Zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit der energieintensiven Industrie
Kurzfristige staatliche Hilfe wäre möglich

Die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie wird seit Jahren durch hohe Preise für Strom und Erdgas beeinträchtigt. Diese Beeinträchtigung bestätigt sich einmal mehr durch den internationalen Vergleich, der in meiner aktuellen Studie für die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft angestellt wurde (Frondel 2026). So fielen die Gaspreise für die deutsche Industrie im Jahr 2024 etwa fünf Mal höher aus als in den nordamerikanischen Staaten USA, Kanada und Mexiko, wo die Gaspreise für die Industrie bei rund einem Cent die Kilowattstunde lagen.

Deutschland hat keinen Einfluss auf die internationalen Gaspreise

Diese niedrigen Preise lassen sich durch die großen Erdgasvorkommen dieser Staaten erklären, insbesondere die umfangreichen Reserven an unkonventionellem Gas. Erst die Gewinnung unkonventioneller Gasvorkommen mittels Fracking-Methoden ermöglichte den USA den Aufstieg zum weltgrößten Gasexporteur. Vor diesem Hintergrund ist es nahezu ausgeschlossen, dass Deutschland und die Europäische Union durch Erhöhung ihrer eigenen Gasförderung die Verhältnisse und Preise auf den Weltmärkten für Erdgas in nennenswerter Weise verändern können, um so aus eigener Kraft die Preisdifferenzen zu verringern.

Die Strompreise in Deutschland lassen sich leicht senken

Bei Strom hingegen sind die Preisunterschiede zwischen Nordamerika und Deutschland nicht so gravierend wie bei Erdgas. Zudem liegt es in Deutschlands eigenen Händen, die Strompreise zu senken. Dazu sollten sämtliche Abgaben und Umlagen auf Strom aus dem Klima- und Transformationsfonds finanziert werden, das heißt aus Steuermitteln. Es ist schließlich wenig einsichtig, warum staatlich verordnete Maßnahmen wie beispielsweise die Förderung der Kraftwärmekopplung (KWK) von den Stromverbrauchern mittels der KWK-Umlage zu finanzieren sind, anstatt aus Steuermitteln.

Umlagen und Abgaben machen für die Industrieunternehmen der beiden höchsten Verbrauchskategorien in Deutschland 2,75 Cent aus. Müssten diese nicht mehr von den Stromverbrauchern finanziert werden, könnte dadurch der Strompreis für die stromintensivsten Unternehmen um etwa ein Fünftel sinken (Frondel 2026).

Senkung der Strompreise für alle, statt Industriestrompreis für Ausgewählte

Dies wäre eine nachhaltigere Maßnahme zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie als der Industriestrompreis, denn dieser musste als staatliche Beihilfe von der EU-Kommission genehmigt werden und ist deshalb nur temporär für die drei Jahre 2026 bis 2028 gültig. Zudem gilt er lediglich für die Hälfte des Stromverbrauchs eines begünstigten Unternehmens. Eine Senkung von Abgaben und Umlagen auf Strom würde hingegen keine Beihilfe darstellen, die von der EU-Kommission genehmigt werden müsste.

Vervielfachung der Netzentgelte bei massivem Ausbau der Erneuerbaren

Mittelfristig ist wegen des massiven Netzausbaus, der bei einem Ausbau der Erneuerbaren bis zu einem Anteil am Strommix von bis zu 100 % erforderlich wäre, mit Kosten in dreistelliger Milliardenhöhe und einer Vervielfachung der Netzentgelte zu rechnen. So geht die Studie des Beratungsunternehmens ef.Ruhr und des Energiewirtschaftlichen Instituts der Universität zu Köln, EWI, davon aus, dass der Netzausbaubedarf in Deutschland bis zum Jahr 2045 im Basisszenario eine Steigerung der Netzentgelte von 18 Cent für Haushaltskunden und 7 Cent für Industriekunden, in Preisen des Jahres 2024, implizieren würde (ef.Ruhr, EWI 2024: 4).

Im Vergleich zu den heutigen Netzentgelten für Strom würde dies mehr als eine Verdreifachung der Netzentgelte bei den Industrieunternehmen bedeuten (Frondel 2026). Ein solcher Anstieg der Netzentgelte würde den Strompreis für die stromintensivsten Unternehmen gegenüber heute um knapp die Hälfte erhöhen und damit die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie endgültig in Frage stellen.

Künftigen Netzausbau aus Steuermitteln finanzieren, nicht durch die Verbraucher

Sollte der weitere Ausbau der Erneuerbaren nicht auf ein Maß begrenzt werden, das einen drastischen Anstieg der Systemkosten für Netze, Speicher und Flexibilitätsoptionen verhindert, würde wenig anderes übrigbleiben, als dass die Politik einen Deckel für die Höhe der Netzentgelte einführt — möglichst für alle Stromverbraucher, nicht allein für die energieintensive Industrie. Die den Netzentgeltdeckel überschreitenden Kosten sollten aus Steuermitteln finanziert werden, naheliegenderweise aus dem Klima- und Transformationsfonds. Allein der Name dieses Fonds prädestiniert ihn dazu, den künftigen Netzausbau und sämtliche weitere Maßnahmen zur Stabilisierung des Stromsystems daraus zu finanzieren. Für diese im Namen der Gesellschaft vom Staat verordneten Maßnahmen sollte derjenige bezahlen, der bestellt hat, das heißt der Staat selbst, nicht die Stromverbraucher.

Der Ausbau der Erneuerbaren lässt die Strompreise weiter steigen, nicht fallen

Mittel- bis langfristig bleibt zur nachhaltigen Senkung der Strompreise in Deutschland wenig anderes übrig, als das Stromangebot nach der substanziellen Angebotsverringerung infolge des Kern- und Kohleausstiegs wieder erheblich und in technologieoffener Weise auszuweiten. Eine Beschränkung der Angebotsausweitung allein auf erneuerbare Energien würde hingegen wegen stark steigender Systemkosten — und entgegen den häufigen Versprechungen der Politik — nicht zu einer Senkung der Strompreise führen, wie die Erfahrung gezeigt hat und die Studie von Grimm, Oechsle und Zöttl (2024) belegt.

Langfristige Strompreissenkung nur bei technologieoffener Angebotsausweitung

Nur ein massiver technologieoffener Ausbau der Stromerzeugung kann helfen, das Strompreisniveau nachhaltig zu verringern. Vor allem die Reaktivierung der zuletzt abgeschalteten Kernkraftwerke könnte das Strompreisniveau mittelfristig deutlich senken. Der jüngste Bericht der Radiant Energy Group (2026) für die Pro-Kernkraft-Initiative Nuklearia geht davon aus, dass bis zum Jahr 2034 bis zu 14 Atomkraftwerke wieder reaktiviert werden könnten, fünf davon noch vor dem Jahr 2032. Die Reaktivierung dieser Kernkraftwerke wäre laut Radiant Energy Group nicht nur technisch machbar, sondern auch wirtschaftlich. Die so erzielbaren Stromerzeugungskosten seien so niedrig, dass eine Reaktivierung ohne jegliche staatliche Unterstützung für Investoren attraktiv wäre, falls die Politik den Weg dafür frei machen und das Verbot der Nutzung von Atomkraft zur Stromerzeugung aus dem Atomgesetz streichen würde. Bei der Reaktivierung handele es sich um Deutschlands beste Chance, der Industrie ohne Beihilfen wieder international wettbewerbsfähige Strompreise zu bieten.

Treibhausneutralität wäre mit Kernkraft kostengünstiger erreichbar

Mehrere andere Studien sehen die Kernkraft ebenfalls als einen essenziellen Bestandteil eines kostengünstigen Stromerzeugungssystems an, unter anderem die aktuelle Studie von Global Energy Solutions (GES 2026). Auch die Studie von Quantified Carbon (2025) für WePlanet DACH, dem deutschsprachigen Zweig einer noch jungen globalen Umwelt- und Klima-NGO WePlanet, kommt zu dem Schluss, dass ein Mischsystem aus Kernkraft und erneuerbaren Energien, wie es die meisten Industriestaaten anstreben, auf dem Weg zur Treibhausgasneutralität zu deutlich niedrigeren Energiekosten und Strompreisen führen würde. Selbst wenn man sehr hohe Investitionskosten für neue Kernkraftwerke annimmt, würden sich wegen der noch höheren Systemkosten der Erneuerbaren bei einem substanziellen Kernenergieanteil klare Kostenvorteile ergeben.

Das Osterpaket lässt die Kosten für das Stromsystem ausufern

In keinem Fall jedoch sollten die regenerativen Stromerzeugungskapazitäten weiter vervielfacht werden, wie es im Erneuerbaren-Energien-Gesetz (EEG) vorgesehen ist. Laut EEG soll beispielsweise die Photovoltaik bis zum Jahr 2030 von aktuell rund 120 auf 215 Gigawatt nahezu verdoppelt werden. Ohne einen solchen massiven Ausbau der erneuerbaren Energien müssten auch die Stromnetze und Stromspeicher weit weniger stark ausgebaut werden und die Kosten für das deutsche Stromerzeugungssystem würden nicht noch weiter ausufern.

Grünen Strom und Wasserstoff importieren, statt teuer im Inland produzieren

Zur Erreichung der Treibhausgasneutralität wäre es wesentlich kostengünstiger, emissionsarm erzeugte Moleküle wie grünen Wasserstoff und dessen Derivate sowie Solar- und Windstrom zu importieren als diese auf sehr teure Art und Weise in Deutschland herzustellen (Frontier Economics 2025). So ließen sich künftige Strompreisanstiege dämpfen und die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie würde nicht weiter über Gebühr gefährdet.

Referenzen

ef.Ruhr, EWI (2024) Abschätzung der Netzausbaukosten und die resultierenden Netzentgelte für Baden-Württemberg und Deutschland zum Jahr 2045. Ef.Ruhr, die Energiedenkfabrik, Dortmund, Energiewirtschaftliches Institut zu Köln.

GES (2026) DER KLIMANEUTRALE STROMMIX DER ZUKUNFT: Eine Szenarioanalyse zu den Kosten des zukünftigen deutschen Stromsystems. Global Energy Solutions e. V., Ulm. https://global-energy-solutions.org/publikation/zukunft-der-stromsystemkosten/

Grimm, V., Oechsle, L., Zöttl, G. (2024) Stromgestehungskosten von Erneuerbaren sind kein guter Indikator für zukünftige Stromkosten. Policy Brief, Technische Universität Nürnberg, Friedrich-Alexander-Universität Nürnberg-Erlangen.      https://www.utn.de/files/2024/04/Grimm-Policy-Brief-CD-FINAL.pdf

Frondel, M. (2026) Strom- und Gaspreise für heimische Industrieunternehmen im internationalen und intertemporalen Vergleich. Studie im Auftrag der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM), Juli 2026. 20262707_INSM_Kurzstudie_Frondel-Energiepreisvergleich.pdf.

Frontier Economics (2025) Neue Wege für die Energiewende („Plan B“). Wissenschaftliche Studie im Auftrag der Deutschen Industrie- und Handelskammer, September 2025.

Quantified Carbon (2025) Deutschlands Energiezukunft: Die Rolle der Kernenergie bei der Dekarbonisierung. Eine Übertragung und Erweiterung der Studie „The Role of Nuclear in Germany’s Decarbonisation“ von Quantified Carbon für WePlanet DACH. https://weplanet-dach.org/die-rolle-der-kernkraft-bei-der-dekarbonisierung-deutschlands/

Radiant Energy Group (2026) Wiederinbetriebnahme deutscher Kernkraftwerke – Wirtschaftliche Tragfähigkeit und Ausblick. Juni 2026. Bericht der Radiant Energy Group für die Pro-Kernkraft-Initiative Nuklearia e.V.         https://nuklearia.de/2026/06/29/reaktivierung-deutscher-kernkraftwerke-wirtschaftlich-sinnvoll-neuer-bericht/?__cf_chl_f_tk=Q7ce6A797bSLsIZbsyqMWIISXA8VB9ZILLm2LMCRMEk-1782883213-1.0.1.1-b1f3aZZqCELMdgo6dUeKI9xlWNUdQUfgJLa.AMYT8T8

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