Gastbeitrag:
Ein bedingungsloses Grundeinkommen für jeden – ein schlimmer Irrweg

Die von Milton Friedman vorgeschlagene negative Einkommenssteuer ist theoretisch ein interessantes Konzept. Der Staat erhebt eine Einkommenssteuer, und wer kein hinreichendes Einkommen hat, dem zahlt der Staat zu seinem Lebensunterhalt eine negative Steuer. Der Transfer beginnt bei einem Einkommen von Null, geht mit steigendem Einkommen zurück, wird bei einem bestimmten Einkommen null – schneidet also die x-Achse – und nach diesem Schnittpunkt beginnt die Steuerpflicht. Sozialleistungen werden nicht mehr gebraucht, und Milton Friedman musste sich in seinem Gedankengebäude nicht mehr mit der Organisation des Sozialsystems befassen. Durch die negative Einkommensteuer war das Problem für ihn gelöst.

Die Idee der negativen Einkommenssteuer taucht mittlerweile in anderen Gewändern auf, so als Lohnsubvention, sprich als Anreiz, damit Arbeitnehmer, die eine soziale Absicherung erhalten, sei es nun als Arbeitslosengeld I oder II, ein Interesse haben, auf den ersten Arbeitsmarkt zu wechseln. Beispiele sind der Earned Income Tax Credit in den USA, der Working Tax Credit in Großbritannien und das Kombilohnmodell des Sachverständigenrates in Deutschland. In diesen Fällen ist die Zahlung an Arbeitnehmer geknüpft.

Zur Diskussion steht hier die Vorstellung eines bedingungslosen Grundeinkommens von Herrn Werner (Chef der Drogeriekette dm und Leiter des Instituts für Entrepreneurship an der TU Karlsruhe). Demnach soll allen Bürgern ohne Bedingung ein einheitliches Grundeinkommen gezahlt werden, gleichgültig ob jemand kein Einkommen oder ein hohes Einkommen hat.

Zunächst möchte ich Herrn Werner meinen Respekt dafür bezeugen, dass er eine so erfolgreiche unternehmerische Leistung vollbracht hat. Seiner Vorstellung eines bedingungslosen Bürgergeldes kann ich jedoch überhaupt nicht folgen. Und zwar aus zehn Gründen:

Erstens. Deutschland hat bekanntlich keine Ölquellen. Hätten wir sie, so könnten wir jedem Bürger einen monatlichen Transfer zahlen – weise wäre das allerdings nicht, denn wir wissen aus der „holländischen Krankheit“, dass Ressourcenländer – wie Holland bei seinen unerwarteten Erdgasfunden – unerwünschte Effekte erleben können. Besser wäre es, die Steuern zu senken und mit den Öleinnahmen in die Zukunft zu investieren, so in die Aufbau von menschlichem Fähigkeits- und Wissenskapital.

Da wir jedoch keine Ölquellen haben, müssen wir Jahr für Jahr Einkommen schaffen, also etwas Wertvolles produzieren. Folglich müssen Arbeit, Kapital, Energie und andere Produktionsfaktoren zusammenwirken, damit jedes Jahr ein Volkseinkommen von derzeit 1,7 Billionen Euro zustande kommt. Davon gehen übrigens drei Viertel an den Faktor Arbeit – etwa 1,25 Billionen Euro – ein Viertel wird für Zinszahlungen verwendet und geht als Gewinn an den Faktor Kapital.

Der Vorschlag eines Grundeinkommens blendet die Produktion völlig aus. Das Volkseinkommen fällt bei Herrn Werner wie Manna vom Himmel. Heute werden weniger als 20 Prozent des Bruttoinlandsprodukts in der Industrie produziert, mehr als 70 Prozent stammen von den Dienstleistungen. Dienstleistungen ohne Menschen, – nur durch Automaten – gibt es nicht. Der Vorschlag basiert also auf merkwürdigen Vorstellungen über die Produktion in einer Volkswirtschaft.

Zweitens. Für den Wirtschaftswissenschaftler lautet eine entscheidende Frage, welche Anreize von institutionellen Regelungen ausgehen. Nun haben wir Ökonomen uns schon lange mit dem Begriff des Erwartungs- oder Anspruchslohns – des „Reservation Wage“- herumgeschlagen. Empirische Untersuchungen zeigen, dass bei den Regelungen, die vor der Agenda 2010 galten, ein Arbeitsloser einen Erwartungslohn hatte, der zwanzig Prozent über seinem letzten Lohn lag, als er noch beschäftigt war. Der Anreiz, aktiv nach einer Arbeit zu suchen und einen Arbeitsplatz anzunehmen, war deshalb ausgesprochen schwach ausgeprägt. Es lohnte sich für manchen, ja für viele, in der sozialen Absicherung zu verweilen.

Jede Lösung dieses verfahrenen Anreizproblems muss berücksichtigen: „Wer arbeitet, muss sich besser stellen als wer nicht arbeitet.“ [Das im unteren Lohnsegment zu lösende Anreizproblem besteht nicht nur darin, dass die Empfänger von Lohnersatzleistungen einen Anreiz haben., auf den ersten Arbeitsmarkt zu wechseln. Es muss auch sicher gestellt sein, dass diejenigen, die beschäftigt sind, keinen Anreiz haben, in die Lohnsubvention abzuwandern.] Anders als bei anderen Vorschlägen wie dem amerikanischen Earned Income Tax Credit würde ein bedingungsloses Grundeinkommens dieser Bedingung zuwiderlaufen und völlig unerwünschte gesellschaftliche Fehlanreize hervorbringen. Warum sollte jemand überhaupt noch arbeiten? Warum soll er seine Arbeitskraft am Bau einsetzen? Warum abends noch Kunden beim Einkauf beraten? Warum als Lastwagenfahrer Güter transportieren? Vor allem kann man nicht davon ausgehen, dass die Präferenzen zwischen Arbeit und Freizeit gleichmäßig in einer Gesellschaft auf alle Menschen verteilt sind. Es gibt auch Gruppen wie die Aussteiger, die der Freizeit eine größere Bedeutung beimessen und sich mit dem Grundeinkommen voll zufrieden geben. Sie werden keine Arbeit anbieten. Die Arbeitsmoral würde zerstört. Die Grundlagen der Arbeitsethik, die die Bevölkerung in Sätzen wie „Nach getaner Arbeit ist gut ruhn“ oder „Wo Arbeit das Haus bewacht, kann Armut nicht hinein“ ausgedrückt hat – diese Grundlagen der Arbeitsethik würden zerrüttet. Die Erfahrungen mit dem Ausbau des Sozialstaats sprechen auch eindeutig dagegen, dass ein bedingungsloses Grundeinkommen die Risikobereitschaft in der Gesellschaft erhöhen würde.

Der Vorschlag eines bedingungslosen Grundeinkommens würde – wie nach meiner Einschätzung nach abgestuft auch eine negative Einkommensteuer – zu gesamtwirtschaftlich völlig unerwünschten Ver¬haltensänderungen führen. Das Arbeitsangebot würde markant zurückgehen, die Produktion müsste schrumpfen – eine seltsame Empfehlung für das Szenario für einer alternden Gesellschaft.

Ich bitte die Frage der Anreize nicht beiseite zu wischen. Sie steht im Kern der Wirtschaftswissenschaft. Die Ökonomen haben lange Zeit über Anreize gearbeitet, ich brauche nur die Namen Mises, Eucken und von Hayek zu nennen, und wir haben eine reiche historische Erfahrung. Warum hat die Zentralplanung nicht geklappt? Warum sind populistische Ansätze in Lateinamerika gescheitert?

Drittens. Man stelle sich eine junge Generation vor, die mit dem Anspruch auf ein Grundeinkommen groß wird. Wie wird sich diese institutionelle Regelung auf die Sozialisierung dieser Generation auswirken? Welche Orientierung wird der jungen Generation vermittelt? Müssen wir nicht erwarten, dass sich die junge Generation durch das bedingungslose Grundeinkommen an die Nicht-Arbeit gewöhnt, also der Arbeit entwöhnt. Muss die Regelung nicht zu völlig inakzeptablen und die Gesellschaft in ihren Grundlagen erschütternden intergenerativen Verhaltensänderungen in bezug auf das Arbeitsangebot führen?

Viertens. In der neueren Wirtschaftstheorie erklären wir wirtschaftliches Wachstum nicht mehr allein durch die Kombination der traditionellen Produktionsfaktoren, also Schweiß und Körperkraft sowie Maschinen. Humankapital – also Wissens- und Fähigkeitskapital – ist zu einem bedeutenden Wachstumsfaktor geworden. Zusammen mit Sachkapital trägt Humankapital heute 70 Prozent zum Produktionsergebnis bei; der Beitrag der traditionellen Arbeit macht nur noch 30 Prozent aus.

Welche Anreize hat ein junger Mensch, sein Humankapital aufzubauen, wenn ihm ein bedingungsloses Grundeinkommen gezahlt wird? Außer der intrinsischen Motivation zu Höherem keine! Für viele wird es verlockend sein, im Grundeinkommen zu verweilen. Dies ist ein gravierender Fehlanreiz für die Bildung von Humankapital, der zu einer Dualisierung der Gesellschaft führt – in diejenigen, die nichts an Humankapital haben und in diejenigen, die ihr Humankapital aufgebaut haben. Die Konsequenzen liegen auf der Hand. Die Gesellschaft wird gespalten, das Wachstum erlahmt.

Fünftens. Ein Grundeinkommen ist ein herrlicher Anreiz, in die Schattenwirtschaft abzudriften. Wenn man schon einmal ein Grundeinkommen hat, kann sich leicht hier und da noch etwas dazu verdienen. Die Schattenwirtschaft würde also kräftig expandieren.

Nun gibt es aber auch etwas komplexere Anreizprobleme. So ist damit zu rechnen, dass es zu einer Einkommenskompression kommt. Im unteren Segment muss man viel zahlen, damit jemand seine Arbeit anbietet. Für das obere Segment ist dann nichts mehr vorhanden, was man zahlen kann. Das Grundeinkommen wirkt sich also anreizmäßig negativ für das obere Lohnsegment aus.

Sechstens. Der Vorschlag würde mit einer immensen Steuererhöhung einhergehen. Nach Berechnungen eines Wirtschaftsforschungsinstituts wäre bei einem bedingungslosen Grundeinkommen von 800 € monatlich ein Gesamtsteuersatz bei der Einkommensteuer von 78 Prozent erforderlich. Warum sollen Unternehmer dann noch in Deutschland produzieren und investieren? Sie würden in Scharen das Land verlassen.

Siebtens. Gehen wir einem weiteren Fehlanreiz nach. Wie passt der Vorschlag in eine Welt von heute, wenn wir jenseits unserer nationalen Grenzen schauen. Der Vorschlag bringt einen immensen Anreiz zur Wohlfahrtswanderung nach Deutschland. In Mali liegt das Jahreseinkommen pro Kopf bei 280 Euro pro Jahr oder in Nigeria bei 410 Euro pro Jahr, während das Einkommen pro Kopf in Spanien 18760 Euro pro Jahr beträgt. Die Migranten nehmen heute schon unsägliche Schwierigkeiten auf sich, die Sahara zu durchqueren, um in Ceuta, Mellila oder in Lampedusa die Gestade der EU zu erreichen. Das Risiko, in der Sahara sein Leben zu verlieren, erscheint gering angesichts der Möglichkeit, als Nigerianer sein Einkommen um das 46fache zu vergrößern – und wenn man aus Mali kommt zu ver67fachen. Der Vorschlag eines bedingungslosen Grundeinkommens in Deutschland würde eine Völkerwanderung unerreichten Ausmaßes aus dem Nicht-Europäischen Ausland in Bewegung setzen. Kommet alle, die Ihr mühselig und beladen seid. Herr Werner wird euch beglücken.

Achtens. Aber auch in die Europäische Union würde der Vorschlag nicht passen. Für jeden Europäer gilt die Freizügigkeit. Er kann also kommen. Wir würden alle Freizeitliebhaber aus allen 27 Mitgliedstaaten der EU anlocken. Und wenn die EU nochmals erweitert wird, dann kommen noch mehr. Natürlich würde dies eine adverse Selektion der Immigranten mit sich bringen.

Übrigens: Herr Werner will das ja alles über Konsumsteuer finanzieren. Das würde in der Europäischen Union zu schönen Ausweichmanövern – also zum Konsumtourismus ins Ausland – führen, denn dort gibt es keine so hohe Konsumsteuer. Ob von Bamberg, Kassel oder Gelsenkirchen –von nahezu jedem Ort in Deutschland würde sich Konsumtourismus ins europäische Ausland lohnen.

Neuntens. Es würde sich eine noch wesentlich schlimmere Veränderung des gesamten Wirtschaftssystems einstellen. Der einzelne würde darin bestärkt, dass er einen Anspruch an den Staat hat. Das Anspruchsdenken würde forciert und verfestigt, es würde institutionalisiert. Die Menschen würden zur Unselbständigkeit erzogen, und am Ende ihrer Freiheit beraubt. Die Merkmale des Median- Wählers würden in Richtung Verteilung verschoben, die politische Ökonomie der Verteilung institutionell gestärkt. Das bedingungslose Grundeinkommen würde die Verteilungsdebatte in einer Variablen fokussieren, die im politischen Prozess bestimmt wird. Die Par¬teien müssten sich, wenn sie Wahlen gewinnen wollen, darin überbieten, das bedingungslose Grundeinkommen zu erhöhen.

Wie verwirrt ist doch die Diskussion in Deutschland, dass der Vorschlag eines bedingungslosen Grundeinkommens solche Aufmerksamkeit erzielt. Es macht mich sehr nachdenklich, dass die Presse auf Ideen springt, ohne sie auf ihre Marktkonformität und ihre Realisierungschancen zu prüfen, und es macht mich noch nachdenklicher, wie ausgesprochen schwach und dürftig der marktwirtschaftliche Reflex in unserem Land noch verankert ist.

Zehntens. Ich habe von Herrn Werner nicht den Hauch einer Finanzierungsrechnung gesehen. Was nicht geht, ist von 714 Mrd. Euro des Sozialbudgets (2004) auszugehen und zu sagen: daraus finanzieren wir das Grundeinkommen. Allein 430 Mrd. davon sind auf der Finanzierungsseite Beiträge – ich betone Beiträge – , die für die Sozialversicherungen aufgewendet werden. Aus dem Grundeinkommen wird keiner bei Krankheit die Arzt- und Krankenhauskosten aufbringen können. [In dem Betrag von 714 Mrd. € stecken nach Funktionen 500 Mrd. für Gesundheit und Alter.] Die Sozialversicherungen wird man also weiter brauchen. Man kann sie nicht einfach aufgeben. Mithin: da macht uns Herr Werner etwas vor.

Außerdem: Die Beiträge, die für die Sozialversicherungen aufgewendet werden, sind keine Steuern. Herr Werner verwandelt also – mir nichts, dir nichts – Beiträge von über 400 Milliarden in Steuern. Dies ist eine Entrechtung der Beitragszahler. Zu dieser Umwandlung von Beiträgen in Steuern kommt hinzu die angesprochene Steuererhöhung bei der Einkommensteuer auf einen Satz von 78 Prozent. Die 78 Prozent würden aber bei 1500 € pro Monat noch höher ausfallen. All dies ist eine Steuererhöhung unerhörten Ausmaßes.

Das Problem ist aber noch viel schlimmer: Bei der von Herrn Werner in Interviews genannten Zahl von 1500€ pro Monat und damit 18 000€ pro Jahr – würde sich für 82,5 Millionen Deutsche das unbedingte Grundeinkommen auf 1 500 Milliarden € pro Jahr belaufen, also 1,5 Billionen €. [1500 x 12 = 18000 € pro Jahr; 82,5 Mio Einwohner x 18000 € = insgesamt 1485 Mrd €= 1.5 Billlionen €.] Das Volkseinkommen liegt jedoch nur bei 1,7 Billionen €. [Und übrigens. Die 1,5 Billionen entsprechen der Staatsverschuldung. Nach diesem Befund ist der Vorschlag für mich abgehakt. Wir können alle nach Hause gehen.] Herr Werner verteilt also einfach nahezu das gesamte Volkseinkommen als bedingungsloses Grundeinkommen, ohne dass die Menschen dafür arbeiten. Wenn er nahezu das gesamte Volkseinkommen auf diese Weise verteilt hat, hat er nichts mehr übrig, denen etwas zu zahlen, die tatsächlich noch arbeiten. Und er hat auch nichts mehr übrig, dem Faktor Kapital Zinsen, Dividenden und Gewinn zu bezahlen. Das ist schier unmöglich. [Herr Straubhaar et al. kommen bei einem Grundeinkommen von 800 € pro Monat und einem Einsparvolumen von 340 Milliarden € bei der Sozialversicherung und alleiniger Finanzierung durch eine Konsumsteuer auf einen Steuersatz bei der Einkommensteuer von 78 Prozent in der Bruttorechnung.]

Also, ich hätte ja doch erwartet, dass – wenn jemand eine Zahl von 1500 € pro Monat in die Welt setzt – , dass er vorher einmal durchrechnet, ob das nach Adam Riese zahlenmäßig überhaupt geht.

Die Welt der Ökonomen hat schon manche andere verquere Ideen gesehen. So schlug Silvio Gesell vor, man solle von den Geldscheinen monatlich oder per Quartal ein Stück abschnipseln, also jeden Geldschein mit Datum versehen und einen bestimmten Anteil des Papiergeldes verfallen lassen, damit die Leute das Geld schnell ausgeben und damit die Nachfrage angekurbelt wird. Oder: Man brauche das Arbeitsvolumen – also die 58 Milliarden Gesamtarbeitsstunden einer Volkswirtschaft pro Jahr – nur auf alle Köpfe gleichmäßig zu verteilen, dann wäre die Arbeitslosigkeit behoben. Oder schließlich: Man solle alle Produktionsmittel verstaatlichen, dann wäre die Welt gerecht organisiert.

Die Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens gehört für mich in diese Kategorie. Sie klingt auf den ersten Blick ganz nett, aber sie ist naiv und abstrus. Ich halte sie für einen schlimmen Irrweg. Es wird so getan, als ob wir nicht Jahr für Jahr das Volkseinkommen produzieren müssten, die Arbeitsmoral wird zerrüttet, der Anreiz zu arbeiten wird zerstört, die Leute gehen in die Schattenwirtschaft, dafür kommen die Migranten aus Mali und Nigeria und die Freizeitliebhaber aus ganz Europa, die Unternehmer wandern wegen hoher Steuern aus, der Konsumtourismus ins Ausland greift um sich und die Menschen werden durch staatliche Transfers zur Unselbständigkeit und zur Unfreiheit erzogen. Vor allem aber: Herr Werner verteilt nahezu das gesamte Volkseinkommen als bedingungsloses Grundeinkommen. Er hat nichts mehr, um die zu bezahlen, die noch arbeiten. Und er hat auch nichts mehr vom Volkeinkommen übrig, um den Faktor Kapital zu entlohnen. Eine unmögliche Idee. Die Politik ist gut beraten, die Finger davon zu lassen.

Wie meinte einst Lamoignon de Malesherbes. „Eine neue Maxime ist oft ein brillianter Irrtum.“ Noch treffender passt der Philosoph Karl Popper:

„Der Versuch, den Himmel auf Erden zu verwirklichen, produziert stets die Hölle.“

[Vortrag auf der Veranstaltung der Stiftung Marktwirtschaft „Bürgergeld und Grundeinkommen. Geniestreich oder Wahnsinn?“ am 24. April im Reichtag in Berlin.]

12 Antworten auf „Gastbeitrag:
Ein bedingungsloses Grundeinkommen für jeden – ein schlimmer Irrweg“

  1. Besonders die Punkte 3 und 4 sind zu unterstreichen. Wir würden die nachfolgenden Generationen komplett verlieren, da viele, bevor sie ihre ersten Erfolgserlebnisse auf Arbeit haben – und somit den höheren Sinn hinter der Arbeit begreifen – lieber sich zum bequemen abgammeln ihrer Zeit verführen ließen. Bereits jetzt gibt es genügend Jugendliche die später “auf Hartz 4 machen” wollen. Wie viele wären es bei 3-fachem “Lohn”?

  2. 1) Geld wird an vielen stellen frei werden, schließlich wird die öffentliche Verwaltung weitgehend überflüssig, die dort gebundenen Arbeitskräfte können dann einer ehrlichen Arbeit nachgehen.
    Und die verbleibenden Aufgaben können im privaten Sektor effizienter gelöst werden, wobei wiederrum Geld frei wird.

    2) Konsum sollte doch einen nicht zu unterschätzenden Anreiz stellen, das funktioniert heute auch schon ganz gut, beispielsweise kaufen sich manche Leute tolle Autos, neue Handys oder fahren in den Urlaub wiederrum andere tragen mit vorliebe Markenklamotten…

    3) Die heranwachsende Generation wird sich viel freier in ihrer Berufswahl sein, wird ohne Risiko sich beruflich neu orientieren können, sich der Kindererziehung widmen usw. ohne sich gleich fragen zu müssen was morgen auf den Tisch kommt.

    4) Es ist ein _Grund_einkommen, nicht das Schlaraffenland, siehe 2.

    5) Welche Schattenwirtschaft? Achtung Fettnäpfchen liebe Grundeinkommensgegner! Schon mal im Edeka um die Ecke die Mehrwertsteuer hinterzogen? Gar nicht so einfach! Andere Steuer gäbs dann ja nicht mehr.

    6) Immense Steuererhöhung? Es werden doch nur alle Steuern in der Konsumsteuer zusammengefasst, damit sinken die Endpreise enorm, da nicht alle Steuern die ganze Wertschöpfungskette entlang mit gereicht werden und damit in den Ladenpreis einfließen. Unterm Strich bleibt alles gleich.

    7) Die Nationalstaaterei bedarf eben immer einer gewissen Portion Protektionismus, damit werden wir sicher noch lange zu kämpfen haben. Aber sie gibt uns natürlich die Möglichkeit das sich Grundeinkommensbezieher über bestimmte Merkmale quallifizieren müssen. Staatsbürgerschaften gibts ja auch nicht einfachso. Liberalen Ideen stehen solche feudalen überbleibsel halt etwas im weg.
    Die Wirtschaftsflüchtlinge schaffen wir uns ja mit der Entwicklungshilfe, absurden Umweltschutzbestimmungen usw. selbst, das könnte man ja auch wieder abstellen.

    8) Der Punkt gehört ja noch zu 7.

    9) Der Staat wäre damit ja weitestgehend demontiert. So könnte er sich voll auf die Sicherung der Grundrechte (Leben, Eigentum, …) konzentrieren. Stichwort Leben. Wie soll ich ein unversehrtes Leben führen wenn ich nichtmal was zu essen hab? Ob einem ne Axt in den Kopf gehauen wird oder ein anderer seines Essens beraubt wird, beide Male wird empfindlich in die Freiheit des Einzelnen eingegriffen. Da ist es Aufgabe des Staates dagegen vorzugehen, also hat dieser dem einen die Axt wegzunehmen und dem anderen eine Grundsicherung zu geben.

    10) Es steht ja nirgends zur Diskussion das ein Schalter umgelegt werde und wir dann Grundeinkommen haben und entweder klappts oder halt leider nicht. Sondern es soll eine Diskussion angefacht werden nach der Frage für mehr Freiheit für den Einzelnen.
    In welchem Umfang ein Grundeinkommen liegen kann, ob man es nach dem Alter staffeln sollte etc. kann man prüfen wenn man sich erstmal für solche Ideen erwärmt hat…

    Da heute Sonntag ist, schließe ich mit einem Bibelwort:
    Wer nicht arbeiten will, der soll auch nicht essen! (2.Thess 3,10)

    Kein Wunder also das so ne Idee unpopulär ist.

  3. Sehr geehrter Herr Siebert

    Ich stimme Ihnen zu, daß Herr Werner mit dem Bürgergeld sein Ziel nicht erreicht.

    Wenn ich ihrer Argumentation folge, ist die treibende Kraft für das Hinstreben der Menschen Geld, Geld, Geld, Geld. Ich hatte bis jetzt nicht den Eindruck, daß ein Mensch ein einarmiger Bandit in einem Spielkasino ist, der nach dem Einwurf von Münzen sein Programm abspult, auch wenn man bei vielen Menschen den Eindruck gewinnen könnte, daß sie sich genau so verhalten.

    Es gibt Menschen, da gäbe ich Ihnen recht, die würden mit einem Bürgergeld endgültig arbeits-arm werden. Die reagieren tatsächlich auf kostenlos, auf mehr oder weniger Geld. Wie Marionetten.

    Entscheiden Menschen wirklich ausschließlich rational, in dem sie finanzielle, meßbare, Faktoren abwägen?

    Ist das der Weg, den jeder Mensch nimmt, der zum einarmigen Banditen?

    Ein Mensch wird geboren und wächst heran. Aus dem Heranwachsenden wird ein Erwachsener.

    Während des Heranwachsens werden die Grundlagen für das spätere Verhalten im Privatleben und Beruf gebildet. Man besucht Schulen und beginnt mit der Berufsausbildung. Man häuft Wissen und Fertigkeiten an. Sind Wissen und Fertigkeiten entscheidend? Sie sind notwendig, aber nicht hinreichend. Entscheidender ist, das der Heranwachsende nach Antworten sucht. Ideal ist es, wenn er mit dem Eintritt des Erwachsenenlebens diese Antworten weis.

    Ich bin
    Ich kann
    Ich will

    Das ist mehr als Wissen und Fertigkeiten. Selbstachtung und Selbst-Bewußtsein.

    Das wäre das Ideal. Wie weit ist es real?

    Ich bin
    Ich kann
    Ich will

    Das wissen die wenigsten von den Heranwachsenden, wenn sie ins Berufsleben eintreten. Die meisten Heranwachsenden sind beim Eintritt in das Erwachsenenleben nicht in der Lage, einigermaßen zusammenhängend Aussagen über sich zu machen, denen man anmerkt, daß sie über sich selber nachgedacht haben.

    Was erwartete ich vom Leben?
    Was erwartete ich von meinem Berufsleben?

    Es sind Ausnahmen, die früh sich ihrer selbst bewußt sind und sich selbst auch achten, auf sich achten gelernt haben?

    Woran liegt das? Nach dem Gesetz erwachsen, aber immer noch im Heranwachsen, manchmal bis zu 40. Lebensjahr. Logisch, das da Nachkommen ausbleiben.

    Heranwachsen wird in Deutschland als eine Anhäufung von Wissen und Fertigkeiten verstanden, nicht als eine Ausbildung von Persönlichkeit und Charakter.

    Das wird dem privaten Umfeld überlassen und damit dem Zufall der Geburt. Das reicht heute nicht mehr aus. Persönlichkeit und Charakter bilden sich während des Zusammenseins mit Gleichaltrigen aus. Bei den Ein- und Zweikindfamilien ist das zwangsläufig die Schule, deren Schwergewicht auf der Vermittlung von Wissen und Fertigkeiten liegt. Was soll ich mit Wissen und Fertigkeiten anfange, wenn ich keine Persönlichkeit habe? Menschen ohne Persönlichkeit sind vielleicht über Geld zu steuern, wie Sie es denken und anscheinend anstreben.

    Das können auch Menschen sein, die im Bewältigen von Schul- und Universitätsprüfungen hervorragend sind, aber bei den Lebensprüfungen scheitern. Ich möchte nicht wissen, wieviele in der Welt der Schulprüfungen verbleiben, weil sie sich den Lebensprüfungen entziehen wollen. Dann denkt und handelt man am Leben vorbei. Ich habe den Eindruck, in Ihrer Zunft sind es sehr viele Menschen, die so sind.

    Wie erreicht man es, daß Heranwachsende in das Berufsleben eintreten, die bei der Ausbildung ihrer Persönlichkeit auf einem sicheren Weg sind?

    Man erreicht es durch gelebten Liberalismus

    Liberalismus ist ein Denken und Handeln hin zur Freiheit und in Freiheit.
    Liberalismus wird nicht nur als Erwachsener gelebt, sondern den Heranwachsenden vorgelebt. Seine größte Bedeutung hat er während des Heranwachsens zur Persönlichkeit, die liberal denkt und handelt. Das gelingt nur in einer Umgebung, die liberal ist. Eine prägende Umgebung von Heranwachsenden ist die Schule. Haben Sie den Eindruck, daß in gegenwärtigen Schulen der Liberalismus lebt, das Verhalten der Schüler untereinander, das Verhalten der Schüler gegenüber den Lehrern und umgekehrt prägt?

    Ich habe nicht den Eindruck

    Liberalismus ist mehr als nur die Freiheit des wirtschaftlichen Handels, um die es Ihnen vorallem, wenn nicht sogar ausschließlich geht. Wer sich selbst über sein
    Ich bin
    Ich kann
    Ich will
    NICHT im klaren ist, ist alles mögliche, nur nicht frei. In Deutschland wachsen seit Generationen zuviele Menschen heran, die nicht frei sind. Das ist keine Frage der Begabung. Auch Menschen, die vorzügliche Prüfungsergebnisse, die höchsten Weihen der Ausbildung erreicht haben, können immer noch unfrei sein. Das Leben prüft anders als Schule und Universität.

    Erst wenn ein Mensch sich seiner selbst bewußt ist, sich selbst achtet, ist er in Lage, die wirtschaftlichen Freiheitsräume, die Sie mit ihren Vorstellungen anstreben, auch zu erleben und für sich zu nutzen. Da die meisten Menschen diese Stadium der Freiheit nie erreichen, werden die wirtschaftlichen Freiheitsräume auch nur von wenigen gestaltet.

    Das sind nicht mal unbedingt Menschen, die wirklich umfassend frei sind. Aber sie trauen es sich zu, die wirtschaftliche Freiheitsräume für sich zu nutzen. Das ist eine der wesentlichen Charaktereigenschaften, um wirtschaftliche Freiräume zu nutzen. Solange sie nur wenige Menschen haben, das Zutrauen zu sich selbst ausbilden konnten, werden weder Sie noch Herr Werner die Situation der Menschen in Deutschland verbessern.

    Allerdings hat Herr Werner ihnen gegenüber einen Vorteil. In seinem wirtschaftlichen Freiraum, den er sich durch sein Unternehmen schuf, hat er die Erfahrung gemacht, daß man Mitarbeitern mehr zutrauen kann als Unternehmer der gleichen Branche, die vom Mißtrauen gegenüber ihren Mitarbeiter bestimmt sind.

    Das Sie anscheinend andere Erfahrungen mit Menschen als Herr Werner gemacht haben, ist es logisch, das Sie den Menschen mißtrauen.

    Herr Werner macht aber einen Gedankenfehler. Es hat auch sehr viel mit seiner Persönlichkeit zu tun, daß er diese positive Erfahrungen machte. Ohne eine solche Persönlichkeit als Vorbild bleiben diese positiven Erfahrungen aus. Es ist nicht das Bürgergeld, das Menschen befreit, es ist der während des Heranwachsens erlebte Liberalismus, dem Heranwachsende während der Ausbildung ihrer Persönlichkeit begegnen.

    Wenn freie Menschen in Deutschland dominieren, wären auch nicht so viele Menschen den Eintritt ins Arbeitsleben versäumen und vorzeitig aus dem Arbeitsleben ausscheiden.

    Ihr Umgang mit Zahlen ist wirklich sehr beeindruckend. Zahlen, das ist Gegenwart. Die Zukunft wird von dem Unwägbaren bestimmt. Menschen lassen sich auch fürchterlich schwer durch Zahlen beschreiben.

    Weiterhin viel Spaß mit den einarmigen Banditen. Ob nach dem Spiel Geld sprudelt oder nicht, entscheidet nicht der finanzielle Hebel. Da sind Sie auf einem Irrweg, vielleicht sogar in einer Sackgasse.

    Libero

  4. @Hans: Wie um alles in der Welt soll das Grundeinkommen finanziert werden, wenn bei den Steuern unterm Strich alles gleich bleibt? Durch den reinen Bürokratieabbau kommt nicht mal ansatzweise genug zusammen, das gibt Herr Werner sogar selber zu. Also muss man nicht nur alle Steuern zu einer Konsumsteuer zusammenfassen, sondern diese noch zusätzlich ordentlich erhöhen. Damit nimmt man nur das Geld wieder ein, das man vorher verteilt hat.
    Die Finanzierung ist von Herrn Werner völlig undurchdacht. Und an der Finanzierung scheitert es.

  5. > Ein Grundeinkommen ist ein herrlicher Anreiz, in die Schattenwirtschaft
    > abzudriften. Wenn man schon einmal ein Grundeinkommen hat, kann sich
    > leicht hier und da noch etwas dazu verdienen. Die Schattenwirtschaft würde
    > also kräftig expandieren.

    Naja, nach Götz Werners Modell würden ja alle Steuern und Sozialabgaben auf die Mehrwertsteuer umgelegt. Entsprechend könnte man sich der Steuern nicht mehr entziehen.

    > Der Vorschlag eines bedingungslosen Grundeinkommens in
    > Deutschland würde eine Völkerwanderung unerreichten Ausmaßes
    > in Bewegung setzen

    Da das BGE nach Werner an die Staatsangehörigkeit geknüpft ist, müssen hier lebende Ausländer weiterhin arbeiten. Die finden hier vielleicht jetzt mehr Jobs, und können so das Volkseinkommen erwirtschaften, das wir dann auf uns umverteilen können. Sehr schön ;-).

  6. Ein bedingungsloses Grundeinkommen und die negative Einkommensteuer sind zwei verschiedene Konzepte!
    M.E. ist eine negative Einkommensteuer gut geeignet, denjenigen Menschen, die sich aufgrund ihrer geringen Produktivität bei einer zumutbaren Wochenarbeitszeit -ich sage mal 50 Stunden- nicht das Existenzminimum erarbeiten zu können, einigermaßen anreizkompatibel zu subventionieren. Ich stimme vollkommen zu, dass jegliche Subventionierung der unteren Lohngruppen die Anreize zur Humankapitalakkumulation mindert. Daher muss der negative Einkommensteuertarif mit Bedacht gewählt werden. Letztlich sind solche Verzerrungen wohl nicht zu vermeiden, wenn man existenzsichernde Transfers nicht gänzlich streichen will.
    Grundsätzlich ist auch eine Kombination von negativer Einkomensteuer und Grundeinkommen möglich. Allerdings muss ein Grundeinkommen weder bedingungslos noch strikt positiv sein. Persönlich halte ich grundsätzlich aufgrund der Tatsache, dass der Staat öffentliche Güter bereitstellt, auch ein bedingungsloses negatives Grundeinkommen -also eine lump sum tax- für gerechtfertigt. Besonders attraktiv scheint mir, eine negative Einkommensteuer durch eine solche Kopfsteuer gegenzufinanzieren, was letztlich dazu führt, dass Bezieher von Nettotransfers in einem solchen System zumindest mehr arbeiten und damit eine größere Eigenleistung erbringen werden.

  7. Guten Tag lieber Mitbürger Horst Siebert. Der Beitrag ist interessant, da er bestätigt wie festgefahren Menschen in Ihrer Meinung sein können. Das Denken von Gestern in einer Zeit wie Heute können SICH NUR DIE Menschen leisten, die in einer gesicherten Position nach dem Denken von Gestern verweilen. Wie wird Arbeit in der heutigen Zeit definiert? Ist der chinesische Wanderarbeiter fleißiger als der Deutsche und gehört Ihm deshalb mehr gesellschaftliche Anerkennung als dem deutschen Arbeiter der industriellen Reservearmee, der keine Arbeit mehr findet und auf Grund von Kooperationen zwischen Kapital und Politik mit einem Hungerlohn wie der chinesische Arbeiter abgefunden wird, allerdings ohne Arbeit. Die Gedankenwelt des Herrn Werner ist realer für die Zukunft der Menschen in Europa und bietet mehr Persepektiven den jungen Menschen, als die Zahlenspiele einer in der Vergangenheit lebenden Machtelite. Der erfolreiche Mensch ist schon immer neue Wege gegangen, die natürlich auch mit Risiken verbunden sind. Gerade das macht ja neue Ideen so interessant und nicht Beamte, die am Erfolg Anderer durch Bürokratie Ihre eigenen Interessen ohne Risiko für sich selber verfolgen. Ich empfehle jedem Bürger das Buch von Herrn Werner zu lesen und seine Gedankenwelt wird sich zum Positiven verändern und den Ideen des Herrn Werner zustimmen. Schauen wir in eine positive Zukunft für alle Bürger in Deutschland mit guten Chancen auf eine Selbstverwirklichung nach den eigenen Vorstellungen. Das ist gelebte Demokratie, Freiheit und Weiterentwicklung zu einem besseren Leben jedes Einzelnen und nicht nur einer previligierten Politikelite, die das Volk zwar vertreten sollte, aber nur eigene, bzw. parteiinterene Interessen verfolgt.

  8. Leider lese ich diesen Beitrag anderthalb Jahre zu spät, ist mir aber egal, da die BG-Debatte gerade wieder aufflammt.
    Etliche Punkte an Herrn Sieberts Ausführungen irritieren mich sehr und erscheinen mir Versuche, die BG-Idee deutlich mieser darzustellen als sie ist.

    1.) Dtl. hat keine Ölquellen, aber Know-How. Das muss natürlich bewahrt und verbessert werden. Auch wenn das Thema Bildungssystem nicht direkt zum BG gehört, sollte man sich darüber Gedanken machen. Aber Bildung ist ja kein Thema der Wirtschaft.

    2.) Welchen Anreiz hat denn heute ein H4-Empfänger zum Arbeiten? Verhungern würde er nicht. Also kann es wohl auch nur Konsum und soziale Anerkennung sein (hier auch die Anerkennung durch das andere Geschlecht). Und so wie heute H4-Empfänger in beiden Bereichen wenig zu lachen haben, sollte klar sein, dass derjenige, der sich auf seinem BG “ausruht”, weniger Konsum und Anerkennung zu erwarten hat, wie diejenigen die zusätzlich noch arbeiten gehen. Natürlich könnte man hier noch die Angst vor sozialem Abstieg nennen, die bei H4 sicher gegeben ist, bei BG vielleicht nicht. Auf jeden Fall ein ‘toller’ Anreiz, der hier aber garnicht genannt wurde.

    3.) Die Gefahr besteht bei jeglicher Form der sozialen Absicherung, es gibt auch Leute, die sich mit H4 zufrieden geben. Junge Leute zu motivieren ist auch eine Aufgabe des Bildungssystems, die heute nur unzureichend erfüllt wird, oder bestenfalls über Angst (Hauptschule–>H4)
    Nicht betrachtet wurden die Entfaltungsmöglichkeiten für den Einzelnen, die potenziell neue Erwerbs- und Betätigungsmöglichkeiten (Bildung, Soziales?) bringen, welche dann natürlich eher der Gesellschaft als Ganzem als lediglich der Wirtschaft zugute kommen könnten. Wäre das aus Ihrer Sicht ein Plus- oder ein Minuspunkt?

    4.) Siehe 1. bis 3. Ein weiteres Argument für mehr Bildung und ein System dass mehr Durchlässigkeit von unten nach oben zulässt, und Leute nicht unwiederbringlich aussortiert, wenn sie nicht in jungen Jahren den Sprung in die akademische Bildung geschafft haben.

    5. und 6.) Sie gehen mit keinem Wort auf die Einsparungen durch Bürokratieabbau ein. Wenn man die nicht durchzieht, ist BG freilich SINNlos. Schattenwirtschaft ist ein Argument, wenn man alles über die Lohnsteuer gegenfinanzieren würde, aber welcher Vollpfosten würde das tun? Heute schon ist für mittlere Einkommen aufwärts der Lohnsteuersatz höher, als die MWST. “Ehrliche Arbeit” wird also höher besteuert, als Konsum oder Einkommen aus Vermögen (‘angelegtes’ Geld). Sie wollen mehr Anreize für Arbeit? Bitteschön: Runter mit der Lohnsteuer – maximal 10, besser 5% Flat, von mir aus mit Freibetrag, von mir aus auch noch mit Spitzensteuersatz von 15-20%, dafür MWST, Abgeltungsssteuer und (niedrige) Börsenumsatzsteuer. Dafür den ganzen Dschungel an Absetzungsregeln einstampfen. Dann sparen wir gleich noch mehr Posten: ausufernde Verwaltung in der Steuerprüfung, wirtschaftliche Blindleistung und Hin -und Herverteilung durch “Steueroptimierung” und Steuererklärungsvolkssport. Was vermutlich zuviele “Verwerfungen” in etablierten Milieus verursachen würde, daher nicht ‘vermittelbar’, wie es so schön heißt.

    7.) Dann führen wir statt BGE einfach Bürgergeld ein, was das gleiche ist, nur dass sich niemand an dem “bedingungslos” hoch zieht. Damit wäre der ausländische Nicht-Bürger außen vor, schlimmer noch: durch das wahrscheinlich höhere Preisniveau wäre er in anderen Ländern besser dran. Punkt 7 erscheint mir besonders billig und polemisch und soll wohl nur Ängste vor ‘Überfremdung’ schüren.

    8.) Ein nationaler Alleingang ist hier sicher problematisch, aber vielleicht nicht unmöglich. Einkaufstourismus ist ebenfalls ein Problem. Bei letzterem könnte man noch die Skandinavier fragen, wie die das mit ihrer hohen MWST hinkriegen, dass der Binnenkonsum nicht zum Erliegen kommt. Die Tendenzen der EU, nationalstaatliche (Sozial)politik zu unterminieren, ist sicher einer der Hauptgründe, wieso Ideen wie BG im Prinzip schon zu spät kommen (oder nur EU-weit realisierbar sind). Auch würde die höhere Nachfrage in den von Einkaufstouristen heimgesuchten Ländern dort das Preisniveau hochtreiben, ohne dass die Bevölkerung das kompensieren kann, was Druck erzeugen könnte, dort ebenfalls die MWST anzuheben und dafür andere Faktoren zu entlasten (Lohnsteuer).

    9.) Unselbstständigkeit durch BG ist sicher nicht schlechter als Unselbstständigkeit und Demotivation durch H4-Alimentierung wo man erstmal Zusatzverdienste abgenommen bekommt, bis man ein bestimmtes Einkommensniveau erreicht hat. Und auch hier würde wieder Bildung helfen. Aber der Punkt ist auch so triftig. Was ich bei der bisherigen BG-Debatte vermisse ist, dass man über einen regulierenden Mechanismus nachdenkt. Statt ein festes BG pro Kopf festzulegen sollte man lieber sagen: X z.B. 50% des Steueraufkommens werden als BG verteilt. Würden jetzt weniger Leute arbeiten, sänke die BG-Rate im kommenden Jahr und es gäbe mehr Anreiz für Arbeit. Damit würden sich auch Ansprüche an niedrige Steuern und Ansprüche an hohes BG etwas gegenseitig aufheben. In guten Jahren gäbe es mehr, in schlechten weniger. Dafür wird kein Schneeballsystem erzeugt wo zwischen den Generationen Ungerechtigkeitsempfinden aufkommt, z.B. wenn man die heutigen Rentenbeiträge mit den Prognosen für die 30y späteren Rentenansprüche ins Verhältnis setzt. Dass ein BG nicht aus Schulden finanziert werden darf, sollte klar sein. Und die meisten Leute würden auch so eine private Altersvorsorge anlegen, wenn sie sich das leisten können.

    10.) Ein valider Punkt. Glaubhafte Finanzierungsrechnungen sollten freilich mal kommen. Die bisherigen stammen überwiegend von der Gegnerseite, meistens Milchmädchenrechnungen wo die BG-Kosten einfach mal auf die Kosten des heutigen Systems draufgepackt wurden, ohne zu berücksichtigen, dass ein Großteil davon weg fallen MÜSSEN, damit das BG-Konzept überhaupt Sinn macht. Weiterhin sollte klar sein, dass sowas nicht über Umschalter von 31.12. auf den 01.01. eingefürt werden kann, ohne das alles kollabiert. Es wird wohl eine transition nötig werden die gut mal 20y dauern kann. Hierzu würde ich auch gern mehr fundiertes lesen, auch von den Gegnern (abgesehen von ‘zu teuer – unbezahlbare Hirngespinste’).
    Interessant wären auch Abschätzungen, welche Bevölkerungs- und Berufsgruppen, sowie Branchen durch Änderungen in Umverteilung und Steuergesetzen Vor- und Nachteile zu erwarten hätten, und wieviele Pöstchen und Einkommensplätze in der staatlichen Bürokratie wegfallen würden. Das ganze dann ins Verhältnis gesetzt zu den politisch einflußreichsten Gruppen heutzutage würde dann auch aufzeigen, wieso BG nicht kommen wird 😉

  9. Es ist völlig naiv zu glauben, man könne bei einem BGE, so einfach die übrigen Sozialleistungen wegfallen lassen. Ich fange mal mit gesetzlicher Rentenversicherung an, die jährlich rund eine Viertel Billion € ausgibt. Die durch Zwangsbeiträge erworbenen Rentenansprüche kann man nicht einfach verfallen lassen, das wäre eine Enteignung. Dann würden, da hat Herr Siebert vollkommen Recht, einige mit 1500€ nicht über die Runden kommen. Wie hoch wäre wohl eine risikoadäquate Prämie in einer privaten Krankenversicherung bei einem bisher GKV-versicherten 85-Jährigen? 1,5 Billionen für BGE ausgeben und dann gäbe es immer noch Millionen Menschen, die durchs Rost fielen – ineffizienter könnte ein Sozialsystem kaum sein. Und dann der Bürokratieabbau, mit dem einige jeden Unsinn rechtfertigen zu können glauben. Lt. Statistischem Bundesamt gaben 2001 (neuere Zahlen hat dieses leider nicht zu bieten) alle öffentlichen Haushalte zusammen 183 Mrd. € für Personal aus. Davon entfielen aber “nur” ca. 60 Mrd. auf die Finanzverwaltung, Sozialversicherungen und sonstige Sozialverwaltung. Selbst wenn man von einer deutlichen Steigerungen seit 2001 ausgeht und noch etwas draufrechnet für Gebäude und andere Ausstattung, könnte man da nur weniger als 10% von dem einsparen, was das BGE von 1500€ kosten würde. Und selbst das ginge nur langfristig, da ein Großteil der Beschäftigten im öffentlichen Dienst unkündbar ist. Und dann wird in der Debatte vollkommen ausgeblendet, dass der Staat ja auch weiterhin auch viele andere Ausgaben hätte, wie Schuldendienst, Bildung, Polizei, Militär etc. etc. Rechnete man die auf die 1,5 Bio. BGE drauf und die – wie gesagt – weiter zu bedienende Rentenansprüche der GRV, dann wäre das Volkseinkommen deutlich überschritten und die Staatsquote näherte sich 100% des BIP. Man muss weder Ahnung von Wirtschaft haben noch Zahlenknecht sein, um zu merken, dass das niemals funktionieren kann. Um zu erkennen, dass eine Gesellschaft, die nach dem Pippi-Langstrumpf-Motto lebt “ich tu nur, was mir gefällt”, nicht möglich ist, reicht ein absolutes Minimum an gesundem Menschenverstand.

  10. Sehr guter Beitrag und ökonomisch logisch und korrekt. Zwar stimme ich nicht allen Punkten zu 100% zu, jedoch ist dies eine gute Auflistung einiger wichtiger Kontra-Punkte zu diesem öffentlich leider zu positiv diskutierten Thema. Denn erschreckenderweise werden in Talkrunden, Diskussionsbeiträgen und Öffentlichkeitsarbeit nie die Leute gefragt, die zum Thema Geld qualifiziert Stellung nehmen können. Diejenigen, welche diese Utopie unabhängig von sozialer Verblendung und Irrationalität angehen: wir Ökonomen.

    Ich habe noch einen ergänzenden Gedanken vor allem zum Modell der Finanzierung über die Umsatzsteuer. Hier habe ich mich bisher gewundert, dass ein sehr wichtiges Problem noch gar nicht angesprochen wurde, oder ich zumindest in keiner Diskussion gehört habe: Das Problem der Inflation. Eine Erhöhung der Konsumsteuer führt zu einem starken inflationären Effekt, der die Lebenshaltungskosten innerhalb kürzester Zeit stark steigen und den Wert des ausgegeben Geldes galoppierend senken wird. Im Extremfall wäre das Grundeinkommen so lediglich nur Augenwischerei und hätte auch nur einen kurzfristigen Effekt.

    Habe ich einen Denkfehler in meiner Überlegung?

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