Ostdeutschland hält mit

Die ostdeutsche Wirtschaft fällt nicht zurück, sondern die Firmen halten mit jenen im Westen Schritt. Das ist nicht nur unter wirtschaftspolitischen Gesichtspunkten ein wichtiger Fakt. Gleichwohl erwarten die Unternehmen in West- und Ostdeutschland für das Jahr 2017 nur ein moderates Produktionswachstum.

Beim Blick auf die Veränderung der realen Wirtschaftsleistung gab es in den vergangenen zehn Jahren insgesamt gesehen einen ökonomischen Gleichlauf von West- und Ostdeutschland (Abbildung 1). Im Zeitraum 2005 bis 2015 legte das preisbereinigte Bruttoinlandsprodukt in beiden Regionen mit jahresdurchschnittlich rund 1,4 Prozent gleichermaßen zu. Die globale Finanzmarkt- und Wirtschaftskrise hatte im Jahr 2009 die westdeutsche Wirtschaft stärker beeinträchtigt. Dafür war dort dann die darauf folgende Erholung stärker. Seit 2011 wachsen beide Regionen gleichermaßen. Eine nahezu identische Gangart war auch in den ersten sechs Monaten des Jahres 2016 zu beobachten. Da Berlin seit 2015 überdurchschnittlich expandierte, fiel das ostdeutsche Wachstum – einschließlich Berlin – zuletzt geringfügig höher aus als im Westen. Dies hat nicht nur unter wirtschaftspolitischen Gesichtspunkten eine hohe Bedeutung, sondern es nimmt auch Spannungen aus der Diskussion über ein vermeintliches Abkoppeln der ostdeutschen Wirtschaft und den damit einhergehenden gesellschaftlichen Folgen.

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Diese gleichmäßige Schlagzahl in West- und Ostdeutschland dürfte auch im Jahr 2017 zu beobachten sein. Das jedenfalls signalisiert die aktuelle Herbstumfrage des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln. Von Anfang Oktober bis Anfang November 2016 haben daran 572 Unternehmen im Osten und 2.309 Firmen im Westen teilgenommen. Der Wahlausgang in den USA konnte sich allerdings in den Umfrageergebnissen nicht niederschlagen.

In gesamtdeutscher Perspektive haben sich die Produktionserwartungen seit dem Frühjahr 2016 leicht gebessert. Das überrascht zunächst angesichts der offensichtlich ansteigenden ökonomischen und geopolitischen Unsicherheit im Jahr 2016. Der Saldo aus positiven und negativen Produktionserwartungen hat sich dabei ausschließlich in Ostdeutschland verbessert. Er stieg seit dem Frühjahr von 16 auf 22 Prozentpunkte an. In Westdeutschland sind dagegen die aktuellen Erwartungen für 2017 nicht nennenswert besser als die Erwartungen für 2016 gemäß der Frühjahrsumfrage.

In beiden Großregionen gehen 38 beziehungsweise 39 Prozent der befragten Unternehmen von einer höheren Produktion im kommenden Jahr aus (Abbildung 2). Während in Westdeutschland 12 Prozent einen Rückgang erwarten, sind dies im Osten 16 Prozent. Das spricht zunächst für eine leicht höhere Schlagzahl im Westen. Mit Blick auf die bisherigen Umfragen zeigt sich jedoch, dass das Erwartungsbild in Ostdeutschland generell zurückhaltender ausfällt als im Westen. Das gilt auch für die vergangenen Jahre, als beide Wirtschaftsräume faktisch ein gleich hohes Wachstum aufwiesen.

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Mit Blick auf die der Umfrage zugrundeliegenden Wirtschaftsbereiche zeigen die west- und ostdeutsche Dienstleistungswirtschaft ein weitgehend ähnliches Erwartungsmuster: Im Osten ist der Anteil der optimistischen Betriebe mit 39 Prozent sogar höher als im Westen mit 37 Prozent. Dagegen erwarten im Westen nur 12 Prozent der Servicefirmen einen Rückgang, im Osten sind es 17 Prozent. Ähnlich nahe beieinander sind auch die Industrieperspektiven: 43 Prozent der Industriefirmen im Westen gehen 2017 von einer höheren Produktion aus. Der ostdeutsche Anteil liegt bei 40 Prozent. Dagegen sehen 12 Prozent der Betriebe im Westen und 13 Prozent im Osten eine niedrigere Produktion im kommenden Jahr auf sie zukommen. Ein deutlich voneinander abweichendes Erwartungsbild haben allerdings die Baufirmen. In Westdeutschland gehen 29 Prozent von einem Plus und nur 7 Prozent von einem Minus aus. Dieser Befund deckt sich auch mit der faktisch guten Bausituation in Westdeutschland. Dagegen erwarten in Ostdeutschland 25 Prozent eine höhere Produktion im kommenden Jahr, jedoch18 Prozent gehen von einem Rückgang aus. Diese vergleichsweise zurückhaltenden Perspektiven der ostdeutschen Bauwirtschaft zeigen sich auch in der bisherigen tatsächlichen Entwicklung.

Die moderaten Produktionsperspektiven der Firmen in West und Ost gehen mit ebenfalls moderaten, aber zuversichtlichen Beschäftigungsplänen einher. Dies ist insgesamt schon seit Jahren auch faktisch ein bislang nicht erklärter Zustand: trotz schwachen Wachstums entstehen viele neue Arbeitsplätze – in West- und in Ostdeutschland! Das damit verbundene Produktivitätsrätsel wird auch das kommende Jahr prägen. Auf Basis der IW-Konjunkturumfrage dominieren auch 2017 in beiden Wirtschaftsräumen die optimistisch gestimmten Unternehmen deutlich: In Westdeutschland beabsichtigen 29 Prozent der Betriebe mehr Personal einzustellen. In Ostdeutschland sind es 26 Prozent. Dagegen werden voraussichtlich 13 Prozent im Westen und 16 Prozent im Osten die Anzahl der Mitarbeiter verringern. Die mit Abstand stärksten Beschäftigungsimpulse kommen jeweils aus dem Dienstleistungssektor. Die Industriebetriebe haben ebenso einen positiven Beschäftigungssaldo. Während im Westen auch das Baugewerbe einen hohen Personalbedarf artikuliert, planen die ostdeutschen Baufirmen per Saldo jedoch einen Personalabbau.

Fazit: Die IW-Konjunkturumfrage signalisiert für das Jahr 2017 insgesamt ein schwaches Wachstum in Deutschland (siehe hierzu auch IW-Forschungsgruppe Konjunktur, 2016). Die Produktionsperspektiven für West- und Ostdeutschland unterscheiden sich dabei kaum. Damit stockt zwar einerseits der Aufholprozess zwischen Ost und West. Andererseits fällt Ostdeutschland wirtschaftlich nicht zurück, sondern die Unternehmen halten mit jenen im Westen Schritt.

Quellen:

Grömling, Michael, 2016, Ostdeutschland hält mit dem Westen mit, IW-Kurzbericht Nr. 77, Köln

IW-Forschungsgruppe Konjunktur, 2016, Eskalierende Unsicherheit lähmt Investitionen, in: IW-Trends, 43. Jg., Online-Sonderausgabe Nr. 2/2016

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