Konjunkturprognosen im Wechselbad der Pandemie

Die Corona-Pandemie hält Gesellschaft und Wirtschaft in Deutschland weiter fest im Klammergriff. Die bislang aufgelaufenen Wohlstandsverluste dürften in Deutschland in einer Größenordnung von 250 Milliarden Euro liegen. Die noch im Spätsommer 2020 dominierende und aus heutiger Sicht waghalsige Zuversicht auf eine durchgehende Erholung hat sich im Winterhalbjahr 2020/2021 in Luft aufgelöst. Das zum Jahresende 2020 auch hierzulande stark angestiegene Infektionsgeschehen hat zu einem erneuten Stillstand in Teilen des Dienstleistungssektors geführt. Nach den ersten Einschränkungen Anfang November kam es dort ab Mitte Dezember 2020zu breiter angelegten staatlich angeordneten Schließungen. Im Bereich der Sonstigen Dienstleistungen, zu denen etwa das Kulturschaffende Gewerbe zählt, fiel die Wirtschaftsleistung bereits im Durchschnitt des vierten Quartals 2020 auf das niedrige Niveau des zweiten Quartals 2020 zurück. Nachdem die Wertschöpfung des gesamten Dienstleistungssektors im vierten Quartal 2020 schon um 2,6 Prozent gegenüber dem Vorquartal zurückging, dürften die Belastungen des erneuten Lockdowns in ihrer vollen ökonomischen Wirksamkeit vorwiegend im ersten Quartal 2021 sichtbar geworden sein. Trotz erster und vorübergehender Öffnungen ab Anfang März 2021 sind Teile der haushalts- und personenbezogenen Dienste seit mehr als einem Vierteljahr geschlossen oder zumindest stark eingeschränkt. Öffnungsperspektiven für die Breite der Dienstleistungsökonomie sind Ende März 2021 angesichts steigender Infektionszahlen nicht in Sicht.

Dagegen konnte die deutsche Industrie ihre Erholung fortsetzen, wenngleich das Tempo innerhalb des vierten Quartals 2020 spürbar nachgelassen hat und im Januar 2021 ein leichter Rückgang zu verzeichnen war. Zuletzt haben sich auch stockende Produktionsprozesse infolge fehlender Bauteile – in der Autoindustrie waren dies etwa Halbleiter – abgezeichnet. Zusammen mit anderen Faktoren wird damit auch deutlich, dass die Industriekonjunktur derzeit kein risikofreies Gelände ist. Nachdem das Verarbeitende Gewerbe im zweiten Quartal 2020 am stärksten innerhalb des gesamtwirtschaftlichen Branchengefüges getroffen wurde, konnte die Produktionslücke (gegenüber dem Jahresdurchschnitt 2019) im Schlussquartal 2020 auf 5,8 Prozent vermindert werden – nach 23 Prozent im zweiten Quartal. Ein wesentlicher Treiber dieses im Vergleich mit allen früheren Industriekrisen spektakulären Erholungstempos war das ebenso beeindruckende Comeback beim Welthandel. Es brauchte nur ein halbes Jahr, bis die globalen Einfuhren nach ihrem starken Einbruch im Frühjahr in Höhe von 13 Prozent das Niveau vom Jahresanfang 2020 wieder erreichten. Zum Vergleich: Um den in der Spitze nur um 5 Prozentpunkte stärkeren Rückgang beim Weltimport im Gefolge der globalen Finanzmarktkrise 2008/2009 auszugleichen, brauchte es damals 20 Monate. Vor allem China und die USA haben mit ihrer schnellen und kräftigen Importerholung den Welthandel und damit auch die deutschen Industrieexporte maßgeblich stimuliert. Während die globalen Importe im Jahr 2020 um 5,5 Prozent gegenüber dem Vorjahresniveau schrumpften, legten die chinesischen Importe im Jahresdurchschnitt um 3,4 Prozent zu. In Anbetracht des vergleichsweise hohen Infektionsgeschehens und der politischen Unsicherheiten, die die USA mehr oder weniger über das gesamte Jahr 2020 geprägt haben, ist die ökonomische Performance der US-Wirtschaft und ihr Antriebsmoment für die Weltkonjunktur beachtlich. Ein insgesamt robuster Welthandel hat wohl auch im ersten Quartal 2021 die deutsche Industrie über ihre Exportschiene in der Spur gehalten. Dies dürfte jedoch nicht ausgereicht haben, um die Beeinträchtigungen im deutschen Servicesektor zu kompensieren.

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Entscheidend für die weitere wirtschaftliche Entwicklung wird das erfolgreiche Zurückdrängen der Pandemie sein. Eine Reihe von Ländern hat beachtliche Fortschritte bei der Impfung ihrer Bevölkerungen bereits vollzogen und dies wird sich in den nächsten Monaten beschleunigt fortsetzen. Dazu tragen auch die mittlerweile mehrfach entwickelten und zugelassenen Impfstoffe und eine breit angelegte und ausgedehnte Impfstoffproduktion bei – etwa in Europa, Nordamerika, Russland, China und Indien. Die Massenimpfung und annähernde Immunisierung der Bevölkerungen in den fortgeschrittenen Volkswirtschaften und einer Reihe von Schwellenländern und die daraus abgeleitete sinkende Anfälligkeit der Gesundheitssysteme sichert die Perspektive einer permanenten Öffnung und Normalisierung des Wirtschaftslebens ab. Die vorübergehend hohe Spartätigkeit und eine Festigung der individuellen Beschäftigungsaussichten können aufgestaute Konsumwünsche alimentieren. Auch bei den Investitionen hat sich bislang eine markante Lücke zum Vorkrisenniveau aufgebaut, deren allmähliche Schließung dann im Prognosezeitraum zusätzliche Konjunkturimpulse wahrscheinlich werden lässt.

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Diese berechtigte Zuversicht beim Zurückdrängen der Pandemie markiert zugleich aber auch das zentrale Risiko für die weitere wirtschaftliche Entwicklung und die sie beschreibenden Prognosen. Zum einen kam bislang jedenfalls in Deutschland die Impfung der Bevölkerung nur schleppend in Gang. Gute Fortschritte können bei Risikogruppen – etwa den betagten Bewohnern in Alten- und Pflegeheimen sowie der Altersgruppe der über 80-Jährigen– realisiert werden. Große Teile der Bevölkerung bleiben aber auch im zweiten Quartal 2021 offensichtlich noch ohne Impfschutz und damit anfällig für eine Infektion. Zum anderen weisen die derzeit auftretenden Virus-Mutationen auf ein erneut beschleunigtes Ansteckungsgeschehen hin, was schließlich wieder mit ansteigenden Belastungen im Gesundheitssystem einhergehen und entsprechende politische Restriktionen auslösen kann. Eine fortschreitende Impfung von Risikogruppen wirkt dieser Gefahr allerdings entgegen. Gleichwohl können erneut kräftig ansteigende Infektionen im zweiten Quartal 2021 nicht ausgeschlossen werden – zuletzt wird diese Gefahr mehr und mehr sichtbar und sie steigt an. Damit bestehen auch die bekannten Geschäftsrisiken auf der Angebots- und Nachfrageseite der Unternehmen und der gesamten Volkswirtschaft fort. Sei es über erneute Schließungen von bestimmten Dienstleistungsbereichen über weite Teile des zweiten Quartals 2021. Oder über nicht vollständig rund laufende Produktionsprozesse wegen fehlender Mitarbeiter oder Vorleistungen. Die aufgezeigten Öffnungsperspektiven materialisieren sich dann vollumfänglich erst einmal nicht und die notwendig einsetzende Normalisierung verschiebt sich in das nächste Quartal. Eine Verschärfung dieser Risiken würde auch eintreten, wenn die Durchimpfung der Bevölkerungen stockt, weil es zu Produktionsverzögerungen kommt, Mutationen zu Impfresistenzen führen oder die Immunität nur zeitlich begrenzt wirkt. Der Wettlauf zwischen Injektion und Infektion bestimmt die wirtschaftliche Entwicklung in diesem Jahr. All dies gilt nicht nur für die deutsche Perspektive, sondern auch im internationalen Rahmen. Diese verbleibenden Unsicherheiten sorgen also auch weiterhin für ein konjunkturelles Wechselbad.

Referenz:

IW-Forschungsgruppe Gesamtwirtschaftliche Analyse und Konjunktur, 2021, Gespaltene Wirtschaft im Wechselbad der Pandemie – IW-Konjunkturprognose Frühjahr 2021 in: IW-Trends, Vol. 48., Nr. 1

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