Europa hat sich entschieden, KI zu regulieren, bevor es eine relevante KI-Industrie hatte. Die EU sollte einsehen, dass die weitere technologische Entwicklung weltweit unabhängig von EU-Regularien erfolgen wird und dass diese nur ein Schnitt ins eigene Fleisch sind.
Die Europäische Union ist nicht zu Unrecht bekannt für ihre Regulierungswut. Mit großer Kreativität schaffen es die Eurokraten immer wieder, sich neue Wohlverhaltens- und Berichtspflichten für Bürger und Unternehmen auszudenken. Im besten Fall gehen sie uns damit einfach nur auf die Nerven, etwa wenn der fest mit unserer Colaflasche verbundene Deckel uns ins Gesicht hängt, oder wenn wir zum drölfzigsten Mal am selben Tag ein Fenster mit einer Cookie-Warnung wegklicken.
Oft ist die Sache aber ernster. Die EU hat sich, damals noch unter Binnenmarktkommissar Thierry Breton, Ende 2023 selbst dafür gelobt, an der Spitze der KI-Regulierung zu stehen. Damals verabschiedete man einen Regulierungsrahmen noch lange bevor die Entwicklung von KI in Europa in Schwung kam – und auch lange bevor die vor allem in den USA entwickelten Modelle eine ähnliche Leistungsfähigkeit erreichten wie wir sie heute kennen.
Man reguliert also auf Basis diffuser Ängste und dystopischer Zukunftserwartungen Innovationen, bevor diese überhaupt angekommen sind und bevor man Erfahrungen mit ihnen sammeln konnte. Dieser Ansatz ist überhaupt nicht neu. Wir durften in Deutschland damit bereits in den 1980er- und 1990er-Jahren beste Erfahrungen sammeln, als wir große Teile der gentechnischen Industrieforschung erfolgreich ins Ausland vertrieben haben, da wir uns einfach sehr viele Sorgen gemacht haben und natürlich immer nur das Schlimmste erwarteten.
Wenn eine gewisse Hypernervosität gegenüber technischen Neuerungen sowieso schon kulturell verankert ist, dann hilft es natürlich auch nicht, wenn die Innovatoren selbst ein kalkuliertes, strategisches Spiel mit diesen gesellschaftlichen Ängsten spielen. Betriebswirtschaftlich kann genau dies aber sinnvoll sein.
Die KI-Entwicklung ist unglaublich kapitalintensiv, dementsprechend müssen die großen Anbieter immer wieder neue, hohe Finanzbedarfe am Kapitalmarkt decken. Zeigt man, dass das eigene Modell schon so fortschrittlich ist, dass man selbst ein wenig Angst davor hat – und unterfüttert man dies mit der einen oder anderen autonomen KI-Hackerattacke – dann kann dies auch als subtiles Signal an Investoren dienen. Und Forderungen nach Moratorien aus vorgeblichen Sicherheitsbedenken können auch Vehikel sein, um den Wettbewerb unter diesen schwierigen Bedingungen etwas zu entschärfen.
Nüchtern betrachtet sollte man bei Diskussionen um KI-Regulierung von zwei Prämissen ausgehen, an denen wir wenig ändern können. Erstens: Regulierung erfolgt in einem internationalen Wettbewerb. Gerade die F&E-Abteilungen und Unternehmenszentralen von KI-Unternehmen können sich problemlos dort niederlassen, wo die Bedingungen am günstigsten sind. Zu diesen Bedingungen gehört die Regulierung, aber z.B. auch die Steuerbelastung und vor allem der lokal verfügbare Pool an hoch spezialisiertem Humankapital. Zweitens: Wir haben eine große Unsicherheit darüber, was KI und vielleicht auch die Hardware-Entwicklung in fünf bis zehn Jahren möglich machen werden.
Dinge zu regulieren, die wir nicht kennen, ist naturgemäß schwierig. Was man aber sagen kann: Egal, was bei der ungewissen, offenen Entwicklung des nächsten Jahrzehnts herauskommt – wir werden es nicht wegregulieren können, denn aufgrund der ersten Prämisse kommt es so oder so in die Welt. Gleichzeitig ist aber eine Welt kaum vorstellbar, in der die technische Entwicklung in den USA oder in China massive Produktivitätsgewinne oder Erleichterungen im privaten Alltag bringt, diese in Europa aber wegreguliert werden.
Der europäische Weg, starre und hohe Leitplanken bereits ex ante aufzustellen, ist unter diesen Bedingungen zum Scheitern verurteilt. Wir werden erst einmal sehen müssen, wie genau die Technologie sich weiterentwickelt, um dann zu überlegen, wie wir damit umgehen. Das gilt nicht nur für die Regulierung der Technologie im engeren Sinne, sondern z.B. auch für Verteilungsfragen. Dass einige Berufsgruppen eine massive Entwertung ihres Humankapitals erleben werden, ist zu erwarten. Dass dies in Richtung einer Massenarbeitslosigkeit eskaliert, der man nur mit bedingungslosem Grundeinkommen beikommen kann, ist dagegen erst einmal nur eine Befürchtung.
Wenn Europa sich nun also in einem Wettbewerb um KI-Investitionen befindet, der mit den oben genannten Bedingungen geführt wird, dann stellt sich die Frage, um was genau wir eigentlich konkurrieren. Politiker mögen physische Großinvestitionen, die jeder sehen und anfassen kann. Bei der Eröffnung eines Großrechenzentrums das rote Band durchzuschneiden ist ein schöner Fototermin, schlussendlich arbeiten dort aber nach der Fertigstellung nur noch relativ wenige Menschen. Ein Rechenzentrum ist eine sehr kapitalintensive Werkbank.
Es mag aus Gründen der strategischen Autonomie sinnvoll sein, auch in Europa Großrechenzentren zu haben. Aber die eigentliche wirtschaftliche Musik spielt in der Entwicklung und in den Konzernzentralen. Und da sind wir wieder am Anfang der Argumentation angekommen: Mit europäischer ex ante-Regulierung und auch mit ungünstigen Steuersystemen haben wir früh eine pfadabhängige Entwicklung angestoßen, die für uns ungünstig ist. Die Pionierunternehmen sind in den USA, die besten Köpfe sind es auch. Diese Entwicklung noch einmal aufzubrechen wird umso schwieriger, je länger Europa bei seinem alten Regulierungsmodell bleibt.
Blog-Beiträge zum Thema:
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KI-Revolution. Strukturwandel oder Massenarbeitslosigkeit?
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- Die Kosten der europäischen Regulierungswut
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