Erfolgreiche Familienunternehmer (1)
Berthold Leibinger
Erfolgreicher Unternehmer mit klaren ordnungspolitischen Positionen

„Der Gedanke, Freiheit – also Marktgeschehen und Wettbewerb – mit Bindung von Eigentum durch soziale Verpflichtung zu verknüpfen, ist für mich die Leitlinie und das Erfolgsfundament der Wirtschaft in Deutschland nach dem zweiten Weltkrieg“[Leibinger 2010, S. 304]. Bertold Leibinger, erfolgreicher Unternehmer, der als Lehrling in einem schwäbischen „Maschinenbaufabrikle“ begann und es zu einem weltweit führenden Hersteller von Werkzeugmaschinen, Lasertechnik und Elektronik für industrielle Anwendungen mit heute rund 15.000 Beschäftigten machte und dennoch den Charakter eines familiengeführten Unternehmens bewahrte, hatte einen klaren ordnungspolitischen Kompass: das Prinzip der Freiheit auf dem Markt mit dem des sozialen Ausgleichs zu verbinden. Er lebte die unternehmerische Freiheit in Verbindung mit sozialer Verantwortung, aber auch Verpflichtung und Berechtigung der Unternehmer bei der Mitwirkung an der Gestaltung der wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen vor.

Wichtigste Aufgabe eines Unternehmers

Die erste und vornehmste Aufgabe eines Unternehmers war für ihn zweifelsfrei die  wirtschaftlich erfolgreiche Führung eines Unternehmens. Nur wenn ein positives Ergebnis erwirtschaftet wird, können der Fortbestand des Unternehmens gesichert und die Mitarbeiter kontinuierlich beschäftigt werden. Die erste Pflicht eines Unternehmers sei deshalb, Talent zur Führung des Unternehmens zu haben. Dazu zählte Leibinger u.a. die Fähigkeit mit Menschen umzugehen, das Vertrauen anderer zu gewinnen, Verlässlichkeit und Mut zum Risiko. Hinzu kommen Vorbildfunktion und Werteorientierung. Die Werte, die Unternehmer vorleben, sind nach Leibinger entscheidend für eine gute Unternehmenskultur und gute Unternehmensführung.

Leibinger ging auf Distanz zu einem rein gewinnorientierten Denken, zur Shareholder Value-Orientierung vieler Konzerne. Für ihn gab es noch andere zu berücksichtigende Faktoren, die in der Verantwortung der Unternehmen liegen: das Schicksal der ihnen anvertrauten Mitarbeiter, die Verpflichtung gegenüber Lieferanten oder die Bindung gegenüber dem Gemeinwesen. Kritisch setzte er sich mit Unternehmern, insbesondere angestellten Managern, auseinander, denen in schwierigen Situationen nicht anderes einfällt, als sich von ihren Mitarbeitern zu trennen.

Es sei gut und auch klug, dass Firmen sich als Wirtschaftsbürger fühlen und ihr Verhalten an Bürgertugenden orientieren. Es sei aber falsch – so Leibinger -, wirtschaftlich Unvernünftiges zu tun, nur weil die öffentliche Meinung dies verlange [vgl. Leibinger 2005].

Die entscheidenden Merkmale des Erfolgs des eigenen Unternehmens sah Leibinger in der Verbindung von Innovation und Internationalisierung: die Fähigkeit, innovative Ideen zu entwickeln und Neues zu schaffen. Er verfolgte das Ziel, das Unternehmen immer an die Spitze der Fertigungstechnik zu führen  und „Mitarbeiter in aller Welt – zuerst vornehmlich in Deutschland – für unseren Weg zu begeistern. Ihre Loyalität trägt bis heute unser Unternehmen“ [Leibinger 2010, S.305]. Er verstand die Gestaltungsfreude bei der Arbeit als Teil des Lebenssinns. Sein unternehmerisches Ethos wurde geprägt durch den protestantischen Pietismus im Korntal. „Mit ihrem unternehmerischen Ethos haben Sie der Idee der sozialen Marktwirtschaft Glaubwürdigkeit und Zukunft gegeben“, so Bundespräsident a.D. Horst Köhler [Köhler 2010, S. 32].

Dabei blieb Leibinger immer Optimist. Auf dem Höhepunkt der Krise zu Beginn der 90er Jahre stellte er seine Festrede zum 100-jährigen Jubiläum des VDMA unter das Motto „Optimismus ist Pflicht“ (Karl Popper) [vgl. Leibinger 2002, S. 65 ff]. Er bezeichnete sich als Optimist, der weiß, dass niemand unsere Zukunft mehr beeinflussen kann, als wir selbst. Er wies Banken, Politiker  und Unternehmer immer wieder daraufhin, dass konjunkturelle Krisen nicht von Dauer und dynamische technische Entwicklungen längerfristig nicht prognostizierbar seien. In seiner Dissertation, die er nach 50 Jahren Tätigkeit in der Werkzeugmaschinenindustrie in den Jahren 2012 bis 2014 an der Technischen Universität Wien verfasst hatte, kam er zu dem Ergebnis, „dass eine nationale Industrie in wenigen Jahren ihre Weltgeltung verlieren, dass man aber im gleichen Zeitraum auch aus dem Nichts zur Weltspitze aufsteigen kann“ [Leibinger 2014, S. 9].

Verantwortung in der Gesellschaft

Diese Talente müssen Unternehmer auch in den Dienst der Gemeinschaft stellen, da sie Verantwortung haben, die über das Wirtschaftliche hinausgehen. Ein Unternehmer muss sich als Teil der Gesellschaft begreifen und sich entsprechend an der Gestaltung des Gemeinwesens beteiligen. „Da er stets das richtige Maß, die Balance von Freiheit und Verantwortung, und das Bewahren von Vertrauen zur Richtschnur seines Handelns gemacht hatte, war er ein überzeugender Vertreter der Wirtschaft“ [Strube 2018, S.8].

Die Marktwirtschaft ist nach Leibinger die Wirtschaftsform, die der größten Zahl der Menschen den größten allgemeinen Wohlstand verschafft. Gleichwohl ergibt sich aus den Grundbedingungen der Marktwirtschaft, dass die Ergebnisse ungleich verteilt sind. Der Einzelne wird – so Leibinger – nach seinem Beitrag entlohnt. Dennoch werde mit Recht erwartet, dass die durch das wirtschaftliche Geschehen besonders Begünstigten sich besonders engagieren.

Gemeinwohlpflichtigkeit der Privilegierten

Leibinger sprach oft von der Gemeinwohlpflichtigkeit der Privilegierten. Zu den Privilegierten zählte er alle, die „durch Ausbildung, Talent, Fleiß oder auch durch glückliche Umstände in eine wirtschaftlich herausgehobene Position gelangt sind“[Leibinger 2017]. Die Eliten in Deutschland müssten erkennen, dass es die Gemeinwohlpflichtigkeit gebe. Und Leibinger hat sie auch praktiziert. Er wollte dem Land, das ihm so viel gegeben habe, etwas zurückgeben. Er zahlte selbstverständlich seine Steuern in Deutschland und  gründete eine gemeinnützige Stiftung, deren Erträge für wissenschaftliche, kulturelle, kirchliche und mildtätige Zwecke verwendet werden.  „Anspruch und gelebte Wirklichkeit decken sich bei Ihnen [i.e.Herr  Leibinger]. Und ich glaube, genau darin liegt das Geheimnis Ihrer anerkannt hohen Überzeugungskraft!“[Tietmeyer 2004, S.36]. „Er ist ein guter Kaufmann, der sich am wirtschaftlichen Erfolg erfreut und andere daran beteiligt. Das Eigentum verpflichtet, ist für ihn selbstverständlich“, so Prälat i.R. Martin Klumpp [Klumpp, 2018, S.4].

Der Wirtschaft den richtigen Rahmen geben

Entscheidend für den Erfolg eines freiheitlichen, marktwirtschaftlichen Systems sind die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen. Leibinger wirkte hier in verschiedensten Funktionen und Aufgabenstellungen, als Präsident der regionalen IHK, als Präsident des VDMA, in Bundeskanzlerrunden und vielen Vorträgen und Publikationen mit. Es war ihm wichtig, die Interessen der Wirtschaft so zu vertreten, dass ein Interessensausgleich zwischen Unternehmen, Belegschaften, Gewerkschaften, Politik und Gesellschaft möglich und erstrebenswert war.   Der Staat darf nicht ständig regulierend eingreifen und selbst bestimmen wollen, was Unternehmer zu tun haben, sich anmaßen, Zukunftstechnologien zu bestimmen. Der Staat muss einen Ordnungsrahmen setzen, der unternehmerische Innovationen, Investitionen und Leistungen fördert. Das war gerade in den Jahren der VDMA-Präsidentschaft von Leibinger  nach der deutschen Wiedervereinigung von großer Wichtigkeit.

Leibinger setzte sich aber auch schon sehr frühzeitig dafür ein, den Betriebsparteien bei der Gestaltung der Arbeitsbedingungen, der Regelung von Arbeitszeit und Entgelt mehr Freiräume zu geben. Gerade vor dem Hintergrund der Erfahrungen mit der Krise in den frühen 90er Jahre mit einem gravierenden Abbau von Arbeitsplätzen setze er sich dafür ein, Instrumente zu entwickeln, damit man in der Krise nicht mit Entlassungen reagieren muss, sondern mit flexiblen Arbeitszeitzeitanpassungen. Er war Initiator der ersten betrieblichen Bündnisse für Arbeit bei Trumpf, die viele Nachfolger in der Industrie fanden und schließlich die Tarifpartner zum Umdenken brachten.

Dabei hatte er immer die soziale Verantwortung der Unternehmer für ihre Mitarbeiter und deren Familien im Blick. „Familienfirmen sind mit ihren Mitarbeitern eng verbunden und fühlen sich in besonderem Maß für ihr Wohl und Wehe verantwortlich [Leibinger 2014, S. 307].  Viele Familienunternehmer setzen eher ihr privates Vermögen ein, bevor sie Mitarbeiter frei setzen. Auch hier praktizierte Leibinger in der Unternehmensrealität das, was er anderen empfahl. So setzte die Eigentümerfamilie Leibinger in der Krise 2008/2009 über 70 Millionen Euro aus ihrem Privatvermögen ein, um die Zukunftsfähigkeit des Unternehmens zu sichern, Arbeitsplätze zu erhalten und zu zeigen, dass die Familie zu dem Unternehmen steht.

Fazit

Berthold Leibinger war ein außerordentlich erfolgreicher Unternehmer, ein Ingenieur, der immer nach Neuem suchte und Innovationen vorantrieb. Seine unternehmerischen und wirtschaftspolitischen Visionen hat er überzeugend vertreten und realisiert. Tief verwurzelt in der protestantischen Ethik forderte er, Marktergebnisse mit dem sozialen Ausgleich zu verbinden. Als Familienunternehmer fühlte sich Leibinger in einer besonderen Verantwortung gegenüber den ihm anvertrauten Mitarbeitern.

Sein Credo: Ein Unternehmer muss sich als Teil der Gesellschaft begreifen und sich entsprechend an der Gestaltung des Gemeinwesens beteiligen. Er sprach von der Gemeinwohlpflichtigkeit der Privilegierten und praktizierte sie auch.

Nachweise

Klumpp, M., Ansprache bei der Trauerfeier für Berthold Leibinger, Stuttgart 2018

Köhler, H., Rede anlässlich des 80. Geburtstags von Professor Dr. Berthold Leibinger, Ditzingen 2010

Leibinger, B., Es sind geistige Kräfte, die die Welt verändern, Reden, Gerlingen 2002

Leibinger, B., Von der Verantwortung des Unternehmers in der Gesellschaft, Vortrag bei den Weikersheimer Wirtschaftsgesprächen, Stuttgart 2005

Leibiinger, B, Wer wollte eine andere Zeit als diese, Ein Lebensbericht, Hamburg 2010

Leibinger, B., Erfahrungen, Erfolge, Entwicklungen, Der Weg der Werkzeugmaschinenindustrien in Deutschland, Japan und den USA, Göttingen 2014

Leibinger, B., Der Reichtum, die Unternehmer und ihre Stiftungen, Vortrag bei der Deutschen Nationalstiftung, Stuttgart 2017

Strube, J., Ansprache bei der Trauerfeier für Berthold Leibinger, Stuttgart 2018

Tietmeyer, H., Bertold Leibinger: Gelebte Soziale Marktwirtschaft, in Vogel, B., Preis Soziale Marktwirtschaft 2003, Berthold Leibinger: Leitfigur des industriellen Mittelstandes, Sankt Augustin 2004

Autor: Dr.rer.pol. Ulrich P. Hermani war von 1990 bis 1994 Assistent von Prof. Dr. techn. Dr. Ing E.h. Berthold Leibinger, bis 2014 Geschäftsführer des VDMA Baden-Württemberg und seit 2014 Senior Advisor der Staufen AG.

 

 

 

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