Mittelschichten explodieren: Bis zum Jahr 2030 werden zwei Milliarden Menschen mehr auf der Welt ein bürgerliches Leben führen. Und die weltweite Ungleichheit wird zurück gehen. Das ist das Ergebnis einer neuen Studie der amerikanischen Investmentbank Goldman Sachs.
Die Studie überrascht, diskutieren wir hierzulande doch alle seit Jahren über schrumpfende oder zumindest stagnierende Mittelschichten. Viele rutschen ab, wenige steigen auf, heißt der herrschende Konsens. Vor nicht allzu langer Zeit hat das Beratungsunternehmen McKinsey den Deutschen prophezeit, dass bald nicht einmal die Hälfte der Bürger ein Durchschnittseinkommen beziehen werde. Der Grund: Das Wirtschaftswachstum ist in Deutschland zu gering und kommt in der Mitte nicht mehr an. Die Zufriedenheit mit den eigenen wirtschaftlichen Verhältnissen ist massiv gesunken. Viele fürchten, dass die Kinder und Enkel den heutigen Status und das heutige Einkommen nicht mehr werden halten können. Das Vertrauen in die Aufstiegsmöglichkeiten hat rapide abgenommen.
Das mag alles stimmen (oder nicht), stellt aber den Befund von Goldman Sachs nicht in Frage. Denn der globale Wohlstand hat sich inzwischen dramatisch verschoben. Deutschland und die Industrienationen spielen statistisch keine große Rolle mehr, mögen ihre Mittelschichten stagnieren oder schrumpfen. Denn im Rest der Welt gibt es inzwischen genügend Länder, deren Wirtschaft jährlich stetig und häufig sogar zweistellig wächst. Das wirkt sich entsprechend auf das Prokopfeinkommen aus. Jahr für Jahr steigen heute schon 70 Millionen Menschen in die neue Mitte auf. Bis zum Jahr 2030 werden es gar 90 Millionen sein.
Einen besonderen Zuwachs des neuen Bürgertums verzeichnen die sogenannten Bric-Länder. Das sind die Staaten Brasilien, Russland, Indien und China. Die weitverbreitete Story sei falsch, dass in diesen Ländern das Wachstum seinen Zenit überschritten habe und von hoher Inflation und neuem Protektionismus erstickt werde, sagt Jim O“˜Neil, Chefökonom von Goldman Sachs. Es geht aber nicht nur um die Bric-Länder. Auch Ägypten, die Philippinen, Indonesien oder Mexiko haben gute Wohlstandschancen.
Was heißt Mitte? Die Ökonomen von Goldman Sachs definieren als Mittelschicht eine soziale Klasse mit einem Jahreseinkommen zwischen 6000 und 30000 Dollar. Dieses Einkommen wird in sogenannten Kaufkraftparitäten errechnet. Denn bekanntlich lässt sich mit zehn Dollar in New York weniger anfangen als in Kalkutta. Man muss also nicht erst nominal 6000 Dollar verdienen, um in Indien als Mittelschicht zu gelten, man muss dort nur über eine äquivalente Kaufkraft verfügen können.
China übertrifft alle. Im vergangenen Jahrzehnt hat dort die Hälfte der Bevölkerung die Einkommensschwelle von 6000 Dollar überschritten. Zählte noch in den neunziger Jahren gerade ein Prozent der Bevölkerung zur Mittelschicht Chinas, sind es heute schon 35 Prozent und im Jahr 2020 werden es 70 Prozent sein. Im Vergleich dazu liegt Indien noch zurück, holt aber deutlich auf: Bis 2040 wird auch dort die Mehrheit der Bürger in der Mitte angekommen sein.
Das rasante Wachstum der globalen Mittelschichten gibt diesen Menschen eine noch nie dagewesene Konsumentenstärke. Das hat wirtschaftliche, politische und soziale Auswirkungen. Denn das neue Bürgertum hat höhere Ansprüche an das Leben als die Armen: Sie ernähren sich gesünder und besser, sie wohnen komfortabler und sie sind mobiler. Sie kaufen Computer, Versicherungen, Mobiltelefone und Autos. Chefökonom O“˜Neil weiß, dass inzwischen der russische Automarkt an Deutschland vorbei gezogen ist und mittlerweile in Europa an erster Stelle steht: „Autohersteller fliegen von Detroit nach Moskau und St.Petersburg.“
Die Kehrseite der Wachstumsgeschichte ist nicht zu übersehen: Der hohe zusätzliche Bedarf an Öl, Wasser und Nahrungsmittel verteuert Energie und Rohstoffe auf Jahre. Sollte das Angebot der großen Nachfrage auf längere Sicht nicht nachkommen, könnte dies paradoxerweise sogar den Aufstieg des Mittelstands verzögern, befürchten die Autoren der Goldman-Studie.
Eines aber ist gewiss: Anders als es populären Mythen erzählen, nehmen weltweit Ungleichheit und Armut ab. Der Anteil der bürgerlichen Mitte hat zwischen 1960 und 2007 von 25 auf 29 Prozent zugenommen; 2050 wird der bei 37 Prozent liegen. Die Zahl der Menschen, die jährlich weniger als 500 Dollar zur Verfügung hat, geht deutlich zurück: von 30 Prozent im Jahr 1960 auf 10 Prozent in den neunziger Jahren und fünf Prozent im Jahr 2000. 2045 werden weniger als ein Prozent der Menschheit ein solch geringes Einkommen haben.
Das schließt aber nicht aus, dass der Wohlstand innerhalb eines Landes ungleich verteilt ist. Mehr noch: In Ländern, in denen früher alle Menschen arm – und gleich – waren, werden jetzt viele reicher. Aber nicht alle. Innerhalb von Schwellenländern gibt es deshalb immer große Ungleichheit. Es ist diese Ungleichheit, die die Menschen sehen und im eigenen Land erleben. Das macht viele unglücklich. Es ist auch diese Ungleichheit, auf die Politiker reagieren. Dass insgesamt die Welt viel reicher und gleicher wird, sieht man nicht.
Literatur: Dominic Wilson/Raluca Dragusanu: The Expanding Middle: The Exploding World Middle Class and Falling Global Inequality. Goldman Sachs: Global Economic Paper No. 170, July 2008.
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