Klimaneutralität 2045
Scheinbar breite Zustimmung in der Bevölkerung, aber massive Zweifel an der Umsetzbarkeit

Die Bevölkerung steht scheinbar mehrheitlich hinter Deutschlands Ziel, bis 2045 klimaneutral zu werden, hält die Umsetzung aber für unrealistisch. Das zeigt eine Untersuchung des RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung im Rahmen des von der E.ON Foundation geförderten Sozialökologischen Panels.

Deutschland ist gesetzlich verpflichtet, bis zum Jahr 2045 klimaneutral zu sein. Die Einhaltung dieses Ziels kann vor Gericht eingeklagt werden. Doch kaum jemand hält die Erreichung dieses Ziels, gemäß dem Deutschland fünf Jahre früher als die Europäische Union klimaneutral werden möchte, für realistisch. So glauben 96 Prozent der im Herbst 2025 im Rahmen der jährlichen Erhebung des Sozialökologischen Panels befragten Bürgerinnen und Bürger nicht daran, dass das Klimaneutralitätsziel rechtzeitig erreicht wird.

Fast zwei Drittel der rund zweieinhalb tausend Befragten rechnen sogar damit, dass Deutschland das Ziel deutlich verfehlen wird. In der vom RWI konzipierten Befragung, die vom Meinungsforschungsinstitut forsa unter den Mitgliedern des forsa.omninet.Panels durchgeführt wurde, wurden unter anderem die Einstellung der Bürgerinnen und Bürger zum Klimaneutralitätsziel abgefragt, aber auch die Bedingungen, unter denen die Befragten dieses Ziel unterstützen.

Trotz der massiven Zweifel hinsichtlich der Erreichbarkeit des Ziels ist die grundsätzliche Zustimmung der Befragten zum Klimaschutz scheinbar hoch: Etwas mehr als 30 Prozent der Deutschen halten das Ziel, bis 2045 Klimaneutralität erreichen zu wollen, uneingeschränkt für richtig, eine leichte absolute Mehrheit von 54 Prozent hält es jedoch nur mit Einschränkungen für richtig, denn die Zustimmung ist oft an Bedingungen geknüpft: Viele Menschen fordern, dass die wirtschaftliche Stabilität Deutschlands bei der Transformation zur Klimaneutralität erhalten bleibt und dass auch andere Länder beim Klimaschutz mitziehen.

So stimmen etwas mehr als drei Viertel jener 16 Prozent der Befragten, die Deutschlands Klimaneutralitätsziel nur unter großen Einschränkungen für richtig halten, der Aussage zu, dass das Ziel nur dann verfolgt werden sollte, wenn auch der Rest der Welt die Treibhausgasemissionen senkt. Dieser Auffassung sind auch 42 Prozent jener 38 Prozent der Befragten, die Deutschlands Klimaneutralitätsziel unter kleinen Einschränkungen für richtig halten.

75 Prozent der Befragten, die Deutschlands Klimaneutralitätsziel nur unter großen Einschränkungen für richtig halten, stimmen auch der Aussage zu, dass Deutschland dieses Ziel erst im Jahr 2050 anstreben sollte, so wie dies die Europäische Kommission tut. Für die Verschiebung des Treibhausgasneutralitätsziels von 2045 auf das Jahr 2050 würden zahlreiche guten Gründe sprechen, wie in einem in der Zeitschrift für Wirtschaftpolitik im Jahr 2026 erschienen Beitrag dargestellt wird.

Darüber hinaus sind 61 Prozent der Befragten, die Deutschlands Klimaneutralitätsziel nur unter großen Einschränkungen für richtig halten, der Auffassung, dass dieses Ziel nur dann angestrebt werden sollte, wenn dies nicht zu Lasten des wirtschaftlichen Wohlstands geht. Dieser Aussage stimmt auch rund ein Drittel jener Befragten zu, die Deutschlands Klimaneutralitätsziel unter kleinen Einschränkungen für richtig halten.

Die Bedingung, dass Klimaschutz nicht zu Lasten des Wohlstands gehen soll, könnte sich aber als besonders kritisch für die Zustimmung zum Klimaneutraitätsziel erweisen, wenn die Kosten der Energiewende stärker transparent gemacht würden. Denn nach Informationen der Wissenschaftlichen Dienste des Bundestages könnten sich die Kosten zur Erreichung des Klimaneutralitätsziels auf insgesamt 10 bis 13 Billionen Euro belaufen. Es ist sehr fraglich, wie diese enormen Summen in den nächsten 20 Jahren aufgebracht werden sollen.

Die Agora Energiewende geht zwar in ihrer Studie aus dem Jahr 2024 davon aus, dass drei Viertel dieser Kosten auch ohne eine Energiewende anfallen würden. Ein Viertel der Kosten von mindestens 10 Billionen Euro impliziert indessen Zusatzkosten der Energiewende von insgesamt mindestens 2,5 Billionen Euro, das heißt rund 125 Mrd. Euro pro Jahr über einen Zeitraum von zwei Jahrzehnten.

Zum Vergleich: Der Bundeshaushalt für das Jahr 2026 hat ein Volumen von knapp 525 Milliarden Euro, knapp 200 Mrd. Euro, das heißt fast 40 Prozent, entfallen auf den Posten Arbeit und Soziales als dem größten Haushaltsposten. Allein knapp 140 Mrd. Euro werden als Steuerzuschuss zur Stabilisierung der Rentenversicherung verwendet. Müssten die für die Transformation zur Klimaneutralität jährlich aufzuwendenden Mittel allein aus dem Bundeshaushalt bezahlt werden, müssten dafür die Steuerzuschüsse zur Rentenversicherung nahezu gänzlich gestrichen werden.

Es ist mehr als fraglich, ob die Zustimmung für das Klimaneutralitätsziel weiterhin hoch bliebe, wenn diese immensen Kosten weithin kommuniziert würden. Dies ist allerdings nicht der Fall. Im Gegenteil: Der Bundesrechnungshof hat in seinem Sonderbericht aus dem Jahr 2024 zum wiederholten Mal angemahnt, dass die „Bundesregierung […] die Systemkosten der Energiewende klar benennen“ muss.

Dass die Kosten der Klimapolitik nicht transparenter kommunziert werden, ist im Hinblick auf die Erhebungsergebnisse insofern von Relevanz, als dass das Klimaneutralitätsziel von den im Rahmen des Sozialökologischen Panels Befragten besonders kritisch gesehen wird, wenn es um finanzielle Aspekte geht: Neun von zehn Gegnern des Klimaneutralitätsziels, welches allerdings lediglich von 13 Prozent der Befragten abgelehnt wird, geben zu hohe Kosten als Hauptgrund für ihre Ablehnung an.

Aber auch für die Befürworter des Klimaneutralitätsziels spielen wirtschaftliche Aspekte eine bedeutende Rolle: Während viele Befragte Deutschland beim Klimaschutz in einer Vorreiterrolle sowie in historischer Verantwortung sehen, hoffen 74 Prozent der Befürworter der Klimaneutralität, dass klimaneutrales Wirtschaften den Wohlstand in Deutschland dauerhaft sichern kann. Diese Hoffnung dürfte sich angesichts der hohen jährlichen Zusatzkosten wohl kaum erfüllen. Selbst für eine dynamisch wachsende Volkswirtschaft wären jährliche Zusatzkosten von 125 Milliarden Euro eine sehr große Herausforderung, für eine stagnieriende Volkswirtschaft wie die deutsche sind diese zusätzlichen Kosten kaum tragbar.

Über die hier dargestellten Ergebnisse hat Lukas Fuhr in der Ausgabe der F.A.Z. vom 8. April 2026 berichtet, eine ausführliche Darstellung der Ergebnisse findet sich auf der Homepage der E.ON Foundation unter der Rubrik Insights.

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