Gastbeitrag
Die Ordnungsökonomie des Waldes

I.

Wer über den deutschen Wald schreiben will, muss zuerst den Alarm abstellen. Seit den frühen achtziger Jahren wird sein Zustand in regelmäßigen Abständen als existenzielle Krise beschrieben – damals unter dem Schlagwort des Waldsterbens, heute vor allem im Zeichen des Klimawandels. Das seinerzeit erwartete großflächige Absterben des deutschen Waldes ist ausgeblieben. Das heißt nicht, dass es dem Wald gutgeht. Es heißt zunächst nur, genauer hinzusehen. Waldfläche, Holzzuwachs, Kronenzustand und das Absterben einzelner Baumarten messen verschiedene Dinge und ergeben kein einheitliches Bild. Die jüngste Bundeswaldinventur zeigt einen weiterhin großen und insgesamt vielfältiger gewordenen Wald, zugleich aber einen deutlich gesunkenen Holzzuwachs und erhebliche regionale Verluste, vor allem bei der Fichte. Auch die vielzitierte Kronenverlichtung ist kein einfacher Indikator für ein „Sterben“ des Waldes: Sie bildet bestimmte Schäden nur unvollständig ab und kann unterschiedliche Ursachen haben.

Das ist keine Entwarnung, sondern eine Präzisierung. Nach mehreren Dürrejahren seit 2018 sind ganze Fichtenbestände Trockenheit und Borkenkäfer zum Opfer gefallen; in einigen Regionen hat sich das Waldbild erheblich verändert. Der entscheidende Punkt für die folgende Betrachtung ist jedoch ein anderer: Besonders verwundbar erwies sich die Fichte dort, wo sie über Generationen in großflächigen, gleichförmigen Beständen und außerhalb ihres natürlichen Verbreitungsschwerpunkts angebaut wurde. Der Schaden ist deshalb nicht nur ein Naturereignis, das über einen unschuldigen Wald hereinbricht. Er ist auch die verzögerte Rechnung früherer Bewirtschaftungs- und Ordnungsentscheidungen. Und genau deshalb ist der Wald ein Gegenstand für die Ordnungsökonomie und nicht nur für die Forstbiologie.

Norbert Berthold hat mich auf dieses Feld gestoßen, und seine Fragen umreißen es präzise: Was kann die Ordnungstheorie zur Entwicklung des Waldes sagen? Wer sollte eingreifen, und wie: prozess- oder ordnungspolitisch? Welcher Zusammenhang besteht zwischen den Schäden und der forstlichen Ausrichtung auf Monokulturen? Warum haben die privaten Waldbauern sich diesem Muster angeschlossen? Und was lässt sich aus dem Vergleich der Waldbrände in Kanada und Europa lernen? Ich will versuchen, diese Fragen entlang eines einzigen Leitgedankens zu beantworten.

II. Der Wald als Ordnung

Der Wald ist ein Ökosystem in einem beweglichen Gleichgewicht. Alles greift ineinander: Boden, Wasser, Licht, Baumarten, Wild, Insekten, Pilze. Jeder Eingriff hat Folgen, oft an unerwarteter Stelle und mit langer Verzögerung. Das ist der erste Grund, warum die Ordnungstheorie hier etwas zu sagen hat, denn es beschreibt exakt die Konstellation, für die Hayek den Begriff des verteilten Wissens geprägt hat. Es kommt eine zweite Wissensgrenze hinzu: Jeder Eingriff hat Folgen, die sich nicht vollständig vorhersehen lassen, weil das nötige Wissen systemimmanent gar nicht immer vorhanden ist – es entsteht erst im Vollzug, durch Erfahrung und Rückkopplung über lange Zeiträume. Deshalb gibt es keinen „optimalen“ Wald, den man am Reißbrett entwerfen könnte. Das dafür nötige Wissen, welcher Baum auf welchem Boden, in welcher Höhenlage, bei welchem Wasserhaushalt, in welcher Mischung, ist teils kleinräumig verteilt, teils noch gar nicht erschlossen, und es ändert sich fortlaufend. Und diese Grenze gilt nicht nur für den Planer mit sachfremden Zielen: Auch der wohlmeinende Gestalter, der nichts als einen gesunden, tragfähigen Wald anstrebt, unterliegt ihr. Wer einen Sollzustand über die Fläche verordnet, maßt sich deshalb ein Wissen an, das niemand zentral besitzt und das zum Teil überhaupt erst durch Erfahrung zu gewinnen ist.

Der Mensch verändert dieses System mit eigenen Zielen. Der Wald soll Holz liefern, zugleich aber Naturhaushalt, Wasser, Boden und Klima schützen und der Erholung dienen. Das Bundeswaldgesetz bündelt diese Ansprüche in Nutz-, Schutz- und Erholungsfunktion. Entscheidend ist: Der wirtschaftliche Ertrag ist nur einer von mehreren Zwecken, und diese konkurrieren miteinander.

Daraus folgt das Zweite. Wer in den Wald eingreift, schafft nicht einfach Natur ab, sondern ersetzt ein gewachsenes System durch ein neues, das er tragfähig halten muss, und zwar unter den Spielregeln der Natur, die sich nicht suspendieren lassen. Das verlangt zweierlei Wissen: Fachwissen über den einzelnen Standort und Systemwissen über das Ganze: Bodenkunde, Wasserhaushalt, Ökologie, Jagd. Beides sitzt nicht in der Zentrale, sondern vor Ort. Damit ist die ordnungstheoretische Grundfigur gesetzt: Der Wald ist kein Feld für zentrale Sollpläne, sondern für dezentrale, standortnahe Urteilskraft. Der Klimawandel verändert das nur, weil er die Standortkarte verschiebt und einen starren Plan von gestern zur Kalamitätsfläche von morgen macht.

III. Von Langen, oder: die zwei Gesichter des Ordnens

Wie produktiv ordnendes Eingreifen sein kann, zeigt eine Figur des 18. Jahrhunderts, an der sich zugleich die ganze Ambivalenz des Themas studieren lässt: der braunschweigische Forstmann Johann Georg von Langen. Als er 1745 die Forsten im Weserdistrikt übernahm, war der Solling in schlechtem Zustand – heruntergewirtschaftet durch Waldweide, Kahlschläge für Brennholz und den enormen Holzhunger der Glashütten und Verhüttung. Es war, in heutigen Begriffen, ordnungsloser Raubbau bei kurzer Zeitpräferenz: Jeder nahm, was er brauchte, und niemand trug Verantwortung für den Bestand.

Von Langen brachte Ordnung hinein, und zwar mit den Mitteln seiner Zeit. Er vermaß die Forsten, teilte sie in Abteilungen, legte ein Wegenetz an und säumte es mit Eichenalleen, die als Wegemarken dienten und noch heute erkennbar sind. Er schränkte die Waldweide ein, führte geregelte Umtriebszeiten ein und richtete die Nutzung auf den Wiederaufbau der überbeanspruchten Wälder aus. Darin lag seine große Leistung: Er setzte der kurzfristigen Ausbeutung eine Ordnung entgegen, die den Bestand selbst und damit die Nutzung durch kommende Generationen in Rechnung stellte. Wilhelm Gottfried von Moser, der von Langen persönlich kennenlernte und forstlich wesentlich von ihm geprägt wurde, nannte ihn später den „Vater der regelmäßigen Forstwirtschaft“. Die Idee der Nachhaltigkeit, die dann Karriere machte, hat hier eine ihrer praktischen Wurzeln.

Doch von Langen war kein liberaler Rahmensetzer avant la lettre. Er ordnete nicht nur die Bedingungen der Waldnutzung, sondern plante auch deren Ergebnisse: Flächen, Umtriebszeiten, Wiederaufforstung und Baumarten. Gerade deshalb ist er für die Ordnungsökonomie so interessant. In seiner Arbeit liegen zwei Formen des Ordnens dicht beieinander. Die eine schafft verlässliche Regeln, begrenzt den Zugriff auf eine knappe Ressource und verlängert den Zeithorizont der Nutzer. Die andere legt fest, wie der Wald selbst auszusehen und was auf ihm zu wachsen hat.

Diese zweite Seite zeigt sich in einer Denkschrift von 1755. Von Langen sprach sich darin zwar für gemischte Bestände aus, empfahl zugleich aber die Fichte als hauptsächlich anzubauende Baumart. Die anschließende Aufforstung vieler heruntergewirtschafteter Flächen mit Fichte geht wesentlich auf ihn zurück. Die Ironie lässt sich bis heute im Solling besichtigen: Derselbe Mann, der den übernutzten Wald wieder einer langfristigen Bewirtschaftung unterwarf, wurde zu einem frühen Förderer jener Baumart, deren spätere Vorherrschaft einen Teil der heutigen Probleme mitbegründete.

Das ist keine Anklage, und es führt keine gerade Linie von von Langen zu den Fichtenforsten des 20. Jahrhunderts. Dazwischen liegen fast zwei Jahrhunderte wechselnder Lehren und wirtschaftlicher Bedingungen. Interessant ist die wiederkehrende Denkfigur: Eine Baumart wird nicht allein nach dem Standort beurteilt, sondern auch danach, wie gut sie ein wirtschaftliches Problem löst, rasch Holz zu erzeugen und Flächen produktiv zu machen.

Im 19. Jahrhundert erhielt diese Denkfigur mit der Bodenreinertragslehre eine ausdrücklich ökonomische Begründung. Baumart und Umtriebszeit wurden zunehmend unter dem Gesichtspunkt des Bodenertrags betrachtet; schnellwachsende Nadelhölzer gewannen dadurch an Attraktivität. Die Fichte war nicht das Ergebnis einer einzigen Doktrin. Aber sie passte zu einer Forstwirtschaft, die Berechenbarkeit, Zuwachs und Ertrag hoch gewichtete. Eine standörtlich sinnvolle Lösung konnte so zur generalisierten Lösung werden.

IV. Der Lehrfall Fichte

Warum steht die Fichte heute auf einem so großen Teil der deutschen Waldfläche, auch dort, wo die Standortbedingungen für sie ungünstig sind? Die Antwort verlangt eine Unterscheidung, ohne die man entweder in Anklage oder in Verharmlosung verfällt: die Unterscheidung zwischen Entstehung, Persistenz und Lenkung.

Die Entstehung der Fichtendominanz hat nicht eine Ursache. Ertragsüberlegungen und forstwissenschaftliche Leitbilder begünstigten den Nadelholzanbau bereits im 19. Jahrhundert; die Katastrophen des 20. Jahrhunderts gaben ihm zusätzlichen Schub. Nach beiden Weltkriegen entstanden durch Reparationshiebe, Brennstoffbedarf und Wiederaufbau große Kahlflächen. Sie mussten rasch bestockt werden, und die Fichte lag nahe: schnellwüchsig, leicht zu pflanzen, vielseitig verwendbar. Nadelholz wurde gezielt als Gruben- und Bauholz erzeugt. Die Fichte war keine Mode, sondern Teil einer produktionsorientierten Nachkriegsstrategie. Angesichts leerer Flächen und knappen Holzes war das eine rationale Entscheidung.

Die Persistenz ist eine andere Geschichte. Denn die Fichte blieb dominant und wurde weiter gepflanzt, lange nachdem die Notlage vorüber war. Unter dem Einfluss der Reinertragslehre wurde der Laubholzanteil noch fast drei Jahrzehnte lang systematisch zurückgedrängt; wo man lokal über die Beimischung von Laubholz nachdachte, blieb es meist, aber nicht immer beim Vorsatz. Das war kein Sachzwang mehr, sondern eine forstwissenschaftliche Norm, die sich selbst reproduzierte – in der Ausbildung, in den Ertragstafeln und in jüngerer Zeit in einer hochmechanisierten Ernte, die auf gleichförmige Nadelholzbestände zugeschnitten ist. Hier beginnt, was man einen institutionellen Lock-in nennen kann: Eine eingespielte Ordnung besteht fort, weil Erwartungen, Ausbildung, Beratung, Technik und wirtschaftliche Kalküle aufeinander abgestimmt sind. Keine einzelne Entscheidung hält sie aufrecht; gerade das Zusammenwirken vieler jeweils plausibler Entscheidungen macht sie dauerhaft. Wie dieser Mechanismus funktionierte, zeigt besonders deutlich der Privatwald.

Am aufschlussreichsten aber ist die Lenkung des Privatwaldes, denn hier stellt sich die eigentlich interessante Frage: Warum zog der private Waldbesitzer mit? Bei ihm entfiel das fiskalische Motiv des Staates als Waldeigentümer. Sein eigenes Ertragsinteresse wies jedoch zunächst in dieselbe Richtung. Die Fichte wuchs rasch, ihr Holz war gut verkäuflich, und eine gleichförmige Bewirtschaftung versprach vergleichsweise gut kalkulierbare Erträge. Man könnte die Fichtenwahl des Privatwaldes deshalb zunächst für ein Marktergebnis halten.

Doch der Markt wirkte nicht allein. Besonders deutlich lässt sich das in Nordrhein-Westfalen beobachten. Dort bestanden 1950 rund 125.000 Hektar Kahlflächen. Die Landesregierung stellte erhebliche Fördermittel für Wiederaufforstung und Ödlandaufforstung bereit – und ausdrücklich auch für die Umwandlung von Niederwald in Fichte. Vor allem im Siegerland und Sauerland verlor die traditionelle Nieder- und Haubergswirtschaft ihre ökonomische Grundlage; an ihre Stelle sollte ertragreicher Hochwald treten. Diese Umwandlung wurde bis in die siebziger Jahre hinein öffentlich gefördert.

Hinzu kam die Beratung. Die Forstabteilungen der Landwirtschaftskammern betreuten den Privatwald über ein dichtes Netz forstlicher Dienststellen und Reviere. Damit begegnete dem Waldbesitzer die damals herrschende forstliche Lehrmeinung nicht nur in Büchern oder Verordnungen, sondern in Gestalt des Försters vor Ort. Förderung und Beratung griffen ineinander: Der eine Mechanismus veränderte die relativen Kosten einer Entscheidung, der andere vermittelte das Wissen darüber, welche Entscheidung als fachlich vernünftig galt.

Gerade darin liegt der ordnungsökonomisch interessante Befund. Der private Waldbesitzer wurde nicht gezwungen, Fichten zu pflanzen; vieles sprach aus seiner Sicht ohnehin dafür. Aber Holzmarkt und Ertragsinteresse, öffentliche Förderung und forstliche Beratung wiesen in dieselbe Richtung. Private Verfügung und staatliche Lenkung bilden eben keinen einfachen Gegensatz. Eigentum kann privat bleiben, während Förderregeln, Beratung und Expertenwissen den Korridor plausibler Entscheidungen verengen. Dazu braucht es keinen Befehl. Gerade das Zusammenwirken mehrerer gleichgerichteter Signale kann eine einmal plausible Entscheidung dauerhaft verfestigen.

Dass dieser Fall gerade am Weserdistrikt ansetzt, ist kein Zufall: Nur durch die Weser vom Solling getrennt, liegt er in derselben Landschaft, in der von Langen zwei Jahrhunderte zuvor die Fichte empfahl. Die stärksten Belege für die staatliche Lenkung des Privatwalds stammen freilich aus Nordrhein-Westfalen; in Bayern, Baden-Württemberg und den späteren neuen Ländern verlief die Geschichte in Nuancen anders. Das Muster ist robust, aber regional zu differenzieren – ein exemplarischer Fall, keine flächendeckende Behauptung.

Fügt man die drei Ebenen zusammen, ergibt sich ein nüchternes Bild. Die Schäden der letzten Jahre sind nicht die Rechnung der Planung schlechthin; von Langens Planung hat dem Solling gutgetan. Sie sind die Rechnung einer anmaßenden Planung, die standörtliches Wissen überschrieb und lange Zeithorizonte gegen kurze Ertragslogik eintauschte. Man muss es zugespitzt sagen: Ein großer Teil der heute beklagten Waldstruktur entstand nicht trotz, sondern wegen der damaligen fachlich-administrativen Modernisierung; sie war, unter den Zielen ihrer Zeit, durchaus rational. Und man sollte die Katastrophe nicht größer zeichnen, als sie ist. Käferkalamitäten sind kein Novum. Schon die „Große Wurmtrocknis“ der Jahre um 1780 ließ im Harz gewaltige Mengen Fichten absterben. Allein für 1783 nennen die Quellen über zwei Millionen Stämme. Vieles spricht dafür, dass solche Massenvermehrungen ein wiederkehrendes Phänomen sind, das die Fichte seit je begleitet. Zudem ist die Trockenheit real und bedeutet Wasserstress, der andere Baumarten verlangt, aber sie ist ein Grund zur Umstellung, keine Apokalypse.

V. Kanada und Europa, oder: die menschliche Ungeduld

Ein Blick über den Atlantik schärft das Bild. Der gemäßigte Küstenregenwald British Columbias, ein naturwüchsiger Altwald, ist seinerseits auf dem Rückzug, nicht durch Feuer, sondern durch industriellen Kahlschlag. Im Unterschied zu Europa gilt: Im borealen Nadelwald Nordkanadas ist Feuer ein endogener Teil des Ökosystems, weit überwiegend durch Blitzschlag ausgelöst. Manche Arten sind daran angepasst. Wer dort weite Flächen verkohlter oder abgestorbener Stämme sieht, hält sie leicht für zerstörten Wald. Doch dem Wald ist unsere Ungeduld gleichgültig. Er folgt seinen eigenen Zeitgesetzen, und was aus menschlicher Perspektive wie Verwüstung aussieht, kann Teil eines langfristigen Erneuerungsprozesses sein.

Der Bayerische Wald ist dafür ein Lehrstück. Als dort ab Mitte der achtziger Jahre der Borkenkäfer um sich griff und die Nationalparkverwaltung in der Kernzone bewusst auf Bekämpfung verzichtete, starben vor allem ab 1993 in den Hochlagen zwischen Lusen und Rachel gut siebentausend Hektar Fichtenwald ab. Und dann wuchs aus dem toten Holz ein neuer Wald heran, vielfältiger und strukturreicher als der Wirtschaftsforst zuvor. Die Baumarten kehrten von selbst zurück, die von jeher an diesen Standort gehören. „Natur Natur sein lassen“ war hier eine Entscheidung, kein Unterlassen: die bewusste Wahl, an dieser Stelle die natürliche Ordnung wirken zu lassen.

VI. Der Gärtner und der Planer

Damit ist Norbert Bertholds Kernfrage erreicht: Wer soll eingreifen, und wie? Ordnungspolitisch oder prozesspolitisch? Die Antwort ergibt sich aus allem Vorangegangenen, und sie liegt zwischen zwei Versuchungen.

Die erste Versuchung ist der Ökologismus: den Wald sich selbst zu überlassen, weil jeder menschliche Eingriff als Störung gilt. Das verkennt zweierlei. Zum einen ist der bestehende Fichtenacker kein Naturzustand, den man nur laufen lassen müsste; er ist ein doktrinär erzeugtes Artefakt, und ihn ohne weiteres sich selbst zu überlassen hieße, den Fehler zu konservieren und den flächigen Zusammenbruch in Kauf zu nehmen. Zum anderen bleibt die Holzproduktion ein legitimer und notwendiger Zweck – die Nutzfunktion, an die das Bundeswaldgesetz zuerst erinnert. Holz wird gebraucht, und es wächst auf dafür vorgesehenen Wirtschaftsflächen weit ergiebiger als im vielschichtigen Naturwald, der seine Stärke gerade nicht im raschen, gleichmäßigen Ertrag hat. Genau darin liegt der Zielkonflikt, den kein Ökologismus wegdefinieren kann: Wer den ganzen Wald der Natur zurückgibt, verzichtet auf eine Leistung, die anderswo erbracht werden müsste, oft unter schlechteren ökologischen Bedingungen. Und wo bei uns nicht nachhaltig produziert wird, wächst der Druck auf die Wälder anderswo.

Die zweite Versuchung ist der Konstruktivismus: den Wald umzuplanen, diesmal mit den richtigen Baumarten, in einem zentralen Umbauprogramm mit verbindlichen Sollvorgaben. Das aber wiederholte den Ursprungsfehler auf neuer Ebene: Es ersetzte eine anmaßende Ordnung durch eine andere und vertraute erneut dem zentralen Wissen mehr als dem standortnahen.

Zwischen beiden liegt die ordnungspolitische Antwort, und sie ist die des Gärtners. Auch der Gärtner plant, aber er plant im Wissen um die Grenzen seines Wissens. Er schafft Bedingungen, beobachtet die Reaktion und korrigiert, statt einen Zielzustand über die Fläche zu verordnen. Für die Forstpolitik heißt das vor allem: unterschiedliche Lösungen und dezentrales Experimentieren zuzulassen, standörtliches Wissen verfügbar zu machen und den Eigentümer die Folgen seiner Entscheidungen möglichst selbst tragen zu lassen. Beratung kann dabei Wissen erschließen; Förderung sollte dagegen nicht die nächste vermeintlich richtige Baumart oder Bestandsform zur neuen Doktrin machen. Ordnungspolitik heißt auch angesichts eines Klimawandels nicht, den Wald von morgen zu kennen, sondern eine Ordnung zu schaffen, in der auf neues Wissen reagiert werden kann.

Der Schlüssel liegt beim Wissen und bei den Personen, die es tragen. Deshalb sind die forstliche Ausbildung an den Hochschulen und die praktische Erfahrung vor Ort so wichtig, und deshalb ist der einzelne Forstmann die eigentliche Schlüsselfigur. Wo er Verantwortung trägt und Urteilskraft besitzt, entsteht gute Ordnung; wo Moden, schlechte Landesvorgaben oder fehlender Sinn walten, entsteht Unfug – etwa die kahlen Streifen, die mancherorts ohne Not entlang von Straßen und Ortseingängen geschlagen werden. Dass es anders geht, habe ich aus der Nähe gesehen. Mein Vater, Forstmann, hat unter einer breiten Stromtrasse, einer Fläche, die forstlich als verloren gilt, ein neues Biotop angelegt: Teiche mit Fischen, an denen sich Reiher und andere Tiere ansiedelten, so dass die Artenvielfalt spürbar zunahm. Das ist kein Sich-Heraushalten und kein Durchplanen, sondern gestaltendes Ordnen: dem Standort eine Ordnung geben, in der Leben von selbst gedeiht. Auch die Renaturierung von Bächen, die regional vielerorts über Wasserverbände betrieben wird, gehört in diese Kategorie – teils gesichertes Wissen, teils Experiment, immer aber rahmensetzend statt ergebnisfixiert.

VII. Der Wald als Spiegel

Am Ende ist der Wald ein Spiegel der Ordnungsfrage überhaupt. Gelingen entsteht dort, wo Ordnung verteiltes Wissen und Zeit aufnimmt; Misslingen dort, wo sie beides überschreibt. Von Langens Rahmen nahm Wissen und Zeit auf – er trägt seit dreihundert Jahren. Die Fichtendoktrin überschrieb beides, und ihre Rechnung wird jetzt fällig. Zwischen dem Ökologismus, der den Menschen aus dem Wald hinausdefinieren will, und dem Konstruktivismus, der ihn zum Herrn über den Wald erklärt, steht der Gärtner, der weiß, dass er die Spielregeln der Natur nicht macht, sondern nutzt. Er ist keine Metapher, sondern eine Praxis – die meines Vaters unter der Stromtrasse und andernorts, die der Forstleute, die ihren Standort kennen und danach handeln, die der Wasserverbände an den Bächen. Die Ordnungsökonomie kann zeigen, warum dieser Weg der richtige ist. Gehen müssen ihn die Menschen im Wald.

Literatur

  • Bundeswaldgesetz (BWaldG) vom 2. Mai 1975, zuletzt geändert 2021, § 1. gesetze-im-internet.de/bwaldg
  • Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat: Referentenentwurf zur Novellierung des Bundeswaldgesetzes, 2024.
  • Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat (Hrsg.): Ergebnisse der Waldzustandserhebung 2025.
  • Roderich von Detten (Hg.), Das Waldsterben. Rückblick auf einen Ausnahmezustand, oekom, München 2013.
  • Bernhard J. Heukamp, Die Geschichte der Arbeitsgemeinschaft Naturgemäße Waldwirtschaft [ANW] in Nordrhein-Westfalen, o.J. Link: https://www.anw-nrw.de/eip/media/dokumentationen/dokumentation_22_1.pdf
  • Joachim Chr. Heyder, Waldbau im Wandel. Zur Geschichte des Waldbaus von 1870 bis 1950, dargestellt unter besonderer Berücksichtigung der Bestandesbegründung und der forstlichen Verhältnisse Norddeutschlands, Frankfurt/M. 1986
  • Johann Georg von Langen, Denkschrift zur Erziehung gemischter Baumbestände, 1755. – Zu Leben und Werk: Deutsche Biographie, Bd. 13 (1982), s. v. „Langen, Johann Georg von“.
  • Niedersächsische Landesforsten: Langfristige Ökologische Waldentwicklung (LÖWE). landesforsten.de
  • Ernst Ludwig Taschenberg: Was da kriecht und fliegt!, Berlin 1878. Link: https://projekt-gutenberg.org/authors/ernst-ludwig-taschenberg/books/was-da-kriecht-und-fliegt/chapter/18

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