Ist der Euro (fast) so gut wie Gold?
Replik auf Jesús Huerta de Soto

Mitunter irrt auch Homer. Dieser Satz ist mir eingefallen, als ich einen Beitrag zur Eurokrise von Prof. Jesús Huerta de Soto gelesen habe. Ich habe aus dem Hauptwerk von Huerta de Soto, „Geld, Bankkredit und Konjunkturzyklen“ viel gelernt und habe es auch ausführlich besprochen. Nun hat Professor Huerta de Soto eine Verteidigung des Euro aus Österreichischer Sicht verfasst und als Beitrag auf dem Blog Wirtschaftliche Freiheit veröffentlicht. Der Euro wird dieser Tage oft verteidigt, aber mit dem Hinweis auf die Österreichische Schule der Nationalökonomie doch eher selten oder besser gesagt so gut wie nie. Huerta de Soto rechtfertigt den Euro mit Hinweis auf Mises und Hayek und kritisiert die Gegner des Euro als Keynesianer und Monetaristen. Er geht sogar so weit, den Euro für ein Proxy, also einen „Stellvertreter“  oder Vorläufer des Goldstandards zu halten. Es ist sehr wahrscheinlich, dass die sehr spezifische spanische Situation dieser Tage dabei eine Rolle spielt. Euro und Gold so weitgehend gleichzusetzen und sogar zu erklären, ersterer sei dem klassischen Goldstandard in einem Aspekt überlegen, ist dieser Tage gerade für einen liberalen Ökonomen so ungewöhnlich, dass es sich lohnt, sich intensiv mit seiner Argumentation zu beschäftigen.

Zwei Differenzen zu Huerta de Soto

Um es vorweg zu nehmen: Mich überzeugen seine Argumente in diesem Beitrag nicht. Ich gebe aber zu, dass sie mich wahrscheinlich teilweise noch zu Beginn der Eurokrise überzeugt hätten. Damals ging ich wie Professor Huerta de Soto davon aus, die EZB müsste sich einfach raushalten und die übrigen Eurostaaten auf Hilfen verzichten, dann würden in der Eurozone die normalen Anpassungsmechanismen greifen, die wir aus der Zeit des Goldstandards als anderes Beispiel für eine transnationale Währung kennen, und der Euro könnte in der heutigen Form bestehenbleiben. Inzwischen bin ich aber zu der Überzeugung gelangt, dass die Rettungshilfen und die Monetarisierung der Staatsschulden kein Unfall oder Folge der politischen Ungeschicklichkeit einzelner Akteure sind, sondern sehr stark durch die Entscheidung, überhaupt eine europäische Währung einzuführen, vorgezeichnet worden sind. Darin unterscheidet sich meine Sichtweise heute von der Professor Huerta de Sotos. Worin sie sich noch unterscheidet, ist seine Überzeugung – die er mit Ludwig von Mises teilt –, ein System fester Wechselkurse sei einem System flexibler Wechselkurse vorzuziehen. Mit beiden Thesen möchte ich mich an dieser Stelle auseinandersetzen.

Der Euro und der klassische Goldstandard

Zuerst eine kurze Zusammenfassung der Sichtweisen Huerta de Sotos: Das beste denkbare Geldsystem sei ein internationaler Goldstandard mit 100 Prozent Reservedeckung. Solange es eine solche bestmögliche Lösung nicht gibt, sei ein System mit festen Wechselkursen einem System mit flexiblen Wechselkursen zwischen den nationalen Währungen vorzuziehen. Der Euro sei  eine gute Sache, weil innerhalb des Eurosystems eine transnationale Währung existiert und es keine nationalen Zentralbanken mehr gibt, die Geld drucken und ihren Wechselkurs manipulieren können. Innerhalb der Eurozone sind die einzelnen Staaten gezwungen, ihren Haushalt zu sanieren und ihren Arbeitsmarkt zu reformieren, was sie im System der nationalen Währungen mit festen Wechselkursen nicht waren. Als Beispiel nennt Huerta de Soto die Reformpolitik in seinem Heimatland Spanien. Ohne die Eurokrise wären solche Sparmaßnahmen, wie sie dort beschlossen wurden, niemals möglich gewesen. Stattdessen hätte Spanien längst die nationale Notenpresse betätigt. Im Eurosystem ist das nicht möglich, weil die Notenpresse – bildlich gesprochen – nicht in Madrid, sondern in Frankfurt bei der EZB steht. Darum plädiert Huerta de Soto dafür, den Euro zu retten. Der Euro sei nicht nur so gut wie der klassische Goldstandard, sondern sogar besser, weil es schwerer sei, aus dem Euro auszutreten als aus dem klassischen Goldstandard. Er kritisiert aber das Ziel, im Euroraum eine gemeinsame Wirtschaftsregierung zu etablieren und die Staatsschulden zu monetarisieren.

Die positiven und die negativen Folgen des Euro

Hier scheint mir Huerta de Soto in seiner Analyse einen fundamentalen Fehler zu begehen, der mir allerdings – das habe ich bereits eingeräumt –  zum Beginn der Eurokrise auch unterlaufen ist. Huerta de Sotos Analyse besagt: Die Eurozone ist gut, die europäische Geldpolitik war schlecht. Er trennt die positiven Eigenschaften einer transnationalen Währung, nämlich den Reformdruck und den Verlust der nationalen Notenpresse,  von den negativen Folgen, der Transferunion und der Monetarisierung der Staatsschulden durch die EZB. Das eine lässt sich aber nicht ohne weiteres vom anderen abtrennen. Er erklärt auf jeden Fall nicht, wie das geschehen soll. Er möchte, dass Spanien und Griechenland fleißig sparen, aber nicht, dass sie bei der EZB und Frau Merkel anrufen, um sich das Sparen ein bisschen zu erleichtern. Dieser Standpunkt gleicht dem Verhalten einer besorgten Mutter, die ihrem übergewichtigen Kind die Süßigkeiten wegschließt, aber den Schlüssel an das europäische Brett hängt mit der Ermahnung, doch bitte nicht den Schlüssel zu benutzen. Derzeit kabbelt sich ganz Europa darum, wer zu welcher Zeit den Schlüssel zu den Süßigkeiten vom Schlüsselbrett nehmen darf. Diese Neigung, die positive Wirkung als notwendige Folge und die negative Wirkung als zufällige Folge zu betrachten, beruht auf einer falschen Prämisse.

Analogie zwischen Gold und Papier

Huerta de Sotos zentraler Ansatz lautet: Solange es keinen Goldstandard gibt, sollte sich die Geldpolitik möglichst so verhalten, als ob es einen Goldstandard gäbe. Das heißt, man soll das Papiergeldsystem soweit wie möglich in Analogie zum Goldstandard betreiben. Da es im Goldstandard logischerweise keine flexiblen Wechselkurse zwischen Staaten gibt, sondern in Deutschland mit derselben Goldmünze bezahlt werden kann wie etwa in Frankreich, sind nach Huerta de Soto feste Wechselkurse besser als flexible und noch besser sei es, wenn in Deutschland mit demselben Papiergeld bezahlt wird wie in Frankreich oder Spanien. Deshalb gelte es, den Euro zu verteidigen. Dabei übersieht er, dass ein wenig Goldstandard genauso unmöglich ist wie ein wenig schwanger zu sein. Der Unterschied zwischen einer Edelmetallwährung und einer Papiergeldwährung ist nicht graduell, sondern qualitativ. In einem Papiergeldsystem gelten andere Regeln und Gesetzmäßigkeiten als bei einer Goldwährung. Deshalb ist auch die zweitbeste Lösung, wenn man keinen internationalen Goldstandard hat, nicht ein internationales System fester Wechselkurse oder gar eine internationale Papierwährung, sondern ein Geldsystem mit vielen Währungen mit flexibler Umtauschrelation.

Das Verhalten der EZB

Huerta de Soto spricht sich gegen diesen „monetären Nationalismus“, so seine Bezeichnung, also gegen das Nebeneinander nationaler Währungen in Europa aus. Er erklärt: „Vom Überleben des Euro hängt es ab, ob ganz Europa die traditionelle germanische Geldwertstabilität verinnerlicht und sich zu eigen macht.“ Das widerspricht aber eklatant dem, was er selbst über die Geldpolitik in der Eurozone in den letzten zehn Jahren schreibt: „Und so bestand der fatale Fehler der Europäischen Zentralbank darin, Europa nicht zu isolieren und vor der großen Kreditausweitung zu schützen, welche weltweit durch die Federal Reserve der Vereinigten Staaten seit 2001 organisiert wurde. Während einiger Jahre erlaubte in flagranter Nichterfüllung des Vertrages von Maastricht die Europäische Zentralbank, dass die Geldmenge M 3 in Raten von sogar über neun Prozent pro Jahr wuchs, was über dem Wachstum der Geldmenge liegt, welches ursprünglich von der EZB selbst festgelegt wurde.“ Die „germanische Geldwertstabilität“ – wie er das nennt – springt einem da nicht gerade ins Auge. Sein einziges Argument dafür lautet, dass die Geldpolitik der EZB noch nicht so schlimm sei wie die Geldpolitik der Bank von England und der Federal Reserve. Dass sich die Eurozone derzeit auf den „Pfad der Kontrolle“ begeben habe, wie er schreibt, ist zurückhaltend gesagt doch eine sehr optimistische Einschätzung.

Besser viele Notenbanken als nur eine

Huerta de Soto hält die Ablösung vieler nationaler Notenpressen durch eine kontinentale Notenpresse für einen Fortschritt. Er erklärt aber nicht, warum die eine sich besser verhalten sollte als die anderen zuvor. Er erklärt nicht, warum es besser sein soll, vielen kleinen Gaunern ihre Dolche wegzunehmen und stattdessen einem großen Gauner eine Kalaschnikow zu schenken. Grundsätzlich gilt, dass es fast immer besser ist, es mit vielen kleinen Manipulatoren zu tun zu haben als mit einem Großen. Wenn viele nationale Zentralbanken jede für sich Geld drucken, dann ist ihr Spielraum durch den Wettbewerb mit anderen Zentralbanken eingeschränkt. Bürger und Investoren können zwischen verschiedenen nationalen Währungen wählen.

Zwar gibt es in einem solchen System Geldentwertung, die Auswirkung dieser Geldentwertung wird aber dadurch begrenzt, dass es faktisch ein Parallelwährungssystem ist. Die Löhne werden zwar in der nationalen Landeswährung ausgezahlt und die Steuern in dieser Währung entrichtet, wer aber größere Transaktionen abzuwickeln hat oder Sparkapital aufbaut, tut das natürlich nicht in der Währung mit zweistelligen Inflationsraten, sondern in den harten Währungen wie in den neunziger Jahren in Dollar oder D-Mark. Je größer die Währungsräume werden und je mehr diese Währungsräume entweder durch feste Wechselkurse oder durch indirekte Anpassungen miteinander verkoppelt werden, desto weniger Möglichkeiten gibt es, aus der Währung zu flüchten. Wenn sich zum Beispiel der Schweizer Franken in einem festen Umtauschverhältnis an den Euro koppelt, ist die Anlage in Schweizer Franken keine effektive Versicherung gegen eine mögliche Inflation in der Eurozone mehr.

Die Bundesbank im europäischen Währungssystem

Huerta de Soto baut einen Gegensatz zwischen dem Euro und dem „monetären Nationalismus“ auf, damit meint er den Zustand vor der Euroeinführung mit vielen Währungen in Europa. Dieser Gegensatz ist aber doch eher ein scheinbarer denn ein realer. Es sei denn, man ist der Ansicht, „Nationalismus“ sei lediglich eine Sache der Größe. Stehen denn die USA, die Eurozone und China mit ihrer jeweiligen Notenbank weniger für „monetären Nationalismus“ als etwa die Schweiz, Norwegen oder Kanada, nur weil deren Währungsräume kleiner sind?  Das System einer Vielzahl europäischer Währungen vor der Euroeinführung, in dem die deutsche Bundesbank eine zentrale Rolle übernommen hatte, war nicht nur ein Garant für die Stabilität der D-Mark, sondern auch das Bollwerk dagegen, dass die Schleusen in anderen Ländern geöffnet wurden. Als die Bundesbank nach der Wiedervereinigung die Zinsen drastisch anhob, um die Inflationsrate zu senken, waren fast alle übrigen europäischen Staaten gezwungen, diese Zinspolitik nachzuvollziehen. In ganz Europa mussten die Zinsen angehoben werden, weil die deutsche Bundesbank es tat.

Dahinter stand kein politischer Druck, sondern einfach der Wettbewerb um Anleger. Dieser Mechanismus, der aus dem Wettbewerb der nationalen Währungen resultierte, war wesentlich effektiver als die Disziplinierung, die  sich Huerta de Soto vom Euro verspricht. Zu D-Mark-Zeiten waren die Zinsen für Italien, Spanien und Griechenland hoch, mit der Einführung des Euro wurden die Schleusen geöffnet und die Zinsen fielen. Huerta de Soto blendet bei seinem Lob für die aktuellen Sparanstrengungen Spaniens aus, dass ohne den durch die Niedrigzinsen in Gang gesetzten Boom in Spanien, die Sparanstrengungen in diesem Umfang wahrscheinlich gar nicht nötig wären. Der Niedrigzins in der Eurozone hat zu massiven Fehlinvestitionen auf dem spanischen Immobiliensektor geführt – genau wie es die Österreichische Schule der Nationalökonomie beschrieben hat.

Unabhängigkeit der Notenbank reicht nicht aus

Es gehört zu den Fehlannahmen, die der Konstruktion der Eurozone zugrundeliegen, dass die Unabhängigkeit der Zentralbank der wichtigste Faktor für die deutsche Geldwertstabilität gewesen sei. Deshalb glaubten viele Akteure: Wäre die EZB politisch unabhängig, dann würde der Euro auch so stabil wie die D-Mark. Zentral ist aber nicht die Unabhängigkeit der Zentralbank allein, sondern die politische Bedeutung der Sparer bei nationalen Wahlen. Unabhängige Zentralbanken sind kein Garant für stabiles Geld. Was wenige wissen: Die Deutsche Reichsbank war zur Zeit der großen Inflation von 1923 unabhängig, ebenso wie die EZB heute. Keine Zentralbank der Welt existiert im luftleeren Raum, jenseits politischer Machtkonstellationen. Dass die verschiedenen nationalen Notenbanken eine unterschiedliche Geldpolitik betrieben haben, das liegt auch an dem unterschiedlichen Einfluss der Sparer in verschiedenen Ländern. In einigen Ländern wird nicht gespart, dafür nehmen die Bürger Konsumentenschulden auf. Warum sollten sie also etwas gegen Inflation haben? In anderen Ländern wie Deutschland und der Schweiz wird viel gespart und deshalb gibt es auch einen starken Rückhalt für eine stabilitätsorientierte Geldpolitik.

Die Bundesbank und die deutschen Sparer

In Deutschland gab es zu D-Mark-Zeiten Millionen kleiner Sparer mit einer Erinnerung an die große Inflation von 1923. Diese Sparer waren eine politische Macht. Weder Unionsparteien noch SPD trauten sich wirklich, sich mit der Bundesbank anzulegen, weil sie den Zorn dieser breiten Schicht von Sparbuchbesitzern fürchteten. Das waren Rentner und Selbständige, Facharbeiter, Beamte, Angestellte und Freiberufler. Wenn es um ihre Ersparnisse ging, dann hörte für diese Gruppe der Spaß auf, mochten sie auch sonst CDU oder SPD, FDP oder Grüne wählen. Jacques Delors sagte konsterniert: Nicht alle Deutschen glauben an Gott, aber alle Deutschen glauben an die Bundesbank.

Ohne diese treuen Bankkunden als mächtige Verbündete wäre die Unabhängigkeit der Bundesbank nicht mehr gewesen als bedrucktes Papier. Flexible Wechselkurse erlauben den Ländern mit hoher Sparquote, ihre Sparer vor der Inflationspolitik der Länder mit niedrigem Spareranteil  zu schützen. Zugleich bieten die Sparerwährungen auch einen Anker für die Ersparnisse aus anderen Ländern und begrenzen mit ihrer Hochzinspolitik die Möglichkeit für andere Länder, sich über die Maßen zu verschulden.

Feste Wechselkurse und exportierte Inflation

Das Problem in einem System fester Wechselkurse – besonders für die angesprochenen Sparer –  lässt sich ganz einfach am Beispiel der historischen Entwicklung des Systems von Bretton Woods vor seinem Zusammenbruch 1973 darstellen: Die USA kämpften damals in Vietnam. Zur Finanzierung druckten sie Geld. Die Deutschen druckten weniger Geld. Zwischen dem Dollar und der D-Mark gab es aber einen festen Wechselkurs. Weil die Deutschen weniger Geld druckten als die Amerikaner, war der innere Wert der D-Mark größer. Wann immer die Menschen die Gelegenheit haben, etwas von geringerem Wert gegen etwas von höherem Wert einzutauschen, werden sie es aller Wahrscheinlichkeit nach tun. Wenn ich die Gelegenheit hätte, mein Sofa gegen einen Porsche zu tauschen, dann würde ich es tun, und das sehen die meisten so.

Also tauschten Dollarbesitzer Dollar zum festen Umtauschkurs in D-Mark, weil sie auf den Aufwertungsgewinn spekulierten. Die Bundesbank musste sich die hineinfließenden Dollar ins Depot legen und dafür mehr D-Mark drucken. Auf diese Weise exportierten die USA und andere Staaten ihre Inflation in die Bundesrepublik, was für die Verbraucher und Sparer keine schöne Erfahrung war. Bundeswirtschafts- und Finanzminister Karl Schiller versuchte damals gegenzusteuern, was ihn das Amt kostete. Sein Nachfolger Helmut Schmidt setzte hingegen auf ineffektive Devisenkontrollen. So stieg die Inflation in der Bundesrepublik auf annähernd zweistelliges Niveau, bis das System der festen Wechselkurse unter dem Druck der Dollarfluten endlich zusammenbrach und die Bundesbank mit einer Politik des knappen Geldes gegensteuern konnte. Flexible Wechselkurse sind ein Schutzwall der stabilitätsorientierten Länder gegen die Währungsflut aus den Staaten mit besonders schnellen Druckmaschinen.

Gold und Papierwährung – Können und Sollen

Die Vorstellung, ein System fester Wechselkurse oder eine transnationale Papierwährung sei irgendwie „näher“ am Goldstandard – Huerta de Soto nennt das „Proxy zum Goldstandard“ – beruht auf einem Denkfehler. Denn es bestehen qualitative Unterschiede, die es verbieten, das transnationale Papiergeld als die Vorstufe zum oder Annäherung an den Goldstandard zu sehen. Theoretisch könnten Gold und Papier gleichermaßen eine stabile Währung bilden. Wenn eine bestimmte Zahl von Geldscheinen gedruckt wird und dann nur noch kaputte Geldscheine durch neue Geldscheine ausgetauscht werden und darüber hinaus keine weiteren Geldscheine in Umlauf gebracht werden, dann wäre eine Papiergeldwährung so stabil wie Gold. Worin besteht also dann der qualitative Unterschied zwischen Papiergeld und Gold?

Der Unterschied liegt in den Kategorien von Sollen und Können. Im Papiergeldsystem sollendie Geldmenge nicht über die Maßen ausgedehnt und Staatsschulden nicht durch die Zentralbank finanziert werden, im Goldstandard kann die Geldmenge nicht über die Maßen ausgedehnt werden. Dieser Unterschied ist fundamental. Es gibt eine politische Gesetzmäßigkeit: Alles, was politisch nützlich ist und zugleich auch möglich, wird irgendwann auch in die Tat umgesetzt – so viele Eide auch geschworen werden. Für die Politik zählt nicht, was sie nicht tun soll, sondern, was sie nicht tun kann. Der Maastrichtvertrag war eine Einigung darüber, was man nicht tun soll, wie weit man damit gekommen ist, kann man täglich in den Nachrichten verfolgen.

Der Goldstandard war eine Folge politischen Scheiterns

Lange Zeit herrschte die Vorstellung vor, auch der klassische Goldstandard habe auf einer Einigung der Staaten und Zentralbanken beruht und sei quasi von England und der Bank von England als weisen Führern gesteuert worden. Diesen Standpunkt vertraten unter anderem Keynes und Charles Kindleberger. Diese Sichtweise wurde von dem Wirtschaftshistoriker Giulio Gallarotti in seinem Buch „The Anatomy of an International Monetary Regime“ eindeutig widerlegt. Gallarotti zeigt, dass sich der Goldstandard in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nicht deshalb herausbildete, weil sich Zentralbanken oder Staaten auf diesen Standard geeinigt hätten, sondern im Gegenteil deshalb, weil alle Versuche, sich auf ein gemeinsames Währungssystem zu einigen, jämmerlich gescheitert waren. Dies ist ein weiterer Beleg dafür, dass sich konstruktive Lösungen aus unkooperativem Verhalten ergeben können, weil dadurch dezentrale Systeme erzwungen werden.

Im 19. Jahrhundert gab es in den zwei Jahrzehnten nach der Jahrhundertmitte eine Reihe von Währungskonferenzen, die von Frankreich angestoßen worden waren. Die Franzosen setzten auf eine globale Währungsordnung, sie scheiterten aber mit ihren Vorstößen am Desinteresse der Briten und am Alleingang der Deutschen. Die Franzosen standen damals der lateinischen Münzunion vor, die auf einem Bimetallstandard – also auf dem Nebeneinander von Gold und Silber –  aufgebaut war, die USA hatten ebenfalls einen solchen Bimetallstandard, die Deutschen besaßen einen Silberstandard. Insoweit sah vieles danach aus, als würde sich auf den Währungskonferenzen ein internationaler Silberstandard durchsetzen. Doch die Deutschen demonetarisierten auf eigene Faust ihr Silber und setzten unter dem Einfluss des liberalen Politikers Ludwig Bamberger auf Gold, während die Engländer die Hände in die Hosentaschen steckten und bei dem Goldstandard blieben, den sie schon seit Isaac Newton hatten. Das löste eine Kettenreaktion aus – eine massive Flucht aus dem Silber, und so kam die Welt zum Goldstandard wie die Jungfrau zum Kinde.

„Glorreiche Impotenz“ als Geheimnis der Geldwertstabilität

Das System war in den kommenden Jahrzehnten deshalb so stabil, weil jeder Beteiligte wusste, dass man sich am Ende nur auf sich selbst verlassen konnte, schließlich waren alle Versuche, sich auf ein einheitliches System zu einigen, gescheitert. In turbulenten Zeiten gelang es der Bank von England – die ja angeblich für die Stabilität des Systems verantwortlich zeichnete – gerade einmal mit Ach und Krach, sich selbst vor der Pleite zu retten. In Boomphasen verspekulierte sie ihr Geld nicht anders als andere Marktteilnehmer, und im Abschwung, wenn alle Geld brauchten, hatte sie in der Regel selbst keins. Man könnte in diesem Zusammenhang von einer „glorreichen Impotenz“ sprechen. Da die Bank von England als „Lender of last resort“ in der Regel ausfiel und niemand im Traum auf die Idee gekommen wäre, er könne mit der „Solidarität“ der Steuerzahler eines anderen Landes rechnen, wirkte sich Moral Hazard nicht so heftig aus wie unserer Tage. Wenn ein ganzes Land bei der Londoner City in der Kreide stand, dann kam keine Troika mit Geldkoffern, sondern in vielen Fällen ein englisches Kanonenboot. Auf diese Weise kam etwa Ägypten unter britische Oberherrschaft.

Dass der klassische Goldstandard so stabil war, lag also nicht daran, dass die Politiker damals verantwortungsbewusster, liberaler oder sparsamer gewesen wären, sondern daran, dass es schlicht niemanden gab, der einen Staat oder die „Märkte“ am Ende „gerettet“ hätte. Wenn man wirklich nachhaltig die Geldmenge vergrößern wollte, dann mussten afrikanische Arbeiter das Gold im Schweiße ihres Angesichts aus den Goldminen Südafrikas holen. Ein solches System kann man nicht künstlich nachbilden, indem Regierungen Verträge  unterschreiben. Das Nicht-Sollen kann nicht das Nicht-Können ersetzen. Weder eine transnationale Papierwährung noch ein internationales System fester Wechselkurse, das Huerta de Soto gegenüber einem System flexibler Wechselkurse bevorzugt, können funktionieren, ohne dass sich Regierungen an bestimmte Regeln halten, und das heißt in diesem Fall geld- und finanzpolitische Enthaltsamkeit üben, und hier liegt das Problem.

Flexible Wechselkurse sind das Proxy zum Goldstandard

Sowohl eine transnationale Währung als auch ein System fester Wechselkurse setzen ein grundsätzlich verantwortungsbewusstes und kooperatives Verhalten aller Beteiligten voraus. Wenn ein Land im Rahmen fester Wechselkurse Geld druckt, pumpt es die Inflation über den Wechselkursmechanismus in die anderen Volkswirtschaften. Wenn sich in der Eurozone ein Land bis zum Abwinken verschuldet, dann vermehrt die EZB für alle die Geldmenge und für die Schulden müssen schließlich alle haften. Die Eurozone und der feste Wechselkurs sind daher kein „Proxy“ zum Goldstandard, diese Rolle spielt viel eher ein System flexibler Wechselkurse. Flexible Wechselkurse und Goldstandard haben nämlich etwas gemeinsam: Sie setzen nicht voraus, dass sich die Akteure „anständig“ verhalten. Beide Systeme funktionieren auch mit Regierungen, denen man die schlimmsten Absichten unterstellen kann. Im System flexibler Wechselkurse kann in der Tat eine einzelne Regierung ihre Währung bis zum Schornstein hinaus inflationieren. Der flexible Wechselkurs schützt aber die anderen Staaten davor, in Mitleidenschaft gezogen zu werden. Im klassischen Goldstandard konnte sich ein Land stark verschulden, aber weil Gold nur aus der Erde und nicht aus der Druckerpresse kommen konnte, konnten die Schulden nur getilgt oder mit den Gläubigern wegverhandelt, aber nicht weggedruckt werden.

Geldwertstabilität beruht auf Interessen und nicht auf Vernunft

Man kann das auch so auf den Punkt bringen: Bei festen Wechselkursen und transnationaler Papierwährung handelt es sich um kooperative Systeme. Beim Goldstandard und flexiblen Wechselkursen handelt es sich um nichtkooperative Systeme. Das heißt, im ersten Fall muss die eine Partei  die andere Partei bitten oder zwingen, sich auf eine bestimmte Art zu verhalten, damit sie sich auf eine bestimmte Art verhalten kann. Im anderen Fall gehen alle Parteien quasi davon aus, dass der andere sich nicht kooperativ verhalten wird, und sie setzen deshalb auf Handlungsautonomie. Wie wir nicht erst seit Adam Smith wissen, sind Systeme, die auf Altruismus setzen, Systemen, die auf Eigeninteresse setzen, sehr oft unterlegen.

In Abwandlung von Adam Smith könnte man sagen: Nicht auf die Vernunft, Güte oder Einsicht von Politikern und Notenbankchefs sollte man setzen, sondern auf die Stärke politischer Interessen. In einer Volkswirtschaft mit großem Spareranteil unter den Wählern gibt es einen starken Rückhalt für eine Notenbank, die auf stabiles Geld setzt. Die Interessen der Sparer konnten sich in einem System der Handlungsautonomie der einzelnen Zentralbanken besser durchsetzen als in einem einheitlichen Währungsraum mit großem Schuldneranteil. Wenn zehn faule Unternehmer mit zwei tüchtigen Unternehmern konkurrieren, dann wird das Ergebnis insgesamt besser sein, als wenn sich alle Unternehmer zusammenschließen und gemeinsam per Mehrheit über die Geschäftspolitik entscheiden, wie das heute in der EZB geschieht.

Aus diesen hier dargelegten Gründen teile ich nicht die Auffassung von Herrn Professor Huerta de Soto, dass ein System aus festen Wechselkursen oder eine Einheitswährung besser ist als eine Vielzahl von Währungen mit flexiblen Wechselkursen, und ebensowenig überzeugt mich die These, dass der Euro ein „Proxy“ zum Goldstandard ist oder sein kann. Wie gesagt, manchmal irrt auch Homer.

Hinweis: Der Beitrag erschien am 26. Juni 2012 in eigentümlich frei.

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