Die Vergabe und Organisation der Fußball-Weltmeisterschaft 2026 durch die FIFA rückt erneut eine Frage in den Mittelpunkt, die weit über den Sport hinausreicht: Nach welchen Regeln sollte ein globaler Wettbewerb organisiert werden, wenn der zentrale Akteur selbst zugleich Regelsetzer und maßgeblicher Marktakteur ist? Die FIFA ist in diesem Kontext nicht nur ein Sportverband, sondern faktisch eine globale Ordnungsinstanz mit erheblichen normativen und ökonomischen Steuerungswirkungen. Diese Doppelrolle wirft die Frage nach einer ordnungsökonomischen Beurteilung dieser Situation auf.
Die WM 2026 – erstmals mit 48 Mannschaften und drei Gastgeberländern (USA, Kanada, Mexiko) – verdeutlicht die ökonomische Potenz der FIFA im Vergleich zu ähnlichen Unterhaltungsdienstleistungen, zumal davon ausgegangen werden kann, daß die FIFA zwischen 8 und 9,5 Mrd. Euro durch die WM 2026 vereinnahmen wird (o. V. 2026). Rechnet man die Werte der letzten WM hoch, so kann man mutmaßen, daß bei der WM 2026 etwa drei Millionen Stadionbesuche stattfinden und mehr als drei Milliarden TV- und Streaming-Zuschauer die Spiele verfolgen werden. Die Entscheidung über Format, Teilnehmerzahl und Vergabe der WM liegt vollständig bei der FIFA, während potentielle externe Kontrollmechanismen nur schwach ausgeprägt sind (FIFA, 2023). Freilich sollte man dabei die Kirche im Dorf lassen: So erzielte beispielsweise der BMW-Konzern im Jahre 2025 einen konsolidierten Umsatz von mehr als 133 Mrd. Euro – also mehr als zehnmal soviel wie die FIFA mit der WM.
Wie ist nun dieser Sachverhalt aus ordnungsökonomischer Sicht zu würdigen?
Bei der Fußball-Weltmeisterschaft scheinen zwei zentrale Aspekte von Bedeutung zu sein: Zum ersten tritt bei der Auswahl des Ausrichtungsortes Rent-Seeking auf. Bei der Vergabe der Weltmeisterschaft konkurrieren Staaten nicht primär über produktive Effizienz, sondern über politische und finanzielle Anreize. Dies kann zu überhöhten Investitionen, regulatorischen Ausnahmeregelungen und in einigen Fällen zu Korruption führen. Die empirische Literatur zeigt, daß große Sportereignisse häufig nicht die versprochenen gesamtwirtschaftlichen Effekte erzielen. Studien von Baade und Matheson (2016) lassen eher vermuten, daß die langfristigen Wachstumsimpulse von Mega-Events systematisch überschätzt werden. Stattdessen entstehen häufig erhebliche Opportunitätskosten öffentlicher Investitionen. Im Kontext der WM 2026 ist insbesondere die Ausrichtung durch drei Staaten Nord- bzw. Mittelamerikas bemerkenswert: Während die USA weitgehend auf eine bestehende Infrastruktur zurückgreifen können, waren in Mexiko punktuelle Anpassungsinvestitionen vonnöten. Vor diesem Hintergrund scheint der Wettbewerb um die Ausrichtungsstätten weniger eine effiziente globale Allokation der Ressourcen zu gewährleisten, sondern es ist naheliegend, daß die FIFA-Entscheidung primär nach anderen – teilweise wenig nachvollziehbaren – Kriterien erfolgt.
Zum zweiten erweist sich die Marktposition der FIFA aus ordnungsökonomischer Sicht als nicht unproblematisch: Die FIFA verfügt im Kontext der Fußball?Weltmeisterschaft über eine marktbeherrschende Stellung, die einem faktischen Monopol gleichkommt. Dieses Monopol gründet sich nicht auf eine staatlich verliehene Exklusivlizenz, sondern auf eine historisch gewachsene, institutionell verankerte und durch starke Netzwerkeffekte stabilisierte Organisationsstruktur. Als weltweiter Dachverband des Fußballs besitzt die FIFA die alleinige Kompetenz, eine Fußball?Weltmeisterschaft auszurichten, die Teilnahmebedingungen festzulegen und sämtliche damit verbundenen Vermarktungsrechte zu kontrollieren. Die nationalen Verbände sind über ihre Mitgliedschaft an die FIFA gebunden, so daß alternative Weltverbände oder konkurrierende Turnierformate durch die FIFA unterbunden werden können. Damit ist die FIFA nicht nur exklusiver Anbieter der Unterhaltungsdienstleistung „Fußball?WM“, sondern zugleich Gatekeeper des gesamten Nationalmannschaftsfußballs.
Die monopolartige Stellung manifestiert sich insbesondere in der vollständigen Kontrolle über immaterielle Rechte und Wertschöpfungsketten. Die FIFA hält sämtliche Marken?, Lizenz? und Vermarktungsrechte an der Weltmeisterschaft und verfügt damit über die alleinige Möglichkeit, TV?Rechte, Sponsoringpakete, Hospitality?Programme und Ticketing zu vergeben. Dies erlaubt es ihr, Preise, Zugangsbedingungen und kommerzielle Rahmenbedingungen weitgehend autonom festzulegen. Da die Fußball?WM das global reichweitenstärkste Sportereignis ist und keine gleichwertigen Substitute existieren, konzentriert sich die weltweite Nachfrage nahezu vollständig auf dieses eine Produkt. Weder kontinentale Turniere wie die UEFA?Europameisterschaft noch olympische Fußballwettbewerbe weisen eine vergleichbare sportliche und ökonomische Bedeutung auf.
Die Stabilität dieses Monopols beruht auf hohen Marktzutrittsschranken. Rechtliche Barrieren wie Markenrechte und Verbandsstatuten behindern die Etablierung alternativer Wettbewerbe. Ökonomische Schranken ergeben sich durch die jahrzehntelang gewachsene Markenstärke der FIFA. So ist die Fußball?WM ein kulturell tief verankertes Ereignis, dessen Ausstrahlung nicht ohne weiteres replizierbar ist. Newcomer müßten demzufolge erhebliche Anfangsinvestitionen vornehmen, um eine vergleichbare Markenstärke aufzubauen. Diese Position wird durch Netzwerkeffekte verstärkt: Je mehr Nationen teilnehmen, desto wertvoller wird das Turnier für die FIFA und die teilnehmenden nationalen Fußballverbände.
Zudem ist das Monopol institutionell abgesichert: Nationale Fußballverbände sind Mitglied in der FIFA und akzeptieren deren Regelwerk. Damit entsteht eine hierarchische Struktur globaler Governance, in der die FIFA die Spielregeln des internationalen Fußballs definiert und zugleich massiv in die Absatz- und Faktormärkte der Unterhaltungsdienstleistung Fußball hineinwirkt. Zum einen existiert – wie gerade dargelegt – bislang keine ökonomisch relevante Alternative zur FIFA-Fußball-Weltmeisterschaft. Zum anderen bietet sich für die teilnehmenden Spieler eine nahezu einmalige Chance, durch ihre Leistung ihren Marktwert und damit ihr Einkommen erheblich zu erhöhen. Ein Austritt der nationalen Verbände aus der FIFA würde daher dazu führen, daß deren Klubs und Spieler nicht mehr an den Veranstaltungen der FIFA teilnehmen könnten – zumindest würde die FIFA dies versuchen durchzusetzen – und ihnen dadurch erhebliche wirtschaftliche Nachteile entstehen würden.
Insgesamt läßt sich die FIFA daher als institutioneller Monopolist beschreiben, der durch exklusive Rechte, organisatorische Dominanz, die globale Bedeutung der Marke und durch strukturelle Marktzutrittsschranken die Unterhaltungsdienstleistung Fußball?Weltmeisterschaft vollständig kontrolliert. Diese monopolartige Stellung ermöglicht es ihr, sowohl die ökonomischen Bedingungen als auch die sportlichen und organisatorischen Rahmenparameter des global bedeutendsten Fußballereignisses autonom zu bestimmen und damit eine außergewöhnlich stabile Form marktbeherrschender Macht auszuüben.
Was ist aus ordnungsökonomischer Sicht zu tun?
Aus Sicht der Austrian Economics bestünde hier kein weitergehender Handlungsbedarf. Zum einen könnten Wettbewerbe der Kontinentalverbände sukzessive die Bedeutung der WM relativieren und zum anderen könnten Newcomer auftreten, die zu einer Erosion der Marktmacht der FIFA führen. Daß es für derartige Newcomer im Sport Anreize gibt, in bestehende Märkte einzudringen, zeigt sich etwa durch die Ausrichtung der Enhanced Games und durch den Versuch, eine European Super League zu gründen. Bislang ist der Erfolg dieser Maßnahmen jedoch eher bescheiden. Darüber hinaus könnte auch durch eine Veränderung der Konsumentenpräferenzen die monopolistische Marktmacht der FIFA in Mitleidenschaft gezogen werden. So war vor etwa 120 Jahren nicht Fußball, sondern Turnen in Deutschland die dominierende und am weitesten verbreitete Sportart. Gleiches könnte dem Fußball passieren.
Aus einer mehr pragmatischen ordnungspolitischen Perspektive stellt sich die Frage, welche institutionellen Rahmenbedingungen erforderlich sind, um eine derartige Machtkonzentrationen zu begrenzen. Die zentrale ordnungspolitische Aufgabe des Staates wäre dabei nicht in der direkten Steuerung wirtschaftlicher Aktivitäten zu verorten, sondern in der Setzung eines Rahmens, der Wettbewerb ermöglicht und zu große Marktmacht verhindert (Eucken 2004). Auf die FIFA übertragen bedeutet dies die Beibehaltung privater Organisationsverantwortung bei gleichzeitiger Einhegung ihrer monopolartigen Stellung durch verbindliche institutionelle Regeln.
Ein zentraler Ansatzpunkt wäre die verpflichtende Einführung von Transparenz- und Governance-Standards insbesondere in bezug auf die Entscheidungsprozesse beim Vergabeverfahren. Auf diese Weise ließen sich die erheblichen Informationsasymmetrien zwischen der FIFA, den nationalen Verbänden, den Staaten und der Öffentlichkeit abbauen. Transparenz wirkt hierbei als indirektes Steuerungsinstrument, das die Autonomie der Organisation wahrt, zugleich aber ihre Funktionsfähigkeit absichert.
Flankierend böte sich der Einsatz wettbewerbspolitischer Instrumente an, die insbesondere auf eine Stärkung alternativer Wettbewerbsformate abzielen. Auch wenn die Fußball-WM kein direkt substituierbares Gut darstellt, könnten kontinentale Turniere sowie der Frauen- und Jugendfußball den indirekten Wettbewerbsdruck erhöhen und die strukturelle Abhängigkeit von einem einzelnen Großereignis reduzieren. Die Intensivierung eines derartigen Wettbewerbs setzt voraus, daß die FIFA nicht mit Ausschlußdrohungen auf abfallende nationale Fußballverbände, Spieler und Klubs reagieren könnte. Es müßte also untersagt werden, daß die FIFA nationalen Fußballverbänden bzw. Klubs und Spielern, die sich an alternativen Formaten beteiligen, von ihren Wettbewerben ausschließt. Auf diese Weise könnten sich durchaus nationale Fußballverbände oder eben private Organisatoren finden, die erfolgreiche Substitute aufbauen.
Quellen
Baade, R. A. and Matheson, V. A. (2016), Going for the Gold: The Economics of the Olympics, Journal of Economic Perspectives, 30(2), pp. 201–218.
BMW (2026), Income statements for Groups and Segments, Zugriff am 9.Juni 2026 unter: https://www.bmwgroup.com/en/report/2025/financial-statements/income-statement/index.html
Eucken, W. (2004), Grundsätze der Wirtschaftspolitik, 7. Aufl. Tübingen: Mohr Siebeck.
FIFA (2023), FIFA World Cup 2026, Overview, Zürich: Fédération Internationale de Football Association.
o.V. (2026), FIFA World Cup 2026 Revenue Statistics. Key Facts, Zugriff am 9.Juni 2026 unter: https://www.theglobalstatistics.com/fifa-world-cup-revenue-statistics/.
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Welche Regeln braucht der Wettbewerb um die Fußballweltmeisterschaft? - 10. Juni 2026 - Sportswashing im Profifußball
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