Dorschvernichtung

Vor kurzem wurden im Auftrag der Europäischen Kommission 70 Tonnen Ostseedorsch vernichtet, um die Preise zu stabilisieren. Der Großhandelspreis liegt derzeit unter 70 Cent pro Kilogramm, während die Fischer und die EU-Kommission eine Zielgröße von rund 1 Euro pro Kilogramm verfolgen.

Wie ist es zu dem Preisverfall gekommen: Vor langen Jahren war der Ostsee­dorsch (biologisch identisch mit dem Kabeljau) ein äußerst preiswerter Speisefisch und wurde deshalb im Volksmund als Schneiderkarpfen be­zeichnet. Weil ihn sich auch der arme Schneider, der eigentlich lieber Karpfen ge­gessen hätte, leisten konnte. Dann gingen die Bestände der Ostseedorsche we­gen starker Überfischung derart drastisch zurück, dass sich die EU ab dem Jahr 2006 zu einer stetigen Reduzierung der Fangquoten gezwungen sah. Als Konsequenz stieg der Preis für Ost­seedorsch merklich an, so dass er fortan nur noch bei wohlhabenden Schneidern auf dem Essenstisch landete.

Die Politik der strikten Fangquoten war tatsächlich von Erfolg gekrönt und die Dorschbestände erholten sich überraschend gut. So gut, dass sich die EU-Kommission ab dem Jahr 2011 zu einer deutlichen Ausweitung der Fangquoten entschloss. Dies freute die Ostseefischer, die endlich wieder reichlich Dorsch anlanden durften und diese fette Beute zunächst auch noch zu sehr auskömmlichen Preisen absetzen konnten. Aber die Markt­reaktion ließ nicht lange auf sich warten – infolge der deutlich erhöh­ten Fangmengen sanken die Preise. Heute sind sie wieder etwa dort angekommen, wo sie vor der Verschärfung der Fangquoten gelegen hatten. Damit ist auch der vorübergehende warme Einkommensregen für die Dorschfischer versiegt.

Bis hierher klingt dies wie eine gelungene Fischereipolitik der EU, die es ge­schafft hat, mit dem temporären Einsatz von Fangquoten eine nachhaltige Befi­schung der Dorschbestände zu ermöglichen. Die Fischer sehen dies natürlich an­ders und hätten es lieber, wenn die hohen Fangmengen von heute mit den hohen Preisen von gestern kombiniert werden könnten. Realisierbar wäre dieser Wunschtraum, wenn weiterhin großzügige Fangquoten erteilt und zugleich große Mengen an Ostseedorsch aus dem Markt genommen würden.

Tatsächlich ist die EU-Kommission diesen Lobbyistenwünschen jetzt mit ihrer Fischvernich­tungsaktion zumindest in Ansätzen nachgekommen, was schlichtweg als Skandal bezeichnet werden muss. Bei einer Fortführung dieser Politik wären die Leidtragenden nicht nur die armen Schneider­lein, die sich wieder mit Seelachs (oder Pan­gasius) begnügen müssten. Leidtragende wären auch die Steuerzahler, die diese unsinnigen Aktionen über den EU-Haushalt mitfinanzieren müssten. Und nicht zuletzt litten die Dorsche, denn wenn es tatsächlich gelingen sollte, die Preise auf hohem Niveau zu stabilisieren, dann würden erneut starke Anreize zur Erhöhung der Fangmengen gesetzt. Damit begänne der verhängnisvolle Kreislauf von Überfischung, Bestandsgefährdung, Fangquoten und starken Preisausschlägen von neuem. Es ist schwer nachvollziehbar, weshalb die EU-Kommission, denen solche Überlegungen ja nicht fremd sein dürften, sich derart plump vor den Karren der Fischerei-Lobbyisten spannen lässt.

Und wer denkt an die Fischer, die möglicherweise nur in einem Umfeld von ho­hen Fangmengen und zugleich hohen Preisen wirtschaftlich überleben können? Für sie steht tatsächlich eine gravierende Strukturanpassung bevor, wobei die Anpassung auf längere Sicht weit über die Dorschfangflotte in der Ostsee hinausgehen dürfte. Immerhin gab es einmal eine Zeit – lang ist es her –, in der die Menschheit ihren Hunger nach tierischem Eiweiß vorwiegend über die Jagd befriedigte. Diese Zeiten sind für die allermeisten Völker diese Erde unwiderruflich vorbei, denn die Wildbestände sind viel zu klein, um die Menschheit ernähren zu können. Irgendwann in der Zukunft, die vielleicht gar nicht mehr so fern ist, wird es der Jagd auf wild lebende Fische vermutlich ähnlich ergehen wie vor tausenden von Jahren der Jagd auf wild lebende Feld-, Wald- und Wiesen­tiere. Wenn die Fischwirtschaft auch künftig einen nennenswerten Beitrag zur Ernäh­rung der Welt­be­völ­ke­rung leisten will, wird es kaum eine Alternative dazu geben, von der Befi­schung wild lebender Fischbestände auf Aquakulturen umzusteigen.

In Einklang mit diesen nicht sehr rosigen Zukunftsaussichten für Berufsfischer sind viele von ihnen bereits aus diesem Gewerbe ausgeschieden, so dass die Ost­seefischerei mehr und mehr von kleinen Fischkuttern beherrscht wird, die nur noch im Nebengewerbe genutzt werden. Das Berufsfischertum wird sicherlich nicht von heute auf morgen vollständig verschwinden, aber es wird sich damit abfinden müssen, eine Nebenrolle gegenüber den immer stärker aufkommenden Aquakulturen zu spielen. Die von der EU subventionierte Vernichtung von Fisch­beständen ist ein völlig untaugliches Mittel, diesen Strukturwandel aufzuhalten, und gehört deshalb als ökologisch und ökonomisch widersinnig und politisch skandalös gebrand­markt.

Henning Klodt

Eine Antwort auf „Dorschvernichtung“

  1. Es ist kaum zu ertragen, daß dieser unsägliche Quatsch heute sogar noch zu den weniger bizarren Erscheinung des Staatswirtschaftssystem EU gehört …

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