Gastbeitrag
Skat oder Cego
Zentrale Koordination oder Spontane Ordnung. [1]

Vom über Deutschland verbreiteten Skat berichtet eine erste Quelle aus dem Jahr 1813 und prägt den Begriff „Scat“.[2] Es wird angenommen, dass sich das Spiel zwischen 1810 und 1817 im thüringischen Altenburg aus älteren Kartenspielen entwickelt hat. Ein erstes Regelbuch erschien 1848 und 1927 wurde in Altenburg, dem Ort seiner Entstehung, sogar ein Skatgericht eingerichtet. 1986 brachte die Deutsche Bundespost ein Briefmarke (Wert 0,80 DM) in Umlauf die dem Thema 100 Jahre Deutsche Skatkongresse gewidmet war. Seitdem wird dieses Spiel in seinem Verbreitungsgebiet nach den gleichen, strengen Regeln gespielt, die in Tournieren und Meisterschaften genau praktiziert werden. In seltenen Zweifelsfällen kann das erwähnte Skatgericht in Altenburg angerufen werden, welches als zentrale Instanz die erforderliche Regelsetzung vornimmt. Der Skat, dessen Name sich von lateinischen scartere für ablegen herleitet, weshalb die abgelegten Karten – meist als Blinder bezeichnet – auch Skat genannt werden, hat wohl insbesondere durch den 2. Weltkrieg seine weite Verbreitung in Deutschland gefunden. Beim Skat handelt es sich also um ein Spiel, welches zentral geplant und sich mit gleichen strengen Regeln in seinem Verbreitungsgebiet durchgesetzt hat.

Das Cegospiel[3] könnte früher als der Skat entstanden sein, als solche bezeichnete Cegokarten treten allerdings erst nach der Zeit des Napoleonischen Spanienfeldzugs auf. Spielkarten, mit denen auch Cego gespielt werden kann, und die auch in zahlreichen Freiburger Druckereien hergestellt wurden, werden in der Zeit vor diesen Feldzügen immer als Tarockkaten bezeichnet. Da man Cego auch mit den Karten des österreichischen Tarock[4] spielen kann und da es im Badischen mit vergleichbaren Karten ein Spiel namens Dreierles oder Dreier gibt, welches in den Regeln stark dem österreichischen Tarockspiel gleicht, ist anzunehmen, dass derartige Spiele über die vorderösterreichischen Besitzungen in Baden in dieses Gebiet gekommen sind. Die auf den ersten Blick komplizierte Zählweise und einige Sonderspiele des österreichischen Tarock sind wohl über das Dreierlesspiel auch in die Cegoregeln gekommen.

Es ist zu vermuten, dass badische Soldaten das Spiel Cego aus dem Spanienfeldzug mit Napoleons Truppen 1808 -1813 mitgebracht haben. Zum Teil aus vorderösterreichischen Gebieten stammend, nahmen sie wohl die typi­schen Karten des österreichischen Tarock mit, änderten aber bei der Begegnung mit dem spanischen Spiel Tresillo, einer Variante des Ombrespiels, die Spielregeln. Beim Großtarock kommen zu den 22 speziellen Trumpfkarten für jede der vier Farben Kreuz, Pik, Herz und Karo jeweils 14 Karten – die Bildkarten König, Dame, Reiter und Bube und die Leeren von 1-10 hinzu, womit sich insgesamt ein Blatt von 78 Karten ergibt. Die Zahl der Leeren wurde beim einfachen österreichischen Tarock auf jeweils vier verringert. Jede Farbe hat also noch acht Karten, womit sich mit den 22 Trümpfen das für das Cego typische Blatt mit 54 Karten ergibt. In etlichen Ländern war bei den Leeren die Stichfolge bei den schwarzen Karten (Pik und Kreuz) so, dass die höhere Karte immer die niedrigere stach, während es bei den roten (Herz und Karo) umgekehrt war. Beim Tarock und so auch beim Cego hat man diese Stichfolge beibehalten und jeweils die niedrigsten sechs Karten entsprechend der spanischen Stichfolge entfernt. Bei den schwarzen blieben also die vier Karten sieben bis zehn und bei den roten die Karten vier bis eins übrig, die Stichfolge wurde aber beibehalten, bei den schwarzen Farbe stechen also die höheren die niedrigeren während es bei den roten die Stichfolge gegenläufig ist. Für die Herkunft des Spiels aus Spanien spricht auch, dass ciego im Spanischen (im lateinischen caecus) blind bedeutet (portu­giesisch cego!) und in manchen Quellen auch von Zigo[5] statt Zego oder Cego gesprochen wird. Für die Beziehung zu Österreich spricht allerdings auch, dass eine Zigohymmne sich an eine Ode an das Tarockspiel anlehnt.[6] Als es dann im 2. Weltkrieg keine badischen Regimenter mehr gab, hat sich der Skat als deutsches Nationalspiel durchgesetzt.

Äußerlich al­lerdings unterscheidet sich das Cegoblatt vom öster­reichischen Tarockblatt lediglich dadurch, dass die Trümpfe wie beim französischen Tarot in arabischen Zahlzeichen nummeriert sind, wäh­rend das österreichische Blatt römisch nummerierte Trümpfe aufweist, was Cegospielern meist ernstliche Probleme bereitet. Es liegt nahe, dass die Badener bei ihrem Feldzug mit Napoleon auch mit den französischen Tarotkarten gespielt haben und sich so an die arabischen Zahlzeichen gewöhnt haben. Alle Karten diesen Typs die vor Napoleon z.B. in Freiburg gedruckt wurden heißen Tarockkarten und haben römische Zahlzeichen.[7] Zur Bezeichnung der Karten als Cegokarten kommt es erst nach Napoleon und diese weisen arabische Zahlzeichen auf, was allerdings auch für spätere als Tarockkarten bezeichnete Blätter gilt, die allerdings in Einzelfällen bei römischen Zahlzeichen bleiben.[8]

Die Verbreitung des Cego beschränkte sich ursprünglich auf die früheren Länder Baden und Hohenzollern, die auch heute noch die Grenzen des 1821 entstandenen Erzbistums Freiburg ausmachen. Da der Geistliche und Dichter Hein­rich Hansjakob dem Cego auch ein literarisches Denkmal gesetzt hat, kann man davon ausgehen, dass das Spiel durch die Geistlichen der Erzdiözese, aber wohl auch die badischen Beamten verbreitet worden ist. Im Unterschied zum Skat, der streng geregelt überall gleich gespielt wird, stellt das Cego ein gewachsenes Spiel dar, das regional unterschiedlich gespielt wird. Wobei es für die gleichen Karten auch ein sehr verbreitetes Spiel, als Dreierles oder Straßenwartscego bezeichnet, gibt, dessen vergleichsweise einfachere Regeln hier unberücksichtigt bleiben.

Es ist seltsam für Skatspieler, dass sich Cegospieler vor dem Spielen an anderen Orten zunächst über die Regeln einigen müssen. Die seltsame Frage „Spielen wir mit oder ohne Regel?“, bezieht sich darauf ob ein Spieler unter bestimmten Bedingungen bezüglich seines Blattes mit seinem Handblatt ein Solo spielen muss, oder dieses straflos „schinden“ kann, also nicht spielen muss. Ferner gibt es ein Spiel namens Piccolo, bei dem der Spieler gewinnt, der genau einen Stich macht. Darüberhinaus wird an manchen Orten ein „Piccolo mit zwei Stich„ (Duccolo oder Zwiccolo genannt) an anderen Orten wird darüberhinaus ein „Triccolo“ gespielt, bei welchem sich der Ansager verpflichtet genau drei Stiche zu machen. Neben dem Räuber, bei welchem der verliert, der die meisten Punkte macht (Entspricht dem Ramsch beim Skat), gibt es an manchen Orten einen Drescher, welchen lediglich der verliert, der den letzten Stich macht. Sogar beim Reizen gibt es Unterschiede, so dass in manchen Gegenden auf die Reizstufe „Cego“ nicht, wie normalerweise die Stufe „Eine“ folgt, sondern davor noch „Eine Halbe“ gereizt werden kann. Dieses sind nur einige der wichtigsten regionalen Unterschiede in den Spielweisen und man muss davon ausgehen, dass sich eben durchgesetzt hat, was den jeweiligen Spieler gefallen hat, also um mit Hayek zu sprechen, sich als Regel aus einer spontanen Ordnung entwickelt hat. Das Spiel scheint daher etwas der badischen Liebe zur Individualität zu entsprechen.

Während beim Skat nach einem Spiel oft lange Diskussionen darüber folgen, ob einer einen Fehler gemacht hat[9], tritt dies beim Cego fast nicht auf. Man sagt den Badenern eine gewisse Gemütlichkeit und geringe Neigung zur Strenge nach. Dem kommt das Cego entgegen. Zum einen führt die höhere Zahl der Karten und die große Rolle des Blinden dazu, dass der Zufall mehr Einfluss hat, zum anderen sind auch die eigentlichen Spielregeln andere. Wer nicht Farbe bekennen kann, muss Trumpfen (d.h. Trumpf spielen), wenn er Trümpfe besitzt, und natürlich muss auch Trumpf bekannt werden. Erst wenn ein Spieler ohne Trumpf ist, stellen sich die Fragen des Schmierens oder Abwerfens, die beim Skatspiel so wichtig und oft Gegenstand der Nacharbeitung sind, und zudem wegen des fehlenden Trumpfzwangs schon von Beginn an besondere Konzentration ver­langen. Das Spiel Cego selbst erlaubt also mehr Unterhaltung und ist nicht so streng, was allerdings nicht heißt, dass in den zahlreichen neu aufkommenden Cegotournieren die Sieger ein Ergebnis reinen Zufalls und nicht des Könnens sind. Auch ist das Cegospiel im Vergleich zum Skat deshalb fairer, weil ein Spieler, wenn er wegen eines guten Blatts unbedingt spielen will, mit dem Reizen seine Spielbedingungen erschweren muss, während beim Skat ein gutes Blatt meist ohne zunehmende Erschwerung der Spielbe­dingungen ein hohes Steigern ermöglicht.[10]

Es scheint, dass dem Cego, nachdem es fast verschwand, eine wieder zunehmende Verbreitung Anhängerschaft zukommt. Die in Anbetracht der Globalisierung erfolgende Gegenbewegung einer verstärkten Zuwendung[11] zum heimatlichen Umfeld mit seinen Besonderheiten, eröffnet diesem schönen[12] Spiel Wieder eine Zukunft.

Fußnoten

[1] Norbert Berthold zum 60sten Geburtstag am 11.9.2012 gewidmet

[2] Vgl. Wikipedia „Geschichte des Skatspiels“

[3] Ein Beitrag zu diesem Tema erschien als: Blümle, Gerold: Jeder will den Gigemaa; Das badische Nationalspiel Zego, in: Der badische Kalender, Lahrer Hinkender Bote 2013, Silberburg Verlag, 2012, S. 183 – 187

[4] Das bayrische Tarockspiel ist im strengen Sinne kein Tarockspiel, weil es nicht mit Tarockkarten gespielt wird.

[5] Mayr, Wolfgang und Sedlaczek, Robert: Das große Tarockbuch, Perlen-Reihe, ohne Jahres- und Verlagsan­gabe (ISBN 3-85223-462-x), S. 24.

[6] Ebenda.

[7] Büchler, Frieder und Schultz, Klaus-Jürgen: Mit offenen Karten, Alte Spielkarten aus dem Augustinermuseum in Freiburg und aus Privatsammlungen, Katalog zur Ausstellung des Augustinermuseum in der Universitätsbib­liothek Freiburg vom 21.5.-4.7.2004, S. 190 – 198.

[8] Büchler, Frieder und Schultz, Klaus-Jürgen: Mit offenen Karten, Alte Spielkarten aus dem Augustinermuseum in Freiburg und aus Privatsammlungen, Katalog zur Ausstellung des Augustinermuseum in der Universitätsbib­liothek Freiburg vom 21.5.-4.7.2004, S. 202 -240.

[9] Was u.a. dem Verfasser die Freude am Skat verdorben hat.

[10] Eine Ausnahme ist das „Handspiel“, bei welchen der Spieler den Blinden nicht aufnimmt, welches durch zusätzli­ches Risiko höhere Steigerung erlaubt.

[11] Mit der Adresse www.cego.de kann man im Internet entsprechende weitere Informationen erhalten.

[12] Werturteil!

Gerold Blümle

Gerold Blümle

Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Gerold Blümle

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