Gastbeitrag
Bargeld – die Freiheit nehm‘ ich mir!

Von Hans-Joerg Naumer am 4. März 2017
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Hans-Joerg Naumer
Allianz Global Investors in Frankfurt am Main

Es gibt kaum stichhaltige Gründe gegen und mindestens neun gute Gründe für Bargeld. Dieser Beitrag zeigt die Bedeutung des Bargelds für Privatsphäre, Wettbewerb, niedrige Preise, die Sicherheit und die Grundrechte auf. Gleichzeitig wird deutlich, dass Bargeld die Einführung einer neuen Steuer, der Zinssteuer, verhindert.

Der Kampf um das Bargeld ist längst entbrannt und er gewinnt an Stärke. Bargeldobergrenzen hier, kein Annahmezwang mehr dort, und in Indien wurde es sogar über Nacht verboten. Das Chaos war groß. Zentralbereichsleiter für Bargeld der Bundesbank, Stefan Hardt, spricht nicht umsonst von einem „Krieg gegen das Bargeld“.[1]

Dabei sprechen neun wichtige Gründe für das Bargeld:

  1. Kein Bargeld – keine Privatsphäre: Wird das Bargeld obsolet, könnte nur noch per Karte und Smartphone-App bezahlt werden. Dann wäre auch der letzte Winkel an Privatsphäre ausspähbar. Dabei ist gerade die Privatsphäre die Säule, auf der die Demokratie, die Freiheit, die Bürgerrechte beruhen. Leibeigene kennen keine Privatsphäre, egal ob sie im mittelalterlichen Feudalstaat, im Sowjet-Kommunismus oder in Nord-Korea leb(t)en. Wer die Daten hat, hat die Macht. Die Macht der Information und die Mittel zur Manipulation. Nicht „Ich habe nichts zu verbergen“, sondern „Wer mich ausspäht, hat sich zu legitimieren“ gilt.[2]
  2. Kein Bargeld – weniger Grundrechte: Laut Ex-Verfassungsrichter Hans-Jürgen Papier würde das Ende des Bargelds „mehrere Grundrechte“ „nicht unwesentlich“ beschränken. Er verweist dabei insbesondere auf das grundgesetzlich verbürgte Recht auf Eigentum (siehe auch den Punkt „Zinssteuer“) die schnell zu einer außerparlamentarisch eingeführten Vermögenssteuer werden kann) und auf die Vertragsfreiheit.[3]
  3. Kein Bargeld – keine Sicherheit: Bargeld ist nicht nur ein Schutz dagegen, ausgespäht zu werden, es kann auch nicht „gehackt“ werden. Kreditkarten, Konten, Internet-Zahlsysteme, … alles nur eine Frage der Technik, mit der diese Zahlungswege gehackt werden. Bei Bargeld versagt jegliche Softwaremanipulation.
  4. Kein Bargeld – keine Systemstabilisierung: Bargeld ist auch nicht abhängig von der Stromversorgung. Solange Bargeld als vertrauenswürdige Währung angesehen wird, solange kann damit bezahlt werden. Auch beim Blackout. Ein wichtiger Beitrag zur Stabilisierung des Wirtschaftssystem auch im Extremszenario.
  5. Kein Bargeld – weniger Effizienz, weniger Wohlstand: Ohne Bargeld nimmt die Effizienz des Wirtschaftens ab. Das mag auf den ersten Blick wundern, verursacht Bargeld doch Kosten der Bereitstellung. Idee ist aber: Wird eine anerkannte, gemeinsame Währung abgeschafft, wer wollte verhindern, dass sich die Verbraucher wehren und Ersatzwährungen einführen? Geschenkgutscheine, Goldmünzen, Bitcoin wie gernell Fremdwährungen, Community-Währungen … alles was helfen kann, die Privatsphäre wieder herzustellen. Damit entstehen aber de facto Parallelwährungen mit sich ändernden Wechselkursen zueinander, was die Preistransparenz senkt und die Transaktionskosten erhöht. Die Skalenerträge der gemeinsamen Währung nehmen ab, die Effizienz mit ihr, ebenso die Wertschöpfung. Die positiven Externalitäten eines gemeinsamen Geldes verschwinden.
  6. Kein Bargeld – höhere Schulden: Verhaltensökonomisch betrachtet nimmt die Ausgabenneigung zu, wenn nicht physisch bezahlt wird. Nicht nur, dass Barzahlung vor so manchem Impulskauf abhält, auch wird das Geldausgaben eher als „Verlust“ empfunden, als wenn nur kurz mit der Karte über die Bezahlstation gewischt wird. Bargeld ist eben konkreter als eCash. Und waren und sind nicht die Kreditkartenschulden in den USA, dem Stammland der Kreditkarten, ein Hauptproblem der privaten Überschuldung? Kreditkarten würden den „Schmerz“ des Barzahlens geradezu einschläfern, meint George Loewenstein, Carnegie Mellon Professor of Social and Decision Sciences (SDS) in seiner Analyse der Hirnströme und dem Kaufverhalten.[4]
  7. Kein Bargeld – kein Wettbewerb. Bargeld ist ein Instrument des Wettbewerbs. Die Abwicklungssysteme von eMoney sind letztlich Datenverarbeiter. Sie gewinnen nicht nur durch die ihnen kostenlos überlassenen Daten, die einen Wettbewerbsvorteil für sich darstellen, sie sind von ihrer Kostenstruktur auch ein „natürliches Monopolgut“: Bei hohen Fixkosten (und damit hohen Markteintrittsschranken für potenzielle neue Wettbewerber) sinken die Grenzkosten mit jedem weiteren Abwicklungsvorgang.[5] Wer die meisten Abwicklungen auf sich vereinnahmen kann, der ist Kostenführer. Da es sich gleichzeitig um ein homogenes Gut handelt, liegt Kartellierung auf der Hand, wenn es schon nicht zu einem einzigen Anbieter kommt, der dann mit der Abwicklungsgebühr die Konsumentenrente abschöpfen kann. Bargeld ist aber die immer bestehende Option, sich diesem Kartell zu entziehen: Solange Händler nicht gezwungen werden, Kartenzahlung zu akzeptieren, sondern Bargeld annehmen können, können sie dem entgehen. Ebenso die Verbraucher.[6]
  8. Kein Bargeld – höhere Preise: Nicht nur, dass die Transaktionsgebühren steigen, je weniger das eMoney dem Wettbewerb mit Bargeld ausgesetzt ist, auch das gesamtwirtschaftliche Preisniveau steigt. Der Grund: Die Transaktionsgebühren, die schon jetzt per Mischkalkulation von den Verkäufern auf alle Käufer umgelegt werden, müssten für jeden Kauf entrichtet werden, da ja niemand mehr gebührenfrei und bar zahlen kann. Die Transaktionsgebühren können von ihrer Wirkung her als Umsatzsteuer gesehen werden, welche die Anbieter elektronischer Zahlungssysteme auf die Verkaufsvorgänge erheben.
  9. Kein Bargeld – neue (Zins)-Steuer: Eine starke Strömung der Bargeldgegner kommt aus den Reihen einiger Geldtheoretiker. Diese sehen im Bargeld die letzte Möglichkeit, mit der sich die Bürger negativen Zinsen auf Bankeinlagen als Instrument der geldpolitischen Steuerung entziehen können. Natürliche Grenze dieser Politik negativer Zinsen, die faktisch einer Zinssteuer der Zentralbank gleichkommt und die von ihrer Wirkung her eine Vermögenssteuer auf Bankeinlagen ist, stellt das Bargeld dar. Kann es frei verfügbar und ohne Kosten abgehoben werden, können die negativen Zinsen nicht über die Kosten für Tresore hinausgehen. Auch hier zeigt sich die wichtige Funktion des Bargelds für Wettbewerb und „Exit“: Solange es Bargeld gibt, stehen die Zentralbanken im Falle einer Zinssteuer damit im Wettbewerb, weil sich die Menschen dem entziehen können („Exit“).[7]

Vielleicht stirbt Bargeld am Ende einen langsamen Tod. Erst stirbt der 500 Euro-Schein („Haben wir eh‘ nie mit bezahlt“), dann stirbt der 100 Euro-Schein („Ist ohnehin unpraktisch.“) Dann stirbt das Bargeld insgesamt. Weil wir so bequem sind („eCash ist halt praktisch“). Weil wir uns nicht kriminalisieren lassen wollen („Kriminelle zahlen bar.“). Weil wir sonst als altmodisch gelten („eCash ist hipp“). Aber wir würden viel mehr verlieren als nur Bargeld.

Der größte Feind der Freiheit ist die Bequemlichkeit. Jede Diktatur beginnt mit dem Spruch „Es wird schon nicht so schlimm werden.“ Dabei bedarf es nur zweier einfacher Gegenmaßnahmen, damit Bargeld am Leben bleibt und wir nicht zu „Datenhaufen“ (Yvonne Hochstetter) degradiert werden:

  1. Bargeld muss gesetzliches Zahlungsmittel bleiben. Wie definiert dies doch die Bundesbank? „Als gesetzliches Zahlungsmittel bezeichnet man das Zahlungsmittel, das niemand zur Erfüllung einer Geldforderung ablehnen kann, ohne rechtliche Nachteile zu erleiden. Im Euroraum ist Euro-Bargeld das gesetzliche Zahlungsmittel; nur die Zentralbanken des Eurosystems dürfen es in Umlauf bringen. In Deutschland sind auf Euro lautende Banknoten das einzige unbeschränkte gesetzliche Zahlungsmittel.“ In Dänemark wurde die Annahmeverpflichtung von Bargeld übrigens bereits aufgehoben. Haben die „Apple Go“-Shops, die mit dem Spruch „Just Walk Out Shopping experience“ werben, eigentlich eine Kasse, an der alternativ auch bezahlt werden kann? Im Euroraum zumindest wären sie dazu verpflichtet.[8]
  2. Wir hören einfach nicht auf, bar zu zahlen. Die Möglichkeiten von „Voice“ (Stimmabgabe) und „Exit“[9] (ein System zu verlassen, mit dem man nicht einverstanden ist) sind die Kennzeichen einer funktionierenden Demokratie und eines funktionierenden Wettbewerbs. Das tägliche Barzahlen wird zur „Stimmabgabe“. Der Geldschein im Geldbeutel ermöglicht es jeder Zeit, aus der Dominanz der Kreditkarten auszusteigen und diese dem Wettbewerb zu stellen.

Die „Nothing is better than Cash Alliance[10] formiert sich jeden Tag, ganz zwanglos, ganz informell und sie ist in der Mehrheit. Es sind wir Verbraucher, es sind die Händler, die den Gebühren der Kartenfirmen entkommen wollen.

Bargeld – die Freiheit nehm ich mir! Denn wer die Daten hat, hat die Macht.

[1] Häring, Norbert; „Bundesbank-Experte sieht internationalen „War on Cash““; 4.5.2016

[2] Solove, Daniel J., ‚I’ve Got Nothing to Hide‘ and Other Misunderstandings of Privacy. San Diego Law Review, Vol. 44, p. 745, 2007; GWU Law School Public Law Research Paper No. 289. Available at SSRN.

[3]Große Bedenken gegen Bargeldobergrenzen“; Frankfurter Allgemeine Zeitung; 13.6.2016

[4] „Credit cards effectively anesthetize the pain of paying“, siehe: Carnegie Mellon University; „Researching the Pain of Paying”; zuletzt geprüft am 8.2.2017

[5] Naumer, Hans-Jörg; „Google oder: Spielregeln für die Netzwirtschaft“; Ökonomenstimme; 8.1.2015

[6] Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass der Supreme Court New Yorks es Händlern Anfang 2016 untersagt hat, gegenüber ihren Kunden die Preiszuschläge im Falle von Karten- gegenüber Barzahlung auszuweisen.

[7] Naumer, Hans-Jörg; „Das Bargeld, die Zinssteuer und der Wettbewerb“; Ökonomenstimme; 22.12.2016

[8] Was das Zahlen per Apple-App wirklich bedeutet, das beschreibt „Die Zeit“ hier sehr eindrücklich.

[9] Vgl. Albert O. Hirschman: “Exit, Voice and Loyalty. Responses to Decline in Firms, Organizations and States. Harvard University Press,“ Cambridge MA 1970

[10] Inspiriert von der „Better than Cash Alliance“.

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