„2. Würzburger Ordnungstag“
Werden aus armen Kindern arme Erwachsene?
Über Höhe und Ursachen sozialer Mobilität

„The order is rapidly fadin.  ‚And the first one now will later be last. For the times, they are a-changin’.“ (Bob Dylan)

Die Einkommensungleichheit hat in den entwickelten Volkswirtschaften innerhalb der letzten Jahrzehnte stark zugenommen. Während der Gini-Koeffizient der Markteinkommen in den USA von 37,4% im Jahr 1970 auf 47,0% am aktuellen Rand angestiegen ist, können ähnliche Entwicklungen in nahezu allen Industrienationen beobachtet werden. Deutschland bildet hier keine Ausnahme, auch hierzulande hat die Einkommenskonzentration mit einem Anstieg von über 10 %-Punkten im selben Zeitraum deutlich zugenommen. Welche Konsequenzen diese Entwicklung auf die wirtschaftliche Effizienz nimmt, wird kontrovers diskutiert. In einem Punkt sind sich die Ökonomen jedoch einig: Wenn die soziale Mobilität – die Möglichkeit, in der Einkommensverteilung nach oben zu gelangen – hoch ist, so ist der Anstieg der Einkommensungleichheit weniger problematisch. Wenn jedem Individuum dieselbe Möglichkeit zum Aufstieg bereit stünde und der monetäre Erfolg im Wesentlichen von den eignen Anstrengungen abhinge, so würden Einkommensunterschiede gar eine positive Anreizwirkung auf Humankapitalakkumulation und Innovationstätigkeit ausstrahlen. Doch wie hoch ist die soziale Mobilität in den einzelnen Ländern? Und durch welche Faktoren können die Unterschiede zwischen den Volkswirtschaften erklärt werden?

Der Status Quo: Soziale Mobilität gering

Wird in der Wissenschaft von sozialer Mobilität gesprochen, so wird in aller Regel der Begriff der „intergenerativen Einkommenselastizität“ verwendet. Das Maß gibt an, wie stark das Einkommen des Vaters mit dem des erwachsenen Sohnes korreliert ist. Entsprechend deuten hohe Werte auf einen geringen Grad an sozialer Mobilität hin und umgekehrt. Miles Corak berechnet die Korrelation auf Basis von Mikro-Daten für 22 Länder. Die Ergebnisse sind dargestellt in Abbildung 1.

Soziale Mobilität
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Die Verteilung der sozialen Mobilität zwischen den Ländern ist augenscheinlich sehr heterogen. So spielt das Einkommen der Eltern in Dänemark (15%), Norwegen (17%) und Finnland (18%) eine untergeordnete Rolle für die Entwicklungschancen der Söhne. Auch in Kanada (19%) und Australien (26%) ist die Einkommenspersistenz vergleichsweise gering. Deutschland liegt mit 32% im Mittelfeld und rangiert damit auf einem Niveau mit Japan (34%), Spanien (40%) und Frankreich (41%). Die höchste intergenerative Einkommenselastizität wird in südamerikanischen Ländern gemessen. Vor allem in Peru (67%), Brasilien (58%) und Chile (52%) ist die Einkommensungleichheit über die Generationen hinweg beständig. Nicht weit von dem südamerikanischen Niveau entfernt sind die angelsächsischen Länder USA (47%) und Großbritannien (50%), in denen die Einkommen des Vaters in etwa die Hälfte der Einkommen der Söhne erklären. Insgesamt ist die soziale Mobilität in den meisten Ländern allerdings nicht annäherungsweise hoch genug ist, um den starken Anstieg der Einkommensungleichheit zu kompensieren.

Soziale Mobilität und Einkommensungleichheit: Die Great-Gatsby-Kurve

Woher kommen die starken Unterschiede zwischen den Ländern in der Höhe der sozialen Mobilität? Eine Beobachtung, die in den letzten drei Jahren für einiges Aufsehen gesorgt hat, ist die negative Korrelation der Mobilität mit der Einkommensungleichheit. Dieser deskriptive Zusammenhang wurde von Alan Krueger in Anlehnung an das gleichnamige Buch von F. Scott Fitzgerald nicht ohne Ironie als „Great Gatsby Kurve“ bezeichnet. Abbildung 2 zeigt den Zusammenhang der in Abbildung 1 dargestellten Mobilität mit dem Gini-Koeffizient der Einkommensungleichheit aus der SWIID Datenbank.

Die klassische Great-Gatsby-Kurve
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Tatsächlich scheinen Ungleichheit und Mobilität stark korreliert zu sein. Insbesondere in Ländern mit hoher Einkommensungleichheit sind die Mobilitätsraten gering. Dies, so Alan Krueger, spräche eindeutig für eine stärkere staatliche Umverteilung. Es gibt jedoch noch andere Lesarten der Grafik. Zunächst ist es denkbar, dass die Korrelation nicht von der Ungleichheit zur sozialen Mobilität läuft, sondern dass umgekehrt die Mobilität die Einkommensungleichheit beeinflusst. Zweitens ist es vorstellbar, dass eine dritte Variable die soziale Mobilität und die Einkommensungleichheit simultan beeinflusst und so eine Scheinkorrelation entstehen lässt. Hassler at al. (2007) und Solon (2004) führen hier vor allem die Bildung ins Feld. Drittens kann die dargestellte Korrelation auch schlicht zufällig sein. Die Corak-Daten sind auf Basis von Mikro-Datensätzen ermittelt, die im Detail Aufschluss geben über die Höhe der Einkommen der Väter und ihrer erwachsenen Söhne. Dergleichen Daten sind jedoch nur für eine begrenzte Zahl von Ländern verfügbar. Während das Maß die Höhe der Mobilität sehr genau abbildet, zeichnet es jedoch nur ein sehr unvollständiges Bild über die Verteilung der Mobilität in der Welt. Wie die Mobilität in den übrigen Volkswirtschaften der Erde ausgeprägt ist, bleibt unklar. Auch die makroökonomische Ursachenforschung der Unterschiede zwischen den Ländern wird durch die geringe Zahl an Beobachtungen erschwert, da ökonometrische Modelle nicht sinnvoll mit 20 oder weniger Freiheitsgraden geschätzt werden können.

In einem aktuellen Forschungspapier schlagen Berthold und Gründler (2014) daher zwei alternative Maße vor, die sich für eine große Zahl von Volkswirtschaften auf Basis von breit verfügbaren Makro-Daten berechnen lassen. Abbildung 3 zeigt die Great-Gatsby-Kurve unter der Verwendung der Daten von Berthold und Gründler (2014).

Die modifizierte Great-Gatsby-Kurve
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Während das Maß in Bezug auf die Corak-Länder (rote Punkte) nach wie vor eine starke Korrelation zwischen intergenerativer Einkommenselastizität und der Einkommensungleichheit aufdeckt, verschwindet dieser Zusammenhang bei der Betrachtung eines großes Samples auf Basis aller Länder (rote und blaue Punkte). Dies zeigt, dass die Auswahl der Länder stark zu dem in der klassischen Great-Gatsby-Kurve abgebildeten positiven Zusammenhang beiträgt und somit einen Sample-Selection-Bias begründet.

Die Determinanten der sozialen Mobilität

Wenn die Ungleichheit nicht als wesentlicher Treiber in Frage kommt, welche Faktoren bestimmen dann über die Höhe der sozialen Mobilität in einer Volkswirtschaft? Die Studie von Berthold und Gründler (2014) erforscht fünf mögliche Kategorien: Umverteilung, Bildung, Familienstruktur, Arbeitsmarkt sowie Kultur bzw. Religion. Im Folgenden werden einige der Ergebnisse der empirischen Schätzungen kurz vorgestellt.


Alan Krueger schlägt vor, die Mobilität über eine stärkere staatliche Umverteilung zu erhöhen. Die Schätzungen zeigen jedoch, dass Umverteilung nicht per se mobilitätssteigernd ist, sondern deuten vielmehr auf einen parabolischen Zusammenhang beider Größen hin, wie Abbildung 4 verdeutlicht.

Die Umverteilungsparabel
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Diese „Umverteilungsparabel“ ist das Ergebnis zweier gegenläufiger Effekte: Der erste Effekt besteht in einem abnehmenden Anreiz zur Investition in Humankapital bei progressiverer Ausgestaltung des Steuersystems. Je stärker über das Steuer- und Transfersystem umverteilt wird, desto weniger werden die Individuen bereit sein, in Humankapital zu investieren. Bei Familien mit geringer Präferenz für Bildung kommt dieser Effekt am stärksten zum Tragen. Zudem sinkt der Anreiz für ärmere Familien, die Investitionen in die Bildung der Kinder sowie die daraus entstehenden Opportunitätskosten über eine Verschuldung am Kapitalmarkt zu finanzieren. In Summe werden reichere Familien relativ betrachtet mehr in Bildung investieren als ärmere Haushalte, was zu einer Reduktion der Mobilität führt. Die Umverteilung stößt jedoch noch einen zweiten Effekt an. Wird umverteilt, so kommt es zu einem Austausch der Einkommen zwischen reichen und armen Familien, was unmittelbar zu einer Annäherung der verfügbaren Einkommen führt. Auf diesem Zweig der Parabel trägt ein Anstieg der Umverteilung tatsächlich zu einer Erhöhung der sozialen Mobilität bei. Ein Beispiel: Angenommen, das Sozialsystem wäre in der Generation des Vaters wenig expansiv gewesen. In diesem Fall hätte ein armer Vater wenig von staatlichen Umverteilungsaktivitäten profitiert. Kam es jedoch zwischen den Generationen zu einem Anstieg der Umverteilung, so profitiert ein hypothetisch ebenso armer Sohn nun deutlich mehr, als noch sein Vater. Die relative Stellung des Sohnes hat sich somit durch den Anstieg der Umverteilung verbessert. Die Lasten der stärkeren Umverteilung müssen jedoch von den Steuerzahlern getragen werden, direkt oder indirekt. Damit wird ein reicher Sohn nun stärker belastet als noch sein reicher Vater. In Summe sinkt damit die Korrelation der Einkommen der Väter mit jenen ihrer Söhne. Ab einem bestimmten Niveau der Umverteilung überkompensiert der zweite Effekt den ersten und die Ökonomie bewegt sich auf dem rechten Arm der Parabel.

Die Forderung nach einer stärkeren staatlichen Umverteilung zur Erhöhung der Mobilität wäre allerdings vorschnell, denn der zweite, mobilitätssteigernde Effekt ist im Prinzip im Wesentlichen „rechnerischer“ Natur. Im Fallbeispiel hat sich der ärmere Sohn relativ zu seinem Vater nicht durch eine höhere Bildung, einen besser dotierten Beruf oder das Hervorbringen von Innovationen besser gestellt, sondern allein durch die staatliche Aktivität. Der Staat hat jedoch noch eine zweite Möglichkeit, die soziale Mobilität durch wirtschaftspolitische Handlungen zu erhöhen: Anstelle der direkten Umverteilung kann der Weg der Schaffung von Chancengleichheit eingeschlagen werden. Liegt die geringe soziale Mobilität in dem vorigen Beispiel an einer harten Budgetbeschränkung der armen Familie, so muss der Staat Bildung über alle soziale Schichten hinweg ermöglichen und insbesondere für Desegregation sorgen. Diese indirekte Form der Umverteilung ist wesentlich anreizkompatibler, ermöglicht sie doch jedem Individuum die freie Entfaltung und dasjenige Maß an Bildung, das den Präferenzen des Einzelnen entspricht. Damit gehen unmittelbar positive Effekte auf das allgemeine Bildungsniveau, den technischen Fortschritt und das Wachstum einher. Es liegt nun allerdings an den Präferenzen der jeweiligen Gesellschaft, welche Form der Umverteilung und damit auch der Mobilität sie bevorzugt.

Hinzu kommt ein weiterer Punkt: Die Empirie zeigt, dass die Spitze der Umverteilungsparabel bei 11 %-Punkten erreicht ist. Der Mittelwert der Umverteilung im Sample der 94 SWIID Länder, für die der Gini-Koeffizient vor und nach Steuern verfügbar ist, beträgt 6,21, der Median liegt bei 3,63. Das bedeutet, im Mittel wird in den meisten Ländern gerade die Hälfte der für einen mobilitätssteigernden Effekt notwendigen Mittel umverteilt. Sind umverteilungsinduzierte Mobilitätseffekte erwünscht, so müssen die Steuer- und Sozialsysteme in vielen Ländern grundlegend verändert werden. Bei gewachsenen Anreizstrukturen kann dies allerdings eine Reihe von Nebeneffekten auf die Bildung und das Arbeitsangebot anstoßen.


Im Gegensatz zur ambivalenten Wirkung der Umverteilung wirkt soziale Segregation stets mobilitätshemmend. Eine hohe Streuung der Startbedingungen in einer Gesellschaft geht demnach mit einer geringeren Einkommensmobilität einher. Gleiches gilt für die Familienstruktur: Werden Kinder von weniger als zwei Elternteilen aufgezogen, so schneiden diese im Schnitt schlechter auf dem Arbeitsmarkt ab. Beide Effekte werden in Abbildung 5 veranschaulicht.

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Die Bedeutung der Familienstabilität und der Erziehung wird in einer Reihe von Studien betont (so etwa in Björklund und Jäntti (2009) oder Knudsen et al. (2006)). Diese Studien zeigen, dass die Stimulationen, welche Kinder in der frühen Phase der Gehirnentwicklung erfahren, die Grenzen der zukünftigen geistigen Leistungsfähigkeit in großem Maße beeinflussen. Ein stimulierendes soziales Umfeld führt in Summe zu einer besseren kognitiven Entwicklung, zu besseren sozialen Fähigkeiten und zu mehr Gesundheit. Dies zeigt auch die hohe Geschwisterkorrelation, die in den USA knapp 50% beträgt. In den skandinavischen Ländern Schweden, Finnland und Dänemark ist diese mit rund 25% deutlich geringer. Der familiäre Hintergrund ist in diesen Ländern also weitaus weniger bedeutsam für den späteren Erfolg. Dieses Ergebnis ist äußerst bemerkenswert, da die Zahl der Kinder, die von nur einem Elternteil aufgezogen werden, in Schweden in etwa auf dem Niveau des Median liegt (20%). Dennoch ist die soziale Mobilität in Schweden im Ländervergleich mit am höchsten. Augenscheinlich kann das schwedische Schulsystem mit seinem breit ausgebauten Vorschulwesen einen Großteil der durch die Familie entgangenen Stimulanzen auffangen. Ein Ergebnis ist die extrem geringe Varianz der Leistungen der Schüler. Während die OECD-Länder im Bereich Naturwissenschaft der PISA Studie durchschnittlich eine Varianz von 33% aufweisen, liegt Schweden mit 11% weit hinter diesem Wert.


Dass Deutschland hier wesentlich schlechter abschneidet, liegt nicht zuletzt an der starken Heterogenität der hiesigen Schulqualität. Die Ergebnisse von Berthold und Gründler (2014) zeigen, dass die Streuung in der Qualität der Schulen einen negativen Effekt auf die Mobilität ausübt. Die Variation der Ergebnisse zwischen den Schulen liegt in Deutschland mit 68% deutlich über dem Schnitt der durch die OECD erfassten Länder (42%). Nur in sehr wenigen Ökonomien (Israel, Katar, Türkei, Trinidad und Tobago und Argentinien) ist dieser Wert stärker ausgeprägt. Gleichzeitig ist die Varianz der Schülerleistung innerhalb einer Schule relativ gering (44% vs. 65% in der OECD). Damit sind zwar die Schüler auf guten Schulen auf vergleichbarem Niveau. Gleichzeitig sind jedoch die Chancen für Schüler in schlechteren Schule überschaubar.

Eine einfache Erhöhung der Investitionen in das Schulsystem stellt jedoch kein adäquates Mittel zur Steigerung der sozialen Mobilität dar. Ganz im Gegenteil zeigen die Schätzungen, dass eine höhere durchschnittliche Schulbildung die soziale Mobilität sogar reduziert. Je höher die allgemeine Humankapitalausstattung, desto schwerer fällt Schülern aus benachteiligten Familien der Aufholprozess zum durchschnittlichen Bildungsniveau. Investitionen in das Bildungssystem müssen daher in erster Linie Chancengleichheit und Desegregation fördern, sofern diese als Instrument zur Erhöhung der sozialen Mobilität eingesetzt werden sollen.


Auch der Arbeitsmarkt beeinflusst die soziale Mobilität. Je höher die Erwerbstätigenquote, desto geringer ist die intergenerative Einkommenselastizität. Die Mobilität ist zudem stark mit der Größe des produzierenden Sektors korreliert.

Strukturwandel und Mobilität
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In vielen entwickelten Volkswirtschaften fanden in den letzten Jahrzehnten starke strukturellere Veränderungen statt. Vor allem die Entwicklung vom Industriesektor hin zum Dienstleistungssektor hatte in vielen entwickelten Ökonomien einen starken Einfluss auf die nationalen Arbeitsmärkte. Dies zeigt vor allem das Beispiel USA: Während der Anteil des produzierenden Gewerbes im Jahr 1970 noch 22,4% betrug, schrumpfte der Sektor bis zum Jahr 2009 deutlich und machte nur noch einen Anteil von 8,9% an der gesamten Beschäftigung aus. Gleichzeitig ist die soziale Mobilität  in den USA in den vergangenen Jahrzehnten deutlich gesunken. In Deutschland ist der produzierende Sektor mit 18,5% noch relativ groß, wenngleich auch hierzulande eine sinkende Tendenz in den Daten festzustellen ist (1970 vs. 2009: -48%). Damit deutet einiges darauf hin, dass Deutschland die mobilitätshemmende Wirkung des strukturellen Wandels möglicherweise erst noch bevorsteht.

Kultur und Religion

Als letzte Komponente spielen auch kulturelle Unterschiede zwischen den Volkswirtschaften eine Rolle bei der Erklärung der Ursachen der sozialen Mobilität. So zeigt sich, dass Länder mit geringerer Akzeptanz von Autorität und geringerer Aversion gegen Unsicherheit im Schnitt höhere Mobilitätsraten aufweisen. Dasselbe gilt für Länder, die im Wesentlichen individualistisch geprägt sind. Im Gegensatz dazu spielt Religion eine untergeordnete Rolle. Wie die erste Grafik in Abbildung 7 verdeutlich, existiert kein Zusammenhang zwischen dem Anteil der Gläubigen und der sozialen Mobilität.

Kultur und Mobilität
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Anders hingegen der Effekt der Streuung der ethnischen Gruppen. Die zweite Grafik in Abbildung 7 zeigt den Einfluss der ethnischen Konzentration in einem Land (abgebildet durch den Herfindahl-Index) auf die soziale Mobilität.  Das Ergebnis ist erstaunlich. Es zeigt sich ganz eindeutig ein parabolischer Gleichlauf der Variablen. Das bedeutet, die Mobilität ist in sehr gleichen und in sehr vielfältigen Gesellschaften am höchsten. In beiden Fällen ist anzunehmen, dass im Schnitt wenig Vorurteile und Ressentiments gegen andere Individuen aufgrund der Gruppenzugehörigkeit herrschen. Im einen Fall, weil es keine anderen Gruppen gibt, im zweiten Fall, weil die Vielfalt der Gruppen keine Gruppe systematisch bevorzugt oder benachteiligt. Im Falle einer mittelstarken Konzentration ist die Mobilität signifikant geringer. Offenkundig führt die marktbeherrschende Stellung einiger weniger Gruppen bei gleichzeitig gleichmäßiger Verteilung der Fähigkeiten zwischen den Gruppen zu einer systematischen nepotistischen Verzerrung.


Die soziale Mobilität nimmt in der Frage nach der Einkommensverteilung und den Möglichkeiten zur Reduktion der Ungleichheit eine Schlüsselrolle ein. Wenn es gelingt, die gegenwärtig überschaubare Mobilität zu erhöhen, so lösen sich viele Probleme der steigenden Einkommensungleichheit von selbst. Dafür muss der Fokus der Bildungspolitik auf Chancengleichheit gelegt und das Vorschulwesen ausgebaut werden. Stehen jedem Individuum dieselben Chancen offen, so ist die Verteilung der Humankapitalakkumulation und schlussendlich die Verteilung der Einkommen das Resultat von Präferenzen. Diese Lösung ist überdies deutlich anreizkompatibler als eine reine Politik der Umverteilung.


Berthold, N. und Gründler, K. (2014): On the Empirics of Social Mobility: A Macroeconomic Approach, Diskussionspapiere des Lehrstuhls für Volkswirtschaftslehre, insbesondere Wirtschaftsordnung und Sozialpolitik, Nr. 128.

Björklund, A. und M. Jäntti (2009): Intergenerational income mobility and the role of family background,“ in B. N. Wiemer Salverda and T. Smeeding (Hrsg.): The Oxford Handbook of Economic Inequality, Oxford University Press.

Corak, M. (2006): Do poor children become poor adults? Lessons for public policy from a cross country comparison of generational earnings mobility,“ Research on Economic Inequality, 13, 143-188.

Corak, M. (2011): Inequality from generation to generation: The united states in comparison,“ Unveröffentlichtes Forschungspapier der University of Ottawa.

Knudsen, E., J. Heckman, J. Cameron, und J. Shonkoff (2006): Economic, neurobiological and behavioral perspectives on building America’s future workforce,“ NBER Working Paper, 12298.

OECD (2012): Equity and Quality in Education. Supporting Disadvantaged Students and Schools, Paris (FR): OECD Publishing.


Der Beitrag ist die schriftliche Fassung eines Vortrages auf dem “2. Würzburger Ordnungstag“ am 8. Oktober 2014 in Frankfurt. In loser Folge werden hier weitere Vorträge dieses wirtschaftspolitischen Symposiums erscheinen.

Blog-Beiträge zum „2. Würzburger Ordnungstag“:

Guido Zimmermann: Vermögensverteilung: Die Piketty-Kontroverse

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4 Antworten auf „„2. Würzburger Ordnungstag“
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