Gastbeitrag
Konjunktur: Ein Phänomen zwischen Realität und Fiktion

“Well, I´ve often seen a cat without a grin, but a grin without a cat is the curious thing I ever saw in my life.” (Lewis Carroll, 1984)

Es ist erstaunlich, wie eine Vermutung über ein ökonomisches Phänomen, welches über ein Jahrhundert hinweg von vielen in Politik, Wirtschaft und in den Medien so genutzt wird, als ob es Realität wäre, also zum gesicherten Bestand des Wissens gehörte: das Phänomen Konjunktur. Bei genauerer Betrachtung ist es zwischen Realität und Fiktion angesiedelt und kommt einer Fiktion nahe. Einige Verdikte von Hayek begründen, warum die Konjunkturpolitik und ihr gesetzlicher Rahmen kritisch überprüft werden sollten: (1) „die Irrtümer der Makroökonomik“, (2) „der keynesianische Traum“ und (3) „die Anmaßung von Wissen“. In der nachstehenden Analyse wird das Phänomen auf seinen empirischen Gehalt und seine analytische Qualität geprüft.

Als Symptome von Konjunktur gelten beobachtbare zeitliche Schwankungen in güter- und geldwirtschaftlichen, statistischen Aggregaten, die in Deutschland im 19. Jahrhundert sowie nach Gründung der Bundesrepublik beobachtet werden konnten. Selbst kleine Veränderungen der genannten Aggregate werden von den Medien und Börsenbeobachtern sowie manchen Wirtschaftsforschungsinstituten mit Begriffen wie Aufschwung, Abschwung und Rezession belegt, die aus einem Vorverständnis von Konjunktur als einem zyklischen Phänomen stammen dürften. Die Suche nach theoretischen Erklärungen des Phänomens war erfolglos. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts wurden die Erklärungsversuche prominent von Gottfried Haberler im Auftrag der Völkerbundversammlung analysiert und geordnet. In seinem Vorwort zur 1. Auflage von Haberlers Studie mit dem Titel „Prosperität und Depression“ schrieb A. Lovejoy für den Auftraggeber: „Wie reich die Literatur über dieses Thema (ist), wie ausgefeilt und blendend die aufgestellten Theorien auch sein mögen – unser Wissen um die Ursachen von Depressionen (genügt) noch nicht, um die Methoden ihrer Vermeidung darzulegen.“

Die theoretischen Erklärungsversuche für das Phänomen werden dadurch behindert, dass es sich bei den genannten gesamtwirtschaftlichen Größen um statistische Aggregate handelt, die Ergebnis einer additiven Zusammenfassung von ökonomischen Aktivitäten wie produzieren, arbeiten, investieren sowie im- und exportieren sind. Methodischer Individualismus verlangt aber eine Mikrofundierung dieser Größen bzw. der Makroökonomik. Das ist nur mit extremen Annahmen über deren Aggregierbarkeit möglich. So gesehen ist Makroökonomik nach Meinung vieler Ökonomen nichts anderes als Mikroökonomik in der Sprache der Makroökonomik. Das erklärt, warum Hayek vermutete, „dass die Sätze der Makrotheorie wissenschaftliche Eigenschaften im strengen Sinn überhaupt nicht besitzen“. Deshalb müssen sie als „Irrtümer der Makroökonomik“ gezählt werden.

Die Makroökonomik suggeriert eine Gestaltbarkeit des gesamtwirtschaftlichen Geschehens. Damit rückt eine Lösung des Beschäftigungsproblems im Sinne von Keynes in erreichbare Nähe. Das erlaubt den politisch Handelnden, sich dem „keynesianischen Traum“ (Hayek) von erreichbarer Vollbeschäftigung hinzugeben. Das führt zu einem fortdauernden Einsatz der Fiskalpolitik. Diese hat zudem den Vorteil, dass sie sich politisch und ökonomisch gesehen, für eine Klientelpolitik nutzen lässt. Was Wunder, dass damit die Weichen für eine expansive Fiskalpolitik gestellt sind.

Hinweis: Die vollständige Version dieses Kommentars finden Sie in: WiSt – Wirtschaftswissenschaftliches Studium, 2014, Heft 8.

 

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