Die Durchlässigkeit des Schweizer Bildungssystems richtig messen

Fällt der Apfel weit vom Stamm? Wer die Chancengerechtigkeit und die soziale Selektion im Bildungssystem verstehen will, sollte erstens mehrere Generationen betrachten und zweitens akademische Abschlüsse puncto Einkommensmobilität nicht überbewerten.

Chancengerechtigkeit ist die Grundvoraussetzung für eine meritokratische Gesellschaft. Der gesellschaftliche Aufstieg soll aufgrund von Fähigkeiten und Anstrengung, nicht aber mithilfe von vererbtem Vermögen oder Beziehungen gelingen. Dabei kommt dem Bildungssystem eine tragende Rolle zu, vermag es doch die künftigen Berufs- und damit einhergehend die Einkommens- und Vermögensaussichten massgeblich zu beeinflussen. Deshalb ist die Analyse der Aufstiegschancen im Schweizer Bildungswesen disziplinenübergreifend von Interesse.

Betrachtung über mehrere Generationen ist entscheidend

Im Grundsatz wird die intergenerationelle Bildungsmobilität anhand der Vererbung des sozialen Status über Generationen hinweg gemessen. Es geht also um die populäre Frage «Fällt der Apfel weit vom Stamm?». Meist der Datenverfügbarkeit geschuldet, beschränkten sich bisherige Analysen auf den Zusammenhang von zwei aufeinanderfolgenden Generationen. Es wurde untersucht, inwiefern der Bildungsstand des Vaters (seltener der Mutter) jenen der Kinder beeinflusst.

Kurzfristige Abhängigkeiten von zwei aufeinanderfolgenden Generationen müssen allerdings nicht auf eine gesellschaftspolitisch problematische Selektion im Bildungswesen hindeuten, sondern können auch eine Reihe anderer Erklärungsgründe haben.[1] In diesem Zusammenhang stellt sich indes die Frage: Sollte der soziale Status der Kinder denn ganz unabhängig von jenem ihrer Eltern sein? So kann eine Ähnlichkeit auch Ergebnis einer vererbten genetischen Veranlagung, einer fürsorglichen Erziehung oder einer Investition in das Humankapital der eigenen Kinder und Enkel sein. Diese Erklärungen würden das meritokratische Prinzip nicht untergraben. Sie gelten in einem abgeschwächten Ausmass auch für den Einfluss der grosselterlichen Generation. Ein Übersichtsartikel des englischen Soziologen Lewis R. Anderson et al.[2] zeigt, dass in 58 von 69 berücksichtigten Studien ein signifikanter Einfluss der grosselterlichen Generation auf den Bildungsstand der Kinder festgestellt wurde.

Allerdings sind solche Effekte nur dann von einem problematischen dynastischen Effekt trennbar, wenn auch die Ur-Grosseltern berücksichtigt werden können, die selten einen direkten Kontakt mit ihren Ur-Enkeln haben. Ein zusätzlicher messbarer Effekt dieser und weiter zurückliegender Generationen wäre somit ein Indiz für das Bestehen dynastischer Effekte. Deshalb werden heute vermehrt multigenerationelle Analysen gemacht, in denen mehr als drei aufeinanderfolgende Generationen untersucht werden.

Familiäre Bande verwässern sich nach wenigen Generationen

Für die Schweiz fehlen bisher Studien zur multigenerationellen sozialen Mobilität. Es ist schwierig, geeignete Daten zum Einkommen, Vermögen oder zur Bildung der Familienmitglieder über viele Generationen zu finden. Aus diesem Grund bedienen wir uns einer innovativen Methode, die es erlaubt, die multigenerationelle soziale Mobilität über nicht weniger als 15 Generationen von 1550 bis 2019 zu messen.[3] Wir basieren unsere Analyse auf Nachnamen und können in jeder Generation den durchschnittlichen sozialen Status je Familiennamen bestimmen.

Unser Hauptfokus liegt auf der Bildungsmobilität, insbesondere der universitären Bildungsmobilität. Zu diesem Zweck werteten wir die Rektoratsmatrikel der Universität Basel aus. Seit 1550 waren 142792 Studenten an der Universität Basel eingeschrieben, davon 31275 Basler. Gleichzeitig wurden in Basel mehr als 0,5 Millionen Geburten registriert. Mit diesen Jahreswerten über knapp 500 Jahre lässt sich der Auf- und Abstieg von einzelnen Familien über Generationen verfolgen.

Unsere Studie zeigt, dass die so gemessene Bildungsmobilität für die jeweils erste Generation bei rund 60 Prozent liegt. In anderen Worten: 40 Prozent des sozialen Status der Kinder lassen sich durch jenen der Eltern erklären. Der zusätzliche Einfluss der grosselterlichen Generation ist jedoch nur noch halb so gross wie jener der Eltern (rund 20 Prozent). Für die Urgrosseltern lässt sich schliesslich kein statistisch signifikanter Effekt mehr messen. Der Einfluss der familiären Bande verwässert sich also bereits nach vier Generationen.

Dieser Befund vermag die Problematik der relativ hohen Abhängigkeit vom elterlichen Bildungsstand und damit des generell selektiven Bildungszugangs etwas zu entschärfen, wie wir meinen. So scheint es im Schweizer Bildungssystem im Durchschnitt keine dynastischen Phänomene zu geben, die es nur Kindern aus bestimmten Familien ermöglich würden, die Universität zu besuchen.

Uns scheint es deshalb von Bedeutung, die etablierten Zwei-Generationen-Betrachtungen um multigenerationelle Analysen zu ergänzen. Damit lässt sich die längerfristige gesellschaftliche Dynamik begreifen, die für die Bewertung der sozialen Mobilität entscheidend ist. So lassen sich auch Parallelen zur vielzitierten Studie von John Ward (1987) für Familienunternehmen ziehen. Sie zeigt, dass ein Drittel der Familienunternehmen an die zweite Generation übergeben werden, zehn Prozent noch den Wechsel in die dritte Generation meistern, aber nur gerade drei Prozent den Fortbestand bis in die vierte Generation schaffen. Das Beispiel der Familienunternehmen zeigt, dass die Analyse der langfristigen Durchlässigkeit einer Gesellschaft wichtig ist, um die Chancengerechtigkeit in einer Gesellschaft zu beurteilen.

Es zählt nicht die akademische Bildung allein

Dazu kommt, dass der Fokus auf die universitäre Bildung die Durchlässigkeit des Bildungssystems tendenziell unterschätzt. So zeigt etwa eine neue St. Galler Studie[4], dass die geringe universitäre Bildungsmobilität mit einer im internationalen Kontext äusserst hohen Einkommensmobilität einhergeht, was nicht zuletzt unserem dualen Bildungssystem zu verdanken ist.

Aus diesem Grund scheint uns der Schluss zu voreilig, dass es schlecht um die Chancengerechtigkeit im Schweizer Bildungssystem steht, wenn Kinder von Akademikern an Schweizer Universitäten deutlich stärker vertreten sind als Kinder von Nichtakademikern. Ist die Chancengerechtigkeit tatsächlich beeinträchtigt, wenn eine in einem nicht akademischen Haushalt aufgewachsene Person zwar keinen Universitätsabschluss vorweisen kann, aber das gleiche Einkommen verdient wie seine Kollegin mit einem akademischen familiären Hintergrund? Tatsächlich zeigt denn auch eine aktuelle Publikation des Staatssekretariats für Bildung, Forschung und Innovation (2020), dass gemischte Bildungswege höhere Renditen aufweisen als rein berufliche oder rein akademische Pfade.

Insgesamt scheint es uns deshalb wichtig, dass die Debatte der Chancengerechtigkeit im Schweizer Bildungssystem um zwei Dimensionen erweitert wird: erstens um die Betrachtung über mehrere Generationen hinweg und zweitens, um Analysen, die nicht auf akademische Abschlüsse fokussieren, sondern verschiedene Statusindikatoren berücksichtigen.

Literatur

Anderson, Lewis R., Paula Sheppard und Christian W.S. Monden (2018): Grandparent Effects on Educational Outcomes: A Systematic Review, in: Sociological Science 5, S. 114–142. http://dx.doi.org/10.15195/v5.a6

Chuard, Patrick und Veronica Grassi (2020): Switzer-Land of Opportunity: Intergenerational Income Mobility in the Land of Vocational Education (Economics Working Paper Series 2011), University of St. Gallen, School of Economics and Political Science. http://dx.doi.org/10.2139/ssrn.3662560

Häner, Melanie und Christoph A. Schaltegger (2020): The Name Sais It All. Multigenerational Social Mobility in Switzerland, 1550-2019 (IFF-HSG Working Papers 2020-1).

Solon, Gary (2018): What Do We Know So Far about Multigenerational Mobility? in: The Economic Journal 128,612, S. F340–F352. https://doi.org/10.1111/ecoj.12495

Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (2020): Forschung und Innovation in der Schweiz 2020. www.sbfi.admin.ch/f-i_bericht

Ward, John L. (1987): Keeping the Family Business Healthy: How to Plan for Continuing Growth, Profitability and Family Leadership, San Francisco.

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[1] Eine Übersicht gibt Solon (2018).

[2] Anderson/Sheppard/Monden (2018).

[3] Häner/Schaltegger (2020).

[4] Chuard/Grassi (2020).

Melanie Häner und Christoph A. Schaltegger
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