Warum wir mehr Roboter brauchen

Von David Stadelmann am 2. Juli 2017
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David Stadelmann
Universität Bayreuth

Immer wieder wird behauptet, Roboter oder neue Algorithmen künstlicher Intelligenz würden uns in Zukunft die Arbeit wegnehmen. Viele fürchten sogar, der technische Fortschritt führe zu Massenarbeitslosigkeit und wir würden dadurch massiv verarmen. Dabei wird genau das Gegenteil der Fall sein: Es wird immer zu wenige Roboter geben, um unsere ganze Arbeit zu erledigen.

Technischen Fortschritt gibt es bereits seit langem, ohne, dass er unsere Gesellschaften arbeitslos gemacht hätte. So gehören Faustkeile zu den ältesten, bekannten Werkzeugen des Menschen und bereits sie haben die Arbeit vieler Hände beim Hacken oder Schaben eingespart. Heute verfügen wir zum Glück über weit bessere Maschinen, die es erlauben, uns anderer Arbeit zu widmen. Nun kann nicht behauptet werden, Maschinen würden die menschliche Arbeitskraft nicht auch ersetzen und verdrängen. Aber der Einsatz von Werkzeug, Maschinen, Robotern bringt nicht nur eine Verdrängung von Arbeitskräften, vielmehr ergibt sich dadurch Wohlstand für viele und der Einsatz von Technik eröffnet neue Chancen. Dagegen predigen Angstmacher und Technikkritiker, die Welt verändere sich sehr schnell und der technische Fortschritt wäre diesmal ganz anders als bisher: In nur wenigen Jahrzehnten würden ganze Berufszweige aussterben und viele Branchen nahezu keine Arbeitskräfte mehr benötigen. Dabei gibt es gewichtige ökonomische Gründe gegen diese Technikangst.

Zuallererst zeigen empirische Befunde eines klar und deutlich: Gesellschaften, die viel physisches Kapital, also Maschinen oder Roboter einsetzen, sind wohlhabender als jene, die dies nicht tun. So ist das Problem vieler ärmerer Länder der Welt, dass die Arbeitskraft dort im Vergleich zu hier weniger wert ist, da sie immer noch unzureichend durch Maschinen unterstützt wird. Und auch die Arbeitslosigkeit ist in armen Ländern nicht systematisch höher oder tiefer als in technisch automatisierten, reichen Ländern. Sprich: Alle Menschen tun was für ihr Leben und Maschinen helfen uns, es produktiver zu tun. Wir sind deshalb so reich, weil Maschinen so viel für uns machen. Werden keine Roboter eingesetzt ist die Arbeit schwierig und die erstellten Produkte teuer.

Zentral ist beim Einsatz von Maschinen, Robotern oder Algorithmen der relative Preis im Vergleich zu menschlichen Arbeitskräften. So verdrängen technische Neuerungen den Menschen dann, wenn sie bei gleicher Qualität kostengünstiger sind, oder bei gleichen Kosten bessere Qualität liefern. Dadurch werden die erstellten Produkte und Dienstleistungen der betreffenden Branche günstiger und besser. Die Automobilindustrie dient als Beispiel: Dank dem Einsatz von Maschinen und Robotern sind Autos heute von besserer Qualität als vor fünfzig Jahren und auf unser reales Einkommen bezogen sind sie auch bedeutend günstiger. Da durch den Einsatz von Technik die Produkte billiger werden, können sich die Menschen nun mit dem ersparten Geld von allen anderen Branchen mehr kaufen und das reale Einkommen sowie realen Konsummöglichkeiten steigen. So machen Maschinen uns reicher. Der steigende Reichtum steigert nun aber auch die Attraktivität anderer Berufe, die bisher von vielen Arbeitnehmern zwar als schön wahrgenommen wurden aber oft zu wenige Einkommensmöglichkeiten boten. Dazu zählen beispielsweise das Handwerk, Design oder Musik. Insgesamt profitieren Betriebe, die flexibel sind und auf individuelle Eigenheiten der nunmehr reicheren Konsumenten eingehen – eine kleine Renaissance des Handwerks könnte bevorstehen.

Gleichzeitig bieten die neuen Informationstechnologien ungeahnte Möglichkeiten, völlig neue Märkte zu erschließen. Wer heute eine Idee hat und seine Arbeit gut macht, kann diese vergleichsweise einfach auf dem Weltmarkt anbieten. Kunstschaffende oder Kleinbetriebe die spezielle, einzigartige Produkte herstellen, für die sich aus einer Million Personen nur ein Hundert begeistern können, wären vor zwanzig Jahren gescheitert. Heute finden sie dank Internet und Suchalgorithmen einen Markt von potentiell mehreren Hunderttausend Abnehmern.

Suchalgorithmen helfen uns aber nicht nur beim Verkauf von Produkten sondern natürlich auch bei der Suche nach neuen Jobs. Suchen und finden ist weitaus einfacher, schneller und effizienter geworden. Ja sogar die Partnersuche wird uns erleichtert. Zwar gibt es immer noch Kleinanzeigen in Zeitungen aber um die Dating-Seiten im Internet hat sich ebenfalls eine ganze Industrie entwickelt und Werbung dafür ist ständig im „alten“ Fernsehen zu sehen. Neben Partnern für die Gefühle, lassen sich natürlich auch neue Geschäftspartner viel einfacher finden. Insbesondere der Erfolg von Computern belegt außerordentlich, wie sich Lebensqualität und das Selbstverständnis von Arbeitnehmern über die Zeit mit Hilfe Technik zum Besseren wendet: Die einfache Schreibkraft aus den 50er Jahren, wurde zum Sekretär, der Sekretär zum Sachbearbeiter und der Sachbearbeiter zum Berater. Sobald Algorithmen die auch Beratertätigkeit übernehmen, wird der menschliche Berater zur einfühlsamen Vertrauensperson. Natürlich haben sich über die Zeit die Berufe und die Branchen verändert, und die „einfache Schreibkraft“ gibt es nicht mehr wirklich. Jedoch gab es weder Massenarbeitslosigkeit noch ist die Gesellschaft verarmt. Zuletzt ermöglicht die neue Informationstechnologie ein einfacheres Lernen denn je. Riesige Enzyklopädien sind gratis per Mausklick verfügbar und Foren, Videos etc. bieten schnelle und oft akkurate Antworten auf vielfältige Fragen.

Branchenverschiebungen durch Technik gab es immer. So lag der Anteil an der Beschäftigten in der Landwirtschaft in Deutschland vor einigen Jahrzehnten noch um ein Vielfaches höher als heute. Es liegt die Vermutung nahe, dass in Zukunft noch weitere Teile der Landwirte durch bessere Maschinen oder Feldroboter verdrängt werden. Melkroboter sowie Käsepflegeroboter leisten schon hervorragende Arbeit ohne zu jammern. Wie in der Vergangenheit muss man sich um die Bauern aber nur wenig Sorgen machen. Bauern sind hart-arbeitend, selbständig, gewieft und vielseitig begabt, was sie zu attraktiven Mitarbeitern für viele Unternehmen macht. Ein richtiger Bauer kann eben vieles und kennt sich selbst im Umgang mit zunehmender staatlicher Regulierung und Bürokratie aus – was man von Robotern oder Algorithmen wohl eher nicht behaupten kann.

Dabei verwundert, dass die Technikfeinde und Angstmacher nur höchst selten die staatliche Verwaltung erwähnen, wenn es wegfallende Branchen in der Zukunft geht. Dabei sollten im Prinzip viele Angestellte in staatlichen Verwaltungen von der Automatisierung und der den Entwicklungen in der Informationstechnologie höchst betroffen sen. Der Typus für einen Verwaltungsangestellten wäre nach dem Soziologen Max Weber durch Merkmale wie „Trennung von Amt und Person“, „Regelgebundenheit“, „Unpersönlichkeit“, geprägt. Roboter oder Algorithmen sollten aus dieser Sicht besonderes gute Rechtsautomaten sein. Niemand glaubt aber ernsthaft, dass viele Staatsangestellte bald arbeitslos werden. Vielmehr finden sich in der Verwaltung immer schnell viele neue Aufgaben und die Komplexität nimmt weiter zu statt ab. Wir sollten daher eher spekulieren, dass der Einsatz von Robotern in der Verwaltung dazu führt, dass diese ihre Aufgaben ausdehnt. Dementsprechend werden wir bald hoffen, es möge mehr Roboter geben, damit der ganze neue Dokumentations- und Regulierungsaufwand möglichst effizient erledigt werden kann. Wie die Geschichte schon gezeigt hat, gibt es so viel Arbeit zu tun, dass es immer zu wenige Maschinen und Roboter gibt.

Natürlich erfordert der technische Fortschritt eine anpassungsfähige Wirtschaft. Dabei soll die Politik keinesfalls versuchen, den technischen Fortschritt zu stoppen, denn das würde uns alle nur verarmen lassen. Genauso wenig soll Industriepolitik betrieben werden, da diese im Regelfall auf wenige Industriezweige setzt und scheitert. Besser ist es, sich auf einfache, traditionelle Konzepte zu verlassen: Erstens, nicht alle Eier in einen Korb legen, also auf Diversifikation achten. Neben Industrie, sind Handwerk und ein breiter Dienstleistungssektor zentral. Zweitens, die universitäre Bildung hoch aber nicht zu hoch schätzen, denn gut ausgebildete Fachkräfte dank der dualen Berufsbildung sind vielseitiger einsetzbar als hoch-spezialisierte Universitätsabgänger ohne Erfahrung. Drittens, eine ausgewogene Fiskalpolitik betreiben, denn dann können unerwartete Schocks und Krisen ausgeglichen werden. Viertens, Wirtschaftstreibende und Unternehmer nicht speziell fördern, sondern einfach nicht durch übermäßige Regulierung und Kontrollwahn bestrafen. Und zuletzt, auf regionale Flexibilität achten, denn nationale Einheitslösungen passen nicht für alle und bergen große Risiken.

Hinweis: Der Beitrag erschien am 19. Juni 2017 in modifizierter Form im digitalen Wirtschaftsmagazin WiMO der Frankenpost.

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