Bitcoins

Von Mathias Erlei am 24. Oktober 2017
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Mathias Erlei
Technische Universität Clausthal

„Bitcoin ist Betrug.“ So zitiert die Frankfurter Allgemeine Zeitung am 13. September 2017 Jamie Dimon, den CEO der amerikanischen Großbank JPMorgan. Die Währung würde in einem Crash enden, und sollte ein Mitarbeiter von JPMorgan mit Bitcoin handeln, so koste ihn das den Arbeitsplatz. Ganz anders sieht dies eine weitere amerikanische Großbank, Goldman Sachs, die derzeit den Einstieg in den Handel mit Bitcoins und anderen Kryptowährungen prüft. James Morgan, CEO von Morgan-Stanley, sieht im Bitcoin zumindest mehr als eine Modeerscheinung. Die Einschätzungen weichen also dramatisch voneinander ab. Um zu einer eigenen Einschätzung zu gelangen, werden im Folgenden einige Eigenschaften des Bitcoins und mögliche Folgen für die Volkswirtschaft herausgearbeitet.

1. Die Kryptowährung Bitcoin

Der Bitcoin als Währung wurde begründet durch eine Publikation unter dem Pseudonym Satoshi Nakamoto (2008) sowie einer damit einhergehenden Open-Source-Software. Der Bitcoin (offizielle Abkürzungen sind BTC und XBT) ist die derzeit bedeutendste Kryptowährung, die aktuell vorrangig für Zahlungen im Internet verwendet wird. Der BTC verfügt sogar über ein eigenes Zeichen im Unicode-Zeichensatz (U+20BF).

Im Wesentlichen stellt der BTC eine virtuelle Währung dar: sie ist weder greif- noch sichtbar. Gleichwohl existiert sie und übt eine messbare Wirkung aus. Ein einzelner Bitcoin (bzw. ein Anteil davon) ist – wenn man so will – wie eine kleine Computerdatei, auf die – mittels einer hochwertigen Verschlüsselung – nur eine Person Zugriff hat. Eine herausstechende Besonderheit der Währung Bitcoin besteht darin, dass sie eine unabänderliche Obergrenze von 21 Millionen Einheiten aufweist. Ein BTC wird geteilt in 100 Bitcent, 1000 mBTC oder 100.000.000 Satoshi. Am 19. Oktober wies der BTC einen Wechselkurs von ca. 4750 EUR/BTC auf. Damit entsprechen etwa 21.000 Satoshi einem Euro.

Der BTC stellt noch kein allgemein akzeptiertes Zahlungsmittel dar. Bekannte Einrichtungen, die den Bitcoin als Zahlungsmedium schon jetzt akzeptieren sind Dell, Expedia, Microsoft, WordPress, Reddit und WikiLeaks. Während es im Großraum Berlin laut coinmap.org immerhin 63 Einrichtungen gibt, die Bitcoins akzeptieren, sind es im Raum Hannover nur 50, in Braunschweig gar nur 3 und im Landkreis Goslar, zu dem auch die TU Clausthal gehört, nicht eine einzige.

Wer Bitcoins als Währung nutzen möchte, kann dies nur über eine Anwendung, die sogenannte „Wallet“ (englisch für Geldbörse), die es sowohl für PCs als auch für Mobiltelefone und Tablets gibt. Die Wallet wird dann Bestandteil des Bitcoin-Zahlungsuniversums. Nur über die Wallet ist es möglich Bitcoinzahlungen zu empfangen oder zu leisten. Jede Wallet hat eine kryptische Adresse (z.B. 1KGe NiDW zH5N …), die unabhängig vom Eigentümer der Wallet ist und die es nicht ermöglicht, auf dessen Identität zu schließen. Als Besitzer einer Wallet kann man Bitcoins durch normalen Zahlungsempfang, durch Erwerb an einer BTC-Wechselstube gegen Euro (z.B. bitcoin.de) oder an BTC-Geldautomaten auf seine Wallet laden lassen.

Ein hohes Maß an Sicherheit bei BTC-Transaktionen wird dadurch erreicht, dass jede vom Zahler veranlasste Überweisung vor der endgültigen Wirksamkeit durch ein System von „Miners“ (englisch für Bergmann, Goldgräber) auf Rechtmäßigkeit überprüft wird. Dies ist dadurch möglich, dass ausnahmslos alle Bitcoin-Transaktionen in einem Grundbuch („Journal“) verewigt und dokumentiert werden. Eine große Zahl von solchen Transaktionen wird dabei (zeitlich gereiht)  in sogenannten Blöcken zusammengefasst. Die Blöcke wiederum werden zu einer Blockkette (Blockchain) miteinander verbunden und über eine Vielzahl von Rechnern überzählig gespeichert. Jeder Block weist dabei eine aus einem Algorithmus abgeleitete Kennzahl auf, die Eigenschaften der im Block durchgeführten Transaktionen verarbeitet und sicherstellt, dass der Block nicht manipuliert werden kann. Jede Transaktion wiederum enthält die kryptischen Adressen von Sender und Empfänger, sodass es grundsätzlich möglich ist, diese verketteten Zahlungsvorgänge rückwärts zu rekonstruieren. Die dahinterstehenden Personen können allerdings erst dann identifiziert werden, wenn die Adresse auf einem Endgerät gefunden und mit dem Eigentümer des Geräts in Verbindung gebracht werden kann.

2. Eigenschaften der Nutzung von Bitcoins

Aus der Perspektive der Nutzer weisen Bitcoin-Transaktionen folgende Besonderheiten auf: (1) Die Zahlung erfolgt fast verzögerungsfrei. Nur die Überprüfung der Zahlung beansprucht eine gewisse Zeit, im Allgemeinen etwa 10 Minuten. Anschließend wird die Zahlung sofort wirksam. Dies gilt für weltweite Transfers sieben Tage (und Nächte) die Woche.

(2) Es fallen keine oder nur geringe Gebühren an. Transfers, die nur an wenige Adressaten erfolgen, sind zumeist kostenlos. Bei einer großen Anzahl von Empfängern (und damit einem aufwändigen Datenvolumen) wird eine Transaktionsgebühr von mindestens 0,0005 BTC (am 19.10.2017 etwa 2,40 EUR) erwartet. Durch höhere Zahlung kann man eine bevorzugte, das heißt schnellere Bearbeitung erwarten. Alle gezahlten Gebühren gehen an den „Miner“, der die für die Transaktionsüberprüfung erforderliche Rechenleistung zur Verfügung stellt.

(3) Wie bei Barzahlungen sind die Transaktionen, wenn sie einmal akzeptiert wurden, unumkehrbar. (4) Nur der Zahler kann über seine Wallet eine Zahlung veranlassen. (5) Die Zahlungen erfolgen ohne Angabe privater Informationen. (6) Zahlungsvorgänge sind damit fast anonym (pseudonym).

(6) Bitcoins, die zu einer verlorenen oder zerstörten Wallet gehören sind – wie verlorenes Bargeld – endgültig und unwiderruflich verloren. Zwar existieren die Bitcoins noch im virtuellen Raum, doch kann niemand mehr auf sie zugreifen. (7) Eine sichere Verschlüsselung soll Missbrauch und Manipulation verhindern. (8) Der Bitcoin unterliegt extremen Wertschwankung (siehe unten).

3. Das Wesen des Bitcoins

Der Bitcoin ist eine wirksame, nur in Bits und Bytes manifestierte Idee eines Zahlungsmittels! In diesem Sinn sind Bitcoins also virtuelles Geld, das durch keine gegenständlichen Werte (z.B. Gold) gestützt wird. Das ist auch der Ansatzpunkt für viele Kritiker. Gleichwohl gilt es zu berücksichtigen, dass dies auch für einen großen Teil der traditionellen Zahlungsmittel gilt. Wenn heute Zahlungen über Sichteinlagen (Girokonten) erfolgen, handelt es sich dabei zu einem großen Teil um von den Geschäftsbanken geschaffenes Giralgeld, dem nicht einmal eine Forderung bei der Zentralbank gegenübersteht. Betrachten wir dazu die engste Definition der volkswirtschaftlichen Geldmenge, das Geldmengenaggregat M1, das sich aus dem bei Nichtbanken umlaufenden Bargeld und den Sichteinlagen zusammensetzt. Im Juli 2017 betrug M1 in der Eurozone 7.580.599 Mio EUR. Dem steht jedoch nur ein Betrag von 2.900.841 EUR an Zentralbankgeld, also dem Geld, das die Zentralbank der Wirtschaft bereitstellt, gegenüber. Die Sichteinlagen bei den Geschäftsbanken betrugen dabei 6.475.579 Mio EUR, das umlaufende Bargeld betrug 1.105.020 Mio EUR. Die Differenz zwischen Geldmenge M1 und der Zentralbankgeldmenge (Geldbasis) entspricht dem von den Geschäftsbanken kreierten Geld. Dieses Geschäftsbankengeld basiert auf keiner Wertgrundlage, nicht einmal einer Forderung gegenüber der Zentralbank. Darüber hinaus basiert auch das Zentralbankgeld nur auf einem Wertversprechen durch die Zentralbank, eine Einlösung in Gold oder Sachwerte wird nicht gewährleistet!

Aus diesen Überlegungen wird deutlich, dass die Virtualität des Bitcoins somit gar nichts Neues darstellt. Wenn wir über unsere Girokonten täglich Überweisungen vornehmen, verwenden wir ein vergleichbares virtuelles Medium!

Jeglicher Wert eines Bitcoins für seinen Eigentümer basiert ausschließlich auf dem Vertrauen, dass die anderen Nutzer von Bitcoins in dessen Wert legen! Ein Vertrauenseinbruch kann zu einer sofortigen Wertlosigkeit des Bitcoins führen. Das gilt jedoch gleichermaßen für die gesetzlichen Zahlungsmittel wie den Euro.

Das Vertrauen in den Bitcoin wird gefördert durch seine unabänderliche mengenmäßige Obergrenze von 21 Mio BTC. Darüber hinaus ist es hilfreich, dass politische Entscheidungsträger keine Möglichkeit haben, direkt in das Bitcoin-System einzugreifen. Die Politik kann allenfalls die rechtlichen Rahmenbedingungen für den Bitcoin verändern, eine willkürliche Aneignung des Systems oder dessen Reorganisation ist hingegen ausgeschlossen.

Nachteilig für den Bitcoin ist, dass (a) kein Wertversprechen durch den Staat vorliegt, dass es (b) im Allgemeinen keine gesetzliche Annahmepflicht gibt und dass (c) üblicherweise Steuern nicht in Bitcoins gezahlt werden können.

Das Vertrauen in den Bitcoin ist bislang stark steigend, jedoch mit erheblichen Schwankungen belastet. Abbildung 1 zeigt den Euro-BTC-Kurs seit Mitte 2011. Zu Beginn dieses Zeitfensters schwankt der Kurs zwischen 1,80 EUR/BTC und 7,50 EUR/BTC. Seitdem hat sich der Kurs mehr als verzweitausendfünfhundertfacht! Für August 2010 berichtet 99bitcoins.com (https://99bitcoins.com/price-chart-history/) einen Wechselkurs von weniger als 10 ct/BTC. Hätte man damals 100 EUR in BTC angelegt und sie heute verkauft, wäre der Wert auf etwa 50 Mio EUR gestiegen!

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– zum Vergrößern bitte auf die Grafik klicken –

Andererseits hätte man in bestimmten Zeitfenstern auch massive Vermögensverluste erleiden können: Von August 2011 bis Anfang Dezember 2011 ist der Kurs von 7,5 auf etwa 2 EUR/BTC gefallen, also auf etwas mehr als ein Viertel des Ausgangswertes. In den folgenden zwölf Monaten hat er sich dann wieder auf etwa 10 EUR/BTC verfünffacht und weitere vier Monate später wies er das 50-fache des Kurses vom Dezember 2011 (ca. 100 EUR/BTC) auf.

Nach einem Zwischenhoch im November 2013 (850 EUR/BTC) verbot im Dezember die chinesische Zentralbank den inländischen Finanzinstitutionen den Gebrauch von Bitcoins, was einen Absturz auf ca. 500 EUR/BTC zur Folge hatte. Dies wurde im Februar 2014 durch die Insolvenz der Bitcoin-Börse Mt. Gox (Japan) weiter verstärkt, sodass der Kurs weiter fiel (bis auf etwas mehr als 300 EUR/BTC).

Das Jahr 2017 zeigt die nicht leicht zu verstehende Dynamik des Bitcoinmarktes besonders deutlich. Zum Jahresbeginn lag der Kurs bei etwa 1000 EUR/BTC. Im Mai wurde die 2000 EUR/BTC-Schranke durchbrochen, im August dann die 3000er und die 4000er Hürde. Auf Druck der chinesischen Regierung kündigte die BTC China am 14. September an, den Bitcoinhandel zum Monatsende einzustellen. Noch am selben Tag brach der Kurs von 3315 auf 2710 EUR/BTC ein, und viele Medien sahen das Ende des Bitcoins voraus. Dies erwies sich jedoch als voreilig. Schon am nächsten Tag erholte sich der Kurs wieder und ist seitdem auf fast 5000 EUR/BTC gestiegen.

Während die jeweiligen Kurseinbrüche recht gut zu verstehen sind, ist der dramatisch Anstieg der Wechselkurse seit 2011 alles andere als leicht zu erklären. Warum also nimmt die Nachfrage in Bitcoins so stark zu?

Ein erster Erklärungsansatz besteht im Misstrauen wichtiger Anleger in die Geldpolitik wichtiger Zentralbanken und deren mögliche Auswirkungen auf den Wert der traditionellen Währungen. Die extrem expansive Geldpolitik der vergangenen Jahre, die mit ihren neuen Instrumenten eine kaum verhüllte Finanzierung von Staatsdefiziten verfolgt und möglicherweise Blasen an den Finanzmärkten erzeugt, gefährdet unter Umständen den langfristigen Wert der Währungen. Dieses Misstrauen wird noch dazu verstärkt durch Diskussionen über die Abschaffung des Bargeldes, das durch die Kryptowährungen gegebenenfalls ersetzt werden könnte!

Eine andere Erklärung könnte darin bestehen, dass mehr und mehr Finanzakteure die Überzeugung gewinnen, dass Kryptowährungen auf Grund ihrer geringen Kosten die Zahlungsmittel der Zukunft sind. Die Unmöglichkeit die Bitcoinmenge über den Wert von 21 Mio Einheiten auszudehnen, dient als Garantie für eine dauerhafte Wertbeständigkeit.

Drittens wird der Bitcoin häufig als Zahlungsmedium bei Initial Coin Offerings (ICOs) verwendet, also bei der Einführung neuer Kryptowährungen an den Börsen. Inzwischen gibt es mehr als 100 solcher digitalen Währungen mit dem Bitcoin als Vorbild.

Last but not least ist es nicht auszuschließen, dass die mehr als bemerkenswerten Kurssteigerungen der vergangenen zwölf Monate das Ergebnis einer sich selbst verstärkenden spekulativen Blase sein könnten. Die Blasenthese weist jedoch selbst erhebliche spekulative Elemente auf, da letztendlich niemand genau weiß, wie hoch der „wahre Wert“ des Bitcoins ist.

4. Politische Kontroversen um den Bitcoin

(1) Viele Gegner des Bitcoins befürchten, dass der BTC dazu beitragen könnte, rechtliche Normen auszuhöhlen. Bitcoinzahlungen könnten der Steuer vorenthalten werden oder zu kriminellen Geschäften verwendet werden („Dark Net“-Geschäfte). Beides ist grundsätzlich nicht auszuschließen, doch sollte man nicht vergessen, dass die entsprechenden Geschäfte auch mit anderen Währungen, insbesondere bei Verwendung von Bargeld, realisiert werden können. Letztendlich sind Bitcoinzahlungen nur pseudonym und lassen die Rückführung auf einen Rechtsbrecher durchaus zu – zumindest, wenn man in den Besitz der entsprechenden Wallet gelangt. Nur Bares ist wahrhaft anonym. Wenn man – wie der Verfasser dieses Blog-Beitrags – der Auffassung ist, dass die kriminelle Nutzung von traditionellem Bargeld (oder auch von Sachgegenständen wie z.B. Automobilen) nicht dessen Verbot rechtfertigt, so gilt das Argument ebenso für den Bitcoin.

(2) Kritiker argumentieren, dass der Bitcoin ein unseriöses Ponzi-Schema (Schneeballsystem) sei. Es erzeuge bei den ersten Nutzern nur dadurch hohe Gewinne (Nutzen), dass immer neue Nutzer in den Markt kommen. Irgendwann wird dieses Wachstum jedoch zu einem Ende kommen und das Ponzi-System letztlich zusammenbrechen.

Das Argument hat insofern seine Berechtigung, als die Erstbesitzer der Bitcoins eine Seigniorage (Münzgewinn) einstreichen können, ohne einen greifbaren, realen Wertgegenstand erzeugt zu haben. Unglücklicherweise gilt das jedoch auch für die traditionellen Währungen, nur dass die Seigniorage von staatlichen Einrichtungen eingenommen wird! Genau dieser Umstand hat in der Menschheitsgeschichte nicht selten dazu geführt, dass Kriege finanziert und spätere Inflationen verursacht wurden. Wenn jedoch die Existenz einer Seigniorage nicht ausreicht, um traditionelle Formen des Geldes abzulehnen, so sollte diese Abwägung auch für die Kryptowährungen gelten.

(3) Des Weiteren wird vor dem Bitcoin als einer Hochrisikoanlage gewarnt. M.E. wird aus den obigen Ausführungen deutlich, dass das Volatilität des Bitcoins bislang tatsächlich außergewöhnlich hoch ist. Gleichzeitig gilt jedoch, dass die Wertzunahme bis heute noch deutlich größer ist. Es ist zudem keineswegs sinnvoll, Handelsgeschäfte nur deshalb zu untersagen, weil sie mit einem Verlustrisiko verbunden sind. Wichtig ist allerdings, dass vor dem Einstieg in den Handel mit Bitcoins eine hinreichende Aufklärung erfolgt.

(4) Die Nutzung von Bitcoins könnte auch die Wirksamkeit der Geldpolitik beeinträchtigen. Je mehr Zahlungen in Bitcoins vorgenommen werden, desto geringer ist die Bedeutung der traditionellen Währungen. Bei Bargeldverboten könnten Ausweichreaktionen zum Bitcoin erfolgen. Man kann jedoch auch genau umgekehrt argumentieren: Die Möglichkeit, auf eine Kryptowährung ausweichen zu können, kann als Schutzschild gegen inflationäre Maßnahmen staatlicher Entscheidungsträger, wie z.B. die Finanzierung von Haushaltsdefiziten durch das Drucken von Geld, angesehen werden. Darüber hinaus ist zweifelhaft, ob der Bedarf von Kryptowährungen bei einer stabilitätsorientierten Geldpolitik allzu groß sein wird. Eine Gefährdung der alten Währungen dürfte somit nur dann vorliegen, wenn eine schlechte Geldpolitik betrieben wird.

(5) Mitunter wird die These aufgestellt, der Bitcoin könnte deflationäre Tendenzen auslösen. Ursache dafür ist die quantitative Obergrenze von 21 Mio BTC-Einheiten. Wird diese erreicht, dann müsste bei weiterem Wirtschaftswachstum eine größere Menge von Transaktionen mit einem gleichen Geldvolumen abgewickelt werden. Dies könnte zu sinkenden Preisen führen, da damit der Geldwert der Transaktionen auf den Bitcoinbestand angepasst werden kann.

Dieses Argument gilt nur dann, wenn ausschließlich Zahlungen mit einer einzigen Kryptowährung – also dem Bitcoin – vorgenommen werden. Solange jedoch weiterhin das nach oben unbeschränkte Zentralbank- und Giralgeld verwendet wird, besteht diese Gefahr nicht. Das vermeintliche Problem entfällt auch dann, wenn neben dem Bitcoin, ganz nach Bedarf, weitere Kryptowährungen (mit entsprechenden Mengenobergrenzen) angeboten werden.

(6) Auch das Gegenteil von (5) wird als Kritik am Bitcoin angeführt: Durch die Einführung immer neuer Kryptowährungen könnte die Volkswirtschaft mit Liquidität überflutet werden, und Inflation könnte die Folge sein. Dies wäre dann zutreffend, wenn die Bürger zur Verwendung dieser Währungen gezwungen würden oder sie immer neuen Währungen blindlings vertrauten. Beides dürfte jedoch nicht der Fall sein, sodass es neue Währungsanbieter sehr schwer haben dürften, ihre Währung in die Wirtschaft zu verkaufen, wenn die Geldnachfrage durch die vorhandenen Währungen gedeckt wird. Neue Währungen würden schlichtweg nicht als Zahlungsmittel akzeptiert werden und wertlos sein!

(7) Nach all dieser Kritik nun ein gewichtiges Argument für die neuen Kryptowährungen: In den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts stellte Friedrich August von Hayek (1977) seine Idee des Währungswettbewerbs vor. Die Idee privater, konkurrierender Währungsanbieter schien damals schlicht zahlungstechnisch unvorstellbar. Wer hätte schon stets die vielen Wechselkurse im Kopf um Preisvergleiche vorzunehmen? Wie kann der Missbrauch des übermäßigen (heimlichen) Druckens von Geld vermieden werden? Die ursprünglich utopische Idee hat in der modernen Zeit mit Mobiltelefonen, die eine Rechenleistung von Großcomputern der siebziger Jahre aufweisen, und der Idee der Kryptowährung seinen utopischen Charakter verloren und ist – zugegebenermaßen in geringem Umfang – Realität geworden! Wie Hayek jedoch theoretisch argumentiert hat, könnte ein solcher Währungswettbewerb der Kryptowährungen ein bestmöglicher Schutz gegen den Missbrauch der geldpolitischen Instrumente sein. Die aktuellen Entwicklungen stellen somit ein natürliches Feldexperiment zur alten Hayekschen Theorie dar und sollten die Möglichkeit zur Bewährung erhalten. Niemand kann heute wirklich abschätzen, welche Auswirkungen die neuen Zahlungsmittel aufweisen werden.

Inzwischen gibt es mehr als 100 Kryptowährungen – die bekanntesten neben dem Bitcoin sind vermutlich Ethereum, Ripple, Bitcoin Cash und Litecoin –, für Wettbewerb ist somit in jedem Fall gesorgt!

Der Bitcoin wurde schon oft totgesagt. Doch nach jedem Rückschlag hat sich die Währung schnell erholt. Seit dem 1. April 2017 ist sie sogar offizielles, legales Zahlungsmittel in Japan! Dies ist ein großer Schritt nach vorn und lässt vermuten, dass der Bitcoin tatsächlich keine reine Modererscheinung ist.

5. Fazit

Der Bitcoin stellt ein innovatives virtuelles Zahlungsmittel mit großen Wertschwankungen und bislang noch größeren Wertzuwächsen dar. Da der Bitcoin das Potential hat, den Handlungsspielraum politischer Entscheidungsträger einzuschränken, stößt er in der Politik auf wenig Sympathie. Obwohl seine volkswirtschaftliche Bedeutung mäßig bis (sehr) gering ist, finden sich immer wieder Versuche, die vermeintliche Gefahr im Keim zu ersticken. Dies ist jedoch derzeit nicht wünschenswert. Wir erleben hier die Verwirklichung der Hayekschen Idee des Währungswettbewerbs und es gibt gute Gründe zu glauben, dass die neuen Kryptowährungen einen spürbaren positiven Nutzen aufweisen. Die traditionellen gesetzlichen Zahlungsmittel wird der Bitcoin wohl nicht ersetzen, zumindest solange nicht, wie eine halbwegs stabilitätsorientierte Geldpolitik verfolgt wird und der Geldwert erhalten bleibt.

Die Zukunft des Bitcoins (und der anderen Kryptowährungen) ist gleichwohl ungewiss. Seinem großen und derzeit sicher noch lange nicht ausgeschöpften Potential stehen zwei grundlegende Unsicherheiten entgegen: (a) das Vertrauen in die neuen Währungen lässt sich nicht verlässlich steuern, und mit einem möglichen, unvorhersehbaren Vertrauensverlust droht auch der entsprechende Wertverlust; (b) wie immer verfügen die Gesetzgeber über die Möglichkeit, die Rahmenbedingungen zur Nutzung des Bitcoins zu verschlechtern. Das Beispiel Chinas zeigt dies überdeutlich. Hoffen wir also darauf, dass die Politik in den anderen wichtigen Handelsnationen dem Bitcoin die Chance geben, Hayeks Idee des Währungswettbewerbs einem fairen Praxistest zu unterziehen.

Literatur

Hayek, Friedrich August von (1977): Entnationalisierung des Geldes. Eine Analyse der Theorie und Praxis konkurrierender Umlaufsmittel, Tübingen: Mohr.

Nakamoto, Satoshi (2008), Bitcoin: A Peer-to-Peer Electronic Cash System, https://bitcoin.org/bitcoin.pdf.

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