Das Potenzial des gradualistischen Reformansatzes von Vietnam bleibt beschränkt

Vietnam hat mit gradualistischen Reformen deutliche Wachstumsgewinne erzielt. Doch in einer weiterhin maßgeblich zentral gelenkten Binnenwirtschaft mit Inseln ausländischer wirtschaftlicher Aktivität bleibt das Wachstumspotential beschränkt.

1. Ein gradualistischer Reformansatz in Vietnam

Nach Jahrzehnten von Krieg, Kollektivierung und zentraler Planung war in Vietnam die Produktivität gering und die Armut groß. Die Landwirtschaft war ineffizient, die Industrie vollständig staatlich kontrolliert und die Inflation hoch. Erst die Reformpolitik ??i M?i („Erneuerung“) leitete ab 1986 einen grundlegenden Wandel ein. Die Reformen verliefen in langsamen Schritten, also gradualistisch, und nicht als Schocktherapie wie derzeit in Argentinien. Was sagt das über den Erfolg der Reformen in Vietnam?

2. Privatisierungen und makroökonomische Stabilisierung

Zunächst wurden in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre private landwirtschaftliche Überschüsse ermutigt und kleine private Unternehmen zugelassen. Bauern erhielten stärkere Leistungsanreize und Schwarzmärkte wurden schrittweise legalisiert, so dass sich die schlechte Versorgungslage mit Lebensmitteln rasch verbesserte. Gleichzeitig begann Vietnam den Staatshaushalt zu konsolidieren, indem es Subventionen abbaute und Staatsunternehmen teilweise restrukturierte. Die Inflation sank von mehreren hundert Prozent Ende der 1980er-Jahre auf niedrige einstellige Werte Anfang der 1990er-Jahre. Parallel stabilisierte sich der Wechselkurs.

3. Öffnung für FDI und Handelsliberalisierung

Vietnam öffnete sich zunehmend dem Welthandel. Das Land trat ASEAN (1995) und der WTO (2007) bei und schloss zahlreiche weitere Freihandelsabkommen. Die Exporte von Waren und Dienstleistungen stiegen stark an und machten 2024 rund 90 Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus. Während zunächst Agrarprodukte und Rohstoffe den Export dominierten, verlagerte sich der Schwerpunkt seit den 2010er-Jahren auf Textilien, Elektronik und andere Industrieprodukte. Dazu trug insbesondere die Öffnung für Direktinvestitionen aus dem Ausland bei – vor allem aus Südkorea, Japan und Taiwan. Unternehmen wie Samsung machten Vietnam zu einem zentralen Produktionsstandort für Elektronik. Vietnam wurde in die globalen Wertschöpfungsketten integriert.

Reales BIP pro Kopf Vietnams im Vergleich

Quelle: Weltbank.

Von besonderer Bedeutung ist heute die Strategie „China Plus One“. Viele westliche Unternehmen verlagern Produktionskapazitäten teilweise von China nach Vietnam, um von China ausgehende Risiken wie steigende Löhne und Handelskonflikte zu minimieren. Hinzu kommt aufgrund des chinesisch-amerikanischen Handelskonflikts das sogenannte „Transshipping“: Chinesische Waren werden über Vietnam in die USA exportiert, um US-Zölle gegen China zu umgehen. Das wachsende Handelsbilanzdefizit der USA gegenüber Vietnam ist deshalb mit einem steigenden vietnamesischen Handelsdefizit gegenüber China einhergegangen, was Vietnam in Konflikt mit US-Präsident Trump gebracht hat. Vietnam stand am sogenannten Liberation Day ganz oben auf Trumps Zollliste.

4. Fehlende Liberalisierung der Kreditmärkte und stockender Reformprozess

Das Wirtschaftswachstum Vietnams gehört heute zu den höchsten in Ostasien. Das Pro-Kopf-Einkommen ist deutlich gestiegen und die Armutsquote ist deutlich gesunken. Vietnamesische Schüler erzielen bei internationalen Vergleichstests gute Ergebnisse. Doch der Kapitalmarkt ist klein, viele Unternehmen haben keinen Zugang zu langfristiger Finanzierung. Bei der Kreditvergabe der immer noch staatlich kontrollierten Banken spielen nicht nur erwartete Renditen eine Rolle. Das erklärt, warum es immer noch sehr wenige mittelgroße Unternehmen gibt.

Der Reformprozess ist nicht abgeschlossen. Staatsunternehmen erwirtschaften weiterhin mehr als 20 Prozent der Wirtschaftsleistung und genießen privilegierten Zugang zu Krediten, Subventionen und öffentlichen Aufträgen. Die kommunistische Regierung unter Generalsekretär Tô Lâm hat zwar Bürokratieabbau, Privatisierungen und eine stärkere Rolle des Privatsektors angekündigt, doch viele Strukturprobleme bestehen fort. Das Wachstum bleibt im Ergebnis stark von ausländischen Direktinvestitionen und der Auslandsnachfrage abhängig. Gleichzeitig altert die Bevölkerung, während der Anteil hochqualifizierter Arbeitskräfte niedrig ist.

5. Die gradualistische Strategie bleibt der Schocktherapie unterlegen

Trotz beachtlicher Reformen ist das Pro-Kopf-Einkommen von Vietnam noch weit hinter anderen Ländern wie China, Thailand oder sogar Südkorea und Japan zurückgeblieben. Vietnam wird nur dann zu den hoch entwickelten Ländern in Asien aufschließen, wenn die Regierung auch bei der Kreditvergabe und auf dem Finanzmarkt die Gesetze des Marktes wirken lässt. Da dies unter der kommunistischen Regierung nicht in Aussicht ist, erscheint die Schocktherapie unter Javier Milei in Argentinien aussichtsreicher. Das deutet sich auf der Grundlage der unterschiedlichen Entwicklung der Pro-Kopf-Einkommen beider Länder seit 2024 an.

Literatur:

Dutsch, Kai / Schnabl, Gunther 2026: Wirtschaftliche Liberalisierung und Wachstum in Vietnam. Flossbach von Storch Research Institute 21.5.2026.

Kleinheyer, Marius / Schnabl, Gunther 2025: Argentinien unter den Reformen von Javier Milei: Eine Bestandsaufnahme. Flossbach von Storch Research Institute 25.6.2025.

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