Von der Euphorie zur Ernüchterung in Großbritannien
Was bestimmt die Perspektiven für den Finanzplatz London?

Von Theresia Theurl am 18. November 2017
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Theresia Theurl
Westfälische-Wilhelms-Universität Münster

Kaum ein Tag, der ohne schlechte Nachrichten für Großbritannien vergeht. Nicht alle, aber viele von ihnen stammen aus den Brexit-Gesprächen mit der Europäischen Union. Es ist ungewiss, ob die zweite Phase der Verhandlungen – wie ursprünglich geplant – im Dezember beginnen wird. In dieser sollen Art und Inhalte des zukünftigen Verhältnisses besprochen und verhandelt werden. Davor sieht es die EU jedoch als notwendig an, ausreichende Fortschritte bei den eigentlichen Fragen der Trennung erreicht zu haben. Welcher Verhandlungspfad eingeschlagen und ob in einem Szenario „ausreichender Fortschritt“ oder in einem Szenario „kein ausreichender Fortschritt“ verhandelt wird, wird sich spätestens beim Treffen des Europäischen Rats am 14./15. Dezember in Brüssel zeigen. Die Zeit drängt, denn am 29. März 2019 wird Großbritannien die EU verlassen. Die folgenden Überlegungen stellen die Perspektive Großbritanniens vor allem im Hinblick auf den Finanzplatz London in den Mittelpunkt.

Komplexität, Unsicherheit und Emotionen

Der Brexit ist diskussions- und verhandlungsintensiv. Dies kann nicht überraschen, hat er doch für alle Beteiligten große Bedeutung, herrscht allenthalben Unsicherheit über die Auswirkungen, zeichnet er sich durch eine hohe Komplexität aus und leidet er verständlicherweise unter einer emotionalen Überfrachtung. Um die Auswirkungen abzuschätzen, ist es notwendig, die verfügbaren Modelle der Zusammenarbeit zu berücksichtigen. Sie alle haben weitreichende Konsequenzen für Menschen, Unternehmen, Banken und Staaten. Welches letztlich die konkreten Inhalte eines „kreativen, innovativen und ehrgeizigen Freihandelsabkommen mit der EU“ sind, das sich Großbritannien wünscht, wird sich in einem Spannungsfeld zwischen dem Gewinn an Souveränität und Zugeständnissen beim Zugang zu den wichtigsten Märkten bewegen. Beeinflusst wird die Institutionalisierung der Zusammenarbeit von der Vermutung veränderter einzelwirtschaftlicher Kalküle, der Festlegung von Regulierungsstandards sowie der Organisation und Finanzierung von Gemeinschaftsgütern sowie der Entwicklung der globalen Integration.

Politische Macht und Wirtschaftsstruktur

Welches Modell der Zusammenarbeit am Ende herauskommen wird, hängt von zahlreichen Einflussfaktoren auf beiden Seiten ab. EU-seitig könnten die geänderten Stimmenverhältnisse nach dem Austritt bereits einen Einfluss haben. Mit Großbritannien geht ein Mitglied verloren, das tendenziell für weniger Staatseinfluss gestimmt und das die Kapitalmarktunion vorangetrieben hat. Nun ändert sich die Zusammensetzung von Ländergruppen, die Sperrminoritäten und qualifizierte Mehrheiten organisieren können (vgl. Abbildung 1). Dies könnte auch einen Einfluss darauf haben, wie intensiv die Kapitalmarktunion weiter verfolgt wird. Ebenso wichtig werden die Weichenstellungen für institutionelle Reformen in der EU sowie die zukünftige Finanzierung ihres Haushalts sein. Von britischer Seite werden die politische Stabilität des Landes sowie seine Entscheidungsträger ebenso große Bedeutung haben wie die Höhe der Exit-Bill und mögliche Übergangsfristen. Eine hervorragende Rolle dürften die strukturellen Merkmale der britischen Wirtschaft mit ihrem Schwerpunkt auf Dienstleistungen spielen und die Erwartungen, inwieweit die EU-Integration durch die globale Integration substituiert werden kann.

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London: Finanzzentrum der Europäischen Union

Nicht die realwirtschaftlichen Auswirkungen des Brexit sollen hier im Mittelpunkt stehen, sondern die Strukturmerkmale und die Perspektiven des Finanzplatzes London. Letztere werden zwar von den realwirtschaftlichen Effekten des Austritts mitbestimmt werden, doch sie selbst werden diese auch beeinflussen. Daneben sind zusätzliche Einflussfaktoren zu beachten. Der Finanzplatz London hat nämlich nicht nur für Großbritannien, sondern auch für die EU große Bedeutung. Über 50% der EU-Kapitalmarktaktivitäten (ohne UK) werden in London abgewickelt sowie 40% des EU-Aktienhandels. Abbildung 2 zeigt etwa, dass über die Hälfte der grenzüberschreitenden Kredite aus London in die EU-Mitgliedsstaaten gehen. London hat sich als Refinanzierungs-, Handels- und Clearingplattform für institutionelle Anleger mit entsprechenden Dienstleistungen spezialisiert. Es ist ein Wholesale-Zentrum mit hoher Kapitalmarkttiefe entstanden (vgl. Abbildung 3). Die Londoner Clearinghäuser organisieren das Clearing von 75% aller Zinssatz-Derivate in Euro und das Clearing von 18 wichtigen Währungen.

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Liquidität, Risiko, Kosten, Infrastrukturen: Wettbewerbsvorteile in London

Mit diesen Aktivitäten haben sich über einen längeren Zeitraum eine überlegene Risikostreuung sowie große Handelsvolumina als Standortfaktoren herausgebildet. In London haben zahlreiche Vermögensverwaltungen wie Pensions-, Aktien- und Hedgefonds ihren Sitz. Konkret sind hier 40% der EU-weit von Fonds gehaltenen Vermögenstitel angesammelt. Daneben sind zahlreiche Risikokapitalfonds ansässig, die 36% des EU-Risikokapitalgeschäfts auf sich vereinen, das den EU-Investitionsraum als Aktivitätsfeld hat und nicht regionale oder nationalen Abgrenzungen. Es ist daher nicht überraschend, dass sich Großbritannien als stärkster Unterstützer der EU-Kapitalmarktunion herausgestellt hat und dass London seinerzeit als Sitz der European Banking Authority gewählt wurde.

Massive Brexit-Betroffenheit

Nicht überraschend wird der Finanzplatz London vom Brexit massiv betroffen werden. Längst sind seine Akteure unterschiedlichster Herkunft mit der Erarbeitung ihrer Brexit-Strategien herausgefordert und werden Vorbereitungen für alternative Standorte getroffen, die sich ihrerseits eine deutliche Aufwertung versprechen. Frankfurt, Dublin und Paris zählen zu diesen. Dabei ist zu beachten, dass die einzelnen Finanzmarktsegmente durch den Brexit unterschiedlich stark betroffen sein werden. Am stärksten beeinträchtigt werden Dienstleistungen, die durch starke Größeneffekte niedrige Fixkosten aufweisen. Dass es im zu erwartenden Prozess der Verlagerung und Umstrukturierung von Finanzdienstleistungen zu temporären Störungen der Märkte für Zinsswaps, Anleihen sowie Devisen – bedingt durch eine Verringerung der Liquidität und eine Erhöhung der Kosten – kommt, ist sehr wahrscheinlich. Getrieben werden die zu erwartenden Umwälzungen durch die Kalküle der Finanzinstitute, die heute in London tätig sind.

Passporting-Rechte als Standortfaktor

50% der global tätigen Finanzinstitute haben heute ihren europäischen Hauptsitz in London. 5500 unter britischer Aufsicht zugelassene Finanzinstitute nutzen Passporting-Rechte für ihre EU-Aktivitäten und 8000 EU-Banken nutzen solche Rechte für ihre Transaktionen in Großbritannien. Passporting-Rechte beinhalten vor allem das Recht für Banken, die in London zugelassen sind, im Wirtschaftsraum der EU ihre Dienstleistungen anzubieten, ohne dass Geschäftsstellen in anderen EU-Staaten zu eröffnen und Zulassungsverfahren zu absolvieren sind. Abbildung 4 zeigt, dass ein großer Teil der internationalen Euro-Transaktionen in London von Finanzinstituten getätigt werden, die in London aktiv, aber keine britischen Banken sind. Es steht also für viele Finanzinstitute die Frage des Marktzugangs auf der Agenda.

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Agenda Marktzugang

Banken aus EU-Mitgliedsstaaten werden den Standort London neu bewerten, während Banken aus Nicht EU-Staaten ihre Europa-Strategie prüfen werden. Auch die britischen Finanzinstitute verlieren ihren „EU-Finanzpass“ und stehen ihrerseits vor der Frage sich nun einen EU-Standort aufzubauen. Entsprechende Vorbereitungen haben weitreichende Konsequenzen für London und für die Banken, ebenso für die neuen Standorte, die entsprechende Infrastrukturen aufzubauen haben und Humankapital akquirieren müssen. Für Großbritannien geht es um den Verlust von Wertschöpfung, Arbeitsplätze und Knowhow. Für die Banken entstehen nun vor allem Kosten des Standortwechsels, die Notwendigkeit aufwändiger und zeitintensiver Genehmigungsverfahren, Investitionen in materielle und immaterielle Infrastrukturen für Finanzdienstleistungen sowie die Suche nach adäquat qualifizierten Mitarbeitern. Die Finanzberatungsgesellschaft Oliver Wyman geht davon aus, dass insgesamt zusätzliches Eigenkapital für neue Tochtergesellschaften im Ausmaß von 30 bis 50 Milliarden Dollar notwendig sein wird. Zusätzliche Kosten in der Höhe von 1 Milliarde Dollar werden erwartet, weil manche Infrastrukturen für Finanzdienstleistungen mehrfach bereitgehalten werden müssen.

Mehr Verlierer als Gewinner

Welche Entwicklungen sich für den Finanzplatz London letztlich herausbilden werden, hängt selbstverständlich vom verhandelten Modell der Zusammenarbeit ab, aber auch von einigen weiteren Faktoren. Dazu zählt, welchen Schaden die EU selbst aus der Entwertung des Finanzplatzes London und der Notwendigkeit, neue Infrastrukturen aufzubauen in einem globalen Umfeld nimmt. Gelingt es dies durch effizienzsteigernde Strukturreformen in der Realwirtschaft und im Finanzsektor zu kompensieren? Dies wird zusätzlich von den Fortschritten der Kapitalmarktunion abhängen, die freilich ihres größten Fürsprechers gerade verlustig geht. Für Großbritannien wird erstens ausschlaggebend sein, ob es gelingt die Beibehaltung einiger der aktuellen Wettbewerbsvorteile zu verhandeln und zweitens, ob es in absehbarer Zeit zu einer Intensivierung der Zunahme der globalen Finanzmarktintegration kommt.

Mehr Fragen als Antworten

Abschließend gilt es einige Fragen zu formulieren, deren heute nicht verfügbare Antworten wichtig für die Perspektive des Finanzplatzes London und damit von Großbritannien außerhalb der EU sein dürften. Erstens: Intensiviert und beschleunigt sich der Prozess der Globalisierung der Finanzmärkte und gelingt es Großbritannien in diesem Transaktionen anzuziehen, die von außerhalb des EU-Raumes stammen? Zweitens: Ermöglicht die Digitalisierung ohne Effizienzverluste eine dezentrale Finanzarchitektur in der EU und werden im Ergebnis konzentrierte Headquarter-Services weniger wichtig? Drittens: Schadet eine Fragmentierung von Finanzmärkten durch die Verteilung der ehemaligen Transaktionen auf dem Finanzplatz London auf mehrere EU-Staaten der EU? Viertens: Beschleunigt der Brexit die EU-Kapitalmarktunion und/oder eine Zentralisierung der Finanzmarktaufsicht? Fünftens: Wie erfolgt schließlich die Regelung von Transaktionen zwischen den EU-Finanzmärkten und Großbritannien, z.B. im Hinblick auf Unternehmenssteuern, Regulierungsstandards und Arbeitsgesetze? Sechstens: Kann London den Clearing-Status für Euro-Transaktionen behalten, falls Großbritannien bereit ist, die Zuständigkeit des Europäischen Gerichtshofs weiter anzuerkennen?

Literatur:

Bank for International Settlements (2016): International banking and financial market developments, Quarterly Review, September, https://www.bis.org/publ/qtrpdf/r_qt1609.pdf

International Monetary Fund (2016): United Kingdom, Selected Issues, IMF Country Report No. 16/169, https://www.imf.org/external/pubs/ft/scr/2016/cr16169.pdf

Oliver Wyman (2016): The impact of the UK’S Exit from the EU on the UK-based financial services sector, http://www.oliverwyman.com/our-expertise/insights/2016/oct/The-impact-of-Brexit-on-the-UK-based-Financial-Services-sector.html

Sachverständigenrat zur Begutachtung der Gesamtwirtschaftlichen Entwicklung: Jahresgutachten 2016/17: „Zeit für Reformen“, 2016, insbesondere Viertes Kapitel: Brexit-Votum: Schaden abwenden, Europa durch Subsidiarität stärken, https://www.sachverstaendigenrat-wirtschaft.de/fileadmin/dateiablage/gutachten/jg201617/ges_jg16_17.pdf

Ständer, Philipp (2016): Nach den Brexit – Was wird aus der Kapitalmarktunion? Policy Paper Nr. 181, Jacques Delors-Institut, Berlin, http://www.delorsinstitut.de/2015/wp-content/uploads/2016/12/KapitalmarktunionBrexit-Staender-JDIB-Dez16.pdf

Wright, William (2016): New Financial, Beyond Brexit: What next for European capital markets? June, http://newfinancial.eu/wp-content/uploads/2016/06/Beyond-Brexit-what-next-for-European-capital-markets1.pdf

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