Gastbeitrag
Die Zukunftsquote
Ein Kompass gegen den Egoismus der Gegenwart

In der Rhetorik herrscht Einigkeit darüber, dass sich die Politik stärker als bisher für die Sicherung der Zukunft engagieren muss. Ob in den Bereichen Bildung, Innovationen, Infrastruktur oder Klimaschutz – überall sind größere Anstrengungen erforderlich, um die ökonomische Zukunft Deutschlands und damit auch seine gesellschaftliche Stabilität zu sichern. Dieser Einigkeit der Worte fehlt bislang die Einigkeit der Taten. Sobald es konkret wird, dominiert regelmäßig der Egoismus der Gegenwart. Das gilt selbst dann, wenn wie jetzt mit dem Sondervermögen Infrastruktur- und Klimaneutralität (SVIK) hohe Zusatzmittel aus der Schuldenfinanzierung zur Verfügung stehen. Auch hier steht der Vorwurf im Raum, dass ein nennenswerter Teil dieser Ausgaben nicht, wie versprochen, investiv, sondern für den Gegenwartskonsum zweckentfremdet wird.

Es gibt keinen Königsweg, um die Macht der Gegenwartsinteressen zugunsten der Zukunft einzuschränken. Fiskalregeln wie die Schuldenbremse, Gerichtsurteile wie das Klimaurteil des Bundesverfassungsgerichts oder internationale Verträge wie die NATO-Verpflichtungen können Druck in Richtung mehr Zukunftsorientierung ausüben. Die perfekte Lösung bieten sie jedoch nicht. In einer Demokratie bestimmen die Interessen der Mehrheit die Politik, und diese Interessen sind in einer alternden Gesellschaft kurzsichtig geworden.

Die Wissenschaft kann einen weiteren Beitrag leisten, und zwar in Form von mehr Transparenz. Wir benötigen bessere Indikatoren, die zuverlässig messen, wie zukunfts- oder gegenwartsorientiert die Politik agiert. Solche Indikatoren halten der Gesellschaft, die angeblich zukunftsorientiert handeln will, einen Spiegel vor und zwingen zur Ehrlichkeit.

Mit der „Zukunftsquote“ hat das ZEW einen solchen Indikator entwickelt. Die Zukunftsquote misst den gewichteten Anteil der Ausgaben eines öffentlichen Haushalts, die in die Zukunft investieren. Diese innovative Kennzahl geht somit über die klassische Investitionsquote hinaus. Investitionen sind ein unzureichender Maßstab für die Zukunftsorientierung, da sie nur die Sachkapitalbildung berücksichtigen. Wichtige Arten von Zukunftskapital, wie Bildung, technisches Wissen oder der Natur- und Klimaschutz, können jedoch auch von nicht-investiven Ausgaben, wie Personal- oder Sachmitteln, profitieren. Die Zukunftsquote basiert auf einem umfassenden Kapitalbegriff und klassifiziert Haushaltsposten als zukunftsorientiert, wenn sie nicht nur zur wachstumsrelevanten Infrastruktur, sondern auch zum Humankapital, zum technischen Wissen und zur Sicherung des Naturkapitals beitragen.

Das ZEW hat dieses Konzept für den Bundeshaushalt operationalisiert und berechnet es derzeit mit Unterstützung des WWF Deutschland für jeden neuen Haushalt in dieser Legislaturperiode. Die Klassifikation der Ausgaben erfolgt mithilfe des Funktionenplans, der alle Haushaltstitel nach funktionaler Ausrichtung einordnet. Eine Nullgewichtung ergibt sich, wenn die Gegenwartsorientierung klar im Vordergrund steht. Eine Gewichtung über null bis maximal 100 Prozent erhalten Funktionen, die zur Kapitalbildung im umfassenden Sinn beitragen. Dabei gilt: Je mehr Zukunftsdimensionen angesprochen werden, desto höher ist das Gewicht.

Die so berechnete Zukunftsquote bringt für den Bundeshaushalt 2025 – den ersten Haushalt nach der Reform der Schuldenbremse – eine gute und eine schlechte Nachricht. Die gute Nachricht ist, dass der Anteil der Zukunftsausgaben am Gesamthaushalt so hoch ist wie nie zuvor seit der Erstberechnung der Zukunftsquote für das Haushaltsjahr 2018. Allerdings wird diese positive Entwicklung von einem deutlichen Rückgang im Kernhaushalt überschattet. Im Kernhaushalt – ohne Sondervermögen – sinken die Zukunftsausgaben erneut, und das nicht nur relativ, sondern sogar absolut.

Damit wird deutlich: Für die Zukunftsausgaben des Gesamthaushalts spielt sich derzeit alles in den Sondervermögen, im SVIK und im Klima- und Transformationsfonds ab. Der Spielraum dort wird genutzt, um im Kernhaushalt noch stärker als zuvor Gegenwartsinteressen zu bedienen. Damit erhärten auch die ZEW-Zahlen eine substanzielle Verschiebung. Indirekt werden die schuldenfinanzierten Mittel des SVIK verwendet, um die Gegenwartsausgaben im Kernhaushalt zu erhöhen. Dies wirft eine unbequeme Anschlussfrage auf: Wie soll der Bund seine Zukunftsaufgaben auf Dauer finanzieren, wenn die Mittel des SVIK verbraucht sind? Die Zukunftsquote wird in den nächsten Jahren jedenfalls für Transparenz zu all diesen Fragen sorgen.

Hinweis: Der Kommentar erschien als Leitartikel in der Fachzeitschrift WiSt (55. Jg., 2026, H. 78)

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