiken zu gering gewichtet wurden. W\u00e4hrend letztere durchaus noch eine st\u00e4rkere Unterlegung mit Eigenmitteln verdienen w\u00fcrden, ist bei ersteren die erh\u00f6hte Anforderung im Zusammenspiel mit der allgemeinen Eigenkapitalknappheit mancher Institute die wesentliche potentielle Schranke f\u00fcr gr\u00f6\u00dfere Verf\u00fcgbarkeiten im Kreditbereich. Diese Schranke ist nun aber nicht im Einflussbereich der EZB, sondern der europ\u00e4ischen Standardsetter, deren jeweilige Regulierungen vom einschl\u00e4gigen Publikum regelm\u00e4\u00dfig mit einer Kombination der Stadt Basel und einer r\u00f6mischen Ziffer tituliert werden. Wenn diese Schranke im Einzelfall nicht greift und ein Liquidit\u00e4tsproblem hinsichtlich der Refinanzierung von Krediten bei einzelnen Banken besteht, muss sich die EZB allerdings fragen lassen, warum sie als Sicherheiten Forderungen gegen\u00fcber Staaten und Banken praktisch durchweg akzeptiert, w\u00e4hrend die Beleihung von Forderungen gegen\u00fcber Unternehmen \u2013 von Konsumenten ganz zu schweigen \u2013 sich unvergleichlich schwieriger gestaltet. Diese Frage ist freilich eher rhetorisch, denn diese Vorgaben sollten dazu f\u00fchren, dass die Banken die freien Mittel nicht zuletzt in diese Sicherheiten investierten, was dann auch in gro\u00dfem Umfang geschah. Bei diesen offensichtlichen Priorit\u00e4ten verliert die Beschw\u00f6rung einer liquidit\u00e4tsgetriebenen \u201eFinanzierung der Wirtschaft\u201c viel Herzblut.<\/p>\n<p>Was die Bedeutung des Kreditzinses angeht, ist ebenfalls Vorsicht angezeigt. Wenn die EZB die Refinanzierungskonditionen f\u00fcr Banken senkt, kann sie zumindest im kurzfristigen Bereich Druck auf das Zinsniveau aus\u00fcben. Dieser Druck ist aber im Moment nur bedingt hilfreich, denn im Bereich der normalen Refinanzierung von Kreditinstituten k\u00f6nnen die Zinsen kaum noch gedr\u00fcckt werden, was ein \u201emispricing\u201c zudem umso unwahrscheinlicher macht: Tats\u00e4chlich refinanzieren sich Banken seit einiger Zeit teurer \u00fcber Kundeneinlagen als \u00fcber die EZB, weil die Einleger bei noch geringeren Zinsen zu Instituten\u00c2\u00a0 abwandern, die aufgrund ihrer Strukturen gezwungen sind, h\u00f6here Zinsen zu bieten, oder ihr Geld in g\u00e4nzlich andere Kan\u00e4le lenken \u2013 von der privaten Bargeldhortung bis zu verzweifelten Umtrieben, mit irgendwelchen Anlagen viel h\u00f6here Renditen zu erzielen, obwohl man sich noch vor wenigen Jahren eigentlich geschworen hatte, dies nie wieder zu versuchen.<\/p>\n<p>F\u00fcr die betroffenen Banken entsteht daraus unversehens eine Zwickm\u00fchle: Entweder h\u00e4lt man die Kunden und riskiert dabei, die \u00fcberlebensnotwendige Zinsmarge bei EZB-gewollt r\u00fcckl\u00e4ufigen Kreditzinsen nicht mehr zu erreichen, oder man l\u00e4sst sie ziehen und nimmt in Kauf, dass die entt\u00e4uschten Einleger bei einem Drehen der Verh\u00e4ltnisse nicht oder nur zu \u00fcberh\u00f6hten Guthabenzinsen wieder zur\u00fcckkehren und das Zinsmargenproblem dann in der \u201e2. Runde\u201c den Bestand der Bank gef\u00e4hrdet. Ausgerechnet die \u201ebraven\u201c kleinen und mittelgro\u00dfen Kreditinstitute, die weder die 2008er Finanzkrise noch au\u00dfer Kontrolle geratene Staatsfinanzen in S\u00fcdeuropa zu verantworten, sondern beide finanziellen Brandherde bislang ohne \u00f6ffentliche Hilfe \u00fcberstanden haben, sind in jedem Fall die Gekniffenen. Im Ergebnis wird die Krise damit m\u00f6glicherweise auf den Teil des Bankensektors ausgedehnt, der ma\u00dfgeblich f\u00fcr die Finanzierung des lokalen\/regionalen Mittelstands verantwortlich ist \u2013 es sei denn, alles erholt sich in Windeseile und wir machen uns ohnehin alle nur unn\u00f6tige Sorgen.<\/p>\n<p>All dies hei\u00dft nicht, dass die Liquidit\u00e4tsspritzen der EZB f\u00fcr den Bankensektor grunds\u00e4tzlich falsch sind. Sie haben durchaus Gutes bewirkt und werden auch weiterhin positive Effekte zeigen. Man sollte sich indessen dar\u00fcber im Klaren sein, dass der Preis f\u00fcr angestrebte Wirkungen durchaus sehr hoch sein k\u00f6nnte und kein Anlass besteht, das Eintreten dieser Wirkungen ebenso undifferenziert wie publikumswirksam herbeizusehnen, denn auch hier wird ein begehrtes Licht so manchen Schatten werfen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Direktoriumsmitglied der EZB Benoit Coeure beklagte sich dieser Tage, dass die den Banken \u00fcber EZB-Refinanzierungen billig zur Verf\u00fcgung gestellte Liquidit\u00e4t nicht \u00fcber entsprechende Kredite &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=9899\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eBillige EZB-Liquidit\u00e4t: Licht und Schatten\u201c <\/span>weiterlesen<\/a><\/p>\n<p><!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on wp_trim_excerpt --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on wp_trim_excerpt --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on wp_trim_excerpt --><\/p>\n","protected":false},"author":125,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[12,23],"tags":[471,121,196,877],"class_list":["post-9899","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-monetares","category-wettbewerbliches","tag-banken","tag-ezb","tag-geldpolitik","tag-zinsspanne"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.2 - 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