Gastbeitrag
Paradigmenwechsel zur Beurteilung der Weltlage im Jahr 2026
Sieben Denkanstöße zu Wachstum, Macht, Robustheit, wirtschaftlicher Freiheit und der Zukunft der Menschheit

Ausgangspunkt: Wirtschaftliche Stagnation, Regulierungsdichte und fehlender Realismus

Die wirtschaftliche Lage in Deutschland ist auch im Frühjahr 2026 noch ernst (Stelter, 2026). Seit inzwischen rund sechs Jahren ist kein nachhaltiges reales Wirtschaftswachstum mehr zu verzeichnen. Reale Einkommen stagnieren, private und öffentliche Investitionen bleiben deutlich hinter früheren Niveaus zurück, und die internationale Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft hat sich spürbar verschlechtert. Diese Entwicklung ist kein vorübergehender konjunktureller Effekt, sondern Ausdruck tiefer liegender struktureller Probleme.

Ein wesentlicher Teil dieser Schwäche ist hausgemacht. In Deutschland und Europa hat sich über Jahre ein wirtschaftspolitisches Umfeld entwickelt, das unternehmerisches Handeln häufig durch komplexe Regulierung, lange Genehmigungsverfahren und hohe Berichtslasten zunehmend einschränkt (Gleißner/Schwenker, 2025 und 2026). An die Stelle marktwirtschaftlicher Anreize sind wachsende Bürokratie, detaillierte regulatorische Vorgaben, umfangreiche ESG-Anforderungen und klimapolitische Detailsteuerung getreten. Diese Eingriffe mögen normativ gut begründet erscheinen, sie wirken jedoch faktisch als Belastung für Investitionen, Innovation und unternehmerische Initiative. Wirtschaftliche Freiheit ist jedoch die Grundlage von Wettbewerbsfähigkeit – und Wettbewerbsfähigkeit ist wiederum Voraussetzung für Wirtschaftswachstum.

Hinzu kommt eine idealistische Sicht auf die Welt, die in Deutschland lange vorherrschte. Diese Perspektive ging von einer stabilen regelbasierten Weltordnung, gemeinsamen globalen Interessen und der Durchsetzbarkeit normativer Ziele aus. Die reale Entwicklung der Weltwirtschaft und der internationalen Politik hat sich davon jedoch deutlich entfernt. Staaten handeln zunehmend interessengeleitet, Machtfragen treten wieder in den Vordergrund, und ökonomische Leistungsfähigkeit wird erneut zur zentralen Quelle politischer Handlungsfähigkeit (Blum/Gleißner, 2021). Wer diese Realität ignoriert und wirtschaftliche Freiheit zugunsten regulatorischer Übersteuerung einschränkt, schwächt langfristig nicht nur Wachstum, sondern auch die Robustheit des Staates (Gleißner, 2020).

Sieben Denkanstöße für einen realistischen Blick auf die Welt

1. Wachstum ist die entscheidende Zielgröße der Staaten

Wirtschaftliches Wachstum ist die zentrale Voraussetzung für Wohlstand, soziale Stabilität und staatliche Handlungsfähigkeit. Ohne Wachstum fehlen die finanziellen Grundlagen für soziale Sicherungssysteme, für Investitionen in Infrastruktur, Bildung und Verteidigung sowie für politische Souveränität. Historisch ist der Anstieg der Lebenserwartung und der Rückgang von Armut eng mit dauerhaftem Wirtschaftswachstum verbunden. Wachstum entsteht jedoch nicht durch politische Zielvorgaben, sondern durch wirtschaftliche Freiheit, unternehmerische Initiative und funktionierende Märkte. Regulierungsdichte, Bürokratie und eine Überbetonung nichtökonomischer Zielsysteme schwächen genau diese Wachstumsgrundlagen. Ökonomisch belastbare Wachstumsgrenzen sind nicht erkennbar, wohl aber politisch verursachte Wachstumshemmnisse.

2. Europäische Wertprioritäten sind global kein Maßstab

Ein großer Teil der Welt teilt die in Europa vorherrschenden Wertprioritäten nicht. Während in Europa über Jahre hinweg ESG-Ziele, Klimaneutralität und detaillierte Regulierungen im Mittelpunkt standen, priorisieren viele andere Staaten wirtschaftliche Entwicklung, industrielle Wettbewerbsfähigkeit und nationale Interessen. Diese Länder setzen stärker auf wirtschaftliche Freiheit und geringere regulatorische Eingriffe. Die schwache Wachstumsdynamik Europas ist auch eine Folge dieser unterschiedlichen Prioritätensetzungen. Wer europäische Wertvorstellungen für global verbindlich hält, verkennt nicht nur die Realität, sondern bringt sich selbst in einen strukturellen Wettbewerbsnachteil.

3. Nationale Interessen dominieren die internationale Politik

Die internationale Politik wird zunehmend durch nationale Interessen bestimmt. China, Russland, aber auch die USA handeln primär entlang eigener strategischer, wirtschaftlicher und sicherheitspolitischer Zielsetzungen. Multilaterale Kooperation ist selektiv und zweckorientiert, nicht primär normativ getragen. Staaten, die ihre wirtschaftliche Basis durch Regulierungsübersteuerung und Einschränkung wirtschaftlicher Freiheit schwächen, verlieren in diesem Umfeld an Einfluss. Nationale Interessen lassen sich nur dann wirksam vertreten, wenn eine wettbewerbsfähige Wirtschaft vorhanden ist, die Wachstum generiert und damit politische Handlungsfähigkeit ermöglicht.

4. Das Völkerrecht verliert faktisch an Bedeutung

Das Völkerrecht verliert in der Praxis an Verbindlichkeit. Der Krieg in der Ukraine, aber auch andere internationale Konflikte (wie mit dem Iran) zeigen, dass rechtliche Argumente häufig nur noch der politischen Legitimation dienen. Ohne eine Macht, die bereit und in der Lage ist, diese Ordnung durchzusetzen, bleibt das Völkerrecht ein Orientierungsrahmen ohne Durchsetzungskraft. In einer solchen Welt gewinnen wirtschaftliche Stärke und industrielle Leistungsfähigkeit an Bedeutung. Staaten, die ihre Wirtschaft durch Bürokratie, ESG-Überregulierung und klimapolitische Detailsteuerung schwächen, verlieren nicht nur wirtschaftlich, sondern auch politisch an Gewicht.

5. Robustheit wird zur zentralen Staatsaufgabe

Vor dem Hintergrund zunehmender geopolitischer, ökonomischer und technologischer Risiken wird Robustheit zur zentralen Aufgabe des Staates. Robustheit bedeutet, kritische Abhängigkeiten zu begrenzen und die eigene Handlungsfähigkeit zu sichern (Gleißner, 2020). Entscheidend sind insbesondere zwei Dimensionen: die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft und die Verteidigungsfähigkeit des Staates. Wettbewerbsfähigkeit setzt wirtschaftliche Freiheit voraus, nicht regulatorische Übersteuerung. Ohne Wachstum fehlt die finanzielle Basis für Verteidigung, Resilienz und Krisenbewältigung. Ein robuster Staat braucht daher weniger dirigistische Detailpolitik und mehr Vertrauen in marktwirtschaftliche Prozesse.

6. Demokratie ist kein Garant für Wohlstand

Demokratie ist kein automatischer Garant für wirtschaftlichen Erfolg. Wohlstand und Wachstum entstehen durch marktwirtschaftliche Mechanismen, Innovationsfähigkeit und gesicherte Eigentumsrechte – nicht durch die Staatsform selbst. Autoritäre Staaten haben gezeigt, dass wirtschaftlicher Erfolg auch ohne Demokratie möglich ist, solange wirtschaftliche Freiheit in zentralen Bereichen gewährt wird. Umgekehrt gilt: Demokratien können nur dann dauerhaft bestehen, wenn sie wirtschaftlich erfolgreich sind. Übermäßige Bürokratie, ESG-Pflichten und klimapolitische Regulierung gefährden damit indirekt auch die Stabilität demokratischer Systeme.

7. Trotz allem ist eine positive Zukunft möglich

Trotz dieser Entwicklungen ist eine positive Zukunft für die Menschheit möglich. Die großen Fortschritte der letzten zweihundert Jahre basierten primär auf wirtschaftlicher Freiheit, Innovation und marktwirtschaftlicher Organisation, nicht auf einer globalen Friedensordnung oder einheitlichen politischen Systemen. Diese Wachstumstreiber wirken weiter, insbesondere technologische Innovationen wie Künstliche Intelligenz (KI), mit allen Chancen und Gefahren. Auch Demokratien haben eine Zukunft, wenn sie wirtschaftliche Freiheit, Wettbewerbsfähigkeit und staatliche Robustheit wieder in den Mittelpunkt ihrer Politik stellen.

Quelle: KI generiert

Schlussfolgerung: Wirtschaftliche Freiheit als Voraussetzung für Realismus und Wohlstand

Die Lage im Jahr 2026 macht deutlich, dass Realismus zur zentralen Voraussetzung wirtschaftlicher und politischer Handlungsfähigkeit geworden ist (Berthold/Quitzau, 2023). Realismus in der Analyse von Machtverhältnissen, Interessen und ökonomischen Grundlagen erfordert die Anerkennung, dass wirtschaftliche Freiheit die Basis von Wettbewerbsfähigkeit ist. Wettbewerbsfähigkeit ermöglicht Wachstum, und Wachstum wiederum ist die Voraussetzung für die Robustheit des Staates.

Für Deutschland bedeutet dies, politische Prioritäten grundlegend zu überdenken. Eine weitere Ausweitung von Bürokratie, ESG-Vorgaben und klimapolitischer Detailsteuerung schwächt die wirtschaftliche Basis und damit die Fähigkeit des Staates, Risiken zu bewältigen und seine Interessen zu vertreten. Wirtschaftliche Freiheit ist kein Selbstzweck, sondern die Grundlage für Wohlstand, soziale Stabilität und politische Souveränität. Es bleibt daher zu wünschen, dass Analyse, Entscheidungen und öffentliche Debatten stärker von dieser Realität ausgehen und weniger von idealistischen Wunschbildern geprägt sind.

Weiterführende Literatur

Berthold, N. (2021): Produktivitätsrätsel, Klimawandel und Postwachstum. Mehr Fortschritt wagen, weniger Verzicht üben, 12.12.2021, https://wirtschaftlichefreiheit.de/wordpress/?p=30167 (abgerufen am 11.06.2026).

Berthold, N./Quitzau, J. (Hrsg.): Die Wirtschaftswelt steht Kopf. Abschied von den Illusionen – Konzepte für eine neue Wirtschaftspolitik, München: Vahlen, 2023.

Blum, U./Gleißner, W. (2021): Die Corona-Krise und andere Extremrisiken: eine Bewertung der Robustheit Deutschlands, in: Thomaschewski/Völker (Hrsg.): Standort Deutschland – Herausforderungen und notwendige Reformen, Kohlhammer, Stuttgart, S. 249-268.

Gleißner, W. (2018): Risiko, Volkswirtschaft und Wohlstand, in: Growitsch, C./Loose, S./Wehrspohn, R. B. (Hrsg.): Beiträge zu Wirtschaftspolitik und -forschung – Festschrift anlässlich der Emeritierung von Prof. Dr. Dr. h.c. Ulrich Blum, Center for Economics of Materials CEM, Halle (Saale) 2018, S. 55-68.

Gleißner, W. (2020): Der robuste Staat – Ein strategischer Rahmen zur Absicherung gegen Krisen und Katastrophen, 17.04.2020, https://www.ludwig-erhard.de/orientierungen/krisenpraevention/der-robuste-staat-ein-strategischer-rahmen-zur-absicherung-gegen-krisen-und-katastrophen/ (abgerufen am 21.05.2026).

Gleißner, W. (2023): Klimawandel: Zur Unterscheidung von Fakten, Analysen und Prognosen in Umweltpolitik und Rechtsprechung, in: Zeitschrift für Umweltpolitik & Umweltrecht (ZfU), Heft 04,S. 415-445.

Gleißner, W./Follert, F. (2022): Die deutsche Abhängigkeit von russischem Gas. Ein Beispiel für Risikoblindheit bei politischen Entscheidungen, in: Wirtschaftsdienst, 102. Jg., Heft 7, S. 474-478.

Gleißner, W./Schwenker, B. (2025): Was wäre wenn? Ein Horrorszenario bis 2035, in: Focus, Heft 22, S. 56-57.

Gleißner, W./Schwenker, B. (2026): Standortrisiko Deutschland? Ein unfreundliches Zukunftsszenario für 2035 (erscheint in Kürze).

Stelter, D. (2026): Absturz: So retten wir Deutschland, LMV.

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