Gastbeitrag
Abzocke an der Zapfsäule?

Die Eins vor dem Komma. Was Studierendenherzen höherschlagen lässt, war für Autofahrer im Jahr 2000 ein Albtraum. Ein Liter Benzin kostete erstmals mehr als (umgerechnet) 1€. Heute erzürnt die 2€-Marke. Die geopolitischen Verwerfungen rund um den Iran wecken einen alten Reflex: Werden wir beim Tanken abgezockt?

Ein Blick in die Zahlen

Schauen wir zunächst auf die Marktentwicklung seit der Jahrtausendwende. Bis 2012 stieg der Benzinpreis (Super E5) – im Jahresdurchschnitt und mit dem Krisenjahr 2009 als Ausnahme – fast durchgehend von 1,02€ auf 1,65€. Bei einer (sehr) simplen Fortschreibung würde der Preis heute an der 2,40€-Marke kratzen. So weit sind wir zum Glück noch nicht.

Das allgemeine Preisniveau ist seit 2000 um etwa 64 % gestiegen. Hätte sich der Benzinpreis parallel entwickelt, wäre er heute bei 1,68€. Dieser Wert liegt knapp unter dem Monatspreis im Dezember 2025, als ein Liter durchschnittlich 1,70€ kostete. Bei zwei Cent kann man kaum von Abzocke reden.

Sicherlich hat sich der Warenwert in den letzten Jahrzehnten stark nach oben bewegt. Lag er zur Jahrtausendwende noch bei 0,32€, waren es vor dem letzten Jahreswechsel 0,65€. Diese Verdoppelung lässt sich recht nüchtern erklären. Steigende Kosten in der Rohölgewinnung, Wechselkursschwankungen oder auch gesetzliche Vorschriften wie die Treibhaus-Minderungsquote verhindern den großen Reibach der Konzerne. Von den Tankstellenpächtern ganz zu schweigen. Deren Marge liegt oft nur bei wenigen Cent.

Eine fiskalische Zapfsäule? Die Rolle des Staates

Dagegen verdient der Staat prima mit. Im Jahr 2000 bestanden die wesentlichen fiskalischen Faktoren aus der Mineralölsteuer und einer Mehrwertsteuer von 16 %. Heute ist die Belastung deutlich höher, unter anderem durch die Anhebung der Mehrwertsteuer auf 19 %, die Einführung der CO?-Abgabe im Jahr 2021 und Änderungen bei der Mineralöl- bzw. Energiesteuer. Zu Jahresbeginn bewirkte die Erhöhung der CO?-Abgabe einen Aufschlag von etwa drei Cent.

Die Mehrwertsteuer wird am Ende der Kalkulationskette als prozentualer Aufschlag auf den Literpreis erhoben. Sie wird nicht nur auf den gestiegenen Warenwert, sondern auch als „Steuer auf Steuer“ auf die bereits erhöhten fixen Steuern wie die Energiesteuer und die CO?-Abgabe geschlagen. Steigt der Benzinpreis//, füllt sich die Staatskasse.

Dazu ein simples Gedankenspiel: Betrachtet man den Warenwert von Dezember 2025 unter den Steuerregeln aus dem Jahr 2000 – also ohne CO?-Abgabe, mit niedrigerer Energiesteuer und nur 16?% Mehrwertsteuer – ergäbe sich ein Literpreis von 1,40€. Die Differenz zwischen diesem fiktiven Wert und dem tatsächlichen Preis von 1,70€ beträgt immerhin 30 Cent! Das ist der induzierte Aufpreis, den der Staat durch Neuregelungen etabliert hat.

Werden wir also von einer fiskalischen Zapfsäule abgezockt? Im Gegenteil. Die Klimawende ist nicht umsonst zu haben. Klimaschutz ist längst keine Nische mehr, sondern eine dringende ordnungspolitische Aufgabe. Sobald der Individualverkehr in den EU-Zertifikatehandel (EU ETS 2) eingebunden ist, wird das Tanken noch teurer. Dieser Zeitpunkt wurde bereits politisch von 2027 auf 2028 verschoben. Steigende Tankpreise bieten auch Chancen: Nachhaltige Mobilität wird attraktiver.

Deshalb sollte man tunlichst die Finger davon lassen, das Tanken künstlich wieder günstiger zu machen. Ökonomisch macht es wenig Sinn, ein Gut erst zu besteuern, um es dann zu subventionieren. „Tankrabatte“ und „Höchstpreise“ sind hier der falsche Weg. Wer den sozialen Frieden stärken möchte, sollte die Einkommen entlasten und nachhaltige Alternativen fördern.

Die jüngsten Preisentwicklungen und der Vorwurf der „Abzocke“

Betrachten wir nun die Preisentwicklung seit der geopolitischen Eskalation im Iran. Die Tankpreise sind innerhalb kürzester Zeit um über 20 Cent gestiegen. Überzeugt hier der Vorwurf der Abzocke? Drei kurze Bemerkungen:

Erstens: Die Lieferkette für Benzin ist sehr komplex. Die Straße von Hormus ist ein Nadelöhr – und nicht das einzige. Wir erinnern uns an den Tanker, der vor wenigen Jahren den Suez-Kanal lahmlegte. So effizient die Globalisierung auch ist: Unfälle, Kriege und Pandemien erzeugen Engpässe. Mit solchen Angebotsschocks gilt es umzugehen. Wettbewerb belohnt diejenigen, die das am besten schaffen. Weil sich die Anbieter gegenseitig in Echtzeit beobachten können, haben sie gegenüber den Verbrauchern einen Vorteil. Preissteigerungen werden raketenschnell adaptiert, während Preissenkungen wie eine fallende Feder nur langsam erfolgen („Raketen-und-Federn“-Effekt). Das moniert aktuell auch der ADAC.

Zweitens: Die Marktbedingungen ändern sich. Man hört oft den Einwand, dass die Tankstellen das Benzin noch günstig einkaufen konnten. Der starke Preisanstieg sei daher „ungerecht“. Diese Argumentation vernachlässigt die höheren Wiederbeschaffungskosten und die simple Marktlogik. Wenn Güter knapp werden (oder knapp werden zu drohen!), steigt der Preis. Deshalb treibt Unsicherheit die Preise enorm. Es gibt zwar freie Tankstellen, die – möglicherweise gegen ihr Gewinninteresse – den Preissprung zunächst nicht mitgemacht haben. Das erfolgte aber teils zu sozialen Kosten. Denn die langen Warteschlangen haben mancherorts den städtischen Verkehr lahmgelegt. Ist das gerecht?

Drittens: Die Schuldfrage ist zu moralisierend. Es gibt gute Gründe, warum Wucher verpönt ist – auf der individuellen Ebene. Wenn eine Schwangere zur Entbindung ins Krankenhaus muss und der Taxifahrer den dreifachen Preis verlangt, dann ist das verwerflich. Auch „Abzocke“ ist keine wettbewerbliche Kategorie, die man einer ganzen Branche vorwerfen kann. Der Preis signalisiert immer auch die Marktmacht in einer bestimmten Marktstruktur. Eine besondere Entkopplung zwischen der Entwicklung des Rohölpreises und den Tankpreisen ist bei Benzin aber gar nicht zu beobachten. Darauf wies Andreas Mundt, Präsident des Bundeskartellamts, am 5. März hin.

Die Rolle des Kartellamts

Solche Diskussionen sind nicht neu. Zuletzt ging es 2022/23 hoch her, als sogenannte „Übergewinne“ im Fokus standen. Was sie genau meinen, weiß niemand so recht. Die „gierigen“ Tankstellen standen schon damals am Pranger. Ein Gutachten des Bundeskartellamts sprach die Pächter von Schuld frei: Vielmehr haben die Raffinerien und der Großhandel von den Folgen des russischen Angriffskriegs profitiert. Das bestätigen empirische Studien (Gregor/Haucap, 2025).

Auch dieses Mal beobachtet das Kartellamt die Lage genau. Einige Lobbyverbände und Politiker fordern lautstark ein beherztes Einschreiten. Sicherlich können Angebotsschocks in einer oligopolistischen Marktstruktur ausgenutzt werden und zu übertriebenen Preisen führen (Kendix/Walls, 2010; Byrne/de Roos, 2019). Was aber übersehen wird: Das Kartellamt ist keine Preisbehörde. Das Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkungen bietet keine Handhabe, die Tankpreise auf Knopfdruck zu senken.

Die Bewertung, ob Lobbyisten und Politiker die Lage besser einschätzen können als die Experten, bleibt jedem selbst überlassen. Selbst wenn unlautere Praktiken in der aktuellen Situation plausibel erscheinen mögen: Wir sollten auf die Schlagkraft ordnungspolitischer Institutionen vertrauen, anstatt in emotionale Effekthascherei und politischen Überbietungswettbewerb zu verfallen.

Wir sollten uns auch keine Illusionen machen: Bei steigenden Weltmarktpreisen sind die heimischen Möglichkeiten begrenzt. Wettbewerbliche Bemühungen können die bösen Überraschungen auf dem Preismast oft nur in homöopathischen Dosen abmildern. Seit der Tankwart nicht mehr die Leiter hochklettern muss, wechseln die Preise ständig. Laut Bundeskartellamt liegt die Anzahl der Preisänderungen inzwischen bei fast 20 pro Tag. Eine Beschränkung dieser Zahl würde den Verbrauchern helfen, weil Preisvergleiche leichter werden (Martin, 2024).

Die Wurzel des Problems liegt auf der Vorstufe der Raffinerien und im Großhandel, die kartellrechtlich deutlich schwerer zu fassen sind. Panische Herdeneffekte spielen ihnen in die Karten. Verhaltensänderungen bieten hier am effektivsten Abhilfe: Anstatt bei Ausbruch einer Krise erstmal vollzutanken – und damit die Preise noch weiter zu treiben –, sollten die hohen Preise einen Anlass für Umorientierung bieten. Diesen Prozess zu erleichtern, ist nicht zuletzt auch eine politische Aufgabe.

Appell

Klagelieder über „Gier“, „Übergewinne“ und „Abzocke“ helfen nicht weiter. Wer die Marktwirtschaft will, muss ihre Signale verstehen und ihren Institutionen vertrauen – auch wenn (oder gerade weil) es an der Zapfsäule manchmal wehtut.

Quellenhinweise

ADAC (2026a). Benzinpreis und Dieselpreis: So entstehen die Spritpreise aktuell. Im Internet: https://www.adac.de/verkehr/tanken-kraftstoff-antrieb/tipps-zum-tanken/7-fragen-zum-benzinpreis/ (zuletzt geprüft am 09.03.26).

ADAC (2026b). Krieg in Nahost verteuert Tanken: Ölpreis fällt, Spritpreis nicht. Im Internet: https://www.adac.de/news/spritpreise-steigen-durch-krieg-in-nahost/ (zuletzt geprüft am 10.03.26).

Bundeskartellamt (2023). Aktuell sehr hohe Preise für Diesel und E5/10. Pressemitteilung vom 17.08.23. Im Internet: https://www.bundeskartellamt.de/SharedDocs/Meldung/DE/Pressemitteilungen/2023/17_08_2023_Spritpreise.html (zuletzt geprüft am 09.03.26).

Bundeskartellamt (2025). Sektoruntersuchung. Raffinerien und Kraftstoffgroßhandel. Im Internet: https://www.bundeskartellamt.de/SharedDocs/Publikation/DE/Sektoruntersuchungen/Sektoruntersuchung_Raffinerien_Abschlussbericht.pdf  (zuletzt geprüft am 09.03.26).

Bundeskartellamt (2026). Tanken. Im Internet: https://www.bundeskartellamt.de/DE/Verbraucherschutz/Tipps/TippsZumTanken/tippszumtanken_node.html (zuletzt geprüft am 09.03.26).

Byrne, D.P./de Roos, N. (2019). Learning to Coordinate: A Study in Retail Gasoline. American Economic Review, 109(2), 591–619.

Gregor, L./Haucap, J. (2025). “The rise of refinery margins: The case of energy tax cut in Germany”, DICE Discussion Papers, 431, Heinrich Heine University Düsseldorf, Düsseldorf Institute for Competition Economics (DICE).

Kendix, M./Walls, M.D. (2010). Estimating the impact of refinery outages on petroleum product prices. Energy Economics, 32(6), 1291–1298.

Martin, S. (2024). Market transparency and consumer search – Evidence from the German retail gasoline market. The RAND Journal of Economics, 55, 573–602.

Statista (2026a). Durchschnittlicher Preis für Superbenzin in Deutschland in den Jahren 1972 bis 2025. Im Internet: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/776/umfrage/durchschnittspreis-fuer-superbenzin-seit-dem-jahr-1972/ (zuletzt geprüft am 09.03.26).

Statista (2026b). Durchschnittlicher Preis für einen Liter Superbenzin in Deutschland von Dezember 2020 bis Dezember 2025. Im Internet:  https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1690/umfrage/preis-fuer-einen-liter-superbenzin-monatsdurchschnittswerte/ (zuletzt geprüft am 09.03.26).

ZDF heute (2026). Spritpreise: Kartellamt dämpft Hoffnung auf Kontrolle. Bericht vom 05.03.2026. Im Internet: https://www.zdfheute.de/wirtschaft/sprit-e10-preisanstieg-100.html (zuletzt geprüft am 09.03.26).

Sebastian Panreck
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