Mit künstlicher Intelligenz in die Job-Apokalypse?

Künstliche Intelligenz bewegt die Menschen und die Märkte. In Verbund mit der Robotik scheint sie über das Potential zu verfügen, mittel- bis längerfristig nahezu jede menschliche Erwerbstätigkeit übernehmen zu können. In diesem Beitrag geht es vor allem um die Frage, welche Konsequenzen das für die Einkommensverteilung haben könnte.

Go-Spiel in Seoul

Spätestens im März 2016 hätte man es wissen können. Damals besiegte der Google-Computer AlphaGo den führenden Go-Spieler seiner Zeit, Lee Sedol, bei einem Wettkampf in Seoul mit 4 : 1. Erinnerungen an den Sieg des IBM-Computers DeepBlue über Gari Kasparow im Jahr 1997 wurden wach. Dabei war die Art und Weise, wie AlphaGo den Sieg errang, weitaus bemerkenswerter: Ursprünglich hatte man ihn, genau wie damals DeepBlue, mit Unmengen an Meisterpartien gefüttert, aus denen die Maschine die siegbringenden Züge herausfiltern sollte. Beim Schach hatte das funktioniert, aber bei dem komplexeren Go-Spiel nicht. Erst als man AlphaGo loslöste von der existierenden Go-Literatur und ihn viele Millionen Spiele gegen sich selbst spielen ließ, wurde die Maschine unschlagbar.

Während man DeepBlue noch vorhalten konnte, sein Sieg beruhe letztlich auf der fleißigen Auswertung zahlreicher von Menschenhand gespielter Partien und damit letztlich doch auf menschlicher Intelligenz, hatte AlphaGo sich unabhängig von seinen Schöpfern gemacht und Spielzüge und Strategien entwickelt, die kein Mensch zuvor je gesehen hatte. Damals wurden für solche Phänomene zumeist die Begriffe Deep Learning oder Machine Learning gebraucht, während sich heute im deutschen Sprachgebrauch der Begriff der AI bzw. der KI eingebürgert hat.

Produktivitätsschübe und Monopolisierungstendenzen

Was hätte man seit 2016 wissen können? Dass Computer intelligenter sein können als Menschen? Oder dass AlphaGo bei seinen Lösungen ähnlich kreativ geworden war wie Menschen? Wer argumentiert, Computer könnten letztlich nur vorhandenes Wissen neu kombinieren, der übersieht, dass auch menschliche Kreativität zumeist auf der Neu-Kombination vorhandener Kreationen basiert. Über solche Fragen lässt sich trefflich streiten, aber am Kern der Problematik gehen sie vorbei.

Entscheidend ist vielmehr, wie damals in Seoul das unendliche Potential aufblitzte, das in der KI steckt. Im Verbund mit der sich ebenfalls rasch entwickelnden Robotik gibt es kaum eine Tätigkeit, sei es in der Industrie, im Handwerk oder im Dienstleistungssektor, die man ihr nicht zutraut. Wenn aufgezählt wird, was die KI alles nicht kann, möchte man in den allermeisten Beispielen das „nicht“ in ein „noch nicht“ abwandeln. Dabei geht es gar nicht darum, ob KI und Robotik wirklich sämtliche menschliche Tätigkeit ersetzen können. Auch wenn sie nur achtzig oder neunzig Prozent aller Jobs übernehmen könnten, käme das einem Erdrutsch am Arbeitsmarkt gleich. Im Economist (16. Mai 2026: 9) ist gar von einer jobs apocalypse die Rede.

Gegenwärtig bewegt die KI nicht nur die Tech-Giganten wie SpaceX oder Google, sondern dominiert auch die Gründerszene. Unzählige Start-ups machen sich weltweit auf den Weg, um von der Goldgräberstimmung rund um KI  profitieren zu können. Auf längere Sicht dürfte sich die Dynamik bei den Unternehmensgründungen allerdings spürbar abkühlen. Die KI weist, wie praktisch alle Software-Bereiche, wesentliche Merkmale eines natürlichen Monopols auf: Extrem hohe Skalenerträge auf der Angebotsseite (sehr hohe Fixkosten und sehr niedrige variable Kosten) und ausgeprägte Netzwerk-Externalitäten auf der Anwenderseite. Ähnlich wie bei Betriebssystemen oder Suchmaschinen dürfte sich künftig auch bei der KI ein enges Oligopol herausbilden. Erste Schritte auf dem Weg dorthin sind bereits erkennbar an den zahlreichen Übernahmen erfolgreicher Start-Ups durch die Tech-Giganten.

Eine Gedankenreise

Begeben wir uns einmal auf eine utopische (dystopische?) Gedankenreise in die Zukunft, in der die gesamte wirtschaftliche Produktion von der KI erbracht wird und in der diese KI mit den dazugehörenden Robotern im Monopolbesitz von Elon liegt. Die gesamte Erwerbsbevölkerung (bis auf Elon) ist arbeitslos und erhält keinen Lohn. Wer soll nun all die schönen Dinge kaufen, die Elon anzubieten hat?

Ephraim Kishon hatte schon vor Jahrzehnten einen Automaten ersonnen, der völlig selbständig Kartoffeln pflanzt, diese kultiviert, bewässert, erntet und schließlich selbst aufisst (Kishon für Kenner, Langen und Müller, 1978). Der geneigte Leser erkennt natürlich sofort, dass die Kishon-Maschine ökonomisch nicht nachhaltig ist. Auf unserer Gedankenreise stellt sich also die Frage, wie die von Elon produzierten und von der Bevölkerung benötigten Waren bezahlt werden sollen. Vom Arbeitseinkommen jedenfalls nicht, denn es gibt ja kein Arbeitseinkommen mehr.

Manche meinen, in einem solchen Umfeld sei die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens unausweichlich. Das würde Elon natürlich freuen, denn jetzt fänden seine Waren eine kaufkräftige Nachfrage. Die nächste Frage wäre allerdings, wie dieses Grundeinkommen finanziert werden soll. Vielleicht durch eine Reichensteuer, die in unserer einfachen Zukunftswelt allein von Elon gezahlt werden könnte? Das wäre Elon vermutlich nicht recht, und er würde sich dem Steuerzugriff vermutlich durch Abwanderung in eine Steueroase entziehen. Das bedingungslose Grundeinkommen löst das Verteilungsproblem in der KI-Welt nicht.

Der Schlüssel liegt bei den Güterpreisen, die mangels kaufkräftiger Nachfrage ins Bodenlose fallen würden. Dann würden schon sehr geringe Ersparnisse oder minimale Arbeitslöhne aus der Subsistenzwirtschaft ausreichen, die nötigen Waren zu erwerben. Der Bevölkerung wäre damit geholfen, aber jetzt hätte Elon das Problem, dass sich seine Investitionen in die schöne neue KI-Welt nicht mehr rentieren würden. Er würde also nicht das Ziel verfolgen, die gesamte Old-School-Produktion durch KI-Produktion zu ersetzen, sondern graduell vorgehen, um die Kaufkraft seiner Kunden, die ihr Einkommen ja aus der Old-School-Produktion beziehen, nicht allzu sehr zu schmälern.

Zehn Thesen

Zurück von der Reise und wieder auf dem Boden der Gegenwart angekommen lassen sich einige Thesen  formulieren: (1) Die Erwartung, menschliche Kreativität sei gefeit gegen die Konkurrenz der KI, dürfte sich als trügerisch erweisen.  (2)  Die technologischen Potentiale der KI entfalten sich derzeit mit großer Geschwindigkeit und werden sich vermutlich auch künftig rasch weiter entfalten. (3) In Verbindung mit der ebenfalls sehr dynamisch voranschreitenden Robotik wird die KI zunehmend in der Lage sein, in praktisch alle Bereiche der Wirtschaft vorzudringen – auch in den Dienstleistungsbereich. (4) Der Markt für KI wird mehr und mehr zu einem engen Oligopol werden. (5) Die Einkommensverteilung wird sich deutlich zugunsten der Anbieter von KI und zu Lasten der meisten Arbeitskräfte verschieben. (6) Die Produktivitätsgewinne durch KI werden zu real sinkenden Güterpreisen führen, wodurch die sozialen Folgen der KI-Revolution abgemildert werden. (7) Ein bedingungsloses Grundeinkommen würde die Verteilungsprobleme der KI-Revolution nicht lösen. (8) Auf die Arbeitskräfte kommt erheblicher struktureller Anpassungsbedarf zu. Neue Jobs könnten vor allem dort entstehen, wo soziale Kompetenz und handwerkliches Geschick eine Schlüsselrolle spielen. Darüber hinaus wird der KI eine wichtige Rolle bei der Verringerung des Fachkräftemangels in vielen Wirtschaftsbereichen zukommen. (9) Die KI-Revolution wird nicht aus technologischen, sondern aus ökonomischen Gründen in eine KI-Evolution einmünden. Hohe Investitions- und Betriebskosten (Stichwort Energiebedarf) und sinkende Preise der mit KI erstellten Güter werden der Rentabilität Grenzen setzen und ihren Ausbau tendenziell verlangsamen. (10) Die von der KI zu erwartenden gesamtwirtschaftlichen Produktivitätsgewinne sind Wohlstandsgewinne, die bei geeigneten regulatorischen und steuerpolitischen Maßnahmen breiten Kreisen der Gesellschaft zufließen können.

Wie diese Maßnahmen konkret ausgestaltet werden sollten, besprechen wir nach den Ferien.

Blog-Beitrag zum Thema:

Joachim Weimann (OVGU, 2025): Uns bleiben nur noch fünf Jahre

Podcast zum Thema:

KI-Revolution. Strukturwandel oder Massenarbeitslosigkeit?

Jana Werner im Gespräch mit Prof. Dr. Henning Vöpel (CEP – Centrum für Europäische Politik) und Dr. Jörn Quitzau (Bergos AG)

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