Gastbeitrag
Kapitaltheorie und Freiheit

Es gibt nichts Langweiligeres als Kapitaltheorie. Wenn man sich anschaut, was die Volkswirtschaftslehre über den Kapitalbegriff zu sagen hat, dann muss man geradezu aufpassen, dass einem nicht das Gesicht einschläft. Es ist dabei nicht nur an sich schon langweilig, was die ökonomische Theorie zu diesem Thema zu sagen hat. Hinzukommt, dass diese Langeweile in einem krassen Gegensatz zu der fesselnden und in ihrer geschichtlichen Bedeutung gar nicht zu überschätzenden Rolle steht, die der Kapitalbegriff und seine Interpretation im Verlauf der letzten 175 Jahre spielten.

Der Kapitalbegriff ist für die westlichen Gesellschaften untrennbar mit dem Kampf um die Freiheit verbunden. Das liegt vor allem am Auftauchen des Sozialismus. Für Sozialisten ist Kapital ein Herrschaftsinstrument und somit ein Phänomen der Unfreiheit. Karl Marx legte das im ersten Band von „Das Kapital“ ausführlich dar. Die Klasse der Kapitalisten – also der Eigentümer des Kapitals – beuten demnach die Arbeiter aus.

Marx argumentiert bekanntermaßen so: Der Mehrwert, der bei der Produktion von Gütern entsteht, wird von den Arbeitern geschaffen. Da die Arbeiter aber im Regelfall kein Kapital besitzen, können sie ihre Arbeit nicht selber und für sich verwenden, wie das z.B. ein Handwerker im eigenen Unternehmen noch tun kann. Stattdessen müssen sie ihre Arbeit als Ware auf dem Markt verkaufen. Die Kapitalisten stellen die Arbeiter an und zahlen ihnen einen Lohn, der zwar zum Leben reicht, der aber den von den Arbeitern erzeugten Mehrwert nicht abdeckt. Die Kapitalisten eignen sich also den Mehrwert der Produktion an, ohne ihn selbst erzeugt oder bezahlt zu haben. Kurz gesagt: Die Arbeiterklasse ist im Kapitalismus unfrei, benachteiligt und gedemütigt. Wenn man Freiheit für alle will, muss man Kapital in privater Hand abschaffen.

Die Kritik am Kapital hat Millionen von Menschen fasziniert und tut es immer noch. Auf Grundlage der marxistischen Ideen zur ausbeuterischen Rolle des Kapitals im Kapitalismus wurden außerdem weltweit zahlreiche sozialistische Experimente durchgeführt, mit denen der Kapitalismus überwunden, insbesondere das Privateigentum an den Produktionsmitteln beseitigt werden sollte. Diese Experimente haben Millionen von Menschen das Leben gekostet. Schon 1997 wurde die Anzahl der Opfer auf 100 Millionen Menschen geschätzt.

Nicht vergessen werden darf an dieser Stelle, dass auch in der Programmatik des Nationalsozialismus die „Brechung der Zinsknechtschaft“ eine nicht unbedeutende Rolle spielte. Sie gründete auf der sozialistischen Behauptung, dass zumindest Teile des Kapitals nicht schaffend, sondern raffend wirken und insofern ausbeuterisch sind.

Man sollte nun meinen, dass es aus Sicht der Volkswirtschaftslehre nichts Wichtigeres und Interessanteres geben könnte, als sich mit dem Phänomen des Kapitals auseinanderzusetzen. Gerade diese Disziplin sollte hierzu doch einiges zu sagen haben und Studenten über die theoretischen und praktischen Fragen zu diesen Themen aufklären. Es mag für einen Außenstehenden unglaublich erscheinen, aber im Lehrgebäude dieses Faches sucht man danach trotzdem vergeblich. Wer an einer typischen deutschen Universität Volkswirtschaftslehre im Haupt- oder Nebenfach studiert, wird mit Karl Marx nicht oder nur am Rande konfrontiert. Weder wird sein Standpunkt dargelegt, noch wird er eingeordnet oder widerlegt.

Dabei wird durchaus über Kapital gesprochen. In der Makroökonomik und speziell der Wachstumstheorie steht Kapital sogar im Zentrum der Aufmerksamkeit. Es geht um die langfristige Bedeutung des Kapitals für Wachstum und Wohlstand. In den typischen Lehrbüchern zu diesen Fächern findet sich aber so gut wie nichts, was einen Bezug zu den oben skizzierten Ideen, Entwicklungen und Katastrophen hätte. Stattdessen wird dem Wort „Kapital“ von vorneherein eine Bedeutung gegeben, die es Volkswirten ermöglicht, die vom Sozialismus aufgeworfenen Probleme zu umschiffen.

Kapital wird nämlich ohne Umschweife als ein Produktionsfaktor eingeführt, der gleichberechtigt und einmütig neben dem Produktionsfaktor Arbeit steht. Kapital besteht dabei aus Maschinen, Anlagen, Werkzeugen, Gebäuden und ähnlichen produzierten Produktionsmitteln. Genauso, wie Arbeit produktiv ist, ist es demnach auch das Kapital; und genauso, wie die Arbeit einen Ertrag hervorbringt, tut es auch das Kapital. Technisch ausgedrückt: Die Produktionsmenge Y wird gemeinsam durch die beiden Faktoren Kapital K und Arbeit L hergestellt. Kapital und Arbeit sind nicht Gegensätze, sondern stehen als Produktionsfaktoren auf derselben Stufe miteinander und ergänzen sich gegenseitig. Dieser Zusammenhang wird in der sogenannten Produktionsfunktion sinnfällig dargestellt:

Indem die Wachstumstheorie diese oder ähnliche Formeln und Überlegungen zur Grundlage nimmt, wischt sie einerseits die ereignisreiche Geschichte der sozialistischen Ideen und ihrer Umsetzung, andererseits alle im Laufe der Zeit gemachten Gegenargumente und Erfahrungen unkommentiert zur Seite. Indem die Theorie Kapital als Maschinen, Anlagen, Werkzeuge, Gebäude usw. definiert, ignoriert sie die wichtige Frage, ob denn nicht vielleicht die Gestaltung der Eigentumsrechte und -verhältnisse irgendeinen Einfluss auf den Ablauf oder die Ergebnisse der Produktion hat.

Dabei ist es für jeden offensichtlich, dass Kapital K und die Arbeit L gar nicht auf der gleichen Stufe stehen. In einer Marktwirtschaft ist es vielmehr so, dass die Arbeiter in aller Regel bei den Eigentümern oder Verwaltern des Kapitals angestellt sind. Genau an dieser Stelle setzen dann ja auch viele der nicht abreißen wollenden, fundamentalen Angriffe auf Kapital und Kapitalismus an.

Die Volkswirtschaftslehre macht mit ihrem Ansatz aus einem Thema, das nicht nur äußerst spannend und lehrreich für die Studenten wäre, sondern auch für die Allgemeinbildung in westlichen Gesellschaften eine erhebliche Bedeutung hätte, eine harmlose technische Spielerei. Statt um Freiheit und Unfreiheit, Sozialismus und Kapitalismus geht es um Funktionen, Ableitungen und Grenzproduktivitäten. Dem ein oder anderen kritischen Geist ist da schon der Gedanke gekommen, dieses Totschweigen könnte ideologische Gründe haben.

In meinem Buch über Capital and Capitalism zeige ich, dass es in der Volkswirtschaftslehre auch einen anderen, leider sträflich vernachlässigten Ansatz der Kapitaltheorie gibt. Anstatt die von Marx und dem Sozialismus aufgeworfenen Fragen einfach zu ignorieren, ist es gerade das Ziel dieses Ansatzes, die Funktionsweise des Kapitalismus und die Rolle des Kapitals zu verstehen und von sozialistischen Planwirtschaften abzugrenzen. Der Vorwurf, wonach Kapital ein Instrument der Unterdrückung und Unfreiheit sei, wird ernstgenommen und konkret adressiert.

Ausgangspunkt ist die Historische Schule der Nationalökonomie, die sich bereits im 19. Jahrhundert intensiv mit den Institutionen des Kapitalismus befasste und dabei fragte, wie sich der Kapitalismus vom Sozialismus unterscheidet. Einige von den Ökonomen und Juristen dieser Schule machten dabei auf die wichtige Rolle der Wirtschaftsrechnung aufmerksam. Es seien rechnenden Unternehmen, die ihr Kapital möglichst rentabel anlegen wollen, die das Wunder der Arbeitsteilung in kapitalistischen Gesellschaften ermöglichen. Sie sagten voraus, dass es im Sozialismus nichts Vergleichbares geben würde, weswegen Planwirtschaften daran scheitern würden, die Arbeitsteilung rational zu organisieren.

Ludwig von Mises entwickelte dann zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein ganz ähnliches Argument und trat damit die bekannte Debatte über die Wirtschaftsrechnung im Sozialismus los. Weder Mises noch die Historische Schule verstehen unter Kapital dabei einen Produktionsfaktor. Vielmehr orientieren sie sich an der Unternehmenspraxis und definieren Kapital als die in Geld ausgedrückte Summe des Wertes aller Güter eines Unternehmens, die dem Erwerb gewidmet sind, also aller in der Bilanz auftauchenden Vermögensgegenstände, seien es nun Gebäude, Boden, Maschinen, Rechte, Patente, Effekten, Geld oder sonst irgendetwas. Kapital ist somit eine in Geld ausgedrückte Maßgröße für die physischen und nicht-physischen Mittel, die ein Unternehmen einsetzt, um einen Gewinn zu erwirtschaften.

Insbesondere Ludwig von Mises baute diese Definition in seiner Nationalökonomie zu einer detaillierten Kapitaltheorie aus. Kapital in diesem Sinne ist untrennbar mit den für eine freie Gesellschaft zentralen Institutionen des Privateigentums, des Marktes, des Unternehmertums und der Wirtschaftsrechnung verbunden. Eine solche Theorie ist automatisch auch eine Theorie des Kapitalismus und seiner Institutionen. Sie bietet somit den wirtschaftlichen Aspekt einer Theorie der Freiheit, wie sie der klassische Liberalismus versteht. Gleichzeitig kann sie zeigen, warum zentrale Planwirtschaften entweder im Chaos, in der Diktatur oder in beidem, jedenfalls aber nicht in der Freiheit des einzelnen oder der Arbeiterklasse enden müssen.

Natürlich ist es im Rahmen einer solchen institutionen-basierten Theorie nicht oder kaum möglich, konsistente mathematische Modelle zu konstruieren. Dafür eignet sie sich einerseits dafür, die Funktionsweise des Kapitalismus zu verstehen, was man wohl als ihre ureigene Aufgabe bezeichnen kann, und andererseits dafür, sich mit der Kritik des Sozialismus auseinanderzusetzen – und zu guter Letzt ist sie nicht langweilig.   

Eduard Braun
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2 Antworten auf „Gastbeitrag
Kapitaltheorie und Freiheit“

  1. Sehr geehrter Herr Braun,

    was in dem Artikel leider nicht steht, woran auch Herr Marx gescheitert, wo kommt er denn her, der Unternehmer-Gewinn?

    Marx fragt sich im zweiten Band des Kapitals, wie der Unternehmer 600 Pfund aus einem Topf nehmen könne, wo nur 500 Pfund drin sind. Der Vermögensgewinn aller Unternehmer ergibt streng logisch (NUR!) aus ihrer eignen Nettoinvestition ABZÜGLICH der Geldvermögensbildung des Rest der Welt. Und diese mit Kriegsabstand kontinuierlich sinkende Nettoinvestition ist dann auch die Basis für von Marx wohl empirische Herleitung der Krisen aus kontinuierlich fallenden Profitrate. Ja, der Befass mit Marx lohnt, er hat ja auch das Marktversagen wissenschaftlich eingeführt, seine eigentliche Leistung. Mehr zum Thema im Link

  2. Kapitaltheorie ist durchaus nicht langweilig, zahlreiche Mythen ranken sich um sie.

    Eine kleine Volkswirtschaft: Vier Bäcker, zwei Beamte, ein Banker, drei Rentner.

    Die Bäcker produzieren in der Bäckerei zwanzig Stück Kuchen.
    Sieben Stück gehen als Arbeits-Nettolohn an die Bäcker.
    Zwei Stück gehen als Zins an den Banker.
    Vier Stück gehen als steuerfinanziertes Gehalt an die Beamten.
    Die restlichen sieben Stück gehen als Gewinn an die Rentner.

    Die Rentner sind die Eigentümer der Bäckerei, ihre Rente ist zu hundert Prozent kapitalgedeckt.
    Das Zinsniveau beträgt zehn Prozent und ist der Lohn für die Dienstleistungen des Bankensystems.
    Das Kapital der kleinen Volkswirtschaft ist die Bäckerei.
    Das Kapital wirft eine Rendite von sieben Stück Kuchen pro Periode ab.
    Welchen Börsenpreis hat das Kapital ?
    Wo kommt der Gewinn für die Eigentümer des Kapitals her ?
    Gibt es einen zinsbedingten Wachstumzwang ?
    Gibt es einen systemimmanenten Grund für eine sinkende Kapitalrendite ?
    Ist „Gewinn“ nichts anderes als nur ein Name für das Einkommen der Kapitaleigner ?

    ————-

    In einer Fiat-Geld-Wirtschaft hätten sich die Unternehmen zwanzig Dollar vom Bankensystem geliehen, zwei Dollar als Provision bzw. Zins an das Bankensystem ausbezahlt, sieben Dollar an die Bäcker als Löhne, vier Dollar als Steuer an den Staat und sieben Dollar den Eigentümern als Gewinn. Der Staat hätte seine vier Dollar Steuereinnahmen an die Beamten ausbezahlt und das Bankensystem ihre zwei Dollar Zins an die Bankangestellten.
    Am Ende wären die zwanzig Dollar vollständig in den Händen der Haushalte, die das Geld zum Kauf der zwanzig Stück Kuchen verwendet hätten. Von den vereinnahmten zwanzig Dollar hätten die Unternehmen ihren Kredit wieder zurückbezahlt.

    Hätte Marx argumentiert, die Rentner müssten bis ans Lebensende arbeiten und dürften keine kapitalgedeckte Rente beziehen ?

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