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Die entfesselte Kommerzialisierung der UEFA Euro 2020 (in 2021)

Eigentlich sollte die UEFA Euro 2020 im vergangenen Jahr stattfinden, wurde jedoch aufgrund der Pandemie auf dieses Jahr verlegt (allerdings nach wie vor unter dem offiziellen Markennamen UEFA Euro 2020). Dies ist das erste Mal, dass das Turnier paneuropäisch – 51 Spiele in 11 verschiedenen Ländern – ausgetragen wird.

Es stellt sich daher nicht nur die Frage, ob ein derartiges Turnier in Pandemiezeiten überhaupt stattfinden muss, sondern auch, ob eine Austragung in 11 Ländern mit den entsprechenden Risiken der Verbreitung des Virus vertretbar ist. Aber ein Turnier dieser Größe einfach ausfallen zu lassen, geht allein aus finanziellen Gründen nicht.

Neben der Besonderheit der Verteilung der Spiele über Europa, anstatt der Austragung in nur einem Land, startet diese Europameisterschaft erneut mit einem Turniermodus, der auf den ersten Blick fragwürdig erscheint. Wie auch bei der EM 2016 qualifizierten sich 24 Mannschaften für die EM-Endrunde. Früher waren lediglich 16 Mannschaften qualifiziert. Gespielt wird in 6 Gruppen á 4 Mannschaften. Dem aufmerksamen Leser und interessierten Fußballfan wird nun schnell auffallen, dass ein üblicher Turniermodus, nach denen die Gruppenersten sowie die Gruppenzweiten in die nächste Runde einziehen, mit dieser Gruppen- und Mannschaftszahl nicht mehr möglich ist. Würde dieses Verfahren Anwendung finden, stünden lediglich 12 Mannschaften in der nächsten Runde – für eine an die Gruppenphase anschließende KO-Runde sind das also zu wenige Mannschaften.

Die Lösung dieses Problems ist jedoch auch schnell gefunden: Neben den sechs Gruppensiegern und den sechs Gruppenzweiten ziehen noch die vier besten Gruppendritten in die KO-Phase ein. Von den 24 Mannschaften, die am Turnier teilnehmen, scheiden also gerade einmal 8 Mannschaften nach der Gruppenphase aus. Während 1/3 der Teilnehmer ausscheiden, ziehen folglich 2/3 der teilnehmenden Mannschaften in die nächste Runde ein. Wenn man es böse formulieren möchte, muss man sich jetzt also schon richtig anstrengen, um in der Gruppenphase auszuscheiden und um als Spieler nach einer langen Saison in den wohlverdienten Sommerurlaub zu gehen.

Es drängt sich demnach schnell die Frage auf, ob der Sport hier wirklich noch an erster Stelle steht oder ob nicht doch vorwiegend ökonomische Aspekte eine überragende Rolle spielen. Mit der Erhöhung der Teilnehmerzahl geht automatisch auch eine Erhöhung der Spiele des Turniers einher. Während bei der EM 2012 mit 16 Teilnehmern noch 31 Spiele gespielt worden sind und es nach der Gruppenphase, in der die Hälfte der Mannschaften ausschied, direkt mit dem Viertelfinale weitergespielt worden ist, gelingt durch die Aufnahme 8 zusätzlicher Mannschaften ins Turnier eine signifikante Zunahme der Spiele. Insgesamt können nun 20 Spiele mehr gespielt und vermarktet werden. Neben 12 weiteren Gruppenspielen gelang es der UEFA mit der Ausweitung der Mannschaften vor allem aber auch, eine weitere KO-Runde (das Achtelfinale) zu erschaffen. Durch die erhöhte Teilnehmerzahl und der daraus resultierenden Zahl der Gruppensieger und Gruppenzweiten müssen zwangsläufig 4 Gruppendritte weiterkommen, um im Turnierbaum im normalem KO-Modus weitermachen zu können. Auf ganz galante Art und Weise erschuf die UEFA damit die Möglichkeit, ein Achtelfinale zu spielen und damit weitere Spiele, die durch den KO-Charakter einen hohen Spannungsgrad aufweisen, zu vermarkten. Diese Zunahme an Spielen wird sich in erhöhten Einnahmen aus der TV-Vermarktung widerspiegeln.

Doch auch unter einem weiteren Aspekt ergibt die Erhöhung der teilnehmenden Mannschaften Sinn. Durch die Aufnahme von 8 weiteren Mannschaften schafft man nicht nur mehr Spiele, die vermarktet werden können, sondern zieht auch mehr Interessenten für das Turnier an. Fakt ist, dass ein Turnier immer interessanter ist, wenn die eigene Mannschaft vertreten ist. In diesem Fall werden durch das Nationenturnier sogar noch viel mehr Menschen erreicht, da sich bei großen Turnieren mit Nationalmannschaften, wie der WM oder der EM, auch Personen für die Spiele interessieren, die unter normalen Umständen nicht schauen würden. Bei einem recht elitären Kreis von 16 Mannschaften im vorangegangenen Turniermodus waren dementsprechend viele Nationen nicht qualifiziert. Durch die Erhöhung auf 24 Mannschaften nimmt damit nun knapp die Hälfte aller Länder Europas am Turnier teil. Dies führt also zwangsläufig dazu, dass das Interesse vieler weiterer Menschen am Turnier geweckt wird, da die eigene Nation am Turnier teilnimmt und die Menschen (eher) bereit sind, Geld zu bezahlen, um Spiele zu sehen, an denen die eigene Nationalmannschaft beteiligt ist. Auch von Menschen, die sich normalerweise nicht für Fußball interessieren!

Aus ökonomischer Sicht ist diese Erhöhung der Teilnehmeranzahl aufgrund der daraus resultierenden Zunahme an vermarktbaren Spiele sicherlich zumindest kurzfristig sinnvoll. Auch wenn jeder Fußballromantiker mit der zunehmenden Kommerzialisierung hadert, muss jeder einsehen, dass im Fußball nicht erst seit den Plänen der Einführung einer Super League kommerziellen Erwägungen Vorrang eingeräumt wird. Die Veränderung des Turniermodus für die Europameisterschaft zeigt eindrucksvoll, dass diese Kommerzialisierung (spätestens auch seit der Einführung der Nations-League) mittlerweile auch bei den Nationalmannschaften angekommen ist.

Der finanzielle Erfolg der zusätzlichen Spiele schlug sich bereits bei der Europameisterschaft 2016 nieder. Im Vergleich zur EM 2012 konnten die Einnahmen aus der Vermarktung der Übertragungsrechte um ca. 200 Mio. € gesteigert werden. Erstmals in der Geschichte konnte 2016 die magische Grenze von 1 Mrd. € aus den TV-Rechten überschritten werden[1]. Zu erwarten ist, dass diese Summe in diesem Jahr noch einmal getoppt wird.

Aus sportlicher Sicht bleibt abzuwarten, ob die EM den Ansprüchen eines großen Turniers gerecht werden kann. Sicherlich ist fraglich, ob es im sportlichen Sinne des größten europäischen Fußballturniers sein kann, dass auch drittplatzierte in der Gruppe, die also scheinbar nicht gut genug waren, noch die Chance haben, weitere Spiele zu spielen (und damit sogar den Titel zu gewinnen). Dennoch wird auch oft gefordert, den ‚kleinen‘ bessere Chancen einzuräumen. Mit der Erhöhung der teilnehmenden Mannschaften schaffen zum einen mehr kleinere Nationen die Qualifikation und haben die Möglichkeit, sich auf höchster Ebene zu präsentieren und den Menschen ihrer Nation eine Freude zu bereiten. Zum anderen haben durch das Weiterkommen der Gruppendritten auch die ‚kleineren‘ eine erhöhte Chance weiterzukommen. Eindrucksvoll hat die Europameisterschaft 2016 bereits gezeigt, dass die Gruppendritten im späteren Turnierverlauf erfolgreich sein können. Mit dem späteren Europameister Portugal gewann am Ende das Team den Titel, das sich mit drei Remis als der nur drittbeste Gruppendritte für die KO-Phase qualifiziert hat. Der neue Modus verzeiht dementsprechend auch Ausrutscher von Top-Teams in der Gruppenphase. Wie man das bewerten möchte, bleibt jedem selbst überlassen. Eine endgültige Bewertung des Turniers in sportlicher Hinsicht wird ohnehin erst nach dem 12. Juli möglich sein. Dort findet das Finale im historischen (aber neugebauten) Wembley-Stadion statt und wir werden wissen, welche Nation sich den Titel sichern wird.

Dennoch ist es am Ende vor allem eines, das in Erinnerung bleibt: Auch bei der Europameisterschaft lässt die UEFA die Möglichkeiten der steigenden Einnahmen nicht aus. Erstmals wird es in diesem Jahr sogar so sein, dass, zumindest in Deutschland, nicht alle Spiele frei empfangbar sind. Wer alle Spiele des Turniers sehen möchte, muss also bezahlen. Dennoch hat der Fan hier eben genau diese Möglichkeit, der Kommerzialisierung in seinen Möglichkeiten entgegenzuwirken: Nicht mehr bezahlen. Wer sich über die Kommerzialisierung beschwert, aber alle Kosten übernimmt, die auf ihn zu kommen, trägt seinen Teil zur Kommerzialisierung bei.

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[1] UEFA Financial Report 2016, Abruf unter: https://editorial.uefa.com/resources/0238-0f842c842efc-3e95e7aaf3d9-1000/2015_16_uefa_financial_report.pdf (Stand: 01.06.2021).

Malte Schurade

Malte Schurade

Friedrich-Schiller-Universität Jena
Malte Schurade

3 Antworten auf „Junge Autoren
Die entfesselte Kommerzialisierung der UEFA Euro 2020 (in 2021)“

  1. Lieber Herr Schurade,

    vielen Dank für Ihre Ausführungen zur EM 2020 oder 2021?!
    Beim Lesen hatte ich sichtlich ein Schmunzeln auf den Lippen, aber ich muss Sie dennoch darauf hinweisen, dass Sie hier auch keine Lösungsvorschläge liefern.

    Etwas kommerzielles oder leichter gesagt “etwas auf Gewinn bedachtes” muss ja nicht von Grund auf negativ sein. Es wird sicherlich noch ein spannendes Kapitel, wo diese Mehreinnahmen hinwandern. Wenn “Fußball-B-Nationen” unterstützt, die Jugend europaweit gefördert und der Frauenfußball auch noch seinen Teil abkriegt, ist das in meinen Augen vollkommen in Ordnung und natürlich zu begrüßen. Gerne kann dann auch Nordmazedonien gegen die Ukraine spielen – ich muss es mir ja nicht anschauen. Es wird aber andere geben, die es schauen werden.

    Aus sportlicher Sicht ist das natürlich ein klarer Abstieg. Demnächst dann Alle gegen Alle und mit Luftaus! …und wer den Ball mitbringt hat Anstoß.

    Gut Kick
    Dara

  2. Es gibt ja bereits Ideen. Eike Emrich schlug schon vor Jahren für die Olympischen Spiele vor, dass das IOC die Einnahmen einer zu gründenden Stiftung zuführen sollte, die explizit andere als sportliche Zwecke unterstützt (bspw. Kunst und Kultur), um so die Legitimation des Sports in der Gesellschaft zu unterstützen. Ich sehe das Problem auch überhaupt nicht im ökonomischen Interesse der UEFA, sondern vielmehr darin, dass dies nicht offen kommuniziert wird. Gleichzeitig wird privatrechtlichen Klubs aber vorgeworfen, den Fußball zu zerstören. Hier fallen Reden und Handeln auseinander.

  3. Mir ist das mit dem “1/4 scheiden aus” nicht klar, denn 8/24 ist doch 1/3, oder? Ansonsten alles durchaus interessant, aber ich denke, dass das letztlich ein Stück trial and error ist: Die UEFA wird das kommerzielle Rad weiterdrehen, bis es aus der Führung springt. Mir ist das auch nicht sympathisch, es wundert mich jedoch nicht – schon an sich nicht und erst recht, wenn ich an die Verhältnisse in der FIFA denke!

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