Die Bundesrepublik Deutschland gibt als Reaktion auf eine verschlechterte Sicherheitslage wieder erheblich mehr Geld für ihre Verteidigung aus. Dabei werden insbesondere neue Waffensysteme beschafft, Munitionsbestände aufgestockt und der Bestand an Personal erhöht. Allerdings zeichnet sich die gegenwärtige Beschaffungspolitik durch Behäbigkeit aus: Oftmals liegen zwischen der Entscheidung für ein komplexes Waffensystem und seinem Einsatz oft zehn bis zwanzig Jahre. Zudem erfolgt die Nutzung der beschafften Plattformen regelmäßig über mehrere Jahre.
Ob damit durch eine alleinige Ausweitung des Bestands an militärischer Ausrüstung und die Erweiterung des Personalbestandes die Verteidigungsfähigkeit des Landes verbessert wird, bleibt fragwürdig. So zeigen empirische Belege aus jüngsten Konflikten, daß Waffensysteme einer Kriegspartei in militärischen Konflikten sehr schnell obsolet werden können. Fortschritte bei unbemannten Systemen, der elektronischen Kampfführung usw. initiieren routinemäßig Gegenmaßnahmen. Diese zwingen wiederum den Gegner zu technologischen und organisatorischen Anpassungen, um eine Niederlage abzuwenden (für das Beispiel der rußländischen Intervention in der Ukraine siehe etwa Bondar, 2025a; 2025b; Bronk & Watling, 2024; Minniti & Pili, 2026; Watling et al., 2024; Watling & Reynolds, 2025). Daher wird in der Literatur zur militärischen Innovation häufig die zeitgenössische Kriegsführung als iterativer Prozeß aus Innovation, Anpassung und Gegenanpassung beschrieben (siehe z. B. Hoffman, 2021; Tattar, 2025). Ein moderner Krieg ist damit nicht nur ein Kampf vorhandener Waffenbestände, sondern vor allem ein Wettbewerb der Anpassungsgeschwindigkeiten.
Für eine diesem Sachverhalt angemessene Verteidigungsordnung liefern die Überlegungen v. Hayeks (1945; 1968) in bezug auf den „Wettbewerb als Entdeckungsverfahren“, diejenigen Schumpeters (1942) und Kirzners (1973) in bezug auf die Rolle des Unternehmers als Auslöser der „schöpferischen Zerstörung“ oder als Arbitrageur sowie Williamsons (1975; 1985) transaktionskostenökonomische Analyse alternativer institutioneller Arrangements wertvolle Ansatzpunkte:
- Das für die Realisierung überlegener Lösungen relevante Wissen findet sich verstreut bei vielen einzelnen Akteuren wie etwa bei Soldaten mit praktischer Einsatzerfahrung, Rüstungsunternehmen mit Systemwissen, mittelständischen Zulieferern, Softwareunternehmen, Universitäten und Start-ups, die vorhandene Komponenten neu kombinieren usw.
- Bestimmtes Wissen ist bislang überhaupt nicht vorhanden: So kann die Bundeswehr die gewünschte Wirkung militärischer Technologien wie etwa die Aufklärung eines Raums, die Abwehr einer Drohne, die Aufrechterhaltung einer Kommunikationsverbindung unter Störung oder die Bekämpfung eines Ziels meist präzise benennen. Ungleich schwieriger ist es, die Frage zu beantworten, welche Kombination aus Plattform, Sensorik, Kommunikation, Software und Effektor diese Aufgaben in fünf Jahren am besten erfüllen wird.
- Schumpeters Konzept der „schöpferischen Zerstörung“ gilt für militärisches Kapital in besonders scharfer Form: Ein für dreißig Jahre ausgelegtes System kann bereits innerhalb eines kurzen Zeitraums einen erheblichen Teil seines militärischen Vorteils dadurch verlieren, daß eine Innovation etwa in Form eines kostengünstigen Gegensystems, neuer Sensorik usw. auf den Markt kommt oder vom militärischen Gegner eingesetzt wird. Wie oben bereits angedeutet wurde, dürfte dieser Prozeß im Falle einer militärischen Auseinandersetzung im Vergleich zu Friedenzeiten deutlich schneller ablaufen.
- Während Hayek, Kirzner und Schumpeter insbesondere erklären, weshalb unter Bedingungen unvollständigen Wissens konkurrierende Suchprozesse erforderlich sind und bestehende technologische Lösungen fortwährend durch neue verdrängt werden können, lenkt Williamson den Blick auf die institutionellen Voraussetzungen und Grenzen marktlicher Steuerung. Transaktionen unterscheiden sich insbesondere hinsichtlich Unsicherheit, Häufigkeit und Spezifität der erforderlichen Investitionen und verlangen daher unterschiedliche Formen ihrer Koordination. Gerade in der Verteidigungswirtschaft können hohe spezifische Investitionen, unvollständige Verträge, strategische Abhängigkeiten und Anforderungen an die Versorgungssicherheit längerfristige vertragliche Bindungen, hybride Organisationsformen oder hierarchische Koordination erforderlich machen.
Wettbewerb ermöglicht nun die Nutzung des verstreut vorhandenen und die Schaffung neuen Wissens, indem sich die Anbieter zum einen gegenseitig mit innovativen und imitativen Lösungen, die sich auf Produkte, Prozesse und Organisationsformen beziehen können, in der Gunst der Nachfrager zu überbieten versuchen. Im Bereich militärischer Technologien verschärft sich dieses Problem erheblich, da sich die Rahmenbedingungen und damit die Bedürfnisse der Nachfrager sehr schnell verändern. Israel und insbesondere die Ukraine zeigen, welche Bedeutung Akteure außerhalb der etablierten Rüstungsindustrie gewinnen können, zumal militärische Innovationen zunehmend auf Ebene einzelner Komponenten wie Kommunikationsmodulen oder Software auftreten (Luttwak & Shamir, 2023).
Eine Verteidigungsarchitektur, die diesen Sachverhalt Rechnung tragen will, muß somit erheblichen Spielraum zum einen für unternehmerische Innovationen im Sinne Schumpeters und zum anderen für die unternehmerische „Alertness“, also Wachsamkeit gegenüber bislang übersehenen Möglichkeiten (Kirzner, 1973), gewährleisten. Sie muß also die Möglichkeit zum Experimentieren schaffen.
Zugleich kann eine adaptive Verteidigungsarchitektur aufgrund der Erkenntnisse Williamsons weder ausschließlich auf wettbewerbliche Marktprozesse noch auf zentrale staatliche Steuerung setzen. Sie zeichnet sich dadurch aus, daß für unterschiedliche Aufgaben jeweils geeignete institutionelle Arrangements geschaffen werden und dabei die für Innovationen notwendige Offenheit soweit wie möglich erhalten bleibt.
Im einzelnen müßte also eine adaptive Verteidigungsarchitektur die folgenden Anforderungen erfüllen:
1. Offenheit für neue Anbieter und konkurrierende Lösungswege:
Komplizierte Vergabeverfahren, hohe Zertifizierungsanforderungen und hohe Mindestauftragsvolumina führen dazu, daß kleine und junge Unternehmen vom Markt ferngehalten werden, da sie nicht im ausreichenden Maße von der Fixkostendegression und auch von sonstigen Skalenvorteilen profitieren. Dadurch würden bestimmte Alternativen, die sich u.U. später als überlegen herausstellen würden, von vorneherein ausgesondert. Das Hayeksche Entdeckungsverfahren würde also erheblich eingeschränkt.
Um das zu vermeiden und um eine möglichst große Chance für die Erprobung alternativer Lösungsansätze zu ermöglichen, müßte bei der Beschaffung stärker zwischen der Formulierung einer militärischen Wirkung und der Festlegung des technischen Weges zu ihrer Erreichung unterschieden werden. Soweit dies sachlich möglich ist, sollte sich also der Auftraggeber darauf beschränken festzulegen, welches Problem zu lösen ist, aber keinesfalls bereits im Detail bestimmen, auf welchem technischen Weg dies zu erfolgen hat. Für dieselbe militärische Aufgabe könnten dann mehrere Lösungsansätze parallel entwickelt und miteinander verglichen werden.
Da zunehmend technische Komponenten bei militärischen Lösungen eine große Rolle spielen, die ihre ursprüngliche Verwendung im zivilen Bereich haben – wie etwa Software, Elektronik, Sensorik, künstliche Intelligenz und andere kommerziell verfügbare technische Apparaturen –, darf der Anbieterkreis nicht auf traditionelle Rüstungsunternehmen beschränkt bleiben. Freilich werden letztere nach wie vor als Anbieter benötigt, da die Entwicklung und Integration komplexer Plattformen erhebliche technologische Kompetenzen und Kapital erfordert.
Mit anderen Worten: Eine adaptive Verteidigungsarchitektur erfordert den Abbau von Marktzutrittsschranken überall dort, wo diese nicht durch zwingende militärische oder sicherheitspolitische Gründe gerechtfertigt sind.
2. Institutionalisierung von Experiment und Rückkopplung
Wettbewerb bringt Inventionen hervor, deren militärischer Wert allerdings unter realitätsnahen Bedingungen erprobt werden muß. Eine wichtige Eigenschaft einer adaptiven Verteidigungsarchitektur besteht daher in der systematischen Organisation von Experimenten.
Dies erfordert eine engere Verbindung zwischen militärischen Anwendern und Entwicklern. So hat der militärische Anwender Wissen über Einsatzbedingungen und praktische Probleme, das sich häufig nur unvollständig in technischen Spezifikationen abbilden läßt. Der Entwickler wiederum kann aus dieser Beobachtung eine technische Lösung ableiten, die dem Anwender selbst nicht bekannt sein muß. Einen besonderen Stellenwert kommt dabei der Geschwindigkeit zu, mit der diese beiden Wissenskategorien miteinander verbunden werden.
In diesem Zusammenhang kann eine Betrachtung der Entwicklungen in der Ukraine hilfreich sein: Unter dem Druck des Krieges wurden mit BRAVE1 und BRAVE1 Market institutionalisierte Schnittstellen zwischen militärischen Einheiten und privaten Entwicklern geschaffen und damit die Zulassungs- sowie Erprobungsverfahren in bestimmten Technologiebereichen erheblich verkürzt. Hier zeigt sich der Wert kurzer Rückkopplungsschleifen zwischen Einsatz, Entwicklung, Erprobung und erneuter Anpassung. Daraus folgt nicht, daß die entsprechenden Strukturen ohne Veränderungen auf Deutschland übertragen werden können. Verhaltensroutinen, die unter den Bedingungen eines existentiellen Krieges entstehen, werden durch andere rechtliche und politische Rahmenbedingungen kanalisiert als dies in einer Friedensgesellschaft der Fall ist.
Für Deutschland stellt sich deshalb die Frage, welche dieser Lernmechanismen bereits vor einem Konflikt institutionalisiert werden können. Denkbar wären begrenzte Experimentierbudgets auf Ebene militärischer Einheiten, regelmäßig stattfindende offene Erprobungsverfahren oder institutionalisierte Testumgebungen, in denen mehrere Anbieter Lösungen für dasselbe operative Problem unter vergleichbaren Bedingungen vorführen können. Das Ergebnis eines solchen Verfahrens wäre nicht notwendig ein unmittelbar beschaffungsreifes Produkt, sondern bestünde oft in zusätzlichen Erkenntnissen über relevante Eigenschaften der verschiedenen Lösungen.
3. Modularität und offene Schnittstellen
Weiterhin sind Anforderungen an die technische Architektur der zu beschaffenden Systeme zu stellen. Eine langfristige Beschaffung ist insbesondere dann als problematisch anzusehen, wenn mit der Entscheidung für eine Plattform zugleich die technischen Entscheidungen über ihre Komponenten für Jahrzehnte festgeschrieben werden. Sind etwa Sensorik, Software, Kommunikation und andere Komponenten proprietär miteinander verbunden, dann endet der Wettbewerb zwischen verschiedenen Lösungen faktisch mit der Entscheidung für das Gesamtsystem. Der ursprüngliche Anbieter erhält aufgrund der technischen Abhängigkeiten eine privilegierte Stellung bei Wartung, Ersatzteilen und Modernisierung. Es entseht ein Lock-in-Effekt; ein Wechsel einzelner Komponenten wird schwierig oder wirtschaftlich unmöglich.
Durch Modularität läßt sich die Wirkung dieses Lock-in-Effekts reduzieren. Soweit militärische und sicherheitstechnische Anforderungen dies zulassen, sollten Plattformen über standardisierte und offene Schnittstellen verfügen, die den Austausch oder die Weiterentwicklung einzelner Komponenten ohne hohe Kosten ermöglichen. Ein Panzer, ein Schiff oder ein anderes komplexes System könnte dann eine vergleichsweise langlebige Plattform bilden, während Sensoren, Kommunikationsmodule oder Software in erheblich kürzeren Zyklen ersetzt werden.
Modularität würde es ermöglichen, daß der Wettbewerb zwischen unterschiedlichen Anbietern zeitlich verlängert würde und nicht allein bei der ursprünglichen Auswahl eines Großsystems stattfände, sondern während seiner Nutzungsdauer auf der Ebene einzelner Komponenten fortgesetzt werden würde. Gerade unter Bedingungen unterschiedlich langer technologischer Lebenszyklen erscheint eine solche Trennung bedeutsam: Die Nutzungsdauer einer Plattform stimmt nicht zwangsläufig mit der Innovationsgeschwindigkeit ihrer Software oder Sensorik überein.
4. Von der Rüstungsreserve zur Produktionsreserve
In der traditionellen Verteidigungsplanung wird Reserve vor allem als Bestand begriffen: So werden Munition, Ersatzteile, Fahrzeuge oder andere Güter in Friedenszeiten beschafft und eingelagert, um sie im Konfliktfall einsetzen zu können. Derartige Bestände sind unverzichtbar, da sie zum einen eine Abschreckungswirkung entfalten und da sie zum anderen die Verteidigungsbereitschaft zu Beginn eines militärischen Konflikts gewährleisten. Allerdings weisen sie den Nachteil der schnellen Obsolenz auf, zumal nur militärische Ausrüstungsgegenstände beschafft werden können, die den gegenwärtigen technologischen Stand abbilden.
Mit zunehmender technologischer Unsicherheit gewinnt deshalb neben dem Bestand die Fähigkeit zur späteren Produktion an vornehmlicher Bedeutung. Eine adaptive Verteidigungsarchitektur erfordert somit neben einer Rüstungsreserve eine Produktionsreserve, die neben Fertigungsanlagen und qualifizierten Arbeitskräften auch belastbare Zulieferketten umfaßt. Ihr Zweck liegt darin, nicht ausschließlich ein heute spezifiziertes Gut verfügbar zu halten, sondern schnelle und wirkungsvolle Möglichkeiten zu schaffen, Varianten herstellen zu können, die sich erst aufgrund zukünftiger Erfahrungen als überlegen erweist.
Aus ökonomischer Sicht handelt es sich dabei um ein Optionsgut, das auf dem Markt allerdings nicht ohne staatliche Initiative entstehen dürfte. So ist davon auszugehen, daß Produktionsanlagen, die nur im Krisenfall benötigt werden, im Frieden unrentabel sein würden, es sei denn, sie ließen sich ohne große Rüstkosten umstellen. Aufgrund der zu vermutenden Spezifität der Investitionen, der langfristigen Unsicherheit und der strategischen Abhängigkeiten von einem Nachfrager würden den Anbietern erhebliche Transaktionskosten entstehen (Williamsons 1975, 1985), die staatliche Garantien, längerfristige Verträge oder die Finanzierung ungenutzter Kapazitäten rechtfertigen.
Die Produktion in militärisch relevanten Größenordnungen verlangt in der Regel zentrale Koordination. Ein im Versuch erfolgreiches Waffensystem erzeugt noch keine relevante militärische Fähigkeit, wenn lediglich einige Prototypen verfügbar sind. Vielmehr müssen erfolgreiche Lösungen zertifiziert, standardisiert, finanziert und in großer Zahl hergestellt werden.
Die vorgehaltenen Produktionskapazitäten ermöglichen eine schnelle Skalierung von militärischen Lösungen, die sich – initiiert durch die zuvor geschilderten Eigenschaften einer adaptiven Verteidigungsarchitektur, die dezentrale Inventionsanreize setzt – zukünftig als überlegen herausstellen.
Versorgungssicherheit und Skalierbarkeit werden damit selbst zu Leistungen, die durch den Staat zu finanzieren wären.
Für die Bundesrepublik bedeuten diese Überlegungen folgendes: Werden zusätzliche Mittel ausschließlich in Bestandskapital – also in die unmittelbar verfügbaren Waffen, die Munition usw. gelenkt –, erhöht dies zweifellos die gegenwärtig verfügbare militärische Ausstattung und hat sicherlich eine bestimmte Abschreckungswirkung. Freilich werden diese Ressourcen in Technologien gebunden, deren zukünftiger militärischer Wert unter hoher technologischer Unsicherheit nur begrenzt vorhersehbar ist. Es müßte also ein Teil der verfügbaren Ressourcen gerade dazu verwendet werden, zukünftige Handlungsmöglichkeiten offenzuhalten, indem konkurrierende Entwicklungen ermöglicht, experimentelle Beschaffungsvorgänge umgesetzt, Waffensysteme mit offenen Schnittstellen beschafft, reservierte Produktionskapazitäten finanziert, alternative Zulieferer eingebunden und Rückkopplungsmechanismen zwischen militärischen Anwendern und Entwicklern institutionalisiert werden.
Eine adaptive Verteidigungsarchitektur ermöglicht es angesichts des beschriebenen Wissensproblems nicht, den technologischen Verlauf des nächsten Krieges vorherzusagen, aber sie gewährleistet, daß mit dieser Ungewißheit zielführend umgegangen werden kann.
In einer adaptiven Verteidigungsordnung würde daher dem Staat die folgende Rolle zukommen: Er muß dort langfristige Verbindlichkeit schaffen, wo spezifische Investitionen, Versorgungssicherheit und Produktionskapazitäten dies erfordern. Zugleich muß er dort Offenheit bewahren, wo zukünftige technische Lösungen heute noch nicht bekannt sein können. Die institutionelle Herausforderung liegt mithin nicht in der Entscheidung zwischen Markt und staatlicher Planung, sondern in ihrer sachgerechten Zuordnung.
Quellen
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