100 Prozent Ökostrom?
Nicht nötig, aber absurd teuer!

Nahezu 100 Prozent Strom aus erneuerbaren Energien bis 2035. Das ist das sehr ehrgeizige Zwischenziel Deutschlands auf dem Weg zur Klimaneutralität bis 2045. Wir können es also doch noch: groß denken und ambitionierte Ziele formulieren. Was bei der Reform der Sozialversicherungen schon im Ansatz scheitert, scheint bei der Energiewende kein Problem zu sein.

Doch ist es wirklich erstrebenswert – oder auch nur realistisch – in weniger als zehn Jahren nahezu den gesamten Strombedarf eines industrialisierten Landes mit Erneuerbaren, vor allem Wind und Sonne, zu decken?

Was auf den ersten Blick nach Mut, Ehrgeiz und politischer Entschlossenheit klingt, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als ein energiepolitisches Wunschbild, das zentrale ökonomische Prinzipien wie Kosteneffizienz und ein vorteilhaftes Nutzen-Kosten-Verhältnis ausblendet.

So sind Extremwerte wie der Anteil von 100 Prozent an erneuerbaren Energien am Strommix in der Realität selten die beste Lösung. Ganz im Gegenteil: Dieser Anteil hätte ein sehr schlechtes Nutzen-Kostenverhältnis. Denn je näher man dem 100-Prozent-Ziel kommt, desto schwieriger und teurer wird jeder weitere Prozentpunkt. Die letzten Lücken zu schließen, etwa um den Strombedarf auch in windstillen Winternächten zu decken, würde einen unverhältnismäßig hohen Einsatz an Stromspeichern und -netzen erfordern. Ökonomisch sinnvoll ist die Maximallösung daher keinesfalls, weitaus besser wäre ein ausgewogener Mix.

Auch empirische Studien sprechen gegen das 100-Prozent-Ziel. Der Energieökonom Lion Hirth kommt in einer im Energy Journal veröffentlichten empirischen Untersuchung zu dem Ergebnis, dass für nordwesteuropäische Länder wie Deutschland, Frankreich oder die Niederlande deutlich niedrigere Anteile an erneuerbaren Energien wirtschaftlich sinnvoll sind.

Für die Windkraft an Land liegt der optimale Anteil in Nordwesteuropa laut Hirth bei rund 20 Prozent – unter der Annahme von Stromkosten von etwa fünf Cent pro Kilowattstunde. Diese Annahme hat sich in Deutschland bislang nicht erfüllt. Weil gute Standorte knapp sind, werden Windparks zunehmend in windschwachen Regionen gebaut. Betriebswirtschaftlich rechnen sie sich nur, weil der Staat dort um 55 Prozent höhere Einspeisevergütungen garantiert. So werden zehn bis elf Cent pro Kilowattstunde gezahlt, statt der fünf Cent, die in der Studie von Hirth angenommen wurden. Das kostet die Steuerzahler über die 20-jährige Förderlaufzeit zusätzlich zweistellige Millionenbeträge.

Noch kritischer fällt das Ergebnis für die Photovoltaik aus. Für Nordwesteuropa kommt Lion Hirth zu dem Schluss, dass der wirtschaftlich sinnvolle Solarstromanteil selbst bei stark sinkenden Kosten sehr gering ist. Der Grund ist schlicht: In diesen Ländern scheint die Sonne zu selten und zu schwach. Aus Kostensicht sollte Solarstrom daher vor allem dort erzeugt werden, wo es sich lohnt – in Südeuropa oder in nordafrikanischen Ländern wie Marokko. So ist die Sonneneinstrahlung in Spanien mit rund 1.800 Kilowattstunden pro Quadratmeter deutlich höher als in Deutschland, wo sie bei etwa 1.100 Kilowattstunden pro Quadratmeter liegt. Auch die Zahl der Sonnenstunden spricht eine klare Sprache: Spanien kommt auf über 3.000 Stunden pro Jahr, Deutschland auf rund 1.600 Stunden, also kaum mehr als die Hälfte.

Eine nüchterne Schlussfolgerung aus diesen Fakten liegt nahe: Nach über 25 Jahren kostenintensiver Förderung der Photovoltaik, die über das im Jahr 2000 eingeführte Erneuerbare-Energien-Gesetz inzwischen Kosten von deutlich mehr als 200 Milliarden Euro verursacht hat, wäre Deutschland gut beraten, auf eine weitere Subventionierung der Erneuerbaren zu verzichten, vor allem der Photovoltaik.

Denn Solarstrom lässt sich in den sonnenreichen Ländern Europas deutlich günstiger erzeugen – und dann importieren. Diese internationale Kooperationsmöglichkeit wird in Deutschland bislang nahezu völlig missachtet. Obwohl Deutschlands Wohlstand zu großen Teilen auf internationalem Handel beruht, scheint es oberste Priorität zu haben, dass der grüne Strom nicht importiert, sondern in Deutschland produziert wird, koste es, was es wolle, und gleich welche Widerstände damit verbunden sind. So zieht der geplante Bau von Windparks in windschwachen Gebieten, die neben 55 Prozent höherer Einspeisevergütungen die Errichtung von besonders hohen Windkraftanlagen erforderlich machen, um die Betriebswirtschaftlichkeit zu ermöglichen, regelmäßig den erbitterten Widerstand von Anwohnern und Bürgerinitiativen nach sich.

Die Subventionierung von Erneuerbaren wie der Windkraft und der Photovoltaik macht indessen nur einen kleinen Teil der Kosten der Energiewende aus. Noch weitaus höhere Kosten entstehen durch den Ausbau der unverzichtbaren Reservekapazitäten sowie der Stromspeicher und der Netze. Allein der notwendige Ausbau der Stromnetze würde nach einer Studie des Energiewirtschaftlichen Instituts der Universität Köln rund 730 Milliarden Euro kosten – also etwa das Eineinhalbfache des jährlichen Bundeshaushalts.

Hinzu kommen hohe Kosten für gigantische Mengen an Batteriespeichern im hohen dreistelligen Gigawattbereich sowie für den Aufbau einer Wasserstoffwirtschaft inklusive einer eigenen Netzinfrastruktur. Und um im Winter bei fehlendem Wind und ohne Sonne nicht ohne Strom dazustehen, müssen neue Erdgaskraftwerke im zweistelligen Gigawattbereich gebaut werden, die irgendwann mit klimaneutralem, aber sehr teurem grünen Wasserstoff betrieben werden sollen.

Was das alles zusammen kostet, weiß niemand genau. Die Wissenschaftlichen Dienste des Bundestages beziffern die Gesamtkosten der Energiewende – einschließlich Wärme- und Verkehrswende – auf 10 bis 13 Billionen Euro in den kommenden 20 Jahren. Das wäre selbst für eine dynamisch wachsende Volkswirtschaft eine enorme Belastung. Für eine stagnierende Wirtschaft ist es schlicht nicht zu stemmen.

Umso dringender ist ein Umdenken nötig. Statt die Stromerzeugung einseitig auf erneuerbare Technologien zu verengen und fossile Kraftwerke als Notreserve vorzuhalten, sollte Deutschland auf einen möglichst breiten Technologiemix setzen. Dazu gehört auch die ergebnisoffene Debatte über die klimaneutrale Kernenergie – etwa in Form kleiner modularer Reaktoren oder neuer, inhärent sicherer Kraftwerkstypen.

Doch genau diese Debatte blieb bislang erstaunlich leise. Für manche gelten erneuerbare Energien beinahe als heiliger Gral der künftigen Stromversorgung – Kritik erscheint da schnell als Sakrileg. Eine nüchterne ökonomische Betrachtung legt jedoch nahe, dass der eingeschlagene Weg Deutschland teuer zu stehen kommen wird. Was in der Finanzwelt als eiserne Regel gilt, sollte auch für die Energiepolitik gelten: Man setzt nicht alles auf eine Karte. Andernfalls könnte aus dem verheißungsvollen Bild einer klimaneutralen Energiezukunft am Ende ein extrem teures Projekt werden, das Deutschland vollkommen überfordert.

Manuel Frondel und Niels Oelgart
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Eine Antwort auf „100 Prozent Ökostrom?
Nicht nötig, aber absurd teuer!

  1. „Unsere Industrie blutet aus. Die Deindustrialisierung beschleunigt sich.“

    Sowie:

    „Eine Tatsache wurde zu lange verschwiegen:

    Eine Energiewende, die die Systemkosten ignoriert, wird das Land ruinieren, das sie zu retten vorgibt.“

    Quelle:

    Katherina Reiche (2026), Standpunkt: Ehrlich und effizient – die Energiestrategie für Deutschland, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, vom Mittwoch, 8. April 2026, S. 17

    Frau Katherina Reiche ist Bundesministerin für Wirtschaft und Energie.

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