Glücksatlas 2021
Lockdown kostet 0,52 Zufriedenheitspunkte
Lebenszufriedenheit sinkt auf Allzeittief, Verluste sind ungleich verteilt

Von Januar bis Juni 2021 wurden etwa 8.450 Deutsche vom IfD Allensbach nach ihrer Lebenszufriedenheit auf einer Skala von 0 (ganz und gar unzufrieden) bis 10 (völlig zufrieden) befragt. Mit durchschnittlich 6,58 Punkten erreicht Deutschland in der Coronapandemie einen Tiefpunkt. Aber die krisenbedingten Belastungen sind ungleich verteilt, einige der Verluste können auf die Beschaffenheit der Zufriedenheitsskala selbst zurückgeführt werden.

Mit durchschnittlich 6,58 Punkten[1] befindet sich Deutschland in seiner Zufriedenheit mit dem Leben auf dem – seit Beginn der systematischen Messungen 1984 durch das Sozio-oekonomische Panel – bisherigen Tiefpunkt: Nur 2004 fiel der Wert in einen ähnlichen Bereich ab (6,65 Punkte) – damals noch aufgrund der schwierigen Arbeitsmarktsituation und des stagnierenden Realeinkommens. 2021 (und 2020) hängt das Niveau an Lebenszufriedenheit eindeutig vom Verlauf der Coronapandemie ab (Abbildung 1).

Steigen die Infektionszahlen und mit ihnen die Eindämmungsmaßnahmen, sinkt als Reaktion auch die Lebenszufriedenheit. Den absoluten Tiefpunkt „erreichten“ die Deutschen mit der dritten Infektionswelle im April 2021 (6,42 Punkte), als Bundeskanzlerin Angela Merkel eine „Osterruhe“ ankündigte und die Hoffnung, das Virus möge im Frühling saisonbedingt einfach ausklingen, zunächst zerschlagen wurde. Als im Juni die Inzidenzzahlen tatsächlich zurückgingen, der Impffortschritt sich beschleunigte und viele Freiheiten im Alltag zurückkehrten, stieg die Lebenszufriedenheit wieder auf 6,88 Punkte und entwickelte sich in Richtung der Vor-Corona-Zeit. Eine tiefergehende statistische Analyse kann den Lebenszufriedenheitsverlust durch Lockdown-Maßnahmen sogar genau beziffern: Ein Lockdown kostet durchschnittlich 0,52 Zufriedenheitspunkte – abhängig von der Schwere und konkreten Maßnahmen.

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Sind 0,52 Punkte nun viel? Dazu muss man die 11er-Skala von 0 bis 10 genauer betrachten. Denn eine metrische Interpretation der Skala ist eigentlich nicht zulässig: Die meisten Deutschen geben im Bereich von 0 bis 10 Werte zwischen 6 und 8 an (2021: 63 Prozent). Die Menschen wollen in der Befragung weder als „zu Tode betrübt“ noch als „wunschfrei glücklich“ wahrgenommen werden (soziale Erwünschtheit). Kaum jemand bewegt sich im totunglücklichen Bereich 0 bis 3 (2021: 3 Prozent) oder bei den Hochzufriedenen mit den Werten 9 und 10 (2021: 11 Prozent). Daraus ergeben sich für die Menschen unterschiedliche Abstufungen: Nehmen wir zwei Personen A und B, die von der Coronapandemie beide exakt gleich stark betroffen sind – Person A aber vor der Krise den Wert 10, Person B den Wert 7 angegeben hat. Auch wenn beide gleich stark betroffen sind, wird Person A in der Pandemie von 10 auf 8 heruntergehen, Person B aber nur von 7 auf 6 (und nicht auf 5).

Die Skala wird somit stark linksschief bzw. rechtssteil interpretiert. Wenn wir also sagen, dass ein Lockdown im Durchschnitt 0,52 Punkte „kostet“, dann müssen wir genau schauen, woher wir kommen. Da wir uns in Deutschland zwischen 6,5 und 7 bewegen, ist der Verlust von 0,52 Punkten als sehr hoch einzuschätzen. Wären wir im Bereich zwischen 8 und 8,5 könnten wir die 0,52 Punkte getrost ignorieren: Besonders glückliche Regionen wie Schleswig-Holstein (von 7,39 auf 6,78) oder – europäisch gesehen – besonders Dänemark (von 9,0 auf 7,9)[2], verloren z.B. in der Pandemie stark an Lebenszufriedenheit, kommen aber von weit oben. Der Verlust Nordrhein-Westfalens von 7,06 auf 6,73 hingegen fällt schon schwerer ins Gewicht.[3]

Die Coronapandemie betraf verschiedene Gruppen unterschiedlich stark. Frauen waren in den Lockdown-Phasen 0,16 Punkte unzufriedener als ihr männliches Pendant. In der Literatur wird deshalb ein neuer coronabedingter „Gender Happiness Gap“ diskutiert.[4] Frauen würden zum einen das Virus ernster nehmen und ihre Kontakte stärker einschränken als die Männer. Zum anderen mussten größtenteils Frauen lang anhaltend mehrere Aufgaben parallel erledigen („Multitasking-Problem“): Viele sind ins Home-Office gegangen und kümmerten sich gleichzeitig um das Homeschooling ihrer Kinder. Besonders Eltern von noch in der Grundschule unterstützungsbedürftigen 6- bis 10-Jährigen erlebten wohl eine besonders stressige Phase: Die Betreuung eines Grundschulkindes bedeutete einen durchschnittlichen Lebenszufriedenheitsverlust von 0,21 Punkten.

Nicht nur die Eltern, auch die Kinder und Jugendlichen erlebten eine stark belastende Phase: Studierende und ältere Schüler verloren im Durchschnitt 1,1 Lebenszufriedenheitspunkte. Gerade für 15- bis 25-Jährige ist die Häufigkeit sozialer Kontakte der „Glücksbringer“ schlechthin – in der Coronapandemie mussten aber gerade die sozialen Beziehungen reduziert werden. Immerhin konnten digitale Angebote dem ein wenig abhelfen. Junge Menschen unter 30 Jahren – eigentlich das glücklichste Alter überhaupt – haben sich in der Pandemie an die Lebenszufriedenheit der Älteren angeglichen: Ob 25 oder 65 Jahre alt – für die Lebenszufriedenheit spielt das Alter in der Pandemie keine große Rolle mehr. Die Älteren hingegen kamen mit minus 0,23 Punkten eher glimpflich davon.

Überhaupt erlebt die Lebenszufriedenheitsforschung einen Bruch: Statt „harter“ objektiver Faktoren wie Einkommen, Arbeitslosigkeit oder Wirtschaftswachstum, sind es in der Coronapandemie eher „weiche“ Faktoren wie Gesundheit oder soziale Beziehungen, die die stärksten Effekte auf die Lebenszufriedenheit aufweisen. Das zeigt zum Beispiel auch ein Blick auf den Zusammenhang zwischen Arbeitszufriedenheit und Arbeitslosigkeit (Abbildung 2).

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In der Finanz- und Wirtschaftskrise war die Zufriedenheit mit der eigenen Arbeitssituation auf der gleichen 11er-Skala noch deutlich niedriger (6,72 Punkte) – bedingt u.a. durch die höheren Arbeitslosenzahlen. In der Coronapandemie sank die Arbeitszufriedenheit zwar von 7,38 2019 auf 6,90 Punkte im Jahr 2021, liegt aber noch weit oberhalb des Niveaus von 2008/09. Hierbei zeigen sich wohl die stabilisierenden Maßnahmen der Bundesregierung auf den Arbeitsmärkten (Konjunkturpakete, Soforthilfen, Steuerhilfegesetze, usw.). Andere – eher „weichere“ – Bereichszufriedenheiten verloren deutlich heftiger: Die Zufriedenheit mit der eigenen Freizeitgestaltung verlor beispielsweise 2,2 Punkte (von 7,2 auf 5,0 Punkte)![5]

Zwei Prognosen können für die Zeit nach der Pandemie abgegeben werden: Sollten weitere Lockdowns ausbleiben, wird sich zum einen die durchschnittliche Lebenszufriedenheit wieder in Richtung der Werte wie vor der Pandemie entwickeln – das heißt Durchschnittswerte im Intervall zwischen 6,8 bis 7,2 Punkten sind erwartbar. Zum anderen werden vermutlich wieder „härtere“ Faktoren wie die Arbeits- oder Einkommenssituation eine größere Rolle für das Lebensglück spielen. Ob wir in Deutschland im Glück wieder die Vor-Corona-Zeit erreichen werden, hängt also nicht zuletzt von der Fähigkeit unserer Ökonomie und der neuen Regierung ab, die kommenden wirtschaftlichen Verwerfungen zu meistern.

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[1] Auf einer Skala von 0 (ganz und gar unzufrieden) bis 10 (völlig zufrieden).

[2] Eigene Berechnung auf Grundlage des Eurobarometers vom Frühling 2021: https://www.europarl.europa.eu/at-your-service/de/be-heard/eurobarometer/spring-2021-survey.

[3] Für den vollständigen Bundesländervergleich siehe die Website des Glücksatlas 2021: https://www.dpdhl.com/de/presse/specials/gluecksatlas.html.

[4] Siehe Etheridge und Spantig (2020): https://www.econstor.eu/handle/10419/227789.

[5] Familienzufriedenheit: Von 8,0 auf 7,2 Punkte. Einkommenszufriedenheit: Von 7,2 auf 6,8. Die Gesundheitszufriedenheit stieg von 6,6 auf 7,2 Punkte – vermutlich aufgrund von „Kontrasteffekten“: Die eigenen „Wehwehchen“ werden in einer Pandemie als weniger belastend wahrgenommen. Mehr dazu im Glücksatlas 2021: Raffelhüschen, B. und Renz, T. (2021): Stand und Entwicklung der Lebenszufriedenheit. In: Raffelhüschen, B. (Hrsg.): Deutsche Post Glücksatlas 2021. Penguin-Verlag, S. 21-96.

Bernd Raffelhüschen und Timon Renz

Bernd Raffelhüschen und Timon Renz

Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Forschungszentrum Generationenverträge
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Forschungszentrum Generationenverträge
Bernd Raffelhüschen und Timon Renz

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