Gastbeitrag
Iran-Krieg
Die langfristigen Folgen

Die meisten Beobachter konzentrieren sich darauf, wann der Iran-Krieg endet und die Straße von Hormus wieder geöffnet wird. Aber der Krieg dürfte auch beträchtliche langfristige Folgen haben – ähnlich wie der Ölpreisschock der 70er Jahre.

Mehr Rüstungsausgaben

Trotz der Luftüberlegenheit der USA hat der Iran mit billigen, massenhaft eingesetzten Drohnen große Schäden in den Golfstaaten und auf regionalen US-Stützpunkten angerichtet. Wie schon der Ukraine-Krieg gezeigt hat, werden diese Waffen immer wichtiger. Nicht nur die USA und die Golfstaaten sind gezwungen, darauf zu reagieren und ihre Streitkräfte tiefgreifend umzustellen. Das verstärkt den weltweiten Trend zu mehr Rüstungsaufgaben, der sich bereits 2025 etwa bei den deutschen Verteidigungsausgaben zeigt und von dem Rüstungsfirmen seit Beginn des Nahost-Kriegs verstärkt berichten. Die Nato-Staaten streben ohnehin an, ihre Verteidigungsausgaben im engeren Sinne bis 2035 auf 3,5% des Bruttoinlandsprodukts zu erhöhen, um sich unabhängiger von den USA gegen ein zunehmend aggressives Russland verteidigen zu können (Chart 1). Die westlichen Länder dürften die steigenden Ausgaben vor allem durch neue Schulden finanzieren, weil sie eigentlich notwendige Einschnitte etwa im Sozialbereich vermeiden möchten. Dadurch steigt die gesamtwirtschaftliche Nachfrage, was letztlich ein struktureller Inflationstreiber ist.

Mittlerer Osten dauerhaft instabiler

Die iranische Führung geht letztlich gestärkt aus dem Krieg mit den USA und Israel hervor. Zwar hatten die USA die Luftüberlegenheit und konnte viele Ziele zerstören. Aber der Iran war trotzdem fähig, die Golfstaaten mit Drohnen und Raketen anzugreifen und dabei auch militärische Einrichtungen der USA empfindlich zu treffen. Darüber hinaus hat der Iran mit der Schließung der Straße von Hormus ein enormes wirtschaftliches Druckmittel in der Hand.

Diese Stärke des politischen Unruhestifters Iran macht den Mittleren Osten dauerhaft instabiler. Hinzu kommt, dass der Iran-Krieg viel stärker eskalierte als die Konflikte der zurückliegenden zwei Jahrzehnte; bei künftigen Kriegen werden die Beteiligten weniger Hemmungen haben, wieder militärische Gewalt in großem Stil anzuwenden. Dies macht die rohstoffreiche Region instabiler und erneute Schließungen der Straße von Hormus wahrscheinlicher, was beträchtliche wirtschaftliche Folgen hat:

  • Die Golfstaaten, die zwischenzeitlich von vielen als die Schweiz des Nahen Osten gesehen wurden, werden in Zukunft viel mehr Schwierigkeiten haben, Kapital, qualifizierte Arbeitskräfte und Touristen anzuziehen und weiterhin vergleichsweise stark zu wachsen (Chart 2). Das unterhöhlt ihre Pläne, sich jenseits der Ölförderung und Petrochemie als Luftfahrt-Drehkreuze, im Finanzwesen oder im Bereich der Künstlichen Intelligenz zu positionieren.
  • Länder, die wie die USA nicht oder wenig von importierten fossilen Energien abhängen, profitieren im Wettbewerb um Kapital und Arbeitskräfte. Asiatische Entwicklungsländer, die viel Öl und Gas aus dem Nahen Osten importieren, dürften sich dagegen in Zukunft schwerer tun, wenn die Wahrscheinlichkeit von Lieferunterbrechungen aus den Golfstaaten höher ist.

Umstellungen am Energiemarkt

Der Krieg-Krieg wird auch Folgen für den Energiemarkt haben. Die Exporte der USA von Rohöl und Ölprodukten sind zuletzt sprunghaft gestiegen, insbesondere in Richtung Asien (Chart 3). Dieser Effekt ist teilweise langfristig, weil beispielsweise Japan nicht auf Dauer rund 90% seiner Ölimporte aus der politisch instabilen Golfregion beziehen möchte.

Darüber hinaus dürfte die Unterbrechung der Ölversorgung durch die Straße von Hormus dazu führen, dass in Regionen, die als sicherer gelten, verstärkt nach Öl und Gas gesucht wird. Davon dürfte beispielsweise Lateinamerika profitieren, das weitab der gegenwärtigen Krisenschauplätze liegt. In Brasilien, Guyana und Argentinien waren bereits vor dem Krieg Kapazitätserweiterungen geplant. Auch Venezuela könnte seine Förderkapazitäten ausbauen. Insgesamt könnte Lateinamerika seine Förderung bis 2030 um bis zu 2,1 Millionen Fass pro Tag erhöhen. Das ist für die Region wichtig, auch wenn das globale Ölangebot dadurch nur um 2% steigen wird.

Auch Russland könnte dauerhaft von den Problemen in der Golfregion profitieren. Das Land beliefert China bereits seit längerem zunehmend mit Energie, und es dürfte auch mehr an andere Länder verkaufen, wenn der Ukraine-Krieg irgendwann zu Ende ist.

Ansonsten spielt der Iran-Krieg auch eine Rolle bei der Entscheidung der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), die OPEC am 1. Mai zu verlassen. Zwar gibt es zwischen Saudi-Arabien und den VAE schon seit längerer Zeit Unstimmigkeiten über die Förderquoten. Aber nun werfen die VAE ihren Nachbarn vor, sie nicht ausreichend gegen iranische Drohnen- und Raketenangriffe unterstützt zu haben.

Zu Änderungen am Energiemarkt kam es auch als Reaktion auf die Ölpreiskrise von 1973/74, als die westlichen Staaten alles daran setzten, von den „Ölscheichs“ unabhängiger zu werden. Daraufhin entwickelte sich beispielsweise die Förderung von Öl in der Nordsee.

Das Streben nach Energiesicherheit dürfte darüber hinaus nicht-fossile Energieträger stärken, wovon Chinas als dominierender Produzent grüner Technologien profitieren wird. Auch die Kernkraft dürfte eine wichtigere Rolle spielen. Dafür spricht auch die Entwicklung neuer Technologien in diesem Bereich, etwa Mini-Kernkraftwerke.

Seewege zunehmend unsicher

Die Seewege waren nie sicher, wenn man etwa an die Piraterie am Horn von Afrika denkt. Aber mit der Schließung der Straße von Hormus und dem Einsatz von Drohnen dürfte die Rolle staatlicher Unruhestifter zunehmen. Zudem könnte das Beispiel Irans Schule machen, für die Durchfahrt Gebühren zu verlangen, obwohl das bei natürlichen Wasserstraßen seerechtlich verboten ist. So erwägt Indonesien Gebühren für die Passage der Straße von Malakka, durch die 40% des Welthandels gehen.

Alles in allem verstärken die steigenden Probleme mit Seewegen den Anreiz, Zulieferer geographisch zu diversifizieren und wichtige Güter in befreundeten Staaten oder sogar im Inland herzustellen. Das alles erhöht die Produktionskosten und stellt einen strukturellen Inflationstreiber dar.

Fazit: Nahostkrieg sowohl Game Changer, als auch Trendverstärker

Alles in allem dürfte der Iran-Krieg beträchtliche langfristige Auswirkungen haben. Er ist Game Changer, was etwa die künftige Rolle der Golfstaaten anbelangt, die sich nach den Angriffen Irans schwer tun dürften, wie bisher Kapital und qualifizierte Arbeitskräfte anzuziehen. Darüber hinaus dürfte der Iran-Krieg bestehende Trends verstärken. Das gilt etwa für das Streben nach Energiesicherheit und stabileren Lieferketten. Die damit einhergehenden Kosten sprechen ebenso für eine strukturell höhere Inflation wie die gestiegene Wahrscheinlichkeit neuer Angebotsschocks und höhere Verteidigungsausgaben, zumal die US-Notenbank und auch die EZB wegen politischen Drucks und hoher Staatsschulden faktisch weniger unabhängig sind, gegen Inflationsrisiken entschieden genug vorzugehen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.