Über das Mitleid mit den schönen und den häßlichen Geschöpfen der Natur
Eine ordnungspolitische Betrachtung

Die Natur bevorzugt keine Schönheit – doch der Mensch schon. Diese Verzerrung lenkt Schutz, Geld und Aufmerksamkeit auf süße Arten, während ökologisch zentrale, aber „häßliche“ Tiere systematisch übersehen werden.

Es ist eine sonderbare, und, je länger man sie betrachtet, desto unerquicklichere Erscheinung des menschlichen Gemüts, daß es nicht sowohl das Elend selbst ist, welches sein Mitleid erregt, als vielmehr die Gestalt, in welcher ihm dieses Elend entgegentritt. Denn dieselbe Natur, welche mit verschwenderischer Hand das Leben über die Erde ausgebreitet hat, hat zugleich eine Mannigfaltigkeit der Formen hervorgebracht, deren einige das Wohlgefallen des Menschen gewinnen, indes andere, ohne daß ihnen darum ein geringerer Anteil an der Ordnung der Schöpfung zukäme, ihm unerquicklich bis zum Widerwillen erscheinen.

Man bemerkt also, daß die öffentliche Anteilnahme sich mit Vorliebe jenen Geschöpfen zuwendet, deren Blick Sanftmut verheißt, deren Leib gefällig erscheint oder deren Verhalten sich leicht vermenschlichen läßt. Solche Tiere werden zu Sinnbildern ganzer Naturschutzbewegungen erhoben; ihre Bilder schmücken Plakate, Spendenaufrufe und Lehrbücher, und nicht selten scheint es, als ruhe auf ihrem Dasein allein das Schicksal der Natur. Andere Wesen hingegen – Kröten, Fledermäuse, Geier, Insekten wie etwa die Tsetse-Fliege oder die zahllosen unscheinbaren Bewohner der Wälder und Gewässer – verbleiben im Schatten der allgemeinen Aufmerksamkeit, obgleich gerade sie oftmals die stillen Träger jenes empfindlichen Gleichgewichts sind, ohne welches das Leben in seiner Gesamtheit nicht bestehen könnte.

Kurzum: Daraus entspringt jene eigentümliche Verkehrung des Urteils, kraft deren ein Tier, das man süß nennt, auf zahllose Verteidiger rechnen darf, während ein anderes, dessen Antlitz weder Anmut noch Lieblichkeit verrät, seinem Schicksal nahezu lautlos überlassen bleibt.

Diese Erscheinung ist indessen nicht bloß eine Eigentümlichkeit der menschlichen Empfindung, sondern sie gewinnt, sobald sie auf das öffentliche Handeln übergreift, eine ordnungspolitische Bedeutung von erheblichem Gewicht. Denn wo die Einrichtung des Gemeinwesens den Schutz der Natur gewährleisten soll, darf sie sich nicht durch Neigungen bestimmen lassen, die ebenso wandelbar sind wie die Einbildungskraft dessen, der sie hegt. Das Recht einer Tierart auf ihren Fortbestand kann unmöglich davon abhängen, ob ihre Züge den Menschen anrühren oder ob ihre Erscheinung ihn mit Mißfallen erfüllt.

Hier offenbart sich der eigentliche Gegenstand ordnungspolitischer Erwägung. Denn die Ordnung eines Gemeinwesens besteht gerade darin, daß sie das Besondere dem Allgemeinen unterordnet und nicht gestattet, daß augenblickliche Neigungen an die Stelle vernünftiger Maßstäbe treten. Wenn aber finanzielle Mittel, politische Entscheidungen und gesellschaftliche Unterstützung danach verteilt werden, welche Tierarten das Gemüt des Menschen erfreuen, so ist die Ordnung bereits verlassen und dem Zufall der Empfindung überantwortet.

Es verhält sich hierbei ähnlich wie auf jedem anderen Gebiet, auf welchem das Gemeinwohl mit den Einzelinteressen in Streit gerät. Der Mensch spendet lieber für das Sichtbare als für das Unsichtbare, lieber für das Rührende als für das Notwendige. Allein die Natur kennt solche Unterscheidungen nicht. Sie mißt weder Schönheit noch Häßlichkeit, sondern allein Funktion. Das Tier, welches der Mensch mit Ekel betrachtet, mag der Wächter eines ganzen Lebensraumes sein; jenes hingegen, das allgemeine Bewunderung genießt, mag ökologisch weit geringere Bedeutung besitzen. Die Natur urteilt nicht nach dem Ansehen ihrer Geschöpfe, sondern nach ihrem Zusammenwirken.

Gerade hierin liegt das Versagen eines bloß von spontanen Präferenzen geleiteten Systems. Denn die biologische Vielfalt besitzt den Charakter eines Gutes, dessen Nutzen sich nicht auf den Einzelnen beschränkt. Wer saubere Gewässer, fruchtbare Böden oder stabile Ökosysteme vorfindet, genießt deren Vorzüge, ohne notwendig selbst zu ihrem Erhalt beigetragen zu haben. Daraus ergibt sich jene Verpflichtung des Staates, die Ordnung so einzurichten, daß das gemeinsame Interesse gegenüber den wechselnden Vorlieben Einzelner Bestand gewinnt.

Doch auch der Staat bleibt nicht immer frei von denselben Leidenschaften, die das Publikum bewegen. Denn wo öffentliche Zustimmung gewonnen werden soll, dort folgt die Politik bisweilen der Lautstärke der Aufmerksamkeit. Es ist leichter, den Schutz eines Tieres zu verkünden, dessen Bild Sympathie hervorruft, als für ein Geschöpf einzutreten, dessen bloßer Anblick vielfach Abscheu erzeugt. So kann auch die staatliche Entscheidung von denselben Vorurteilen beeinflußt werden, die sie eigentlich überwinden sollte. Das Gemeinwohl verliert dadurch seine Unabhängigkeit und wird dem wechselhaften Urteil der Menge unterworfen.

Nicht minder bedeutend ist der Umstand, daß die öffentliche Meinung häufig auf unvollständigem Wissen beruht. Die meisten Menschen kennen jene Tiere, deren Bilder täglich verbreitet werden; von den übrigen wissen sie wenig oder nichts. Wo aber Erkenntnis fehlt, nimmt das Vorurteil ihren Platz ein. Die Aufgabe einer vernünftigen Ordnungspolitik besteht deshalb nicht allein darin, Gesetze zu schaffen, sondern ebenso darin, Wissen zu verbreiten, damit die Urteile der Bürger weniger von bloßen Eindrücken als vielmehr von Einsicht geleitet werden.

Hieraus ergeben sich die Grundzüge einer ordnungspolitisch angemessenen Naturschutzpolitik. Nicht Schönheit darf das Maß des Schutzes sein, sondern Gefährdung, ökologische Funktion und die Bedeutung einer Art für das Ganze. Der Staat hat die Rahmenbedingungen so zu gestalten, daß wissenschaftliche Erkenntnisse den Ausschlag geben und nicht jene flüchtigen Regungen des Gemüts, die heute das eine, morgen das andere Geschöpf begünstigen.

Denn wo das Gemeinwesen zuläßt, daß das Antlitz eines Tieres über sein Recht auf Fortbestand entscheidet, dort ist die Ordnung bereits in ihrem innersten Grunde erschüttert. Die Natur fordert keine Bewunderung; sie verlangt allein, daß ihre Zusammenhänge erkannt werden. Und vielleicht besteht gerade hierin die höchste Aufgabe einer vernünftigen Politik: den Menschen zu lehren, daß der Wert eines Lebewesens nicht aus der Schönheit seiner Erscheinung hervorgeht, sondern aus dem unersetzlichen Platz, den es im Gefüge der Schöpfung einnimmt.

Quellen

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