Gastbeitrag
Spanien und Katalonien
Separatismus ist wirtschaftlich schädlich

Von Claus-Friedrich Laaser und Klaus Schrader am 27. Oktober 2017
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Der Konflikt um den zukünftigen Status Kataloniens droht die wirtschaftliche Erholung in Spanien zu gefährden. Aber auch das wirtschaftsstarke Katalonien profitiert von den Verflechtungen mit anderen Regionen Spaniens und vom freien Zugang zum Europäischen Binnenmarkt. Eine einseitige Unabhängigkeit würde diese wichtigen Bande zerschneiden.

DIE AUSGANGSLAGE

Spanien war bislang auf gutem Wege, seine Wirtschaftskrise hinter sich zu lassen und konnte trotz aller politischen Turbulenzen der letzten Jahre seinen Ruf als Krisenland ablegen. In diesen Zeiten guter Nachrichten aus Spanien sorgt die von katalanischer Regionalregierung und Regionalversammlung vorangetriebene einseitige Unabhängigkeit Kataloniens vom spanischen Gesamtstaat für große Turbulenzen. Dieser Schritt hat zu Gegenmaßnahmen der spanischen Regierung und Justiz geführt, die unter allen Umständen die verfassungsmäßige Ordnung auch in Katalonien aufrechterhalten wollen. Das Verfahren nach Artikel 155 der spanischen Verfassung soll die separatistischen Bestrebungen über eine vorübergehende Entmachtung der regionalen Institutionen eindämmen helfen. Dennoch muss befürchtet werden, dass selbst ein nur schwelender Konflikt die wirtschaftliche Entwicklung in Spanien und nicht zuletzt in Katalonien selbst stark beeinträchtigen wird.

In diesem Blog sind schon eine ganze Reihe aufschlussreicher Beiträge zu diesem Problemkomplex veröffentlicht worden, u.a. von Thomas Apolte (hier), Norbert Berthold (hier) und Juergen B. Donges (hier; hier). Die Autoren dieses Kommentars möchten einige weitere Facetten zum Gesamtbild beisteuern und sich auf die Bedeutung Kataloniens für die spanische Volkswirtschaft konzentrieren. Es wird dargelegt, welches wirtschaftliche Gewicht Katalonien in Spanien hat, wie es spezialisiert ist und welche wirtschaftlichen Verflechtungen für Katalonien von Bedeutung sind. Vor diesem Hintergrund wird aufgezeigt, wie ein ökonomisch sinnvoller Interessenausgleich als Alternative zu den gegenwärtigen separatistischen Bestrebungen aussehen könnte.

DAS WIRTSCHAFTLICHE GEWICHT DER SPANISCHEN REGIONEN

Die spanischen Regionen – 17 autonome Regionen und zwei autonome Städte – tragen in unterschiedlichem Umfang zur spanischen Wirtschaftsentwicklung bei. Am bevölkerungsreichsten ist Andalusien mit 18,1 %, gefolgt von Katalonien mit 16 %, Madrid mit 13,8 % und Valencia mit 10,6 % der Gesamtbevölkerung. Das ökonomische Gewicht der einzelnen Regionen zeigt sich bei ihren Anteilen am spanischen BIP: Auf Katalonien und Madrid entfallen jeweils etwa 19 %, Andalusien (13 %) und Valencia (9 %) folgen schon mit Abstand. Damit trägt Madrid bevölkerungsgewichtet im Vergleich der Großregionen am stärksten zum spanischen BIP bei, Kataloniens Beitrag ist ebenfalls überproportional, wenn auch geringer.

Auch weitere Indikatoren zeigen ein differenziertes Bild der wirtschaftlichen Stärke Kataloniens: Beim relativen Wohlstand der spanischen Regionen befindet sich Kataloniens Pro-Kopf-Einkommen mit 107 % über dem EU-28-Durchschnitt, drei weitere Regionen weisen jedoch deutlich höhere relative Pro-Kopf-Einkommen auf. So kommt Madrid auf einen Spitzenwert von fast 123 % des EU-28-Durchschnitts, es folgen das Baskenland und Navarra. Ebenso wenig lässt die Analyse des regionalen Wirtschaftswachstums den Schluss zu, dass Katalonien die spanische Volkswirtschaft dominiert. Die reale Bruttowertschöpfung Kataloniens ist über den Zeitraum von 2001 bis 2015 im spanischen Durchschnitt gewachsen, womit Katalonien als große Region einen signifikanten Wachstumsbeitrag geleistet hat, aber keineswegs der Wachstumstreiber Spaniens ist — das Wachstum der Region Madrid war höher.

Auch wird Katalonien keineswegs von den immer noch sichtbaren Folgen der spanischen Krise verschont. So ist die Lage auf dem spanischen Arbeitsmarkt nach wie vor angespannt. Trotz des allmählichen Beschäftigungsaufbaus der letzten Jahre herrscht mit einer Arbeitslosenquote von fast 20 % weiterhin Massenarbeitslosigkeit. Katalonien ist mit einer Arbeitslosenquote von fast 16 % auch in dieser Hinsicht nicht wirklich ein regionaler Ausreißer im positiven Sinne. Massenarbeitslosigkeit ist ein gesamtspanisches Problem, von dem Katalonien nicht ausgenommen ist.

Eine Stärke Kataloniens ist hingegen zweifellos seine Industrie: Fast jeder Vierte spanische Industriearbeitsplatz befindet sich in Katalonien, 23 % der spanischen Industrieproduktion entfielen 2016 auf katalanische Standorte. Die Schwerpunkte der katalanischen Industrie liegen dabei in den Bereichen Chemie und Pharma sowie im Fahrzeugbau. Überraschen mag, dass die international wichtigen Branchen des Fahrzeugbaus in Katalonien zwar stark vertreten sind, insbesondere der Automobilbau, doch haben diese Branchen im spanischen Durchschnitt sogar einen noch höheren Anteil.

Damit hat Katalonien insgesamt zwar einen starken Industriesektor, aber innerhalb Spaniens ist keine Monopolisierung wichtiger Industriezweige an katalanischen Standorten zu beobachten. Die Industriestrukturen Spaniens legen vielmehr eine Arbeitsteilung zwischen den Regionen entsprechend ihrer Spezialisierungsvorteile nahe. Dieses Bild spiegelt sich auch in den höher aggregierten sektoralen Strukturen der spanischen Volkswirtschaft wider: Während Katalonien bei der Industrie hervorragt, ist Madrid stärker auf Dienstleistungen spezialisiert und Andalusien hat seinen Fokus auf der Landwirtschaft.

Diese Bestandsaufnahme macht zudem generell deutlich, dass Katalonien zwar ein vergleichsweise hohes wirtschaftliches Gewicht für die spanische Volkswirtschaft hat, aber die Region Madrid kaum hinten ansteht – eine katalanische Dominanz ist aus den hier dargestellten Indikatoren nicht ablesbar. Die wirtschaftlichen Gewichte sind in Spanien ausgewogener verteilt als es häufig unterstellt wird.

DIE WIRTSCHAFTLICHEN VERFLECHTUNGEN KATALONIENS

Der katalanische Schwerpunkt bei der Herstellung handelbarer Güter impliziert zudem enge Verflechtungen mit den anderen spanischen Regionen und insbesondere auch mit dem europäischen Ausland und den Weltmärkten. Entsprechend ist die katalanische Wirtschaft wesentlich exportintensiver als die anderen spanischen Regionen, was sich in den vergangenen Jahren sogar noch weiter verstärkt hat. Katalonien weist den absolut höchsten Exportwert aller spanischen Regionen auf: 2016 waren es mit 65,1 Mrd. Euro mehr als die Warenexporte der Regionen Valencia und Madrid zusammen genommen und mehr als ein Viertel der spanischen Gesamtexporte.

Insofern nimmt Katalonien mit seiner Außenorientierung in Spanien eine besondere Stellung ein. Die Annahme, dass diese Stärke im Falle einer Loslösung von Spanien erhalten bliebe, wäre jedoch verfehlt. Denn die katalanische Exportwirtschaft ist zum einen auf die regionalen Liefer- und Abnehmerverflechtungen innerhalb des spanischen Gesamtstaats angewiesen. Katalonien führt die Rangfolge im Handel zwischen den spanischen Regionen an: 18,6 % aller interregionalen Ströme kommen aus Katalonien. Diese interregionalen Austauschbeziehungen dürften bei einem einseitigen Austritt Katalonien aus dem spanischen Gesamtstaat komplizierter werden. Zum anderen ist zu bedenken, dass Katalonien bei einer Separation von Spanien keinen freien Zugang zum EU-Binnenmarkt wie zuvor im spanischen Verbund hätte – eine unmittelbare katalanische EU-Mitgliedschaft erscheint ausgeschlossen. Das hieße, dass die interregionalen Lieferungen (2016 waren das 28,7 % des katalanischen Produktionswerts) und die Exporte (48,1 %) – insgesamt also mehr als drei Viertel der katalanischen Produktion –zwar nicht völlig zusammenbrechen würden, aber doch von spürbaren Einschränkungen betroffen wären.

EIN WEG AUS DER KRISE

Durch eine einseitige Unabhängigkeit von Spanien würde die katalanische Wirtschaft die Vorteile aus der Integration in die spanische und europäische Arbeitsteilung erst einmal verlieren. Die gerade im Zeitalter der Globalisierung wichtigen Produktions- und Lieferketten würden insbesondere zulasten katalanischer Standorte gestört, wenn nicht für längere Zeit unterbrochen werden. Ökonomisch rational handelnde katalanische Regionalpolitiker müssten daher eigentlich der Offenheit der innerspanischen und europäischen Grenzen allerhöchste Priorität einräumen — einseitige Akte zur Erlangung einer staatlichen Unabhängigkeit würde dagegen in dieser Hinsicht die Rationalität fehlen.

Das heißt allerdings nicht, dass der Status quo der innerspanischen Beziehungen bewahrt werden müsste. Offensichtlich haben die separatistischen Bestrebungen in Katalonien auch ihre Ursachen in einer als unvorteilhaft angesehenen „föderalen“ Arbeitsteilung der Region mit dem spanischen Zentralstaat. Stichworte sind in diesem Zusammenhang die Zuweisung von staatlichen Aufgaben und deren Finanzierung,  die Ausgestaltung des Finanzausgleichs zwischen den Regionen und Fragen der Steuerhoheit.  Spaniens Autonomiesystem erscheint als eine Art „Föderalismus a la carte“, dem Transparenz und einheitliche Regeln des föderalen Miteinanders fehlen. Doch sind nachhaltige Lösungen für Probleme dieser Art unterhalb der Schwelle zu einer staatlichen Unabhängigkeit möglich — hier bietet sich die Weiterentwicklung der föderalen Strukturen Spaniens nach den Regeln der Theorie des fiskalischen Föderalismus an. Das würde bedeuten, die Kompetenzverteilung zwischen Zentralstaat und autonomen Regionen nach dem Subsidiaritätsprinzip neu zu ordnen und eine angemessene Verteilung der Finanzierungslasten auszuhandeln. Eine föderale Neuordnung dieser Art wird jedoch nichts daran ändern, dass die reicheren Regionen mehr zur Finanzierung der spanischen Staatsaufgaben beitragen müssen als die ärmeren Regionen, damit die Lebensverhältnisse in Spanien nicht zu stark divergieren. Im Gegenzug profitieren nicht zuletzt die wirtschaftsstarken Regionen von der Integration regionaler spanischer Märkte und von der gesamtspanischen Integration in den Europäischen Binnenmarkt.

Die Schlussfolgerung im Fall Kataloniens sollte daher lauten, dass ein überzogener Nationalismus ökonomisch ebenso unvorteilhaft ist wie eine überzogene Zentralisierung staatlicher Kompetenzen. Einen Weg aus der Krise kann die von den großen Parteien in Madrid in Aussicht gestellte Verfassungsreform darstellen. Dann sollte es aber nicht nur um den Status Kataloniens, sondern um eine grundlegende Erneuerung der föderalen Strukturen Spaniens mit gleichen Regeln für alle Regionen gehen. Es bliebe der katalanischen Politik unbenommen, zusammen mit den anderen Regionen politische Mehrheiten für einen dauerhaften Interessenausgleich auf dem Boden der spanischen Verfassung zu organisieren.

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Nähere Einzelheiten und die verwendeten statistischen Quellen zu diesem Themenkomplex finden sich in
Kiel Policy Brief 108 „Die Bedeutung Kataloniens für die spanische Volkswirtschaft“

Weitere Blog-Beiträge zu diesem Thema:

Juergen B. Donges: Zum geplanten Referendum in Katalonien. Verfassungswidrig, undemokratisch, populistisch

Thomas Apolte: Sezession und individuelle Freiheit. Anmerkungen zu einem Beitrag von Roland Vaubel

Jan Schnellenbach: Schottland, Großbritannien und die EU. Eine schwierige Konstellation aus politisch-ökonomischer Sicht

Norbert Berthold: Der Wunsch nach einem eigenen Staat. Ist Schottland bald überall?

Tim Krieger: Das Schottland-Referendum. Eine Herausforderung für die Autokratien und Demokratien dieser Welt.

Roland Vaubel: Das katalanische Referendum

Juergen B. Donges: Katalonien: Droht eine Abspaltung von Spanien?

2 Reaktionen zu “Gastbeitrag
Spanien und Katalonien
Separatismus ist wirtschaftlich schädlich

  1. Kleine Presseschau vom 27. Oktober 2017 | Die Börsenblogger

    […] Wirtschaftliche Freiheit: Spanien und Katalonien – Separatismus ist wirtschaftlich schädlich […]

  2. Timon Renz

    Die letztliche Frage bleibt doch, in welchem Ausmaß ökonomische Rationalitäten überhaupt Einfluss auf die Meinungsbildung der katalanischen Bevölkerung haben. Und falls sie einen signifikanten Einfluss haben sollten, diese mit der Zeit und Intensität des „Problems“ mehr und mehr in den Hintergrund geraten könnten.

    Ökonomische Argumente können nur dann in der Wahrnehmung der Bevölkerung relevant werden, wenn die für die Unabhängigkeitsbestrebungen zentralen zivilgesellschaftlichen und politischen Eliten diese auch in die öffentliche Arena tragen. Ansonsten bleiben identitätspolitische Aspekte zentral und die ökonomischen Vorbehalte verpuffen an den Einzelmeinungen weniger Katalanen am Stammtisch oder in wissenschaftlichen Zitierzirkeln.

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