Zuckersteuer in Großbritannien
Ziel und Wirkung

Im März dieses Jahres hat sich die britische Regierung entschlossen, es Ländern wie Frankreich, Ungarn und Mexiko gleichzutun und eine Steuer auf zuckerhaltige Getränke einzuführen. Vergleichbare Regelungen bzgl. der Besteuerung von in Verruf geratenen Lebensmitteln wurden zuvor in skandinavischen Ländern getroffen, jedoch mit bislang durchwachsenen Ergebnissen. Eine detaillierte Übersicht über verschiedene nationale Regelungen bzgl. der Besteuerung von zucker- bzw. fetthaltigen Lebensmitteln findet sich hier.

Aus ökonomischer Sicht handelt es sich bei den getroffenen Maßnahmen vermeintlich um Lenkungssteuern. Selbst wenn die Zahllast wie im Falle der britischen „Zuckersteuer“ die Hersteller zuckerhaltiger Getränke leisten müssen, wird über kurz oder lang die eigentliche Traglast einer derartigen Besteuerung auf den Verbraucher abgewälzt werden. Das erklärte Ziel ist der erzieherische Eingriff in das Konsumverhalten der Verbraucher, indem diese über Preismechanismen dergestalt beeinflusst werden, dass sie eine „gesunde“ Ernährungsweise adaptieren. Auf den ersten Blick ist diese Logik nachvollziehbar, schließlich verursachen Fettleibigkeit und mit ihr assoziierte Zivilisationskrankheiten einen immensen volkswirtschaftlichen Schaden. Laut dem britischen Finanzminister belaufen sich die jährlichen Gesundheitsausgaben für Fettleibigkeit und damit einhergehende Erkrankungen wie etwa Diabetes und koronare Herzkrankheiten allein in Großbritannien auf etwa 27 Milliarden britische Pfund. Verständlich, dass diese Last auf das Gesundheitswesen zu Aktionismus seitens der Regierung verführen kann.

Um den steigenden Gesundheitsausgaben in Verbindung mit Übergewicht und Adipositas entgegenzuwirken, plant die britische Regierung nun die besagte Steuer auf zuckerhaltige Getränke. Ab 2018 soll auf Getränke mit mehr als 5g Zucker pro 100ml eine progressive Steuer erhoben werden, die sich nach dem Zuckergehalt bemisst. Nach derzeitigen Plänen sollen die mit der Steuer generierten Einnahmen von schätzungsweise 500 Millionen britischen Pfund in den Ausbau von Schulsportprogrammen investiert werden.

Unterstützt wird die britische Regierung dabei von Seiten diverser Gesundheitsaktivisten und einigen wissenschaftlichen Untersuchungen. So schätzt ein Forscherteam um Graham MacGregor, dass eine Reduzierung von 40 % des Zuckergehaltes gesüßter Getränke im Laufe von 5 Jahren zu einer erheblichen Reduzierung des Aufkommens an Übergewicht und Fettleibigkeit und der damit verbundenen Zivilisationskrankheiten in Großbritannien führen würde (hier). Jedoch sind diese Aussagen sehr vorsichtig zu behandeln: So wird in der Studie angenommen, dass eine Verminderung der durchschnittlichen Kalorienzufuhr von etwas über 30 kcal pro Tag und Person erzielt wird. Neben der Tatsache, dass dieser Wert für den durchschnittlichen Verbraucher ohnehin schon fast vernachlässigbar ist, bleiben weitere Effekte in der Kalkulation unberücksichtigt. Möglicherweise führt eine höhere Energiezufuhr insbesondere durch aufputschende Genussmittel wie Energiedrinks gleichzeitig zu einem höheren Aktivitätslevel oder einer besseren Schilddrüsenfunktion, was sogleich den Kalorienverbrauch wieder ankurbeln und somit eine moderate Zuckerzufuhr ausgleichen kann (hier). Entscheidend ist, dass Krankheitsbilder, die mit Übergewicht und Adipositas in Zusammenhang stehen, keine singulären Lösungen haben, da die Problematik viele Faktoren einschließt. Denn im Gegensatz zu anderen Lenkungssteuern wie etwa auf Tabakwaren oder Alkohol, wo bereits geringe Mengen entsprechender Produkte prinzipiell schädliche Wirkungen haben, ist Zucker nicht zwingend schädigend – genauso wenig wie Fett oder Salz. Man kann bis auf wenige Ausnahmen wie etwa Transfette einzelne Lebensmittelkategorien nicht grundsätzlich an den Pranger stellen und als Ursache der aktuellen Zivilisationskrankheiten ausmachen. Fette, Kohlenhydrate und Salz – alles Ansatzpunkte für potentielle Lenkungssteuern – sind wichtige Bestandteile der menschlichen Ernährung, und nur ein Übermaß an Konsum führt zu den bekannten Problemen. Man müsste also theoretisch das Übermaß an Konsum besteuern und nicht den grundsätzlichen Konsum. Natürlich ist dies nicht möglich. Zudem ist es höchst bürokratisch, datenschutzrechtlich fragwürdig und der jeweils geeignete Konsum hochgradig individuell.

Übergewicht und Adipositas sowie die damit verbundenen Zivilisationskrankheiten stehen vielmehr im Zusammenhang mit einer ganzen Reihe von Lebensstilentwürfen, genetischen und epigenetischen Faktoren und natürlichen Umweltbedingungen wie etwa der Verfügbarkeit von bezahlbaren Sportangeboten und gesunden Lebensmitteln. Zucker ist hierbei nur ein Glied in einer ganzen Kette aus Einflussfaktoren. Es ist auch wenig einsichtig, warum bspw. ein Triathlet als Hochleistungssportler plötzlich neben der ohnehin erhobenen Mehrwertsteuer eine zusätzliche Steuer auf seine Flüssignahrungsmittel mit Dextrose zahlen sollte. Für ihn stellt es in entsprechenden Belastungssituationen eine notwendige und schnellverfügbare Energiequelle dar, um eine Spitzenleistung erzielen zu können. Der gleiche Energiedrink, der dem Triathlet ein wertvolles Nahrungsergänzungsmittel ist, stellt für die übergewichtige Coach-Potato hingegen einen weiteren Risikofaktor dar, um Krankheiten wie Diabetes zu entwickeln. Ein und dasselbe Nahrungsmittel hat also in unterschiedlichen Szenarien und bei verschiedenen Personen eine höchst unterschiedliche Wirkung.

Die undifferenzierte Verunglimpfung bestimmter Lebensmittel und Nährstoffe ist ein weiteres Bespiel für die Anmaßung von Wissen seitens der politischen Entscheidungsträger. Zu erinnern ist etwa an die Cholesterin-Hypothese und der damit einhergehenden Warnung vor Eierkonsum oder etwa auch an die Empfehlung, sich möglichst fettarm zu ernähren, was heute in weiten Teilen der Fachwelt ebenfalls kritisch gesehen wird. Hätte man bereits hier entsprechende Lebensmittel zusätzlich besteuert, wäre man schlicht falschen Untersuchungsergebnissen aus fragwürdigen Studien gefolgt. Eine Tatsache, die ebenfalls zur Zurückhaltung mahnen sollte.

Neben den erwähnten fragwürdigen physiologischen Auswirkungen einer Steuer auf zuckerhaltige Getränke sind ebenso die ökonomischen Effekte in Betracht zu ziehen. Die Analyse sozioökonomischer Daten und epidemiologischer Studien zeigt auf, dass v.a. ärmere Bevölkerungsschichten mit geringerem Bildungsstand tendenziell eher zu Fast Food, Süßigkeiten und natürlich den hier im Fokus stehenden Softdrinks greifen. Die Gründe hierfür sind vielfältig. Einerseits fehlt es oftmals schlicht an dem notwendigen Wissen, wie man sich bewusst ernährt. Dieser Mangel schreibt sich ohne entsprechende Maßnahmen i.d.R. über Generationen fort, da die Kinder die Essgewohnheiten der Eltern übernehmen und gleichzeitig von diesen nicht über eine gesunde und ausgewogene Ernährung aufgeklärt werden. Andererseits sind die Kosten für eine gesunde und ausgewogene Ernährung tendenziell höher, v.a. wenn man das Verhältnis von Preis pro Kalorie betrachtet. Natürlich ist es möglich, sich gesund und günstig zu ernähren, und naturbelassene Nahrungsmittel sind häufig preiswerter zu haben als ihre äquivalenten Fertigprodukte. Allerdings fehlt es vielen Angehörigen unterer sozioökonomischer Schichten an Kenntnissen der Zubereitung. Besteuert man nun als ungesund deklarierte Nahrungsmittel, trifft dies v.a. die unteren Einkommensschichten. Das real verfügbare Einkommen sinkt, da die Haushalte nun prinzipiell mehr für Nahrungsmittel ausgeben müssen, sei es nun, weil ihr bestehender Nahrungsmittelpool teurer geworden ist oder weil sie tatsächlich auf gesunde Nahrungsmittel ausweichen müssen. Vorstellbar wäre sogar, dass die Konsumenten die besteuerten Nahrungsmittel wie ein Giffen-Gut behandeln und nicht etwa dessen Konsum einschränken, sondern den anderer Nahrungsmittel, sodass sie ihre Ernährungsgrundlage finanziell sichern können.

Kurzum das Instrument der Besteuerung von zuckerhaltigen Getränken ist nicht zielkonform. Darüber hinaus ist es in einer marktwirtschaftlichen Ordnung auch nicht systemkonform, da es die einzelnen Individuen extrem bevormundet – und wie man gesehen hat, ist der politische Entscheidungsträger nicht zwangsläufig (wie auch?) der besser informierte.

Wie kann dann eine systemkonforme Lösung aussehen? Den Zivilisationskrankheiten ist in erster Linie durch Aufklärung und Unterstützung bei der Umsetzung eines gesunden Lebensstils entgegenzuwirken. Dabei ist stets zu berücksichtigen, dass das hierbei zugrundeliegende Wissen nur vorläufiger Natur ist und jederzeit durch neuere Erkenntnisse überholt sein kann.

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5 Antworten auf „Zuckersteuer in Großbritannien
Ziel und Wirkung

  1. Sie blenden einige Tatsachen vollkommen aus:

    1. Nach dem Zuckerkonsum schüttet der Körper Insulin aus. Die Zellen, können so den Zucker aufnehmen.

    2. Hat man konstant viel Zucker im Blut, ist immer mehr Insulin notwendig, da eine Gewöhnung eintritt. Besser bekannt als Insulinresistenz bzw. Diabetis Typ-2.

    3. Wenn der Körper immer hohe Insulindosen produzieren muss, macht irgendwann die Insulinpumpe schlapp.

    Die steigenden Zahlen der Diabeteskranken ist ein grosses Problem für das Gesundheitssystem. Das der hohe Zuckerkonsum ein Lifestyle Problem ist, ist nur bedingt korrekt. In heutigen Lebensmitteln findet sich heute Zucker, wo man es nicht erwarten würde. Weiter ist der Zucker auch sehr häufig getarnt (z.B. Fruktose) und kann durch den Konsumenten nicht auf den ersten Blick erkannt werden.

    Es ist richtig, dass wenn man häufig Kuchen isst und nur Cola trinkt, dass es sich um eine Frage des Lifestyles handelt. Die Problematik hier sind jedoch nicht die Süssigkeiten, sondern normale Lebensmittel in denen Zucker vorhanden ist, wo man es nicht erwarten würde (z.B. Müsli, Nature Joghurt, viele verarbeitete Lebensmittel). Genau solche Lebensmittel sind das Problem, zumal der Konsument den Zucker auch nicht sofort erkennen kann, da der Zucker z.B. unter dem Namen Fruktose getarnt ist. Genau solche Lebensmittel erhöhen ungewollt den Zuckerkonsum des Konsumenten.

    Eine Gewisse regulatorische Massnahme ist hier zwingend notwendig, da der Konsument hier in der schwächeren Position ist und ohne Spezialwissen nicht erkennen kann, ob Lebensmittel Zucker beinhalten oder nicht. Eine Zuckersteuer ist hier aber definitiv die falsche Massnahme. Klare Deklarationspflicht wäre meines Erachtens völlig ausreichend.

  2. Der Mensch isst, was schmeckt und was kulturell gewollt ist. Raucher wissen auch, dass sie ihre Organe schädigen, trotzdem tun sie es – auch in der muslimischen Welt. Also was soll man da noch deklarieren ? Wissen wir denn wirklich was in unseren Lebensmittel alles ist ? Natürlich nicht. Solange wir nicht alle tot umfallen wird’s wohl so weitergehen. Denn kein Mensch denkt über all seine Handlungen, in Bezug auf Konsum, tiefgreifender nach. Was die Kausalkette der Ernährung auf unseren Körper betrifft, halte ich es wie mit der Ökonomie: es ist purer Zufall in der Organisation des Chaos. Guten Appetit ! 🙂

  3. Ihsan: “wenn man häufig Kuchen isst und nur Cola trinkt, dass es sich um eine Frage des Lifestyles handelt.” Eine Banane, ein Apfel, eine Organe enthält das Equivalent von 4 Kaffeelöffeln Zucker. Ein Glas Orangensaft enthält soviel Zucker wie ein Glas Cola.

    Versuchen Sie hier, die Karikatur eines Menschen zu zeichnen, der sich nur von Kuchen und Cola ernährt? Der Organismus extrahiert aus Kartoffeln und Mehlspeisen durch einen chemischen Prozess Zucker, weil Zucker lebenswichtig ist. Warum soll ein lebenswichtiger Nahrungsstoff besteuert werden? Warum soll ich Steuern auf Zucker bezahlen, wo ich doch kein Gewichtsproblem habe?

  4. @ Ihsan Dogan

    Es stimmt natürlich, dass der Körper nach dem Konsum von Kohlenhydraten (und übrigens auch insulinogenen Proteinen) Insulin ausschüttet. Allerdings kommt ein gesunder Organismus sehr gut damit zurecht und benötigt für die Einlagerung in Zellen auch nicht soviel Insulin. Wichtig ist in diesem Zusammenhang die metabolische Gesundheit, v.a. die Insulinsensitivität der Zellen. Ist diese hoch – durch Lebensstil, Genetik etc. – benötigt der Körper nicht viel Insulin für eine ausreichende Wirkung.

    In diesem Zusammenhang ist es sehr interessant, dass man durch den strengen Verzicht auf Kohlenhydrate seine Insulinsensitität herabsetzt und auf Kurz oder Lang Gefahr läuft durch Low bzw. Zero Carbs eine Insulinresistenz zu induzieren. Dies sind Ergebnisse neuerer Untersuchungen und zeigt, dass eine chronoische Low/Zero-Carb Ernährungsweise nicht dauerhaft praktiziert werden sollte. Dies steht natürlich ganz im Gegensatz zu den viel praktizierten Ernährungstrends der letzten Jahre/Jahrzehnte.
    Und wer weiß, was man in 10-20 Jahren für weitere Erkenntnisse auf diesem Feld hat. Deswegen ist es sehr fragwürdig sich heute ein Wissen im Ernährungsbereich anzumaßen und entsprechende Maßnahmen zu implementieren.

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