- Wirtschaftliche Freiheit - https://wirtschaftlichefreiheit.de/wordpress -

BücherMarkt:
Ökonomische Theorie als politische Ideologie?

Der Titel dieses Beitrages ist, allerdings ohne das Fragezeichen, zugleich der Titel eines Buches von Hans Albert. Die Erstausgabe, auf Hans Alberts Dissertation aufbauend, wurde bereits 1954 veröffentlicht, damals noch als Ökonomische Ideologie und Politische Theorie. Nun, 55 Jahre später, ist bei Mohr Siebeck die dritte Auflage erschienen. Dieser lange Zeitraum ist aus verschiedenen Gründen interessant. Einerseits, weil Hans Albert im Vorwort selbst darauf hinweist, daß er einige seiner früheren Positionen heute nicht mehr einnimmt. So stellt er klar, daß er damals (und dies betrifft nur den ersten Teil des vorliegenden Buches) von einem wissenschaftstheoretischen Standpunkt aus argumentierte, der mit dem kritischen Rationalismus, deren exponiertester Vertreter in Deutschland er später wurde, nichts zu tun hatte. Andererseits ist dieses Buch mit seiner langen Geschichte aber auch interessant, weil trotz allem einiges von seiner damaligen Kritik an der ökonomischen Theorie immer noch aktuell ist.

Der wesentliche Einwand Hans Alberts gegen die Ökonomik der 1950er Jahre bestand darin, daß sie zugleich eine normative und eine erklärende Wissenschaft sein wollte — und keine dieser beiden Rollen überzeugend spielte. Das Ziel der Kritik war die allgemeine Gleichgewichtstheorie, an der Albert vor allem bemängelte, daß sie allenfalls dazu dienen könnte, einen scheinbar ökonomisch effizienten Preisvektor zu ermitteln — daß sie aber als statisches System simultaner Gleichungen niemals echte ökonomische Entwicklungen erklären könne. Hierzu fehlte, so Albert, der allgemeinen Gleichgewichtstheorie schon allein die Dimension der Zeit. Von allen anderen Unzulänglichkeiten — die Rede ist etwa von einer falschen Anthropologie — ganz zu schweigen.

Zweifellos ist einiges davon immer noch ein Problem. So ist der Nachweis einer Tendenz zu einem allgemeinen Gleichgewicht unter realistischen Annahmen eine Aufgabe, mit der sich Theoretiker noch immer beschäftigen (siehe etwa Herbert Gintis, The Dynamics of General Equilibrium, Economic Journal 117 (2005): 1280-1309). Anders sieht es mit dem schon damals kritisierten und seitdem regelmäßig für tot erklärten homo oeconomicus aus. Er hat überlebt, ist als alltäglicher Ausgangspunkt ökonomischer Forschung sogar so putzmunter wie eh und je. Allerdings ist er inzwischen ein anderer: War homo oeconomicus früher tatsächlich der ständig rechnende, immer alles wissende Rationalclown, so taucht er inzwischen in den Modellen als jemand auf, der es rational finden kann, keine Informationskosten zu tragen und daher ignorant durchs Leben zu gehen. Oder auch als jemand, der sich lieber an verläßlichen Institutionen orientiert, als andauernd Kalkulationen durchzuführen, die ihm hohe kognitive Kosten verursachen. Homo oeconomicus ist also menschlicher geworden, realistischer, und die ökonomische Theorie ist damit, jedenfalls in immer mehr modernen Ansätzen, ein gutes Stück über die falsche Anthropologie hinaus, die Hans Albert damals zurecht kritisierte.

Auch einige andere Kritikpunkte, die Hans Albert damals vorbrachte, treffen die moderne Ökonomik nicht mehr, oder jedenfalls nicht so stark wie früher. In langen Passagen des Buches wird beispielsweise der Hinauswurf der Psychologie aus der ökonomischen Theoriebildung kritisiert. Zwar gibt es zweifellos immer noch einzelne Spezialgebiete der Ökonomik, die ein mehr oder weniger isoliertes Dasein fristen. Insgesamt jedoch hat mit der Entwicklung einer verhaltenswissenschaftlich orientierten Ökonomik in den letzten Jahren die Offenheit für Denkanstöße von außen deutlich zugenommen, und zwar nicht nur für solche aus der Psychologie. Auch der Austausch zwischen der Ökonomik und anderen Gesellschaftswissenschaften ist inzwischen viel lebhafter als früher.

Es bleibt also der Einwand, daß die Ökonomik auch bei ihrer selbstgestellten normativen Aufgabe versagte. Hans Albert gründet seine Kritik zunächst auf der Feststellung der Unmöglichkeit interpersonaler Wohlfahrtsvergleiche, in späteren Passagen zieht er dann auch das Arrow-Theorem der Unmöglichkeit einer demokratisch beschlossenen, gesellschaftlichen Wohlfahrtsfunktion heran. Ohne hier auf seine Argumentation im Detail eingehen zu wollen, so muß man doch feststellen, daß Albert im wesentlichen Punkt auch heute Recht behält: die normativen Maßstäbe müssen immer von außen kommen, die Ökonomik kann sie nicht aus sich selbst hervorbringen. Andererseits kann aber, wie uns eben jenes Arrow-Theorem informiert, auch die Gesellschaft nicht auf demokratischem Wege zu widerspruchsfreien normativen Maßstäben gelangen. Was bleibt also von der normativen Ökonomik, wenn es den einen zum gesellschaftlichen Optimum führenden Preisvektor gar nicht geben kann?

Für Hans Albert steht jedenfalls fest, daß man als Begründung für eine Forderung nach freien Märkte und ungehindertem Wettbewerb nicht einfach das Argument der Gemeinwohlmaximierung heranziehen kann, so wie es zweifellos Generationen von Ökonomen getan haben und manchmal noch tun. Die allgemeine Gleichgewichtstheorie ist für Albert als positive Theorie so unzureichend, daß eine entsprechende Kausalbeziehung überhaupt nicht als empirisch überprüfbare Hypothese aus ihr abzuleiten ist. Aber selbst wenn man ihm empirische Evidenz für eine Tendenz zum allgemeinen Gleichgewicht vorgelegt hätte, dann hätte immer noch sein entscheidender Einwand Bestand gehabt, nach dem es keinen Grund gibt, dem im allgemeinen Gleichgewicht ermittelten Preisvektor irgendeine besondere normative Bedeutung zuzuschreiben.

Natürlich erscheint aus heutiger Sicht die Fixierung der Argumentation auf die allgemeine Gleichgewichtstheorie als zu eng. In den 55 Jahren seit Erscheinen der Erstauflage des Buches hat sich eine unüberschaubar breite Literatur angewandter ökonomischer Theorie entwickelt, die empirisch testbare Hypothesen bezogen auf alle nur denkbaren ökonomischen und gesellschaftlichen Fragestellungen formuliert. Vor allem wurde die Ökonomik in einem damals nicht vorhersehbaren Ausmaß zu einer empirischen Wissenschaft. In Alberts Terminologie: Die Ökonomik liefert heute erhebliche, positive Beiträge zur Analyse der Realmöglichkeiten. Unsere Disziplin kann die Gesellschaft viel zuverlässiger über die Folgen und Kosten politischer und institutioneller Entscheidungen aufklären, als die populäre Ökonomiekritik [1] das wahrhaben will. Dennoch bleibt der wunde Punkt, auf den Albert hinweist. Wenn wir aus Informationen über die relative ökonomische Effizienz alternativer politischer Entscheidungen automatisch schließen, daß die ökonomisch effizienteste Variante unbedingt verwirklicht werden sollte, dann betreiben wir tatsächlich ökonomische Theorie als politische Ideologie.

Die entscheidende Antwort auf die Frage, welche Rolle die Ökonomik (oder jede andere Gesellschaftswissenschaft) stattdessen spielen sollte, wenn sie nicht zur politischen Ideologie degenerieren will, findet man auf Seite 161: Die durch den Sozialprozeß erreichbaren Entscheidungen sind weder Offenbarungen des Gemeinwillens oder einer anderen platonischen Instanz, noch Resultate einer mathematischen Transformation von vornherein feststehender und unverbundener Einzelinteressen, sondern in der Diskussion zwischen in ihren Informationen und Interessen nicht übereinstimmenden Individuen ausgehandelte und jederzeit revidierbare Kompromisse, die keine höhere Wahrheit für sich in Anspruch nehmen können. Nur indem sie ihre Ergebnisse und Methoden in diesen Prozeß der sozialen Willensbildung einbringt, kann die Wissenschaft zur rationalen Gestaltung der Politik beitragen. Es geht, knapp formuliert, also nicht darum, eine (politische oder institutionelle) Alternative als die eine, rationale Wahl zu identifizieren. Das Ziel sollte vielmehr sein, eine rationale gesellschaftliche Diskussion über Alternativen zu ermöglichen, indem man die Öffentlichkeit über diese Alternativen und ihre Folgen aufklärt.

Das hier besprochene, lange gereifte Buch ist nur auf den ersten Blick altmodisch. Man irrt, wenn man glaubt, aus dem Festbeißen an frühen Versionen der allgmeinen Gleichgewichtstheorie schließen zu können, daß man hier bestenfalls nur noch ideengeschichtlich interessante Argumente finden werde. Sicherlich, die Ökonomik als positive Wissenschaft ist heute eine ganz andere. Aber die Frage, wie wissenschaftliche Erkenntnis in gesellschaftliche Entscheidungen einfließen sollte, ist immer noch die gleiche. Und damit ist das Buch hochaktuell.

Jan Schnellenbach [4]