Der Chefvolkswirt
Risiken in Wirtschaft und Gesellschaft
Die Versicherung und ihre ökonomische Bedeutung

Der Umgang mit Risiken ist zentral für moderne Gesellschaften und wird in der Volkswirtschaftslehre vielleicht noch immer unterschätzt. Ohne privaten Versicherungsschutz ist eine entwickelte Volkswirtschaft ebenso wenig denkbar wie ohne ein funktionierendes Geld- und Kreditwesen. Der Beitrag gibt einen Überblick über die Bedeutung und die volkswirtschaftlichen Funktionen der privaten Versicherungswirtschaft im Rahmen eines leistungsfähigen gesellschaftlichen Risikomanagements (Social Risk Management).

1. Einleitung

Menschen sind von Natur aus risikoavers, eines der grundlegenden menschlichen Bedürfnisse ist das Bedürfnis nach Sicherheit. Im Alltag spielen Risiken – von der Unsicherheit über die individuelle Lebensdauer oder gesundheitliche Risiken über Haftpflichtrisiken, z. B. im Straßenverkehr, bis zu anderen Vermögensrisiken, z. B. durch Überschwemmung oder Feuer – eine große Rolle, oft ohne dass sich die Wirtschaftssubjekte – private Haushalte oder Unternehmen – dessen voll bewusst sind. Vor diesem Hintergrund gehört die Bewältigung der individuellen und gesellschaftlichen Risiken ähnlich wie die Bewältigung der Knappheit zu den zentralen Herausforderungen für das ökonomische Handeln von Individuen oder die Wirtschaftspolitik. Angesichts der ständigen Bedrohung durch unterschiedlichste Risiken können Wohlstand, soziale Sicherheit und wirtschaftliches Wachstum nur dann dauerhaft gesichert werden, wenn die Gesellschaft über ein leistungsfähiges gesellschaftliches Risikomanagement („Social Risk Management“) verfügt. Im Rahmen des Social Risk Management haben sich hierfür vielfältige Mechanismen und Institutionen herausgebildet. Eine zentrale Bedeutung kommt dabei der privaten Versicherungswirtschaft zu.

Die ökonomischen Fragestellungen rund um die private Versicherungswirtschaft erstrecken sich über die gesamte Bandbreite der Wirtschaftswissenschaften. Sie reichen von den ordnungs- und wirtschaftspolitischen Grundsatzfragen der Aufgabenteilung zwischen Staat und privater Versicherungswirtschaft über die mikroökonomische Analyse von Versicherungsnachfrage und -angebot bis hin zu betriebswirtschaftlichen Themen. Im wirtschaftswissenschaftlichen Studium an deutschen Hochschulen wird die Versicherungswirtschaft bisher aber nach wie vor – ganz anders als etwa der Bankensektor – meist nur am Rande thematisiert, auch wenn in den letzten Jahren ein zunehmendes Interesse von Wissenschaftlern und Studierenden an Versicherungsthemen zu beobachten ist. Ziel dieses Artikels ist es daher, die ökonomische Bedeutung der privaten Versicherungswirtschaft aufzuzeigen. Dabei wird deutlich, dass die Versicherungswirtschaft – durchaus vergleichbar den Banken – für die Funktionsfähigkeit moderner Gesellschaften unverzichtbar ist und vor dem Hintergrund der aktuellen Megatrends demographischer Wandel und Klimawandel, aber auch der immer deutlicher werdenden Leistungsgrenzen der öffentlichen Haushalte in Zukunft weiter an Bedeutung gewinnen wird.

2. Die Versicherungswirtschaft in Deutschland: Kennzahlen zur Branche

Im Rahmen von etwa 450 Millionen Versicherungsverträgen übernimmt die deutsche Versicherungswirtschaft Risiken im Alltag nahezu jeden Bürgers und Unternehmens. 95 Lebensversicherer, 48 private Krankenversicherer und 211 Schaden- und Unfallversicherer unter der Aufsicht der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) bieten in Deutschland eine breite Palette von Versicherungsprodukten an. Hinzu kommen noch zahlreiche zumeist kleinere Versicherungsunternehmen unter Aufsicht der Bundesländer sowie Versicherer aus anderen EU-Ländern, die im Rahmen des europäischen Binnenmarktes in Deutschland Versicherungsschutz anbieten. Umgekehrt sind viele deutsche Versicherer auch auf ausländischen Versicherungsmärkten aktiv. Darüber hinaus ist Deutschland mit einem Weltmarktanteil von 30 % der international führende Rückversicherungsstandort, an den auch viele ausländische Erst- und Rückversicherer einen Teil ihrer Risiken abgeben (s. Abb. 1).

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Mit Beitragseinnahmen von rund 196 Mrd. Euro (2008) gehört die Versicherungswirtschaft zu den umsatzstärksten Branchen in Deutschland (s. Abb. 2). Die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten von rund 300.000 Personen, zu der noch 263.000 haupt- und nebenberufliche selbständige Versicherungsvermittler hinzukommen, oder der Jahresüberschuss der Versicherungsunternehmen sind wichtige Indikatoren für die statistische Wertschöpfung in der Versicherungsbranche. Viel interessanter als die reinen Zahlen zur Branche ist aber die gesamtwirtschaftliche Funktion der (privaten) Versicherungswirtschaft.

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3. Volkswirtschaftliche Funktionen der privaten Versicherungswirtschaft

Zwar sind bei weitem nicht alle Risiken in Wirtschaft und Gesellschaft einer privaten Versicherung zugänglich, im Rahmen des gesellschaftlichen Risikomanagements ist auch der Einsatz vieler anderer Instrumente möglich. Für zahlreiche Risiken stellt das Versicherungsprinzip des Risikoausgleichs im Kollektiv zusammen mit der Nutzung eines hochentwickelten risikopolitischen Instrumentariums, darunter auch der weltweiten Rückversicherungsmärkte, im Rahmen eines privatwirtschaftlichen Versicherungsschutzes jedoch die effizienteste Möglichkeit der Risikobewältigung dar. Im Zuge der Organisation des Versicherungsprozesses übernimmt die Versicherungswirtschaft dabei eine ganze Reihe zentraler Funktionen, ohne die eine moderne Volkswirtschaft kaum denkbar wäre. Im Rahmen des gesellschaftlichen Risikomanagements kommt einer leistungsfähigen privaten Versicherungswirtschaft so ein hoher Stellenwert für Gesamtwirtschaft und Gesellschaft zu.

3.1. Versicherungswirtschaft als Teil der sozialen Sicherung

Entsprechend ihrer Aufgabenstellung im Rahmen des Social Risk Managements besteht die grundlegende volkswirtschaftliche Funktion der Versicherungswirtschaft zunächst darin, das Grundbedürfnis der Menschen nach mehr Sicherheit in ihrer Lebensplanung zu erfüllen. Versicherungsverträge schützen die privaten Haushalte vor Sach- und Haftpflichtschäden, die ihre ökonomische Leistungsfähigkeit übersteigen oder sogar zu existenzieller Not führen würden. Finanzielle Risiken werden damit für die privaten Haushalte planbar und beherrschbar. Mindestens ebenso wichtig ist aber in sozialpolitischer Hinsicht die Absicherung elementarer personenbezogener Risiken (frühzeitiger Tod im Hinblick auf die wirtschaftliche Absicherung von Hinterbliebenen, Alterssicherung, z. B. auch im Hinblick auf eine Langlebigkeit, Berufsunfähigkeit, Krankheit, Pflege, Unfall). Damit übernimmt die private Versicherungswirtschaft eine essenzielle Funktion im Bereich der sozialen Sicherung.

3.2. Versicherungswirtschaft als Katalysator für wirtschaftliche Aktivität und Innovation

Versicherungsschutz ist gleichzeitig auch eine Vorbedingung dafür, dass eine Gesellschaft im Bereich der Produktion oder der Erbringung von Dienstleistungen mehr Risiken eingehen kann. Viele wirtschaftliche Tätigkeiten wären ohne Versicherungsschutz gar nicht denkbar. Ohne Versicherungsschutz könnte kein Flugzeug abheben, keine Produktionsanlage anlaufen. Auch im Bereich der freien Berufe (z. B. Ärzte und Architekten) ist eine Berufsausübung ohne Haftpflichtversicherung nicht vorstellbar. Aber auch die Risiken der Betriebsunterbrechung (BU-Versicherung) oder des Ausfalls wichtiger Mitarbeiter (Keyman-Versicherung) können den Unternehmen in Grenzen abgenommen werden.

Dadurch, dass versicherbare Risiken an die Versicherungswirtschaft übertragen werden, eröffnen sich für die Unternehmen neue Handlungsspielräume: Ihre Risikotragfähigkeit für unternehmerische Risiken und damit die Verfügbarkeit des „Produktionsfaktors Risiko“ wird erhöht. Wirtschaftlich riskante oder innovative Unternehmungen werden so erst ermöglicht. Die Bedeutung des Versicherungsschutzes für die wirtschaftliche Entwicklung einer Gesellschaft zeigt sich aber auch im Bereich der privaten Haushalte. Ohne Gebäudeversicherungen wären viele Haushalte wohl kaum bereit, in Wohneigentum zu investieren, und die heutige Verbreitung von Kraftfahrzeugen wäre ohne Versicherungsschutz kaum denkbar. Eine moderne Volkswirtschaft erfordert insofern immer auch das Vorhandensein von privatem Versicherungsschutz. Erst die private Versicherung ermöglicht letztlich Innovationen und Wirtschaftswachstum.

Durch die kontinuierliche Weiterentwicklung der Versicherungsprodukte und das Angebot von Versicherungslösungen für neue Risiken sind Versicherer ständige Begleiter gesellschaftlicher Entwicklungen und des technischen Fortschritts. Aktuelle Beispiele sind etwa Versicherungslösungen für Solaranlagen, Windkraftwerke und geothermische Anlagen im Zuge des Ausbaus der erneuerbaren Energien oder die Absicherung von Haftungsansprüchen aus Verstößen gegen das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz von 2006. Der positive Effekt hoch entwickelter Versicherungsmärkte auf Einkommen und Wirtschaftswachstum wurde mittlerweile auch in vielen empirischen Untersuchungen nachgewiesen.

Hinweis: Die ausführliche Version dieses Beitrages können Sie in der Fachzeitschrift WiSt (09/2011) nachlesen.

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