Junge Ordnungsökonomik
Small is beautiful
Kleinere Länder haben geringere Arbeitslosenquoten

„One might have hoped that, with 30 years of data, we would now have an operational theory of unemployment. I do not think that we do.“ (Olivier Blanchard)

Seit dem starken Anstieg der Arbeitslosenquoten im Europa der 1970er Jahre diskutieren Ökonomen nunmehr intensiv über die Ursachen der Arbeitslosigkeit. Zwar herrscht heute weitgehende Einigkeit darüber, dass Nachfrageeinbrüche auf den Gütermärkten, Löhne über dem Grenzprodukt der Arbeit, Insidereffekte, sowie institutionelle und politische Rahmenbedingungen zu Arbeitslosigkeit führen können. Eine einheitliche Theorie jedoch konnte bis heute nicht etabliert werden. Daran konnte auch das in den vergangenen Jahren stark ansteigende Datenmaterial nichts ändern. Offensichtlich wird die Arbeitslosenquote von einer Vielzahl verschiedener Faktoren beeinflusst. Einige dieser Faktoren sind der Theorie bekannt, einige andere hingegen konnten sich bis heute allen Forschens zum Trotz beharrlich im Dunklen verbergen. Paul Krugman äußerte im Februar 2011 auf seinem BLOG den leisen Verdacht, einer dieser Faktoren könne in der Größe der verschiedenen ökonomischen Entitäten begründet liegen. Seine Hypothese lautete schlicht: Kleinere Entitäten (Kontinente, Länder, Regionen) hätten im Vergleich zu ihren größeren Brüdern mit einem geringeren Ausmaß an Arbeitslosigkeit zu kämpfen. Von diesem Gedanken angetrieben machten wir uns daran, die „Krugman-Hypothese“ einer eingehenden empirischen Untersuchung zu unterziehen. An dieser Stelle sollen einige interessante deskriptiv-statistische Erkenntnisse vorgestellt werden. Eine ausführlichere Diskussion des Phänomens findet sich in Berthold und Gründler (2011).

Größe und Arbeitslosigkeit innerhalb der Länder

Paul Krugman hat gezeigt, dass kleinere Wirtschaftsregionen in den USA im Schnitt geringere Arbeitslosenquoten aufweisen. Die spannende Frage lautet an dieser Stelle: Kann eine ähnliche Korrelation auch für andere Länder festgestellt werden?

Um die Korrelation von Arbeitslosenquote und Größe zu ermitteln, zerlegten wir zunächst 35 Länder in insgesamt 496 homogene Subgruppen. Die Korrelation für die einzelnen Länder errechnet sich dabei auf Basis der Subgruppen, die der jeweiligen Nation zuzuordnen sind. Zur Zerlegung der einzelnen Länder haben wir uns aufgrund der Vergleichbarkeit im Wesentlichen an den NUTS und TL-2 Nomenklaturen von Eurostat bzw. der OECD orientiert.

Tatsächlich kann für die USA ein stark positiver Zusammenhang der beiden Größen festgehalten werden (Bravais-Pearson: 33%). Methodologischer Hinweis: Zur Eliminierung zyklischer Schwankungen haben wir stets gleichgewichtige Arbeitslosenquoten verwendet, die mithilfe des Hodrick-Prescott-Filters geglättet wurden.

Arbeitslosigkeit und Größe in den USA
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Wendet man dieselbe Herangehensweise auf europäische Staaten an, so bestätigt sich dieses Bild im Wesentlichen. Dies kann stellvertretend für Italien gezeigt werden.

Arbeitslosigkeit und Größe in Italien
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Es existieren jedoch einige Länder, für die dieser Zusammenhang nicht positiv, sondern negativ ausgeprägt ist. Deutschland beispielsweise ist ein solcher Ausreißer.

Arbeitslosigkeit und Größe in Deutschland
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Selbstverständlich liegt die Erklärung für die deutsche Abweichung von der Grundtendenz auf der Hand: Die flächenmäßig sehr kleinen Stadtstaaten (Berlin: 13%, Bremen: 11,5%, Hamburg: 7,8%) haben klassischerweise in deutlich größerem Umfang mit Arbeitslosigkeit zu kämpfen, als die großen Bundesstaaten Baden-Württemberg, Bayern (je 4,0%) und Niedersachsen (6,8%).

Doch in welchen Nationen steigt die Arbeitslosigkeit nun mit zunehmender Größe? Und für welche Länder kehrt sich dieser Zusammenhang um? Die Beantwortung dieser Frage findet sich in nachfolgender Grafik:

Arbeitslosigkeit und Größe in den Ländern
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In rund zwei Drittel der untersuchten Nationen (23 aus 35) ist der Zusammenhang also tatsächlich positiv. Das bedeutet: Kleinere Wirtschaftsregionen besitzen in den einzelnen Ländern im Schnitt geringere Arbeitslosenquoten. Wie die rechte Spalte in obiger Abbildung deutlich zeigt, gibt es jedoch zahlreiche Ausnahmen von dieser Grundregel.

Größe und Arbeitslosigkeit in Europa

Die große Zahl von Abweichlern in Bezug auf das Postulat des „small is beautiful“ ist zunächst sehr unbefriedigend. Blickt man jedoch etwas genauer auf die Länder mit negativer Korrelation, so fällt auf, dass es sich hierbei zum größten Teil (9 aus 12) um europäische Länder mit einer geringen Anzahl NUTS-2 bzw. NUTS-3 Regionen handelt. Bestehen diese Nationen im Mittel aus relativ kleinen Bundesländern, so könnten Ausreißer leicht zu negativen Korrelationen führen. Sofern die betreffenden Staaten im Schnitt relativ geringe Arbeitslosenquoten aufweisen, geht von den Ländergrenzen eine verzerrende Wirkung aus. Und tatsächlich finden sich in der rechten Spalte einige Länder, auf die diese Einschätzung zutrifft: Die Arbeitslosenquoten von Norwegen (3,3%), Schweden (7,3%), Tschechien (6,7%), Belgien (7,3%) und den Niederlanden (4,3%) liegen teils deutlich unter dem europäischen Durchschnitt (10,2%). Auch die außereuropäischen Staaten Japan (4,6%) und Australien (5,2%) offenbaren vergleichsweise geringe Arbeitslosenquoten. Es drängt sich damit der Verdacht auf, dass die Ländergrenzen hier tatsächlich verzerrend wirken könnten.

Eine naheliegende Schlussfolgerung der obigen Überlegungen ist die Messung der Korrelation über die europäischen Ländergrenzen hinweg. Die folgende Abbildung zeigt diesen Zusammenhang für alle Regionen der untersuchten europäischen Länder.

Arbeitslosigkeit und Größe in Europa
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Wie ganz klar ersichtlich wird, ist der Zusammenhang zwischen der Größe der einzelnen Wirtschaftsregionen und der Arbeitslosenquote über die Ländergrenzen hinweg positiv. Mit einem Bravais-Pearson-Koeffizienten von über 47% ist die Korrelation zudem vergleichsweise hoch. Die Streuung um die Ausgleichsgerade (in der Grafik repräsentiert durch eine rote Linie) ist jedoch relativ stark, was von regionenspezifischen Abweichungen von der Grundtendenz zeugt. Selbstverständlich ist die Größe nur eine erklärende Variable. Andere Determinanten, etwa das Vorhandensein regionaler Agglomerationen oder einer gut ausgebauter Infrastruktur, sind sicherlich wesentlich entscheidender als die Größe. Dennoch ist zu erkennen, dass große europäische Regionen im Schnitt höhere Arbeitslosenquoten aufweisen, als kleine.

Größe und Arbeitslosigkeit in der Welt

Eine ähnliche Betrachtung auf Basis aller Regionen weltweit scheitert zum einen an der Verfügbarkeit regionaler Daten und zum anderen an der mangelnden Vergleichbarkeit der jeweiligen Klassifikationen. Dennoch wäre es spannend zu erfahren, ob auch Kontinente bzw. Handelszonen einem ähnlichen Muster folgen. Wie die folgende Tabelle deutlich veranschaulicht, ist dies tatsächlich der Fall:

Arbeitslosigkeit und Größe in der Welt
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Mit Ausnahme von Europa weisen sämtliche Kontinente einen positiven Zusammenhang zwischen Größe und Arbeitslosigkeit auf. Für Nordamerika und Ozeanien ist ein solcher Vergleich nicht möglich, da beide Kontinente aus einer Vielzahl sehr kleiner (Insel-)Staaten bestehen. Insgesamt ist die Korrelation auf Ebene der Kontinente jedoch relativ schwach. Es ist zu vermuten, dass die Länder innerhalb der jeweiligen Kontinente sehr heterogen sind. Wesentlich interessanter ist die Betrachtung von kontinentspezifischen Handelszonen. Hier ist die Korrelation für alle Kontinente sehr stark positiv und liegt mit zwei Ausnahmen (der afrikanischen COMESSA und den europäischen EU27-Staaten) über 40%. Das Grundmuster geringerer Arbeitslosenquoten bei kleineren Ländern kann damit also auch außerhalb von Europa beobachtet werden.

Ein Fazit

Unsere Untersuchungen ergaben, dass Arbeitslosigkeit in den allermeisten Fällen von der Größe der zugrundeliegenden Wirtschaftseinheit beeinflusst wird. Grundsätzlich haben größere Volkswirtschaften also mit einer höheren Arbeitslosigkeit zu kämpfen. Jedoch fußen unsere vorgestellten Ergebnisse selbstverständlich auf einer rein bivariaten Analyse der Arbeitslosigkeit. Die tatsächliche Erklärung von regionaler Arbeitslosigkeit ist hingegen wesentlich komplexer. Andere Determinanten, etwa die Existenz einer ökonomisch prosperierenden Agglomeration oder die An- bzw. Abwesenheit größerer Unternehmen, mögen sicherlich eine deutlich gewichtigere Rolle spielen. Oder um es erneut mit Blanchards Worten auszudrücken: „We have learned a lot, but we still have a lot to learn.“


Die vollständige Untersuchung findet sich in

BERTHOLD/ GRÜNDLER (2011): Nation Size and Unemployment, Wirtschaftswissenschaftliche Beiträge des Lehrstuhls für Volkswirtschaftslehre, insb. Wirtschaftsordnung und Sozialpolitik, Nr. 116.

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