Gastbeitrag
Soziale Marktwirtschaft
Erfolgsgeschichte mit Reformbedarf

Nach dem Zweiten Weltkrieg stand Deutschland vor erheblichen Herausforderungen, doch die soziale Marktwirtschaft verwandelte das Land in ein Symbol für Widerstandskraft und Innovationsfähigkeit. Dieser Erfolg des Modells ist jedoch inzwischen gefährdet. Um den aktuellen Niedergang zu verstehen, müssen wir die Schlüsselfaktoren hinter Deutschlands Erholung in der Nachkriegszeit analysieren. Es ist höchste Zeit, die soziale Marktwirtschaft zu revitalisieren: Schließlich wird Deutschlands künftiger Wohlstand davon abhängen, das richtige Gleichgewicht zwischen individueller Freiheit, Verantwortungsbewusstsein und sozialer Gerechtigkeit zu finden

Nach dem Zweiten Weltkrieg waren die Verhältnisse in Deutschland äußerst schwierig. Vieles war zerstört, das Land musste neu aufgebaut werden und sich nach einer fürchterlichen Zeit des Nationalsozialismus und des Krieges neu ordnen und erfinden. Nach innen und außen – denn auch der internationale Ruf und die Beziehungen Deutschlands lagen am Boden. Beides gelang erstaunlich gut und in relativ kurzer Zeit. Eine enorme Leistung aller Beteiligten damals. „Made in Germany“ entwickelte sich schnell vom Warnhinweis zu einem international geschätzten Gütesiegel für herausragende Qualität, „The German Wirtschaftswunder“ ist bis heute eine weltweit bewunderte Erfolgsgeschichte.

Schlüsselfaktoren hinter Deutschlands Erholung in der Nachkriegszeit

Die große Bewunderung kann ich gut nachvollziehen, und ich bin zutiefst dankbar für das, was die damalige Generation geleistet und auf den Weg gebracht hat. In der Tat ist das nicht hoch genug anzuerkennen. An Wunder glaube ich jedoch nicht. Der Erfolg, der steile Aufschwung, der zu Wohlstand und Beschäftigung sowie zu internationaler Anerkennung führte, hatte handfeste Gründe. Man kann es gewiss beliebig kompliziert machen – ich möchte es einmal an vier Punkten – meinetwegen etwas holzschnittartig – festmachen:

Erstens: Der Krieg war verloren, das Land lag in Trümmern, und Deutschland hatte als Nation eine schwere Schuld auf sich geladen. Eine kollektive Depression wäre nachvollziehbar gewesen. Aber es dominierte eine andere Haltung: „Aufstehen. Aufbauen. Arbeiten.“ Es herrschte der unbedingte Wille und die maximale Bereitschaft, sich wieder aufzurichten.

Zweitens: Die typisch deutschen Tugenden – Fleiß, Pünktlichkeit, Gründlichkeit, Ordnungsliebe sowie auch Kreativität und Erfindergeist – verbunden in einem dichten Wertschöpfungsnetzwerk, trugen entscheidend zum Wiederaufstieg bei. Es war eine ständige Suche nach neuen Märkten, Produkten und technologischen Fähigkeiten – mit einem Blick weit über Deutschland hinaus. Unser Unternehmen etwa durchlief in weniger als 25 Jahren drei disruptive Phasen. So entstand ein international einzigartiges Netzwerk aus kleinen und mittleren Unternehmen, das in Verbindung mit größeren Betrieben eine äußerst erfolgreiche Symbiose bildete. Die Vielzahl der beteiligten Familienunternehmen mit ihrem technologischen Know-how brachte trotz aller Risiken zusätzliche Stabilität und Verlässlichkeit.

Randnotiz: Es lässt sich sicherlich nicht eindeutig herleiten, woher die „typisch deutschen“ Tugenden und die beschriebene Haltung der Nachkriegszeit stammen. Ich bin jedoch überzeugt, dass wir – neben unserer wissenschaftlichen Vergangenheit – auch maßgeblich von unserer vielfältigen europäischen kulturellen Historie geprägt und inspiriert wurden und noch immer werden

Drittens: Natürlich profitierte der Aufschwung auch vom Ausbruch des Koreakriegs 1950 („Korea-Boom“) sowie vom von den USA initiierten European Recovery Program („Marshallplan“). Der Koreakrieg führte zu einer verstärkten Nachfrage nach deutschen Produkten, die für den Wiederaufbau und die Kriegsanstrengungen benötigt wurden, das Recovery Program stellte finanzielle und materielle Unterstützung für den Wiederaufbau zur Verfügung. Diese Impulse waren wichtig – aber nicht ursächlich für den deutschen Erfolg.

Aufbau einer sozialen Marktwirtschaft

Viertens: Die soziale Marktwirtschaft als neues Leitbild für das Zusammenspiel von Politik, Gesellschaft und Unternehmen. Sie wurde nach dem Krieg – auch als Reaktion auf leidvolle Erfahrungen der Industrialisierung – als gesellschafts- und wirtschaftspolitisches Gestaltungsprinzip etabliert. Die soziale Marktwirtschaft vereinte Solidarität, sozialen Ausgleich und das Bedürfnis nach Absicherung existenzieller Lebensrisiken mit den für Fortschritt und Unternehmertum erforderlichen Prinzipien: Freiheit, Wettbewerb, Eigentum und Haftung. Sie ermöglichte es, unternehmerisches Risiko einzugehen – weil die Aussicht auf Erfolg real war und der Fall im Ernstfall nicht bodenlos war. Die Unsicherheiten jener Zeit machten dies zur entscheidenden Voraussetzung. Die Suche nach Innovationen – schrittweise wie disruptiv – wurde zum Alltag vieler Unternehmer und ihrer Mitarbeiter

Die soziale Marktwirtschaft war also nicht nur Basis des wirtschaftlichen und sozialen Aufstiegs der Nachkriegszeit, sondern auch ein wesentlicher Bestandteil dessen, was heute unter den „Secrets of German Family Business“ verstanden wird. Gerade Familienunternehmen, deren Eigentümer ihr Vermögen nicht breit streuen, sondern im Unternehmen gebunden haben, sind auf stabile gesellschaftliche und wirtschaftspolitische Rahmenbedingungen angewiesen. Sie engagieren sich oft aus innerer Überzeugung für ihr soziales Umfeld – nicht, weil es gesetzlich verlangt wird. Die soziale Marktwirtschaft bot von Beginn an eine sinnstiftende Verbindung zwischen langfristigem unternehmerischen Handeln, generationenübergreifendem Erfolg und dem Gemeinwohl. Genau diese kluge Balance ist ihr entscheidender Vorteil gegenüber ideologisch geprägten, etwa angelsächsisch-kapitalistischen oder zentralistisch-interventionistischen Systemen.

Erosion der sozialen Marktwirtschaft                      

Doch wie so oft geraten gute Modelle über die Zeit in Vergessenheit, wenn sie als selbstverständlich wahrgenommen werden. Auch wir haben uns in den letzten Jahrzehnten schrittweise von der Grundidee der sozialen Marktwirtschaft entfernt. Das Modell, das uns Wohlstand, Beschäftigung, Sicherheit und sozialen Frieden ermöglicht hat, wird zunehmend beschädigt – bis es seine Balance, Kraft und seinen Kontext zu verlieren droht. Diese Beschädigungen sind offensichtlich und vielfältig.

Der Staat hat ein überdimensioniertes Versorgungswesen aufgebaut, das an vielen Stellen Leistungsanreize und Eigenverantwortung untergräbt – und zudem nicht mehr seriös finanzierbar ist. Tricksereien in der Finanzpolitik und immer neue Schulden verschärfen die Lage nur.

Auch in der Wirtschaftspolitik hat sich der Staat vom „Regelsetzer und Schiedsrichter“ (Stichwort: Die konstituierenden Prinzipien nach Walter Eucken) verabschiedet und greift zunehmend diskretionär ein. Mit Technologievorgaben verzerrt er Forschung, Entwicklung und Investitionen – zum Schaden unseres Standorts.

Ausgaben und Umverteilung als Ursachen des Niedergangs

Hinzu kommt eine zunehmend ausgaben- und verteilungsorientierte Politik, die unsere Volkswirtschaft an die Grenze der Belastbarkeit und unsere Unternehmen an die Grenze der Wettbewerbsfähigkeit geführt hat – teils darüber hinaus. Und eine einfache Wahrheit gilt: Verteilbare Mittel müssen zuvor erwirtschaftet werden.

Die Konsequenzen sind unübersehbar. Deutschland befindet sich seit Jahren auf dem absteigenden Ast. Zahlreiche Studien und Rankings belegen das eindrücklich. Unsere Wettbewerbsfähigkeit, unsere Attraktivität für Investitionen, Talente und Innovationen – all das zeigt seit Jahren nach unten.

Attraktiv erscheinen wir zunehmend nur noch für Empfänger staatlicher Transfers und Subventionen. Ein Teufelskreis. Denn wenn immer mehr Unternehmen keine Zukunft mehr sehen, kreative Köpfe sich zurückziehen, Kapital und Investitionen abwandern – dann gibt es auch weniger zu verteilen.

Die Logik der sozialen Marktwirtschaft – durch effizientes Wirtschaften und stetige Anpassung Wohlstand für alle zu schaffen – wird immer weniger verstanden und akzeptiert. Sie erodiert.

Überlegungen zum weiteren Vorgehen

Ich wiederhole: „The German Wirtschaftswunder“ ist eine weltweit bewunderte Erfolgsgeschichte. Eine Geschichte. Und heute? Heute wundert man sich über uns – man bewundert uns nicht mehr. Wir können froh sein, dass gerade die kleinen und mittleren Unternehmen sowie insbesondere Familienunternehmen sich in Verantwortung gegenüber ihrer Region, ihrem Standort, ihren Mitarbeitern sehen – und um ihren Erfolg in Deutschland kämpfen. Aber: Auch das hat seine Grenzen. Über 50 Prozent der Wertschöpfung in Deutschland werden vom Mittelstand, von Familienunternehmen erbracht – das sollte uns zu denken geben.

Auch die nächsten Generationen in Familienunternehmen müssen in Deutschland Motivation und realistische Chancen für Erfolg und Erneuerung finden. Das ist wiederum Grundlage der gelebten sozialen Verantwortung vieler Familienunternehmen. Deshalb ist es allerhöchste Zeit, sich auf das zu besinnen, was Deutschland nach dem Krieg stark gemacht hat: Die soziale Marktwirtschaft – in ihrer ursprünglichen Idee – als bewährtes Modell. Mit einem starken Staat – aber in der richtigen Rolle. Mit einem ausgebauten, verlässlichen Sozialstaat – aber solide finanzierbar und anreizkompatibel

Das Gute ist: Es mangelt nicht an Erkenntnissen. Es ist ein altes Thema mit einer überzeugenden Erfolgsstory. Und wenn man Berater suchte – sie wären rasch gefunden. Namen wie Josef Schumpeter, Walter Eucken, Ludwig Erhard, Alfred Müller-Armack, Friedrich August von Hayek, Karl Raimund Popper. Sie leben alle nicht mehr. Das macht aber nichts, denn umso unverdächtiger sind sie.

Bedeutung des Gleichgewichts in einer sozialen Marktwirtschaft

Wir sollten alles daransetzen, individuelle und unternehmerische Freiheit und Verantwortung wieder stärker zu fördern – ebenso wie Handlung und Haftung wieder näher zusammenzuführen. Mit einem starken, aber weniger maßregelnden Staat – und unter solidarischer Wahrung einer konsensfähigen sozialen Absicherung. Aus der Überzeugung, dass das eine ohne das andere nicht funktioniert. Die Balance ist entscheidend.

Ein Blick in die Natur kann helfen: Dort sind Konkurrenz und Kooperation keine Gegensätze, sondern zentrale Elemente von Vielfalt, Anpassung und Weiterentwicklung. Genau so ist es in einer funktionierenden sozialen Marktwirtschaft: Nicht „entweder oder“, sondern „sowohl als auch“. Auch bei Wachstum und Wertschöpfung: Nicht immer mehr vom Gleichen, sondern durch Anpassung, Neukonfiguration und Ressourceneffizienz

Die soziale Marktwirtschaft ist das beste System, um sich im gesellschaftlichen Konsens wandelnden Herausforderungen zu stellen, soziale Stabilität zu sichern und Chancen in Wohlstand zu verwandeln – durch Produkte und Leistungen, die echten, langfristigen Nutzen schaffen – individuell und volkswirtschaftlich.

Doch das erfordert harte Arbeit und Geduld – gerade in der kommenden Dekade. Familienunternehmen können und müssen sich aktiv in diesen Diskurs einbringen, sich klar zur sozialen Marktwirtschaft bekennen – nicht aus Eigennutz, sondern aus Verantwortung für die Zukunft des Standorts Deutschland. Denn auch sie könnten anderswo erfolgreich sein.

All dies ist meine persönliche Meinung. Nicht mehr, nicht weniger. Ich schließe mit einem Zitat von Karl Raimund Popper, das für mich den Kern der sozialen Marktwirtschaft wunderbar zum Ausdruck bringt:

Wir müssen für die Freiheit planen und nicht für die Sicherheit, wenn auch vielleicht aus keinem anderen Grund als dem, dass nur die Freiheit die Sicherheit sichern kann.“ Karl Raimund Popper

Hinweis: Erscheint – in englischer Sprache – in: The Secrets of German Family Businessess, Rittmann, U./T. Rappers (Ed.), Prestel (Munich, London, Ney York), 2025, S. 72 ff.

Blog-Beiträge zum Thema:

Issing, Otmar (ex EZB, 2025): Realitätsverweigerung

Michael Heise (HQ, 2025): Standort Deutschland unter Druck. Aber die Politik zögert und zögert

Norbert Berthold (JMU, 2022): Wirtschaftspolitik heute. Viel ordnungspolitischer Unfug

Christoph A. Schaltegger (IWP, 2022): Der Markt braucht den Staat. Und der Staat braucht Regeln. Was uns die soziale Marktwirtschaft heute zu sagen hat

Norbert Berthold (2021): Was ist des Marktes, was des Staates? Wuchernde Staatswirtschaft, gezinkte Märkte und ratlose Ordnungspolitiker

Ulrich van Suntum (WWU, 2013): Ordnungspolitische Leere: Es steht mehr auf dem Spiel als nur die Effizienz

2 Antworten auf „Gastbeitrag
Soziale Marktwirtschaft
Erfolgsgeschichte mit Reformbedarf

  1. Danke Hr Wittenstein,

    aber wo ist jetzt ein Loesungsweg aus der Misere?
    Nur Vergangenheitsbeschreibung?
    Nur Apelle?
    Die gibt/gab es jetzt genug, oder?
    Sie wirken nicht!

    M.E. brauchen wir (neue?) mutige, charismatische Leitfiguren, die auch mal mit der Kettensaege arbeiten, statt nur vor Wahlen (sehr) viel anzukuendigen und danach (fast) nix umzusetzen.

    Wir brauchen Macher, und weniger Schwaetzer.

    Wo sind die?

    LG Joerg

  2. Weltkriegsargument halte ich für sekundär. Primär war und sollte wieder primär werden: Fleiß, Pünktlichkeit, Gründlichkeit, Ordnungsliebe. Staatliche Transfers an Firmen und Personen untergraben das. Fördermittel halte ich für Subventionen, sind des Einen eine Bevorzugung, für die Anderen eine Benachteiligung. Wenn Fördermittel, dann tilgbar nur mit dem Gewinn aus der geförderten Wertschöpfung. Ein echter Wettbewerb wird mit Fördermitteln untergraben, eine Haftung ausgeschlossen. Die Begründung für manches Unternehmen, es sei systemrelevant ist systemwidrig. Systemrelevantes Unternehmen heißt, es ist von den Prinzipien der freien Marktwirtschaft ausgenommen; dort gilt: Was nicht marktfähig ist, muß vom Markt verschwinden

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