Gastbeitrag
Der Strukturwandel frisst Jobs – und schafft noch mehr neue

Alle fünf Jahre werden die Schweizerinnen und Schweizer in einer repräsentativen Erhebung zu ihrer Gesundheit und Lebensqualität befragt. Auch Alltagssorgen sind Teil dieser Gesamtschau, darunter die Angst, den aktuellen Arbeitsplatz zu verlieren. Und diese Angst hat über die letzten zwei Jahrzehnte signifikant zugenommen. Mehr als 15 Prozent der Befragten fürchten sich vor einem Jobverlust. Dabei ist ein deutlicher Anstieg dieser Sorge zwischen den letzten beiden Befragungen aus den Jahren 2012 und 2017 zu verzeichnen. Der Anteil jener, die um ihren Job fürchten, ist um fast einen Viertel angewachsen. Um Erklärungen sind Kommentatoren aus Politik und Gesellschaft nicht verlegen, mit der Digitalisierung hat man rasch einen Sündenbock gefunden. Doch Digitalisierung ist kein Prozess, der uns erst noch bevorsteht – wir stecken alle längst mittendrin. Deshalb sei die Frage erlaubt: Sind diese Befürchtungen begründet?

Beim Wirtschaftsdachverband economiesuisse haben wir die Arbeitsmarktstatistiken der letzten 25 Jahre ausgewertet und kommen dabei zu einer klaren Antwort. Zunächst gilt es festzuhalten, dass die Gesamtzahl der Arbeitsstellen in der Schweiz, gemessen in Vollzeitäquivalenten, seit 1993 von 3,2 auf 3,9 Millionen zugenommen hat. Nun kann man zwar einwenden, dass die Schweiz im gleichen Zeitraum ein beispielloses Bevölkerungswachstum erlebt hat. Allerdings ist die Erwerbsquote trotzdem von rund 80 auf 84 Prozent angestiegen.

Der Schweizer Arbeitsmarkt zeichnet sich durch eine Dynamik aus, die in ihrem Ausmass von der Öffentlichkeit bisher nicht zur Kenntnis genommen wurde. Tatsächlich werden landesweit Jahr für Jahr etwa 11 Prozent aller Stellen abgebaut. Gleichzeitig aber entstehen 12 Prozent neue Stellen. Im Jahr 2016 wurden durchschnittlich 1217 Jobs vernichtet – eine Zahl, die tatsächlich zur Sorge Anlass gäbe, wenn nicht auch täglich 1331 neue Arbeitsstellen geschaffen worden wären. Selbstverständlich kann auch eine hohe Dynamik per se Ängste befeuern, etwa jene, entlassen und abgehängt zu werden. Doch auch dafür gibt es in den Statistiken kaum Anhaltspunkte. Im Gegenteil: Gerade in jenen Branchen, in denen besonders viele Stellen verlorengehen, werden auch überdurchschnittlich viele neue Jobs angeboten. Dazu gehören viele Tätigkeitsfelder im Dienstleistungsbereich, die mit der Digitalisierung eng zusammenhängen. Wer also in der Schweiz die Stelle verliert, hat, – sofern er seine Qualifikationen à jour hält – gute Chancen, in der gleichen Branche etwas Neues zu finden. Der vergleichsweise liberale Arbeitsmarkt funktioniert und erweist sich als wichtiger Pfeiler für die hohe Attraktivität der Schweiz als Lebensraum und Wirtschaftsstandort. Nur in ganz wenigen Wirtschaftszweigen wie der Landwirtschaft oder den Medien schrumpft die Zahl der Jobs tatsächlich.

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Dies führt uns abschliessend zur Frage, weshalb die Schweizerinnen und Schweizer trotzdem um ihre Arbeitsplätze fürchten. Eine mögliche Antwort ist die Schere zwischen gemessener und medial vermittelter Arbeitsmarktrealität. Eine Analyse der Berichterstattung von fünf Schweizer Tageszeitungen im Jahr 2016 zeigt, dass rund dreimal häufiger über einen Stellenabbau geschrieben wurde als über einen Stellenaufbau (siehe unten stehende Tabelle). Zudem wurden die Beiträge über Entlassungen weitaus häufiger prominent platziert. Es wäre verfehlt, den Medien deswegen Vorwürfe zu machen. Grosse Entlassungswellen oder Firmenkonkurse sind zweifellos die spannenderen Stories und lösen mehr Betroffenheit aus als der schrittweise Ausbau einzelner Abteilungen. Auch die Unternehmen selbst kommunizieren Letzteres kaum. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass die mit der Digitalisierung verbundenen Ängste einem Realitäts-Check nicht standhalten. Zumindest nicht in einem liberalen Arbeitsumfeld, wie es die Schweiz heute bieten kann.

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Weiterführende Informationen finden sich im Dossier unter:

https://www.economiesuisse.ch/de/dossier-politik/grosse-dynamik-im-jobmarkt-jede-zehnte-stelle-verschwindet-und-noch-mehr-kommen

Blog-Beiträge zum Thema:

Norbert Berthold: Strukturwandel (1). Schöpferische Zerstörung überall!? Treiber, Optionen und Populisten

Norbert Berthold: Strukturwandel (2). Das Ende des Wettbewerbs? “Super-Firmen”, Marktmacht und Ungleichheit

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