Wenn ein bedeutender Philosoph stirbt, erscheint üblicherweise eine Vielzahl von Nachrufen. So auch für Jürgen Habermas, der kürzlich im Alter von 96 Jahren starb. Erstaunlich ist allerdings, wie sehr diese Nachrufe in ihren Bewertungen auseinandergehen, und zwar nicht nur in zwei einander klar entgegengesetzte, sondern in ganz unterschiedliche Richtungen. Da gibt es zunächst jene, die ihn pauschal und unkritisch als großen liberalen Denker preisen (so etwa Merz in seinen in den sozialen Medien veröffentlichten Stellungnahmen, https://www.bundesregierung.de/breg-de/aktuelles/bundeskanzler-merz-zum-tod-von-juergen-habermas-2410956 ). Dann gibt es jene, die ihn pauschal verreißen, zum einen als Vordenker der Linken (so etwa Tichy, https://www.tichyseinblick.de/meinungen/das-erbe-von-juergen-habermas/ ), dann aber auch als zu großen Freund Israels, oder auch als jemand mit deutlich autoritären Tendenzen.
Diese Vielzahl an Bewertungen ist erstaunlich, und meine eigene sei hier hinzugefügt. Ich halte Habermas für einen ohne Zweifel bedeutenden Philosophen, der ein vielrezipiertes Werk hinterlässt. Es war immer ein Gewinn, sich damit auseinanderzusetzen, und das wird es weiterhin sein. Ich erinnere mich auch an persönliche Diskussionen mit ihm, so etwa am Rande von Deutschen Kongressen für Philosophie, in denen er erstaunlich offen auch mit jenen diskutierte, die andere Auffassungen hatten. Sein diskursbasierter Ansatz, die Theorie des herrschaftsfreien Diskurses oder auch der ‚zwanglose‘ Zwang des besseren Arguments bereiteten mir (und vielen anderen) schon immer große Schwierigkeiten. Ich bin der Auffassung, dass diese Theorie sehr viel – und zu viel – ausblendet, insbesondere dann, wenn es um das Eigeninteresse, aber auch wenn es um Rationalität insgesamt geht. Es gibt ja bekanntlich die berühmte Stellungnahme von Karl Popper zu Habermas aus dem Jahr 1970, in Form eines kleinen Briefes an Raymond Aron, in dem er sich geradezu vernichtend äußert. Auch wenn man diese Formulierungen als überspitzt empfinden mag: ich halte immer noch die Grundgedanken Poppers für weitaus kritischer und auch freiheitlicher als jene der kritischen Theorie.
Und so manche Probleme der Diskurstheorie und Diskursethik zeigten sich erst in der Konkretisierung und Umsetzung: Diese Probleme haben spätere Nachfolger von Habermas vermutlich noch stärker wahrgenommen als er selbst, nämlich genau an jenen Stellen, wenn es um die Umsetzung oder die konkrete Ausformulierung angesichts realer ökonomischer, gesellschaftlicher und auch technologischer Realitäten ging. Um nur ein Beispiel zu nennen: Habermas formulierte zwar in aller Ausführlichkeit eine Theorie des kommunikativen Handelns, aber als das klar systemsprengende Internet erschien, konnte er damit offensichtlich nichts mehr anfangen. Die Entwicklung der digitalen Medien einschließlich der heutigen Social Media hat er nicht mehr wirklich nachvollzogen.
Neben den theoretischen und konzeptionellen Arbeiten stehen außerdem Habermas‘ zahlreiche politische Stellungnahmen – und nicht alle können als gelungen oder angemessen bezeichnet werden. Ein Negativ-Gipfelpunkt war seine ausdrückliche, in einem Artikel vom Herbst 2021 ausgearbeitete Forderung nach einem quasi-diktatorischen Corona-Staat. Und schon mit dieser Forderung allein kann er nicht mehr als liberaler Denker angesehen werden – im Gegensatz etwa zu einem Popper oder Hayek.
Dennoch bleibt festzuhalten, dass sich Habermas‘ Philosophie durchweg im öffentlichen politischen Raum bewegte und auch so wahrgenommen wurde. Das halte ich, bei aller berechtigten Kritik, für eine grundlegende philosophische Tugend, die schon Sokrates und andere verkörperten: Philosophie sollte öffentlich sein und keine Scheu vor politischer Einmischung haben – dafür stand Habermas, gerade im deutschsprachigen Raum, wie nur wenige.
- Gastbeitrag
Jürgen Habermas - 21. März 2026 - Gastbeitrag
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Liberalismus in der Coronakrise - 27. Mai 2020
