Gastbeitrag
Placebo-Regulierung für die Finanzmarktstabilität?

Die Finanzkrise von 2007 erschütterte das Vertrauen der Bürger in die Finanzmärkte. Der Ruf nach einer umfassenderen Kontrolle der Finanzmärkte wurde laut (siehe Abbildung). Die Nachfrage bedienend, brachten Politiker aller Couleur einen bunten Strauß neuer Regulierungsinitiativen – unter dem Stichwort der makroprudenziellen Kontrolle – auf den Weg. Zu deren Auswirkungen ist jedoch wenig bekannt. Um mögliche unerwünschte Nebenwirkungen von Regulierung zu verhindern, das Vertrauen der Bürger in die Finanzmärkte aber zu stärken, kann ein Blick über den Tellerrand nicht schaden: In der Medizin, aber auch z. B. im Marketing, wird immer häufiger auf den Placebo-Effekt gesetzt. Placebo-Regulierung im Finanzmarkt könnte das Vertrauen der Bürger in die Finanzmärkte stärken, ansonsten aber wirkungslos bleiben.

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Im Mittelpunkt der Diskussion zur Kontrolle der Finanzmärkte steht die sogenannte makroprudenzielle Regulierung, die Boom- und Krisen-Zyklen im Finanzmarkt abschwächen soll. Das klingt erstmal vielversprechend. Doch über die Wirkung makroprudenzieller Regulierung ist wenig bekannt: Ökonomen haben nur kleine Stichproben zur Verfügung, um die Auswirkungen von makroprudenzieller Regulierung zu untersuchen. Modell- und Parameterunsicherheit sind ein Problem. Deshalb sind Vorhersagen unzuverlässig. Es ist zudem unklar, wie die Marktteilnehmer auf vorgeschlagene staatliche Eingriffe reagieren. Zum Beispiel könnte das sogenannte Schattenbankensystem wachsen, wenn Banken stärker reguliert werden.

Keine Frage, die Politik hat es nicht leicht, die richtigen Maßnahmen zu ergreifen. Das birgt Risiken. Eine falsche oder zu weitreichende Regulierung droht, die Funktionsweise von Finanzmärkten zu unterminieren und damit die wirtschaftliche Entwicklung zu lähmen. Um negative Folgen der Finanzregulierung zu vermeiden und gleichzeitig Handlungsfähigkeit zu demonstrieren, ist es deshalb denkbar, Regeln oder Instrumente einzuführen, die nicht greifen, leicht umgangen werden können oder letztlich keine Anwendung finden. Das wäre Placebo-Regulierung.

Der Begriff der „Placebo-Regulierung“ ist bisher eher negativ konnotiert. Gerhard Schick kritisierte hinsichtlich der Finanzmarktregulierung der Merkel-Regierung in der Wirtschaftswoche, dass lediglich „ein bürokratisches System der Placebo-Regulierung aufbaut wurde, das Sicherheit vorgaukelt – und kleine Banken hoffnungslos benachteiligt.“ Mit Blick auf das Trennbankengesetz, betonte er, dass der Eigenhandel sehr „eng definiert“ sei. Das Gesetz greife deshalb nicht. Über das Verbot von Leerverkäufen in einigen europäischen Ländern „spotteten“ laut Spiegel sogar die Händler. Die Regulierung biete genügend Ausweichmöglichkeiten und sei dadurch wirkungslos.  Die Kritiker sehen in den genannten Beispielen insbesondere einen Erfolg der Finanz-Lobby. Und dem wollen wir gar nicht widersprechen.

Doch die von Gerhard Schick und anderen Kommentatoren ausgemachte verzerrende Wirkung jüngster Regulierungsinitiativen zu Lasten kleinerer Banken verdeutlicht, dass es sich bei den als Placebo-Regulierung kritisierten Maßnahmen häufig nicht um echte Placebos handelt. Placebo-Regulierung im eigentlichen Sinne würde gerade nicht marktverzerrend wirken.

Echte Placebo-Regulierung im Finanzmarkt kann durchaus sinnvoll sein. Denn es bestehen große Risiken im Einsatz neuer Regulierungsmaßnahmen. Es ist zudem denkbar, dass prudenzielle Regeln repressiv wirken. Diesem Wissensproblem in der Finanzmarktregulierung steht der weitverbreitete Glaube an den Nutzen staatlicher Regulierung für die Stabilität des Finanzmarkts gegenüber. Placebos könnten als Weg aus der Sackgasse dienen.

Sofern also z. B. das Leerverkaufsverbot nicht greift, das Vertrauen der Menschen in den Finanzmarkt aber stärkt und die Regulierungsfantasien einiger Politiker befriedigt, wirkt es im Sinne eines Placebos. Einerseits kann ein Vertrauensgewinn der Finanzmarktstabilität zumindest in der kurzen Frist zuträglich sein und damit den (möglichst geringen) bürokratischen Mehraufwand rechtfertigen. Andererseits bietet die Placebo-Regulierung Politikern die Möglichkeit, Zustimmungswerte zu steigern. Zu hoffen ist, dass dadurch insgesamt weniger wirklich schädliche Eingriffe im Finanzmarkt vorgenommen werden.

3 Antworten auf „Gastbeitrag
Placebo-Regulierung für die Finanzmarktstabilität?“

  1. Letzten Endes braucht man vor allem eine hinreichend hohe Eigenkapitalquote, um die Banken daran zu hindern, nur mit dem Geld anderer Leute zu zocken.

  2. Vielen Dank für den Kommentar.

    Bzgl. Eigenkapitalquote sind sich tatsächlich relativ viele Ökonomen einig. Eine einfache Regel wäre sich besser als viele (komplexe). Auch bei den Eigenkapitalanforderungen gibt es nat. unterschiedliche Möglichkeiten der Ausgestaltung.

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