Internationale Trends deuten auf wachsende Ungleichheit und sinkende Aufstiegschancen. Die Schweiz bildet die Ausnahme: stabile Einkommensverteilung, hohe soziale Mobilität und keine dynastische Verfestigung von Armut. Herkunft prägt – doch sie entscheidet nicht.
Ungleichheit ist in einigen Industrieländern auf dem Vormarsch. Nicht so in der Schweiz. Während die Einkommensunterschiede in den USA in den vergangenen Jahrzehnten gewachsen sind, zeigt sich hierzulande ein auffallend stabiles Bild: Seit fast hundert Jahren beanspruchen die einkommensstärksten zehn Prozent konstant rund ein Drittel des Gesamteinkommens.[1] Der anderswo typische U-förmige Verlauf – ein Rückgang der Top-Einkommen nach dem Zweiten Weltkrieg und ihr erneuter Anstieg seit den 1980er-Jahren – blieb in der Schweiz aus.
Diese Beständigkeit ist umso erstaunlicher, als gleich mehrere Entwicklungen die Ungleichheit eigentlich hätten verstärken können – allen voran die Globalisierung und die zunehmend selektive Partnerwahl.
Verbreitet selektive Partnerwahl
Mit der Verlagerung arbeitsintensiver Produktion ins Ausland wurde der einheimische Tieflohnsektor unter Druck gesetzt, was das Potenzial für wachsende Einkommensunterschiede birgt. Gleichzeitig hat sich in den oberen Einkommensklassen ein regelrechter internationaler Wettbewerb um die besten Talente entwickelt: Hochqualifizierte Spezialisten sind weltweit begehrt, und in einer wissensbasierten Ökonomie können einzelne Spitzenkräfte oder Unternehmen nach dem Prinzip «the winner takes it all» überproportional profitieren. Unter diesen Bedingungen wäre ein Auseinanderdriften der Einkommen eigentlich zu erwarten gewesen.
Gleichzeitig haben sich immer mehr sogenannte «Power Couples» gebildet, also Paare, in denen beide Partner zu den Spitzenverdienern zählen. Der Arzt heiratet heute häufiger die Anwältin als die Coiffeuse. Statistisch ist eine Ehe zwischen zwei Topverdienern rund 15-mal wahrscheinlicher als eine zufällige Paarung.[2] Das hat gesamtwirtschaftliche Konsequenzen: Würden die Menschen unabhängig von Einkommen heiraten, wäre die Ungleichheit heute über zehn Prozent geringer. Mit der bewussten Partnerwahl wird also ein gewisses Mass an Ungleichheit in Kauf genommen. Umso bemerkenswerter ist, dass weder die Globalisierung noch die selektive Partnerwahl die Einkommensverteilung in der Schweiz nachhaltig verändert haben.
Egalitär schon vor Steuern und Umverteilung
Im Gegenteil: Blickt man auf die Verteilung der Markteinkommen – also der Einkommen vor Steuern und staatlichen Transfers – nimmt die Schweiz im internationalen Vergleich sogar einen Spitzenplatz ein. Ein duales Bildungssystem, ein flexibler Arbeitsmarkt und stabile Institutionen sorgen dafür, dass die Einkommen gleichmässiger verteilt sind als in vielen anderen OECD-Ländern. Und das, bevor überhaupt Umverteilungsmechanismen wie Steuern, Sozialversicherungen – etwa die AHV – oder staatliche Unterstützungen wie Prämienverbilligungen oder Subventionen für die Kinderbetreuung zum Tragen kommen.[3] Augenfällig ist zudem, dass sich diese vergleichsweise egalitäre Einkommensverteilung seit rund hundert Jahren beobachten lässt.
Während die Einkommensverteilung über die Jahrzehnte stabil blieb, ist beim Vermögen in jüngerer Zeit ein leichter Anstieg der Konzentration zu beobachten. Verantwortlich dafür sind vor allem steigende Aktienkurse und Immobilienpreise im anhaltenden Niedrigzinsumfeld. Viele Wohlhabende sind dadurch vor allem «auf dem Papier» reicher geworden – durch Wertsteigerungen, nicht durch höhere laufende Erträge. Der Anteil des Vermögenseinkommens am Gesamteinkommen der privaten Haushalte verharrte mit rund zehn Prozent nahezu unverändert. Mit anderen Worten: Das Vermögen der Reichen ist gewachsen, ohne dass es die Einkommensungleichheit spürbar verändert hätte. Ein zusätzlicher Umverteilungsbedarf entstand daraus nicht.[4]
Der grosse Gatsby – auch in der Schweiz gesichtet?
Die Analyse ökonomischer Ungleichheit erschöpft sich nicht in der Betrachtung von Einkommens- und Vermögensverteilungen. Bereits Nobelpreisträger Gary Becker betonte, dass es neben der statischen Verteilung auch eine dynamische Perspektive braucht. Entscheidend ist nämlich nicht nur, wie die Einkommen zu einem Zeitpunkt verteilt sind, sondern ob es den Menschen gelingt, sich auf der Einkommensleiter nach oben zu bewegen. Wenn Erfolg unabhängig vom Elternhaus möglich ist, spricht man von hoher sozialer Mobilität. Ist die eigene Zukunft dagegen schon bei der Geburt festgeschrieben, herrscht geringe soziale Mobilität.
Zwischen den beiden Dimensionen der Ungleichheit gibt es einen Zusammenhang: Der US-Ökonom Miles Corak zeigte, dass hohe Einkommensungleichheit häufig mit geringer sozialer Mobilität einhergeht.[5] Alan B. Krueger, Berater von Präsident Obama, machte diesen Zusammenhang als «Great-Gatsby-Kurve» bekannt: Je ungleicher die Einkommen verteilt sind, desto schwieriger ist es, gesellschaftlich aufzusteigen – und umgekehrt. Nach dieser Logik müsste sich die Schweiz mit ihrer vergleichsweise niedrigen Ungleichheit auch durch hohe soziale Mobilität auszeichnen. Und tatsächlich: Während Fitzgeralds Gatsby in den «Roaring Twenties» der USA vergeblich gegen unsichtbare Schranken ankämpfte, zeigt die Schweiz, dass Herkunft hierzulande kein unüberwindbares Schicksal ist – der Weg nach oben bleibt offen.

Geringer familiärer Einfluss auf den eigenen Erfolg
Gemeinsam mit Jonas Bühler und Christoph Schaltegger habe ich auf Basis von Administrativdaten und Geschwisteranalysen den Einfluss der Familie auf das spätere Einkommen gemessen.[6] Das Ergebnis ist eindrücklich: Lediglich rund 15 Prozent der Einkommensunterschiede lassen sich auf die Herkunft zurückführen – ein ausgesprochen niedriger Wert im internationalen Vergleich. Zum Vergleich: In Deutschland liegt er bei 43 Prozent, in den USA sogar bei knapp 50 Prozent.
Das bedeutet: Ganze 85 Prozent der Unterschiede erklären sich durch Faktoren ausserhalb der Familie – durch Talent, Einsatz, Ausbildung, aber auch durch Zufall. Mit anderen Worten: In der Schweiz entscheidet weit mehr als die Herkunft über den Lebensweg. Die Tochter eines Bäckers hat reale Chancen, CEO eines Unternehmens zu werden. Und umgekehrt kann auch der Sohn eines Arztes durchaus im Mittelfeld landen.
Nicht weniger hervorzuheben ist, dass die geringe Bedeutung der familiären Herkunft seit nunmehr vier Jahrzehnten unverändert geblieben ist.[7] Während in den USA im selben Zeitraum sowohl die Einkommensungleichheit zunahm als auch die Chancen auf sozialen Aufstieg sanken, konnte die Schweiz ihre Durchlässigkeit bewahren. Mit anderen Worten: Hierzulande blieb nicht nur die Verteilung der Einkommen konstant, sondern auch die Möglichkeit, unabhängig von der Herkunft die Einkommensleiter emporzuklettern.
Keine langfristige «Vererbung» von Armut
Auch am unteren Rand der Einkommensverteilung zeigt sich dieses Bild einer offenen Gesellschaft. Gerade bei der Sozialhilfe wäre die Sorge vor verfestigter Armut besonders naheliegend: Wenn sich Sozialhilfebezug über Generationen hinweg in ganzen Familienclans fortsetzen würde, käme dies einer modernen Form des «Tantalus-Fluchs» gleich – einer ökonomischen Schicksalsbindung von Geburt an.
Doch genau das zeigt sich für die Schweiz nicht. Auf Basis von Administrativdaten zu rund 124 000 Grossfamilien habe ich gemeinsam mit Tamara Erhardt und Christoph Schaltegger untersucht, wie stark sich Sozialhilfeabhängigkeit innerhalb und über Familien hinweg überträgt.[8] Das Resultat ist klar: Innerhalb der Kernfamilie ist der Zusammenhang zwar deutlich – hat ein Geschwister Sozialhilfe bezogen, steigt das eigene Risiko markant. Doch bereits bei Cousins, die nur noch die Grosseltern teilen, nimmt dieser Einfluss stark ab. Der Effekt entlang der Grosselternlinie beträgt lediglich rund ein Fünftel des elterlichen Einflusses.
Mit anderen Worten: Sozialhilfeabhängigkeit kann sich innerhalb einer Kernfamilie häufen, sie verfestigt sich aber nicht über mehrere Generationen hinweg. Der familiäre Einfluss zerfällt rasch mit zunehmender Verwandtschaftsdistanz. Selbst am unteren Rand der Einkommensverteilung lässt sich somit keine dynastische Vererbung von Abhängigkeit erkennen. Armut mag prägen – sie wird jedoch in der Schweiz nicht über ganze Verwandtschaftsnetzwerke hinweg zementiert.
Durchlässigkeit seit dem 16. Jahrhundert
Doch um zu erkennen, ob sich Familien über längere Zeit hinweg als Dynastien behaupten können, braucht es zusätzlich den Blick über mehrere Generationen. In Basel haben wir dazu Nachnamensanalysen durchgeführt und die soziale Durchlässigkeit über viele Generationen hinweg bis ins 16. Jahrhundert zurückverfolgt.[9] Das Ergebnis ist eindeutig: Der Einfluss der Familie auf den sozialen Status zerfällt innerhalb von vier Generationen vollständig. Grosse Familiendynastien konnten sich hierzulande nicht halten – und haben es auch nie getan.
Viel eher zeigt sich ein «Buddenbrooks-Effekt», wie ihn Thomas Mann in seinem Roman beschrieben hat: Während der elterliche Einfluss auf die Kinder klar nachweisbar ist, wirkt jener der Grosseltern zwar noch, aber nur mit etwa halber Stärke. Schon bei den Urgrosseltern verschwindet dieser Effekt, und auch weiter zurückliegende Generationen haben keinerlei messbaren Einfluss mehr. Ein grosser Name ist in der Schweiz kein Garant für dauerhaften Erfolg.
Keine Habsburger Verhältnisse
Das ist zum einen zentral für eine offene Gesellschaft, die Aufstiegschancen verspricht. Zum anderen ist es gerade in Zeiten selektiver Heiraten von besonderer Bedeutung. Gemeinsam mit Michele Salvi und Christoph Schaltegger konnten wir zeigen: Das Sprichwort «Gleich und gleich gesellt sich gern» gilt zwar auch beim Vermögen – doch geheiratet wird häufiger in «neues» als in «altes» Geld.[10] Ehepartner ähneln sich stark im eigenen Vermögen, deutlich weniger jedoch im Vermögen ihrer Eltern. Möglich ist das nur dank intakter sozialer Mobilität. Denn wären Reichtum und gesellschaftliche Stellung ausschliesslich vererbbar, lebten wir noch immer in Habsburger Zeiten. Ohne Auf- und Abstiegschancen würde die selektive Partnerwahl zur Zementierung von Familiendynastien führen.
So erfüllt soziale Mobilität heute eine doppelte Funktion: Sie garantiert Chancengerechtigkeit, indem sie verhindert, dass Herkunft über Lebenswege entscheidet. Und sie sorgt dafür, dass selbst «Heiraten unter Gleichen» nicht automatisch neue Dynastien hervorbringen. Während die Habsburger durch strategische Ehen Macht und Reichtum über Generationen hinweg sicherten, verhindern in der Schweiz funktionierende Auf- und Abstiegsmechanismen, dass sich eine solche Schichtengesellschaft überhaupt verfestigt.
Es kann also weiterhin unbefangen geheiratet werden. Die Schweiz bleibt ein Chancenland: Hier werden Möglichkeiten nicht vererbt, sondern erarbeitet.
Anmerkung: Dieser Text basiert auf dem Artikel «Reich heiratet reich – und doch bleibt die Schweiz ein Chancenland» von Melanie Häner-Müller & Christoph A. Schaltegger im Rahmen der NZZ-Verlagsbeilage «Chancen, Chancen, Chancen» vom 8. November 2025.
Literatur:
Bühler, J., Häner-Müller, M. & Schaltegger, C.A. (2024). The mystery of success: How family background shapes social mobility. IWP Working Papers No. 5.
Bühler, J., Häner-Müller, M. & Schaltegger, C.A. (2025). Intergenerational Mobility in Times of Rising Global Inequality: USA vs. Switzerland. IWP Working Papers No. 6.
Corak, M. (2013). Income Inequality, Equality of Opportunity, and Intergenerational Mobility. Journal of Economic Perspectives 27(3), 79–102.
Erhardt, T., Häner-Müller, M. & Schaltegger, C.A. (2025). Tantalus Curse?: Multigenerational Persistence of Welfare Dependency in Switzerland. IWP Working Papers No. 7.
Häner, M., & Schaltegger, C. A. (2024). The name says it all: Multigenerational social mobility in Basel (Switzerland), 1550–2019. Journal of Human Resources 59(3), 711–742.
Häner-Müller, M., Kalbermatter, N., Koch, N. & Schaltegger, C.A. (2024). Verteilungsradar: Einkommens- und Vermögensungleichheit in der Schweiz. IWP Policy Papers No. 11.
Häner-Müller, M.; Salvi, M. & Schaltegger, C.A. (2025). Tax redistribution offset? Effect of marital choices on income inequality. International Tax and Public Finance 32(3), 805-827.
Häner-Müller, M., Salvi, M. and Schaltegger, C.A. (2024a). Marry into new or old money? The distributional impact of marital decisions from an intergenerational perspective. Journal of Economic Behavior & Organization 224, 672-687.
[1] Häner-Müller et al. (2024).
[2] Häner-Müller et al. (2025).
[3] Häner-Müller et al. (2024).
[4] ebd.
[5] Corak (2013).
[6] Bühler et al. (2024).
[7] Bühler et al. (2025).
[8] Erhardt et al. (2025).
[9] Häner & Schaltegger (2024).
[10] Häner-Müller et al. (2024a).
Blog-Beiträge zum Thema:
Norbert Berthold (JMU, 2013): Der amerikanische Traum. Bremst Ungleichheit die soziale Mobilität?
Norbert Berthold (JMU, 2014): Die „Great Gatsby“-Kurve. Mehr als politische Propaganda?
Klaus Gründler (JMU, 2014): Werden aus armen Kindern arme Erwachsene? Über Höhe und Ursachen sozialer Mobilität
Norbert Berthold (JMU, 2014): Staatliche Umverteilung und soziale Mobilität. Eine verteilungspolitische Fata Morgana?
Norbert Berthold (JMU, 2015): Ungleichheit, Umverteilung und Mobilität. Besteht wirtschaftspolitischer Handlungsbedarf?
Sarah Sauerhammer (JMU, 2016): Geld ist nicht alles. Transmissionskanäle der intergenerationalen Einkommenspersistenz
Melanie Häner-Müller (IWP, 2021): Von gesellschaftlichen Auf- und Absteigern
- Gastbeitrag
Die Schweiz als Chancenland - 17. März 2026
