Degrowth ist ein unsinniges politisches Konzept, für das weder theoretische noch empirische Argumente sprechen. Dennoch ist es beliebt bei Nicht-Ökonomen und bei Ökonomen, die die Klaviatur des Populismus spielen wollen.
Thomas Piketty, ein bekannter französischer Ökonom mit einem Schwerpunkt in der Forschung über Einkommens- und Vermögensungleichheit, bemüht sich seit längerer Zeit stark um direkten politischen Einfluss. Das ist an sich nicht verwerflich; viele Ökonomen versuchen, Politiker zu einer in ihrem Sinne sinnvolleren Wirtschaftspolitik zu bewegen.
Piketty geht allerdings einen Schritt weiter. Nicht pragmatische Reformen sind sein Ziel, sondern ein Systemwechsel. Gemeinsam mit einer Reihe von Ko-Autoren hat er den sogenannten Global Justice Report vorgelegt, der die beiden großen Themen der Ungleichheit und des Klimawandels miteinander verknüpft. Zu beiden Problemstellungen ließen sich konstruktive, pragmatische Lösungsansätze finden.
So wird man beispielsweise die globale Ungleichheit vor allem senken können, indem man in ärmeren Ländern Wachstum ermöglicht. In der jüngeren Geschichte hat beispielsweise der Wohlstandszuwachs in China wesentlich dazu beigetragen, dass die globale Ungleichheit stark reduziert wurde. Im Gegensatz zu gerne kolportierten postkolonialen Ammenmärchen ist das geringe Wachstum im sogenannten globalen Süden aber nicht mit vermeintlicher westlicher Ausbeutung zu erklären, sondern mit den extrem schlechten institutionellen Rahmenbedingungen vor Ort.
Dafür, dass in Teilen Zentralafrikas permanenter Bürgerkrieg herrscht, dass große Teile der muslimischen Welt das Humankapital der Frauen bewusst unterdrücken, dass Kuba den Sozialismus nicht abschüttelt oder dass in Teilen Südamerikas politische Instabilität langfristige Investitionen unattraktiv macht, kann der Westen allerdings herzlich wenig. Die für Wachstum nötigen Voraussetzungen müssten in den betroffenen Ländern selbst geschaffen werden.
Auch der Klimawandel ist kein unlösbares Problem. In weiten Teilen der entwickelten Welt ist eine Entkopplung des Wirtschaftswachstums von den CO2-Emissionen bereits erfolgt. Der Wohlstand steigt, während die Emissionen sinken. Die Technologien hierfür sind vorhanden und werden mit dem weiteren technischen Fortschritt immer günstiger. Es ist absehbar, dass viele Länder, die jetzt erst noch in die Wachstumspfade finden müssten, das fossile Zeitalter mehr oder weniger überspringen und gleich mit klimaneutraler Energie wachsen werden.
Von solchen Lösungen will Piketty jedoch lieber nichts wissen. Mit dem Verflechten von Ungleichheit und Klima kommt er stattdessen zum Schluss, dass der ökologische Fußabdruck der Menschheit nur erträglich werden kann, wenn die Menschheit als Gesamtheit weniger konsumiert und dass folglich eine Reduktion der globalen Ungleichheit nicht durch aufholendes Wachstum, sondern nur durch Umverteilung erreicht werden kann.
Hierzu möchte er einen gigantischen globalen Fonds einrichten, finanziert u.a. durch eine global erhobene Vermögensteuer. Er behauptet, dies sei ein demokratisches Instrument. Tatsächlich aber laufen seine Vorschläge auf ein zutiefst elitäres Projekt hinaus, in dem demokratisch kaum kontrolliert eine technokratische Führungsschicht weltweit über die Verwendung riesiger Finanzmittel entscheidet.
Piketty ist aber nicht nur politisch naiv, sondern auch ökonomisch. Das Vermögen, das er gerne global umverteilen möchte, ist schließlich zum überwiegenden Teil in Firmenanteilen und Immobilienvermögen gebunden. Was aber sind Firmenanteile noch wert, wenn Anteilseigner zur Begleichung der Vermögensteuer gezwungen sind, diese zu verkaufen? Was ist ein Anteil an Apple oder Tesla wert in einer Degrowth-Welt, in der wirtschaftlicher Erfolg bestraft und innovative Investitionen privater Unternehmen unterbunden werden?
Piketty versteht offenbar nicht, dass der Reichtum, den er umverteilen will, nicht in physischen Goldbarren in den Villen der Reichen liegt, sondern wie eine Seifenblase platzt in dem Moment, in dem der Übergang von einer Marktwirtschaft zum Degrowth-Regime eingeleitet wird. Und selbst wenn es Goldbarren umzuverteilen gäbe: Was wären diese wert, wenn der reale Output zusammenbricht? Das schönste Edelmetall nutzt nichts, wenn nichts mehr da ist, was man davon kaufen könnte.
Letztendlich macht Piketty ein paradoxes politisches Angebot. Er nutzt Umverteilungspopulismus, um für ein elitär-sozialistisches Regime zu werben, in dem nicht mehr der Markt, sondern eine globale Planungsbürokratie die wirtschaftliche Koordination übernimmt. Das hat noch nie funktioniert, es wird auch nie funktionieren. Der Popularität in anti-kapitalistischen und ökonomiefernen klimabewegten Zirkeln tut dies aber leider keinen Abbruch.
Degrowth hat in der seriösen ökonomischen Forschung keinerlei Rückhalt. Es spielt in ernstzunehmenden Fachzeitschriften keine Rolle. Wer diesen Unsinn dennoch der Öffentlichkeit verkaufen will, ist entweder ökonomisch ungebildet, oder skrupellos genug um den eigenen Marktwert in Medien und im „Speaker“-Zirkus durch den Verkauf wirtschaftspolitischen Schlangenöls zu fördern. Was auch immer im Einzelfall das Motiv ist: Medien und Politiker wären gut beraten, Degrowth zu ignorieren.
Podcast zum Thema:
Postwachstumsökonomik: Entkoppeln statt verzichten
Ein Gespräch zwischen Prof. Dr. Jan Schnellenbach, Prof. Dr. Norbert Berthold und Dr. Jörn Quitzau.
Blog-Beiträge zum Thema:
Norbert Berthold (JMU, 2014): Rettet den Kapitalismus vor den Kapitalisten! Thomas Piketty auf den Spuren von Karl Marx
Norbert Berthold (JMU, 2021): Produktivitätsrätsel, Klimawandel und Postwachstum. Mehr Fortschritt wagen, weniger Verzicht üben
Norbert Berthold (JMU, 2025): Vermögensungleichheit – Ein non-issue? Empirie, Ursachen, Handlungsbedarf
- Degrowth
Der Unsinn endet nie - 19. Juni 2026 - Europäischer Emissionshandel in der Kritik (2)
Die Gefahren des Kampfes gegen den Emissionshandel - 16. November 2025 - Ohne Bremsen in die Schulden
Wohin führt die nächste Grundgesetzänderung? - 17. September 2025

Treffender Befund, ich würde nur die Begründung schärfen. Der Vorwurf der „politischen Naivität“ trifft Piketty m.E. nicht. Man könnte argumentieren, er setze selbst eine naive Politiktheorie voraus: die Vorstellung, im Politischen entscheide das bessere Argument bzw. der bessere Vorschlag. Das ist eine Art Homo-oeconomicus-Sicht auf die Politik, die deren eigene Anreizlogik ausblendet.
Politik folgt anderen Erfolgsmaßstäben als Problemlösung: Klientelbedienung, Bündnissicherung, kurzfristig sichtbare „Erfolge“, Versorgung der eigenen Gefolgschaft. Wer sich daran messen lassen muss, produziert systematisch Vorschläge wie den Pikettys – nicht trotz, sondern wegen ihrer ökonomischen Untauglichkeit. Der globale Fonds unter technokratischer Kontrolle ist aus dieser Warte kein Denkfehler, sondern ein funktionales Angebot: Er schafft Verfügungsmacht und politische Anschlussfähigkeit in einem bestimmten Milieu.
Insofern bin ich näher am bewertenden Schlussteil, aber Public-Choice-fundiert: Nicht Bildungsdefizit oder Skrupellosigkeit erklären die Persistenz solcher Konzepte, sondern dass sie im politischen Wettbewerb um Aufmerksamkeit und Anschluss schlicht eine Nachfrage bedienen. Die ökonomische Kritik bleibt richtig, sie greift nur dann ins Leere, wenn man Politik mit Erkenntnissuche gleich setzt.