Gastbeitrag
Städte quellen über, das Land dünnt sich aus
Anteil der Landbevölkerung so gering wie seit 1871 nicht mehr

Wie Magneten ziehen Deutschlands Städte seit 150 Jahren neue Einwohner an. Unsere Ergebnisse zeigen einen sehr langfristigen Trend zugunsten urbaner Räume – in Ost wie West. Der Anteil der Bevölkerung, die auf dem Land lebt, hat mittlerweile sowohl in schrumpfenden Regionen als auch in Wachstumsregionen den niedrigsten Stand seit 1871 erreicht. Während der gesamten Nachkriegszeit hat sich Deutschlands Bevölkerung noch nie so stark auf einzelne Städte konzentriert wie heute.

Verkehrsstaus, Mietexplosion, Warteschlangen auf dem Amt – Deutschlands Städte quellen scheinbar über. Insbesondere junge Menschen zieht es zu den großen urbanen Magneten wie Berlin, München oder dem Rhein-Main-Gebiet. Gleichzeitig erlebt aber auch das Leben auf dem Land eine unerwartete Renaissance im gesellschaftlichen Diskurs. In der politischen Diskussion um gleichwertige Lebensverhältnisse spielt der ländliche Raum nach langer Zeit wieder eine deutlich stärkere Rolle. Trotz der verstärkten Debatte um räumliche Ungleichheiten ist wenig über langfristige Entwicklungen bekannt: Dominiert in Deutschland die Landflucht oder die Landlust? Wie ist die aktuelle Entwicklung historisch einzuordnen? War Deutschland früher ländlicher oder sogar noch urbaner?

Wir untersuchen mithilfe neuer historischer Daten die Urbanisierung in Deutschland in den vergangenen 150 Jahren – mit einem eindeutigen Ergebnis: Deutschlands Städte werden immer populärer, das Land verliert seine Bindekraft. Seit 150 Jahren wächst kontinuierlich der Anteil der Menschen, der sich für ein Leben in der Stadt entscheidet. Mittlerweile hat der Anteil der Stadtbevölkerung einen neuen historischen Rekordstand erreicht. Dieser Trend ist gleichermaßen in Regionen in Ost- und Westdeutschland zu spüren. Einen abnehmenden Anteil der Landbevölkerung beobachten wir sowohl in wachsenden Regionen wie Hessen als auch in stark schrumpfenden Regionen wie Sachsen oder in stagnierenden Regionen wie der Raum Berlin/Brandenburg. Diese langanhaltende Entwicklung des ländlichen Raums bedarf künftig bundesweit nochmals verstärkter und besonderer Aufmerksamkeit.

Daten

Wir haben aus historischen Volkszählungsstatistiken einen neuen Datensatz zusammengestellt, der die Einwohnerzahlen einzelner deutscher Gemeinden seit 1871 beinhaltet. Eine Aufzählung aller verwendeten Quellen würde den Umfang dieses Beitrags sprengen; die Autoren stellen auf Anfrage eine Liste aller verwendeten Datenquellen zur Verfügung. Ein solcher Datensatz existierte bisher aufgrund der zahlreichen Grenzänderungen der Gemeinden nicht. Aus dem Datensatz haben wir drei mittelgroße Bundesländer mit vergleichbarer Einwohnerzahl und Siedlungsstruktur ausgewählt, für die wir über vollständige Daten für alle Gemeinden verfügen: Berlin/Brandenburg (zusammengerechnet), Hessen und Sachsen. Alle drei Länder besitzen große urbane Zentren wie Berlin, Frankfurt am Main bzw. Dresden und Leipzig, haben aber zugleich auch stark ländlich geprägte Regionen. Die Einwohnerzahl in allen drei Ländern hat sich bis zum zweiten Weltkrieg jeweils in etwa verdoppelt und damit sehr ähnlich entwickelt. Nach dem Krieg hätte der Trend in den Einwohnerzahlen der drei Länder jedoch unterschiedlicher nicht sein können (siehe Abb. 1 sowie Rösel 2019): Hessen hat seit dem Krieg rund zwei Millionen Einwohner gewonnen, Sachsen hat seit 1945 rund zwei Millionen Einwohner verloren und die Einwohnerzahl von Berlin und Brandenburg hat sich seit 1945 so gut wie nicht verändert. Wir beobachten die gesamten Einwohnerzahlen der drei Bundesländer, aber auch die Bevölkerung auf Ebene der 418 (Berlin/Brandenburg), 427 (Hessen) bzw. 421 (Sachsen) Gemeinden zum Stand 31.12.2018.

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Vorgehen

Wir berechnen zwei Maße, die uns Auskunft über die Urbanisierung der drei Bundesländer geben. Erstens berechnen wir den Anteil der Bevölkerung eines Bundeslandes, der in den urbanen Teilen des Landes wohnt. Als urban klassifizieren wir solche Gemeinden, die von der europäischen Statistikbehörde Eurostat zum 31.12.2017 die „Degree of Urbanisation“-Einstufung (DEGRUBA) von 1 oder 2 erhalten hatten. Diese Klassifikation behalten wir für alle Beobachtungsjahre bei. Wir nehmen also an, dass urbane Gebiete innerhalb unseres Beobachtungszeitraums immer urban waren und geblieben sind. Anschließend zählen wir, wie viele Einwohner des jeweiligen Bundeslandes in urban klassifizierten Gemeinden leben und teilen den Wert durch die Gesamteinwohnerzahl. Der Höchstwert dieses Maßes wäre bei einem Wert von 100% erreicht – alle Einwohner eines Bundeslandes würden dann in städtisch geprägten Regionen wohnen. Bei 0% würde die gesamte Bevölkerung in ländlichen Gemeinden wohnen. Zweitens interessieren wir uns für die Verteilung der Bevölkerung auf die einzelnen Gemeinden innerhalb der jeweiligen Bundesländer. Ein hierfür naheliegendes Maß ist der Gini-Koeffizient. Bekannt ist dieser Koeffizient durch die Analyse von Einkommens- und Vermögensungleichheit. Wir messen hingegen, wie gleich oder ungleich sich die Bevölkerung der drei Bundesländer auf ihre einzelnen Gemeinden und damit im Raum verteilt. Der Höchstwert des Gini-Koeffizienten von 1 würde implizieren, dass sämtliche Einwohner eines Bundeslandes in einer einzigen Gemeinde wohnen. Bei einem Gini-Koeffizienten von 0 hätten dagegen alle Gemeinden exakt gleich viele Einwohner – eine vollständige Gleichverteilung. Wir können dieses Maß über die Zeit vergleichen, da sich der Gebietsstand in unseren Daten über die Zeit nicht verändert.

Ergebnisse

Abbildung 2 zeigt unsere Kernergebnisse. In Rot ist der Anteil der Bevölkerung von Berlin/Brandenburg abgetragen, der in städtisch geprägten Regionen lebt. Mit der Ausnahme eines starken Einbruchs zur Zeit des Zweiten Weltkrieges, als Zerstörung und Hunger die Menschen aufs Land trieben, beobachten wir einen kontinuierlichen Anstieg des Anteils der Stadtbevölkerung. Zu DDR-Zeiten setzte sich der Vorkriegstrend ungebrochen fort. Mit 88% aller Einwohner leben heute anteilig so viele Menschen in den größeren Städten von Berlin/Brandenburg wie seit 1871 nicht. Ein nochmals stärkerer Trend zur Urbanisierung zeigt sich in Hessen (blaue Kurve). 1871 lebten 65% der Hessen in Städten, 2018 waren es 83%. Der Vorkriegsrekord von 79% wurde dort bereits 1956 eingestellt. In grün ist Sachsen dargestellt. Sachsen und Hessen folgen bis 1946 einem nahezu identischen Urbanisierungstrend. Nach der deutschen Teilung verließen aber mehr Menschen die ländlichen Gebiete in Sachsen als die großen Städte. In der Folge stieg auch in Sachsen der Anteil der Stadtbevölkerung und hat 2018 mit 78% den historischen Rekord von 1939 eingestellt. Sowohl in Wachstums- als auch schrumpfenden Regionen beobachten wir damit den gleichen, kontinuierlichen und sich seit den 2000er-Jahren eher wieder verstärkenden Trend in Richtung der Städte. Zwar verläuft die Entwicklung deutlich weniger schnell als zur Zeit der Industrialisierung in den 1870er-Jahren, sie ist dafür aber ungebrochen.

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Wir untersuchen auch, wie gleich oder ungleich sich die Einwohner auf die einzelnen Städte und Gemeinden der drei Bundesländer verteilen. Abbildung 3 zeigt die Ergebnisse. Erwartungsgemäß weist Berlin/Brandenburg den höchsten Wert in der regionalen Einwohnerkonzentration auf. Die Großstadt Berlin dominiert das Brandenburger Umland deutlich. Auch bei diesem Maß wurde ein neuer Nachkriegsrekord erreicht: mit einem Gini-Koeffizienten von 0,87 ist die Einwohnerschaft von Berlin/Brandenburg heute so ungleich auf die Gemeinden des Landes verteilt wie nie zuvor seit 1946. In der direkten Vorkriegszeit war die Ungleichheit nur unwesentlich höher. Ähnliche Entwicklungen zeigen Sachsen und Hessen, wo 2018 ebenfalls die Rekorde der Vorkriegszeit eingestellt wurden. Interessant erscheint zudem, dass zur DDR-Zeit die Ungleichheit in der Einwohnerverteilung sowohl in Sachsen als auch Berlin/Brandenburg stark zugenommen hat, während sie in Hessen zwischen 1961 und 2011 zurückgegangen ist. Überraschenderweise hat sich damit in der DDR-Planwirtschaft die Ungleichheit in der Einwohnerverteilung verstärkt, in der Marktwirtschaft hingegen abgenommen. Die Hintergründe dieses Ergebnisses wären ein interessanter Gegenstand der weiteren Forschung.

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Schlussfolgerungen

Seit 150 Jahren wirken die deutschen Städte wie Magneten. Der Anteil von Menschen, die im städtischen Raum leben, hat kontinuierlich zugenommen und heute den höchsten Stand seit 1871 erreicht. Im Gegensatz dazu verliert der ländliche Raum deutschlandweit zunehmend Bevölkerung, besonders aber in Ostdeutschland (Rösel 2019). Die steigende räumliche Unwucht in der Einwohnerverteilung erschwert die flächendeckende Versorgung mit öffentlichen Leistungen wie Gesundheit, Pflege und Verkehrsinfrastruktur. Unsere Daten haben gezeigt, dass dieser Trend zur Urbanisierung nicht neu ist. Das heute erreichte Ausmaß der Landflucht vorwiegend junger Menschen sollte jedoch Anlass für eine verstärkte Debatte um Maßnahmen zur Stärkung des ländlichen Raumes sein.

Literatur

Rösel, F. (2019): Die Wucht der deutschen Teilung wird völlig unterschätzt, ifo Dresden berichtet 27 (3), 2019, 23-25.

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