Achtung: Statistik
Es dürfte uns alle nicht geben

Von Björn Christensen und Sören Christensen am 22. November 2012
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„Die Wahrscheinlichkeit, dass Sie so sind wie Sie sind, mit all Ihren körperlichen Eigenschaften, beträgt eins zu 103000.“ Solche oder ähnliche Meldungen kann man immer wieder lesen. Auch wenn die angegebenen Wahrscheinlichkeiten dabei stark schwanken, so sind doch alle so klein, dass wir schon mit deren Nullen hinter dem Komma diesen Beitrag füllen könnten. Die Wahrscheinlichkeit dafür, Ihre Haarfarbe zu haben, ist noch relativ hoch, aber zusätzlich exakt Ihre Nasenlänge und Ihre Augenfarbe zu haben, das hat schon eine sehr geringe Wahrscheinlichkeit.

Daraus wird hin und wieder die Konsequenz gezogen, dass es also für jeden von uns sehr unwahrscheinlich ist zu existieren: Es dürfte uns alle also eigentlich gar nicht geben. Ein Teil dieses Arguments ist nicht falsch und auch aus anderen Zusammenhängen bekannt: Selbst wenn es nicht unwahrscheinlich ist, dass beim Münzwurf „Kopf“ oben liegt, so ist es doch sehr unwahrscheinlich, dass zehn Mal am Stück „Kopf“ geworfen wird, nämlich 1/210, also ungefähr 0,1 Prozent. Dass die Schlussfolgerung trotzdem nicht stichhaltig ist, macht vielleicht folgende offenbar abwegige Argumentation deutlich: „Joseph Ratzinger muss ein Hochstapler sein. Es gibt über sieben Milliarden Menschen auf der Welt und nur einen Papst. Die Wahrscheinlichkeit, dass Joseph Ratzinger tatsächlich Papst ist, beträgt also eins zu sieben Milliarden. Dies ist extrem unwahrscheinlich.“

Der Fehlschluss ist jeweils, dass von einem Ereignis geredet wird, das schon eingetreten ist. Wenn wir vorher die Prognose abgeben, dass gleich zehn Mal am Stück „Kopf“ beim Münzwurf fällt, dann ist das Eintreten in der Tat sehr unwahrscheinlich – nämlich genauso unwahrscheinlich wie jede andere Kombination. Aber eine dieser Kombinationen wird eintreten. Genauso ist es mit Ihnen: Da Sie schon existieren, ist es nicht mehr unwahrscheinlich, dass Sie sind, wie Sie sind. Nach dem Eintreten macht es keinen Sinn mehr, über Wahrscheinlichkeiten zu sprechen. Allerdings hätte vorher wohl kaum jemand vorhersagen können, dass Sie einmal werden, wie Sie nun sind. Dies verdeutlicht, dass man nur sinnvoll von Wahrscheinlichkeiten von Ereignissen sprechen kann, wenn über deren Ausgang noch Unsicherheit herrscht. Sie können sich also beruhigt in Ihrem Sessel zurücklehnen und Ihre einzigartige Existenz genießen. Und „wir“ können auch beruhigt weiter Papst bleiben.

Hinweis: Diese Kolumne erschien am 12. November 2012 im “Schleswig-Holstein Journal”, der Wochenendbeilage der Tageszeitungen im sh:z

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Eine Reaktion zu “Achtung: Statistik
Es dürfte uns alle nicht geben”

  1. Tuc student

    Bei der Menge an Materie in unserem Universum, ist es durchaus relativ wahrscheinlich, dass sich eine atomansammlung irgendwo wiederholt. Wäre eine 1:1 Kopie eines Menschen auch seine geistlichen Eigenschaften 1:1 reproduzieren?

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