Die Erholung in Deutschland –
Hintergründe, Gewinner und Verlierer

Deutschland ist im Aufschwung. Trotz einer Reihe von konjunkturellen Querschlägern – hohe Öl- und Rohstoffpreise, Euroaufwertung und die Bremseffekte infolge der US-Immobilien- und Finanzmarktkrise – wird das preisbereinigte Bruttoinlandsprodukt in diesem Jahr um 2,5 Prozent zulegen. Damit ist die gesamtwirtschaftliche Wertschöpfung in preisbereinigter Rechnung seit dem Erholungsbeginn im Jahr 2004 um insgesamt fast 9 Prozent gestiegen. In nominalen Größen steigt das Bruttoinlandsprodukt von 2004 bis einschließlich 2008 voraussichtlich um 320 Milliarden Euro auf über 2.530 Milliarden Euro an. Auch der Arbeitsmarkt wurde im Gefolge dieses wirtschaftlichen Aufschwungs deutlich belebt. Im Jahresdurchschnitt 2007 waren mit fast 39,8 Millionen insgesamt fast 1 Millionen Menschen mehr erwerbstätig als zwei Jahre zuvor. Dabei entstanden vorwiegend sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse. Zum Jahresende 2007 waren sogar erstmals in Deutschland mehr als 40 Millionen Menschen erwerbstätig. Die Arbeitslosigkeit, die sich im Jahresverlauf 2005 zum Teil auf über 5 Millionen Menschen belief, konnte bis zum Frühsommer 2008 auf unter 3,3 Millionen zurückgeführt werden. Als Folge wachstumsbedingter Mehreinnahmen sowie nur noch moderaten Ausgabenzuwächse konnte auch das in Deutschland über weite Zeit chronische Staatsdefizit abgebaut werden. Nach Finanzierungslücken von mehr als 3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts konnten im Jahr 2007 erstmals seit dem Jahr 1989 – ohne Berücksichtigung der UMTS-Einnahmen im Jahr 2000 – ein ausgeglichener Staatshaushalt realisiert werden.

Was steht hinter dem Aufschwung?
Für diese ausgeprägte wirtschaftliche Erholung können zumindest vier Argumente angeführt werden:

Weltwirtschaftsboom.

Das Wachstum der Weltwirtschaft war im Zeitraum 2003 bis 2007 insgesamt betrachtet so hoch wie noch nie zuvor seit dem zweiten Weltkrieg. Der Welthandel expandierte in dieser Zeit preisbereinigt um jahresdurchschnittlich fast 8 Prozent. Vor allem die immer stärkere Einbindung Asiens in die Weltwirtschaft hat dieses Tempo ausgelöst. Dazu kommt eine gute Wachstumsperformance in den Rohstoffreichen Ländern sowie in Mittel- und Osteuropa. Deutschland ist offensichtlich mit seinem Produktportfolio vergleichsweise gut aufgestellt, um dieses globale Potenzial gut zu nutzen. Vor allem das auf hochqualitative und differenzierte Industrieprodukte ausgerichtete Warenangebot zusammen mit einer guten globalen Vernetzung ermöglichte diese außerordentliche deutsche Exportperformance.

Wettbewerbsfähigkeit.

Die starken Exportsteigerungen können auch mit der in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre einsetzenden stärkeren Kostendisziplin in Deutschland erklärt werden. Während die nominalen Arbeitskosten je Arbeitnehmerstunde im Zeitraum 1991 bis 1996 um 5 Prozent pro Jahr anstiegen, kam es im Zeitraum 1997 bis 2007 nur noch zu einem Anstieg von durchschnittlich 1,6 Prozent pro Jahr. Dabei darf gleichwohl nicht übersehen werden, dass trotz der moderateren Kostenerhöhungen das Arbeitskostenniveau – vor allem in der Industrie – immer noch deutlich über dem anderer Länder liegt. Auch beim Lohnstückkostenniveau, das neben den Arbeitskosten auch das Produktivitätsniveau berücksichtigt, nimmt Deutschland beim Blick auf das Verarbeitende Gewerbe nach wie vor eine Spitzenposition ein. Gleichwohl bildet sich der in den frühen neunziger Jahren aufgebaute Lohnstückkostennachteil der deutschen Industrie zurück. In diesem Zusammenhang muss auch auf die Wechselkursentwicklung eingegangen werden. Die anderen Mitgliedsländer des Euroraums können nicht mehr ihre eigenen Währungen gegenüber der D-Mark abwerten. Damit hat der Euro die preisliche Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands innerhalb des Europäischen Währungsraums deutlich gestärkt.

Restrukturierungen.

Die gute Auslandsposition der deutschen Industrie ist auch auf die Umstrukturierungen in den vorhergehenden Jahren zurückzuführen. Im Gefolge der scharfen De-Industriealisierung in den frühen neunziger Jahren kam es zu ausgeprägten Restrukturierungen. In den letzten Jahren hat die deutsche Industrie die Früchte dieser Maßnahmen, die vorwiegend in den neunziger Jahren erfolgten, ernten können. Dabei wurden neben permanenten Produktinnovationen auch die Produktionsprozesse deutlich überholt.

Reformen.

Dass Deutschland wieder auf Wachstumskurs ist liegt aber auch an den seit dem Jahr 2003 eingeleiteten wirtschaftspolitischen Reformen. Mit der „Agenda 2010“ kam es im März 2003 zur reformpolitischen Wende. Eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln zeigt, welchen Einfluss wichtige Faktoren wie die Arbeitslosigkeit, Unternehmensinvestitionen und Abgabenbelastung auf das Wirtschaftswachstum hatten: Demnach ist das Trendwachstum seit dem Jahr 2003 deutlich höher, eine bessere Wirtschaftspolitik hat ein Drittel zur Wachstumsbeschleunigung in Deutschland beigetragen.

  • Die Arbeitslosigkeit ist deutlich gesunken und die Unternehmen können wieder mehr Stellen schaffen. Das brachte einen Wachstumseffekt von 0,5 Prozentpunkten. Zu verdanken ist dies auch den arbeitsmarktpolitischen Reformen wie der Lockerung des Kündigungsschutzes, den Hartz-Gesetzen und der kürzeren Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes.
  • Steuersenkungen haben ein investitionsfreundlicheres Klima geschaffen. Steigende Investitionen der Unternehmen haben daher zu einem Wachstumsplus von 0,4 Prozentpunkten geführt.
  • Auch der Staat tritt in seinem Bereich nicht mehr so stark auf die Investitionsbremse und trägt so mit 0,3 Prozentpunkten zu einem höheren Trendwachstum bei.
  • Die staatliche Haushalts- und Abgabenpolitik neutralisierten sich dagegen. Während von der Haushaltskonsolidierung wachstumsfördernde Effekte ausgingen, dämpften höhere Steuern und Abgaben in den Sozialversicherungen das Wirtschaftswachstum.

Wer sind die Gewinner und Verlierer im Aufschwung?
Deutschland hat sich in den letzten Jahren – auch zur Überraschung vieler Deutscher – aus der vorhergehenden Wachstumslethargie befreit. Vor allem der Erfolg am Arbeitsmarkt dürfte viele überrascht haben. Allein in den Jahren 2006 und 2007 wurden in Deutschland fast 1 Million neue Arbeitsplätze geschaffen und die Arbeitslosigkeit sank im Jahresschnitt um gut eine Million. Das sollte der dominierende Eindruck sein, wenn es darum geht, die Gewinner und Verlierer des gegenwärtigen Aufschwungs festzustellen. Gleichwohl herrscht trotz des enormen Beschäftigungsaufbaus vielfach die Meinung vor, der Aufschwung käme nur bei wenigen, aber nicht beim Großteil der Bevölkerung an. In jedem Aufschwung gibt es Gewinner und Verlierer. Dies kann an mindestens vier (makroökonomischen) Betrachtungsebenen festgestellt werden:

Erstens geht jeder konjunktureller Niedergang und der folgende Aufschwung mit einem Strukturwandel einher. Dabei gewinnen Branchen an Bedeutung und andere verlieren im gesamtwirtschaftlichen Branchengefüge. Im derzeit vom Außenhandel und der Industrie getragenen Aufschwung konnten sich besonders die Unternehmen in den exportorientierten Industriebranchen – und die dort beschäftigten Arbeitnehmer – besser positionieren. Dazu kommen die Unternehmen und Arbeitnehmer, die industrienahe Dienstleistungen erstellen.

Zweitens sind die vom Aufschwung verwöhnten Branchen nicht gleichmäßig über ein Land verteilt. Derzeit profitieren vor allem die Regionen, die sich durch eine exportstarke Industrie in Verbindung mit netzwerkorganisierten Zulieferfirmen auszeichnen. Solche Clusterregionen konnten in den vergangenen Jahren eine deutlich bessere Arbeitsmarktperformance aufweisen. Wichtig ist dabei der Fakt, dass sich die ostdeutsche Industrie auch im laufenden Aufschwung deutlich besser entwickelt hat als die Industrieunternehmen in Westdeutschland. Gleichwohl kommt – etwa wegen der Probleme im Bausektor – unter gesamtwirtschaftlichen Aspekten der Konvergenzprozess zwischen Ost und West nicht voran.

Drittens kann beim Blick auf die Einkommensentwicklung von einem qualifikatorischen Gefälle ausgegangen werden. Im Gefolge des Strukturwandels hin zu hochmodernen Industriewaren in Verbindung mit wissensintensiven Dienstleistungen profitieren Erwerbstätige mit den entsprechenden Qualifikationen. An dieser Stelle ist gleichwohl aber Vorsicht geboten. Denn gerade die Arbeitsmarktreformen haben auch dazu geführt, dass im laufenden Aufschwung eine Vielzahl von Arbeitsplätzen mit Geringqualifizierten Arbeitskräfte besetzt werden konnten.

Viertens haben die zuvor genannten Gründe zu einer unterschiedlichen Einkommensentwicklung geführt. Zum einen haben sich die Gewinn- und Vermögenseinkommen in den letzten Jahren erheblich besser entwickelt als die Einkommen der abhängig beschäftigten Arbeitnehmer. Aus diesem Grund ist die Lohnquote im Jahr 2004 erstmals seit dem Jahr 1991 unter 70 Prozent gesunken. Im Jahr 2007 belief sie sich auf nur noch knapp 65 Prozent. Ungeachtet von leichten Schwankungen bewegte sich der Anteil der Arbeitnehmerentgelte am Volkseinkommen von Mitte der achtziger Jahre bis 2004 zwischen 70 und 72 Prozent. Der derzeitige starke Rückgang hat indes mehrere Ursachen: Dazu zählen die Gewinnerholung der Unternehmen nach den Krisenjahren 2001 bis 2003, die steigenden Vermögenseinkommen der Privaten Haushalte und der wieder ansteigende Anteil von Selbständigen, deren Arbeitsentgelt statistisch zu den Gewinn- und Vermögenseinkommen gezählt wird. Die bisherige Entwicklung hat bereits gezeigt und die im Jahr 2008 wird zeigen, dass die makroökonomische oder funktionelle Einkommensverteilung auch einem Konjunkturmuster folgt. Demnach kommen zunächst in einem Aufschwung die Unternehmensgewinne und Vermögenseinkommen der privaten Haushalte und zeitverzögert mit dem Aufbau an Beschäftigung und höheren Lohnabschlüssen auch die Arbeitseinkommen in Fahrt.

Die Verteilungssituation wird derzeit sicherlich dadurch belastet, weil die Realeinkommen infolge der höheren Inflationsrate stagnieren – zum Teil sogar sinken. Die höhere Inflation ist nicht das Ergebnis höherer Erzeugerpreise der Unternehmen, sondern Folge steigender Energie- und Rohstoffpreise sowie im Jahr 2007 der um 3 Prozentpunkte höheren Mehrwertsteuer. Die Wahrnehmung des Aufschwungs leidet in erster Linie unter den hohen Preissteigerungen. Die steigende Beschäftigung und die teils markanten Lohnerhöhungen reichen kaum aus, um den Privaten Konsum in Schwung zu bringen. Wenn man nun daran die Güte der konjunkturellen Entwicklung festmacht, dann haben wir ein Problem.

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