Medienberichterstattung zu Migration führt zu mehr Sorgen über Migration

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Im Jahr 2015 gingen in europäischen Ländern mehr Asylanträge ein als je zuvor in der Geschichte der Europäischen Union. In den Folgejahren war ein Wählerzuwachs bei migrationskritischen, rechtsgerichteten politischen Parteien zu beobachten. Zwar sind die Programme rechter Parteien verschiedener Länder heterogen, aber sie betonen im Regelfall potentielle negative Folgen der Einwanderung. Von den Medien werden die Zuwächse rechter Parteien sowie die Sorgen der Bevölkerung gegenüber Immigranten oft der Flüchtlingskrise zugeschrieben. Das gilt insbesondere in Deutschland, das bis vor wenigen Jahren im Gegensatz zu den meisten anderen europäischen Ländern keine klar migrationskritische, rechte Partei auf nationaler Ebene kannte. Zu wenig wird die Rolle der Medienberichterstattung über Migration für die Sorgen der Bürger analysiert.

Vor diesem Hintergrund haben wir im Rahmen einer unlängst publizierten Studie (vgl. „Media Coverage and Immigration Worries: Econometric Evidence” im Journal of Economic Behavior and Organization zusammen mit Christine Benesch, Simon Loretz und Tobias Thomas) mithilfe detaillierter Daten den Einfluss deutscher Medienberichterstattung auf die Sorgen der Bevölkerung hinsichtlich Migration untersucht und den kausalen Effekt der Medien klar isoliert. Wir verknüpfen dazu die Anzahl der Nachrichten über Migration in deutschen TV- und Printmedien mit Meinungen der deutschen Bevölkerung zum Thema Einwanderung. Unsere Ergebnisse zeigen, dass intensivere Berichterstattung zum Thema Migration zu mehr Migrationssorgen in der Bevölkerung führt.

Um einen Effekt zu identifizieren, nutzen wir Daten zu Medienberichten und Ergebnisse repräsentativer Haushaltsumfragen des Sozio-oekonomischen Panel (SOEP) von 2009-2014. Der Analysezeitraum ist bewusst vor die Flüchtlingskrise gelegt, um nicht Politikreaktionen, potentielle Schwierigkeiten bei Flüchtlingserstversorgung und Integration, etc. in die Analyse miteinfließen zu lassen. Damit können wir allgemeine Aussagen treffen, die in Krisenzeiten aufgrund tatsächlicher Probleme noch verstärkt gelten sollten. Das analysierte Panel erfasst neben Merkmalen wie Einkommen, Beruf und politischer Zugehörigkeit auch Einstellungen bezüglich Migration. Insgesamt analysieren wir über 100.000 Interviewantworten. Da die Befragung mehrmals mit denselben Personen durchgeführt wurde, ist es uns möglich, Änderungen über Zeit zu isolieren. Wir nutzen zudem den Umstand, dass die Interviews des SOEP an verschiedenen Tagen des Jahres stattfinden und der Zeitpunkt jedes Interviews bekannt ist. Auf diese Weise können wir die individuellen Antworten auf die Interviewfragen mit mehreren Tausend Medienberichten zum Thema Migration verknüpfen, deren Veröffentlichungsdatum ebenfalls bekannt ist. Diese Berichte gehören zu einer Sammlung von insgesamt rund 360.000 Medienberichten. Dabei wurde jeder Bericht nach Art des Mediums, in dem er erschienen ist, dem behandelten Thema, der Bezugsregion, dem Zeitpunkt, der Tonalität und einer Reihe anderer Charakteristika kategorisiert. Damit testen wir, ob Medienberichte zum Thema Migration, die am Vortag des SOEP-Interviews bzw. in der vorangegangenen Woche erschienen sind, die Antwort auf die Frage nach der Einstellung der Befragten zu Migration beeinflusst haben. Wir berücksichtigen dabei in unserer statistischen Analyse veränderliche sowie zeitinvariante Eigenschaften der befragten Personen, wie Einkommen, Alter, Geschlecht, oder politische Präferenz. Das heißt wir kontrollieren für relevante Faktoren, die neben der Medienberichterstattung ebenfalls die Einstellungen und Sorgen beeinflussen können.

Medienberichte wirken auf Migrationssorgen

Es liegt nahe, dass Medienberichterstattung ihrerseits von den Einstellungen der Medienkonsumenten sowie politischen Agenden oder der Bedeutung einzelner Themen abhängen kann. Darüber hinaus können Medienberichterstattung und individuelle Einstellungen zu Immigration gleichzeitig durch aktuelle Entwicklungen in der Immigration getrieben werden. Somit ist es schwierig in empirischen Studien, einen kausalen Zusammenhang zu etablieren. Um den Einfluss solcher Wechselwirkungen auszuschließen und tatsächlich einen kausalen Effekt von Medienberichten auf Migrationssorgen nachzuweisen, bedienen wir uns eines statistischen Tricks: Wir untersuchen gezielt deutsche Medienberichte mit Bezug Referendumsentscheidungen zu Migrationsfragen in der Schweiz. Referendumsbeschlüsse zur Migration, die in der Schweiz gefasst werden, können deutsche Medien veranlassen, losgelöst vom Referendum selbst, generell über Migrationsfragen zu berichten. In der Tat lässt sich ein solches Muster systematisch beobachten, z.B. im Falle der Abstimmung zur Schweizer Initiative „Gegen Masseneinwanderung“. Unabhängig vom Gegenstand der Abstimmung sind Referendumstermine in der Schweiz das Ergebnis eines längeren Prozesses und werden damit auch nicht von täglichen oder wöchentlichen Schwankungen in Einstellungen und Überzeugungen beeinflusst. Folglich gilt das gleiche auch für jene deutsche Medienberichte, die von den untersuchten Schweizer Referenden zum Thema Migration inspiriert wurden. Anhand dieser ist dann ein kausaler Effekt auf Migrationssorgen messbar, der frei von den möglichen besprochenen Wechselwirkungen ist. Mit dieser Strategie finden wir, dass der Zusammenhang von Medienberichterstattung zu Migrationsfragen und Sorgen der Bevölkerung bezüglich Migration über die bisher etablierte Korrelation hinausgeht und in der Tat eine Ursache-Wirkungs-Beziehung hat.

Medien wirken stärker, wenn Migranten Protagonisten der Berichterstattung sind

Die Verfügbarkeit detaillierter Daten ermöglicht es uns ebenfalls, den Effekt genauer zu untersuchen. So konnten wir nachweisen, dass der Zusammenhang zwischen Medienberichterstattung und Immigrationssorgen bei Medienberichten mit Migranten als Protagonisten stärker ist als bei anderen Medienberichten (z.B. mit Fokus auf Institutionen oder Länder). Es scheint jedoch keine Rolle zu spielen, ob Migration in den Berichten positiv, neutral oder negativ dargestellt wird.

Darüber hinaus untersuchen wir verschiedene Bevölkerungsgruppen. Medienberichte lösen bei Frauen und Arbeitslosen größere Sorgen aus als bei Männern und Berufstätigen. Unterschiede zwischen älteren und jüngeren Menschen gab es jedoch nicht.

Medienberichte erhöhen auch Sorge vor Fremdenfeindlichkeit

In den Medien wird Einwanderung häufig mit Bezug auf wirtschaftliche Folgen, Fremdenfeindlichkeit und Kriminalität diskutiert. So könnten sich Menschen um Einwanderung sorgen, weil sie sie mit Kriminalität in Verbindung bringen. Alternativ könnten die Einwanderungssorgen ein Spiegelbild der Sorgen um die Fremdenfeindlichkeit im Land sein.

Unsere erweiterten Ergebnisse zeigen, dass Medienberichte vor allem zur Sorge um Fremdenfeindlichkeit führen. Interessanterweise befürchten also die Bürger, dass es mehr Vorbehalte und Ablehnung gegenüber Ausländern geben könnte, wenn das Thema Migration stärker in den Medien vorkommt. Werden Sorgen um wirtschaftliche Folgen, Fremdenfeindlichkeit und Kriminalität in der Analyse vollständig integriert, verändert sich das Hauptergebnis nicht: Medienberichterstattung hat weiterhin einen relevanten Effekt auf Migrationssorgen der Bevölkerung.

Unsere Studie bezieht sich auf den Zeitraum zwischen 2009 und 2014, in dem das Thema Migration in der Politik und der öffentlichen Debatte weniger kontrovers diskutiert wurde als derzeit oder im Jahr 2015. Seit der Flüchtlingskrise 2015 sind Wichtigkeit und Berichterstattung zu Migration drastisch angestiegen und gleichzeitig reflektierten die Medien die Sorgen der Bevölkerung, was eine glaubwürdige kausale Analyse ab 2015 enorm erschwert. Naheliegend ist jedoch, dass die von uns für die Vergangenheit identifizierten Basiseffekte weiter Gültigkeit haben und diese Effekte durch intensive Berichterstattung, Politikreaktionen, Berichterstattung über die Politikreaktionen, Sorgen der Bevölkerung und wiederum Berichterstattung über die Sorgen weiter verstärkt werden könnten.

Literatur

Christine Benesch, Simon Loretz, David Stadelmann, Tobias Thomas, „Media coverage and immigration worries: Econometric evidence“, Journal of Economic Behavior & Organization, Volume 160, 2019, Pages 52-67. https://doi.org/10.1016/j.jebo.2019.02.011

David Stadelmann
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