Von Januar 2023 bis April 2026 wurden 23.286 Großstädter (in Städten mit mehr als 200.000 Einwohnern) vom Institut für Demoskopie Allensbach nach ihrer Lebenszufriedenheit auf einer Skala von 0 (ganz und gar unzufrieden) bis 10 (völlig zufrieden) befragt. Tatsächlich stieg die Lebenszufriedenheit im Vergleich zum Städteranking im letzten Jahr um nochmals 0,05 Punkte. Das scheint zur öffentlich kolportierten Stimmung sowie zur wirtschaftlichen Entwicklung im Lande nicht zu passen. Der folgende Artikel möchte dieses Missverhältnis aufklären.
Seit Januar 2021 befragt das Institut für Demoskopie Allensbach (IfD Allensbach) für den SKL Glücksatlas monatlich knapp 1.000 Deutsche nach ihrer subjektiv empfundenen allgemeinen Lebenszufriedenheit.[1] Die Frage lautet konkret: „Wenn Sie einmal alles in allem nehmen, wie zufrieden sind Sie insgesamt zurzeit mit Ihrem Leben. Null bedeutet überhaupt nicht zufrieden und zehn völlig zufrieden.“ Die Wörter „alles in allem“ und „insgesamt“ möchten den Befragten dazu bringen, das gesamtes Leben und nicht nur einzelne Ausschnitte daraus zu bewerten. Das Wort „zurzeit“ möchte darauf hinaus, dass der Befragte das derzeitiges Leben und nicht die bisherige Lebenshistorie evaluiert. Diese One-Item Frage gilt in der ökonomischen Zufriedenheitsforschung als anerkannt und wurde vielfach validiert.[2] Im Städteranking 2026 des Glücksatlas wurden insgesamt 23.286 Befragte aus den 40 größten deutschen Städten (> 200.000 Einwohner) zu dieser Frage berücksichtigt. Die kleinste Stadt ist Kassel, die größte Berlin.
Dieser „globale Ansatz“ unterscheidet sich dabei von Studien, die die Stadtbewohner direkt nach der Zufriedenheit mit einzelnen Eigenschaften einer Stadt (z.B. wirtschaftliche Entwicklung, öffentliche Güter) befragen. Statt also nach der Zufriedenheit mit der Infrastruktur in der Stadt XY zu fragen, wird der Stadtbewohner nach seiner oder ihrer allgemeinen Lebenszufriedenheit befragt und daraufhin statistisch nach Zusammenhängen gesucht. Der Vorteil: Man vermeidet „Ausstrahlungseffekte“ (in der empirischen Sozialforschung als „Halo-Effekte“ bezeichnet). Denn bei einer direkten Beurteilung bestimmter Stadteigenschaften wird der Befragte seine oder ihre zusätzliche Meinung zur Stadtverwaltung oder vielleicht dem/der Bürgermeister/in kundtun – statt sich auf das eigene Erleben dieser Eigenschaften zu konzentrieren. Außerdem können aktuelle Ereignisse in der Stadt die Zufriedenheit mit der Stadt überlagern. Das kann eine von der Stadt zunächst losgelöste Frage zur persönlichen Lebenszufriedenheit vermeiden.
Die Lebenszufriedenheit in den Großstädten nimmt seit dem ersten Städteranking kontinuierlich zu: Noch vor zwei Jahren ermittelten wir für den durchschnittlichen Großstadtmenschen einen Zufriedenheitswert von 6,84 Punkten, im Städteranking 2025 waren es dann mit 6,97 Punkten 0,13 Punkte mehr. In diesem Jahr sind es 7,02 Punkte und damit nochmal 0,05 Punkte mehr als im vorherigen Jahr. Auch die Verteilung verbesserte sich: Noch beim Städteranking 2024 gaben 10,6 Prozent der Großstädter an, mit ihrem Leben wirklich unzufrieden zu sein, beim Ranking `26 sind es hingegen 8,6 Prozent.[3] Der Anteil der Hochzufriedenen stieg im gleichen Zeitraum von 41,8 auf 45,2 Prozent.[4]

Regional unterscheidet sich die Lebenszufriedenheit in den Großstädten ebenfalls: Einwohner ostdeutscher Großstädter sind mit 6,91 Punkten um 0,11 Punkte unzufriedener mit ihrem Leben als die Einwohner westdeutscher Großstädte. Erfurt und Chemnitz stellen als überdurchschnittliche glückliche Städte im Osten Ausnahmen dar. Die Einwohner süddeutscher Großstädte sind mit 6,98 Punkten ebenfalls leicht unterdurchschnittlich zufrieden – trotz überdurchschnittlicher Wohlstands- und Arbeitsmarktindikatoren. Insbesondere Einwohner von Großstädten im äußersten Westen sind hochzufrieden (7,07 Punkte), trotz mäßigen Wohlstands. Das zeigt – wie in den vorherigen Jahren –, dass wirtschaftliche Indikatoren nur einen Teil der Glücksunterschiede zwischen den Städten erklären können.
Die persönliche Lebenszufriedenheit der Menschen in den Großstädten steigt also, der Anteil an Unzufriedenen sinkt. Wie kann das aber sein, wenn allenthalben von einer „schlechten Stimmung oder Laune“ gesprochen wird?[5] Auch „harte“ Kennziffern sprechen gegen einen Glücksanstieg: Die wirtschaftlichen Indikatoren zeigen eine Phase der Stagflation, die Konsumlaune der Deutschen ist unterdurchschnittlich und die Arbeitslosigkeit nimmt langsam, aber stetig zu. All diese Faktoren müssten für eine sinkende Lebenszufriedenheit sprechen. Drei Erklärungen bieten sich für den doch eher positiven Trend an.
Erklärung 1: Der statistische Verzögerungseffekt durch Covid-19
In jedem Städteranking werden Daten aus drei Jahren (und vier Monaten) zusammengefügt. Für das Städteranking 2024 waren das die Daten der Jahre 2021 bis (April) 2024, für das Ranking ´25 die Jahre 2022 bis (April) 2025 und für das Ranking ´26 die Jahre 2023 bis (April) 2026. Der Anstieg der durchschnittlichen Lebenszufriedenheit hängt somit wesentlich mit dem Wegfallen der Coronajahre 2021 und 2022 zusammen, in welchen die Lebenszufriedenheit signifikant niedriger ausfiel. Auch das Jahr 2023 beinhaltet teil noch negative Nachholeffekte aus der Pandemiezeit. Die Abnahme der Steigung von +0,13 auf +0,05 Punkte zeigt bereits, dass der positive Erholungseffekt durch Corona in den Zahlen des Städteranking abebbt und im nächsten Jahr 2027 wohl kaum mehr eine Rolle spielen dürfte.
Erklärung 2: Die gesamtwirtschaftliche Lage setzt sich nur langsam in den Glückswerten durch
Die gesamtwirtschaftliche Lage Deutschlands wird von den Sachverständigen als „Schwächephase“ bezeichnet.[6] Das BIP-Wachstum befindet sich seit 2023 am Nullpunkt, die Arbeitslosenquote nimmt leicht, aber stetig zu und die Kaufkraft der Menschen stagniert nahezu seit 2019. Allerdings wird der Großteil der Bevölkerung von dieser „Schwächephase“ (noch) nicht erfasst. Die Einkommenszufriedenheit zeigt sich bei zwei Drittel der Gesellschaft stabil und die Arbeitszufriedenheit steigt leicht. Zudem ist aus der ökonomischen Zufriedenheitsforschung bekannt, dass stagnative Phasen mit einer vergleichsweise hohen durchschnittlichen Lebenszufriedenheit zusammenhängen. Es sind eher heftige Ausschläge des BIPs nach oben oder unten, die mit der Lebenszufriedenheit stark positiv korrelieren.[7]
Erklärung 3: Der Staat hat bis Anfang 2025 die Bevölkerung vor einkommensinduzierten Glücksverlusten abgeschirmt
Die staatlichen Eingriffe aus den Jahren 2022 bis 2024 gegen Kaufkraftverluste verhindert, dass sich die Preissteigerungen allzu schnell im Geldbeutel der Menschen bemerkbar machen. Als Beispiele zu nennen sind die Gaspreisbremse, die Einführung des Bürgergelds, die politische Erhöhung des Mindestlohns, die abgaben- und steuerfreien Inflationsausgleichsprämien sowie das Deutschlandticket. Mit der Zeit liefen diese Vorteile aber aus bzw. wurden rückabgewickelt (z.B. zwei Nullrunden beim Bürgergeld). Die Kaufkraftverluste machen sich deshalb erst seit etwa ein bis zwei Jahren bei den unteren Einkommensgruppen wirklich bemerkbar. Das zeigt eine stark sinkende Einkommens- und Lebenszufriedenheit der Niedrigeinkommensbezieher seit dem letzten Jahr.[8]
Allgemein sei zu bemerken, dass die durchschnittliche Lebenszufriedenheit in den Großstädten von 7,02 Punkten nicht zu der Auffassung verleiten darf, dass in Deutschlands Städten „das Glücksparadies“ ausgebrochen sei. So zeigt sich im diesjährigen Städteranking, dass in einem Viertel der Großstädte die Lebenszufriedenheit wieder sinkt, im letzten Jahr war das nur in jeder zehnten Stadt der Fall. Die Konkavität der Zunahme weist somit insgesamt auf ein kommendes Zufriedenheitsplateau hin. Überdies entspricht das Glücksniveau von 7,02 Punkten etwa dem in der Mitte der 2010er-Jahre. Die hohen Zufriedenheitswerte der Jahre 2017 bis 2019 sind heute noch nicht erreicht.[9]
Die Lebenszufriedenheit in den Großstädten ist zwar wieder gestiegen, aber mit einem Plus von 0,05 Punkten nur minimal und klar weniger stark als im letzten Jahr. Die wirtschaftliche Stagnation zeigt sich somit verzögert auch in den Lebenszufriedenheitsdaten. Trotzdem kann auf der anderen Seite auch nicht von einem Land „in schlechter Laune“ gesprochen werden. Dem Großteil der Deutschen geht es nach wie vor gut – und das bestätigen die Menschen selbst. Einen „Niedergang“ gar, wie es manche politische Kreise in Deutschland sehen, gibt es angesichts der Zufriedenheitsdaten nicht.
[1] Ergebnisse des SKL Glücksatlas und Informationen zu dem seit 2011 andauernden Projekt sind hier zu finden: https://www.skl-gluecksatlas.de/ [letzter Zugriff am 10.06.2026]. In jedem Jahr sind es somit mindestens 12 Befragungen (mit Ausnahme 2021: 10 Befragungen). Dabei handelt es sich um wiederholte Querschnittsbefragungen mit Anspruch auf Repräsentativität für Gesamtdeutschland.
[2] Veenhoven, R. (2017): Measures of Happiness: Which to Choose? In: Brulé, G.; Maggino, F. (Hrsg.): Metrics of Subjective Well-Being: Limits and Improvements. Happiness Studies Book Series, S. 65-84.
[3] Von einem wirklich unzufriedenen Leben wird ausgegangen, wenn der/die Befragte auf der Skala zwischen null und zehn Werte zwischen null und vier angibt.
[4] Das entspricht auf der Skala von null bis zehn den Werten acht bis zehn.
[5] So zum Beispiel der Vizekanzler und Bundesfinanzminister Lars Klingbeil, der die „Laune“ im Land als Hauptgegner sieht (Aussage bei einer Kabinettsklausur) oder in der Talkshow „Markus Lanz“ vom 04.06.2026 [https://www.zdf.de/talk/markus-lanz-114].
[6] Pressemitteilung des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung (Jahresgutachten 2025/26).
[7] Wolfers, J. (2003): Is Business Cycle Volatility Costly? Evidence from Surveys of Subjective Well-Being. International Finance, 6(1), 1-26.
[8] Raffelhüschen, B.; Renz, T. (2025): SKL Glücksatlas 2025. Penguin-Verlag.
[9] Raffelhüschen, B.; Pettilliot, R. (2019): Stand und Entwicklung der Lebenszufriedenheit. In: Grimm, R.; Raffelhüschen, B. (Hrsg.): Deutsche Post Glücksatlas 2019. München: Penguin Verlag, 25–96.
Blog-Beiträge zum Thema:
Timon Renz (ALU, 2025): Glücksatlas-Städteranking 2025. Wir brauchen ein systematisches Glücks-Monitoring
Timon Renz (ALU, 2024): Glücksatlas 2024. Warum steigt die Lebenszufriedenheit trotz wirtschaftlicher Flaute?
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