Pro&Contra
Sollten in Deutschland Studiengebühren erhoben werden?

Von Wirtschaftliche Freiheit am 14. Oktober 2017
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Wirtschaftliche Freiheit
Das ordnungspolitische Journal

Seit das Bundesverfassungsgericht 2004 entschieden hat, dass an staatlichen Hochschulen Studiengebühren erhoben werden dürfen, gibt es darüber regelmäßig kontroverse Diskussionen. Zunächst wurde die Gebühr in zahlreichen Bundesländern eingeführt, dann nach und nach wieder abgeschafft. Seit 2014 müssen die Studierenden prinzipiell an keiner staatlichen Hochschule in Deutschland mehr etwas bezahlen.

Anders als viele Politiker sprechen sich Ökonomen überwiegend dafür aus, Studiengebühren einzuführen, am besten nachgelagert. Will heißen: Erst wenn die Absolventen nicht zuletzt dank ihres erfolgreich absolvierten Studiums ein reguläres Einkommen erzielen, sollen sie mit der Rückzahlung beginnen. Ein Verfechter dieses Modells ist Stefan Winter. Eine konträre Ansicht vertritt Alexander Dilger.

Pro: Prof. Dr. Stefan Winter

claschabb1Prof. Dr. Stefan Winter ist seit 2004 Inhaber des Lehrstuhls für Human Resource Management an der Ruhr-Universität Bochum. Winter ist Verfechter von nachgelagerten Studiengebühren und hat seine Sicht der Dinge unter anderem in dem Aufsatz „Die Tochter der Kassiererin und das Abschreckgespenst“ plakativ veranschaulicht (hier).

Konkreter Vorschlag: Studiengebühren sollten nach dem Studium erhoben werden. Aber nur von den Absolventen, die genug verdienen. Ein Einkommen oberhalb des Durchschnittseinkommens der Bevölkerung als Voraussetzung für eine Zahlungspflicht wäre eine brauchbare Einkommensgrenze.

Nur ein Problem bei Gebührenfreiheit: Die reine Steuerfinanzierung zieht auf der individuellen Ebene massive Gerechtigkeitsverletzungen nach sich. Allein 2.500 Ärzte pro Jahr lassen sich ihr Studium zu je etwa 200.000 Euro von deutschen Steuerzahlern bezahlen und wandern dann aus.

Wider die Argumente der Gegner: Das Gerede von der sozialen Ungerechtigkeit von Studiengebühren ist nichts anderes als ein völlig versalzener Eintopf aus Schreckgespenstern und Reichtumsverleugnung. Ja, es gibt arme Menschen und nicht alle werden nach dem Studium wohlhabend. Kein Problem, von denen muss man kein Geld nehmen. Dass man aber von Zahnärzten, Professoren und Landtagsabgeordneten aus sozialen Gründen nicht verlangen darf, dass sie einen monatlichen Obolus an ihre Alma Mater überweisen, darf man auch öffentlich als Lachnummer klassifizieren. Die 100 Euro im Monat, die ich seit Jahren nach Hannover überweise, haben mich jedenfalls bisher nicht ruiniert.

Contra: Prof. Dr. Alexander Dilger

claschabb1Prof. Dr. Alexander Dilger ist Gründer und Direktor des Instituts für Organisationsökonomik an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Er hat u.a. den Beitrag „Eine ökonomische Argumentation gegen Studiengebühren“ in der WiSt (2000, S. 308 – 313) veröffentlicht.

 

Zum konkreten Vorschlag: Echte Studiengebühren, die während des Studiums von allen Studierenden bzw. deren Eltern kassiert werden, halten Kinder aus ärmeren Familien vom Studium ab. Nachgelagerte und einkommensabhängige Studiengebühren stellen dagegen faktisch eine weitere Steuer bzw. Sonderabgabe dar, obwohl die Steuer- und Abgabenlast in diesem Land bereits auf Rekordniveau ist. Statt immer neue Steuern zu erfinden, sollte Nichtakademikern eher ein Steuernachlass gewährt werden.

Kein Problem der Gebührenfreiheit: Es gibt keine Mauer mit Schießbefehl mehr in Deutschland, sondern jeder darf auswandern. Akademiker zahlen dann hierzulande keine Steuern mehr, was aber auch auf nachgelagerte Studiengebühren zuträfe. Wenn tatsächlich immer mehr Absolventen abwandern, müssen die Bedingungen für Steuerzahler hier attraktiver statt noch unattraktiver gestaltet werden.

Wider die Argumente der Befürworter: Die arme Krankenschwester muss nicht das Studium des reichen Arztsohnes bezahlen, sondern Studierte zahlen viel mehr zusätzliche Steuern, als die Hochschulen kosten. Die gesellschaftliche Rendite eines Studiums ist hoch und der Staat sollte mehr in Bildung investieren. Das ist auch gerechter zwischen den Generationen, da die heutigen Akademiker keine Studiengebühren bezahlen mussten, sowie zwischen Eltern und Kinderlosen, die ebenfalls vom Studium der Kinder anderer Leute profitieren. Schließlich darf jeder freiwillig an seine alte Hochschule spenden, was ohne weitere Sonderabgabe leichter geht.

Hinweis: Dieses Pro & Contra wurde zusammengestellt von Joerg Rieger. Der Beitrag erschien in Heft 10 (2017) der Fachzeitschrift WiSt.

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Eine Reaktion zu “Pro&Contra
Sollten in Deutschland Studiengebühren erhoben werden?”

  1. Leonhard Knoll

    Ich bin beileibe kein Freund hoher Steuern, aber um die geht es bei StudienGEBÜHREN (!) gerade nicht, weil ein Hochschulstudium eben kein öffentliches Gut ist, das mangels Ausschließbarkeit durch Steuern finanziert werden muss. Gleichzeitig ist der Umstand, dass jeder auswandern darf, gerade problemverschärfend, denn wenn die progressiv (!) höheren Steuern der Akademiker zwangsläufig im Land ihrer Ausbildung gezahlt würden, könnte man hier noch eine Art impliziten Handschlag unterstellen (allerdings auf dem Rücken von Bürgern, die ihre hohe Progressionsstufe ohne staatliche Hochschulausbildung erreicht haben!). Das Mindeste wäre also ein Arrangement, das im Ergebnis zu einer nachträglichen Gebührenzahlung führt, wenn man nach dem Studium seine Steuern nicht im Inland bezahlt.

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